Steu­er­straf­ver­fah­ren – und der Ver­fah­rens­ge­gen­stand

Im Steu­er­straf­ver­fah­ren gilt grund­sätz­lich kein vom all­ge­mei­nen Straf­ver­fah­ren abwei­chen­der Ver­fah­rens­ge­gen­stands­be­griff.

Steu­er­straf­ver­fah­ren – und der Ver­fah­rens­ge­gen­stand

Auch hier ist Tat im pro­zes­sua­len Sin­ne gemäß § 264 StPO der vom Eröff­nungs­be­schluss betrof­fe­ne geschicht­li­che Lebens­vor­gang ein­schließ­lich aller damit zusam­men­hän­gen­den oder dar­auf bezo­ge­nen Vor­komm­nis­se und tat­säch­li­chen Umstän­de, die geeig­net sind, das in die­sen Bereich fal­len­de Tun des Ange­klag­ten unter irgend­ei­nem recht­li­chen Gesichts­punkt als straf­bar erschei­nen zu las­sen.

Zu dem von der Ankla­ge und dem dar­auf bezo­ge­nen Eröff­nungs­be­schluss erfass­ten ein­heit­li­chen geschicht­li­chen Vor­gang gehört dem­entspre­chend alles, was mit die­sem nach der Auf­fas­sung des Lebens einen ein­heit­li­chen Vor­gang bil­det. Maß­geb­lich sind inso­weit die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se des Ein­zel­falls 1.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies, dass durch das frü­he­re Urteil des Amts­ge­richts Stutt­gart, durch das der Ange­klag­te wegen Steu­er­hin­ter­zie­hung in zwei Fäl­len zu einer Gesamt­geld­stra­fe ver­ur­teilt wur­de, kein Straf­kla­ge­ver­brauch auf­grund rechts­kräf­ti­ger Abur­tei­lung und damit kein Ver­fah­rens­hin­der­nis ein­ge­tre­ten. Die­ser Ver­ur­tei­lung lagen ande­re pro­zes­sua­le Taten (§ 264 StPO) zugrun­de als den hier ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen:

Gegen­stand der rechts­kräf­ti­gen Abur­tei­lung durch das Amts­ge­richt waren die inhalt­lich unrich­ti­gen Kör­per­schaft- und Gewer­be­steu­er­erklä­run­gen für die GmbH in den Ver­an­la­gungs­zeit­räu­men 2001 und 2002, die der Ange­klag­te an näher fest­ge­stell­ten Tagen in den Jah­ren 2002 und 2003 abge­ge­ben hat­te. Die auf die Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me 2003 bis 2007 bezo­ge­nen, die vor­ge­nann­ten Steu­er­ar­ten betref­fen­den Steu­er­erklä­run­gen wei­sen unter kei­nem für den ein­heit­li­chen geschicht­li­chen Lebens­vor­gang maß­geb­li­chen Aspekt Umstän­de auf, die Iden­ti­tät mit den bereits abge­ur­teil­ten Taten her­stel­len. Eben­so fehlt es vor­lie­gend an "beson­de­ren recht­li­chen Ver­knüp­fun­gen" die – unter Modi­fi­ka­ti­on des sonst für die pro­zes­sua­le Tati­den­ti­tät Maß­geb­li­chen – aus­nahms­wei­se zeit­lich aus­ein­an­der­fal­len­de Ver­let­zun­gen unter­schied­li­cher steu­er­li­cher Erklä­rungs­pflich­ten zu einer ein­heit­li­chen Tat im pro­zes­sua­len Sin­ne ver­bin­den kön­nen 2. Wie der Gene­ral­bun­des­an­walt zutref­fend auf­ge­zeigt hat, wür­de auch ein mög­li­cher­wei­se bereits bei den die Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me 2001 und 2002 betref­fen­den Taten bestehen­der Ent­schluss zukünf­tig im Rah­men einer "Gesamt­hin­ter­zie­hungs­tra­te­gie" Steu­ern hin­ter­zie­hen zu wol­len, kei­ne pro­zes­sua­le Tati­den­ti­tät mit den hier ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Taten begrün­den 3. Ohne­hin kön­nen eine ein­heit­li­che Moti­va­ti­ons­la­ge oder ein "Gesamt­plan" grund­sätz­lich nicht unter­schied­li­che mate­ri­ell­recht­li­che Taten zu einer ein­heit­li­chen Tat im pro­zes­sua­len Sin­ne zusam­men­füh­ren 4. Lie­gen – wie hier – meh­re­re sach­lich­recht­lich selb­stän­di­ge Taten vor, bil­den die­se nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ledig­lich dann eine ein­heit­li­che Tat im pro­zes­sua­len Sin­ne, wenn die ein­zel­nen Hand­lun­gen nicht nur äußer­lich inein­an­der über­ge­hen, son­dern nach den ihnen zugrun­de­lie­gen­den Ereig­nis­sen bei natür­li­cher Betrach­tung unter Berück­sich­ti­gung ihrer straf­recht­li­chen Bedeu­tung auch inner­lich der­art unmit­tel­bar mit­ein­an­der ver­knüpft sind, dass der Unrechts- und Schuld­ge­halt der einen Hand­lung nicht ohne die Umstän­de, die zu der ande­ren Hand­lung geführt haben, rich­tig gewür­digt wer­den kann und ihre getrenn­te Wür­di­gung und Abur­tei­lung in ver­schie­de­nen Ver­fah­ren als unna­tür­li­che Auf­spal­tung eines ein­heit­li­chen Lebens­vor­gangs emp­fun­den wür­de 5.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen bei tat­mehr­heit­lich began­ge­nen, auf unter­schied­li­che Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me bezo­ge­nen Steu­er­hin­ter­zie­hun­gen gemäß § 370 Abs. 1 Nr. 1 AO des­sel­ben Steu­er­pflich­ti­gen der­sel­ben Steu­er­art regel­mä­ßig schon wegen der in tat­säch­li­cher Hin­sicht ver­schie­de­nen Tat­hand­lun­gen durch Abga­be je eigen­stän­di­ger unrich­ti­ger Steu­er­erklä­run­gen und unter­schied­li­cher, der Besteue­rung unter­lie­gen­der Lebens­sach­ver­hal­te nicht vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Dezem­ber 2017 – 1 StR 464/​17

  1. st. Rspr.; sie­he nur BGH, Beschluss vom 09.12 2015 – 1 StR 256/​15, NStZ 2016, 296, 298 mwN[]
  2. dazu BGH aaO NStZ 2016, 296, 298 f.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 22.05.2012 – 1 StR 103/​12, NStZ 2012, 637, 639 Rn. 41[]
  4. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 24.07.1987 – 3 StR 36/​87, BGHSt 35, 14, 19 f.; und vom 20.12 1995 – 5 StR 412/​95, StV 1996, 432, 433; näher Rad­tke in Radtke/​Hohmann, StPO, § 264 Rn. 24 mwN[]
  5. sie­he nur BGH, Beschluss vom 04.09.2013 – 1 StR 374/​13, NStZ 2014, 102, 103 Rn. 15 mwN[]