Effek­ti­ver Rechts­schutz im Straf­voll­zug

Art.19 Abs. 4 GG gewähr­leis­tet effek­ti­ven und mög­lichst lücken­lo­sen rich­ter­li­chen Rechts­schutz gegen Akte der öffent­li­chen Gewalt 1.

Effek­ti­ver Rechts­schutz im Straf­voll­zug

Hier­aus erge­ben sich auch Anfor­de­run­gen an die gericht­li­che Wür­di­gung des Vor­trags des Rechts­schutz­su­chen­den.

Legt ein Gericht den Ver­fah­rens­ge­gen­stand in einer Wei­se aus, die das erkenn­bar ver­folg­te Rechts­schutz­ziel ganz oder in wesent­li­chen Tei­len außer Betracht lässt, und ver­stellt es sich dadurch die an sich gebo­te­ne Sach­prü­fung, so liegt dar­in eine Rechts­weg­ver­kür­zung, die den Rechts­schutz­an­spruch des Betrof­fe­nen aus Art.19 Abs. 4 GG ver­letzt 2.

So lag der Fall auch in der hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de: Das Land­ge­richt hat den Fest­stel­lungs­an­trag des Straf­ge­fan­ge­nen als unzu­läs­sig ver­wor­fen, weil sich der Antrag nicht gegen eine Maß­nah­me im Sin­ne der §§ 109 ff. StVoll­zG rich­te. Es lie­ge kein zuläs­si­ger Ver­fah­rens­ge­gen­stand vor, da der Straf­ge­fan­ge­ne selbst vor­ge­tra­gen habe, kei­nen Antrag auf Ablö­sung von der Arbeit gestellt zu haben, und es somit an einer über­prüf­ba­ren Ent­schei­dung der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt feh­le. Die­se Wür­di­gung des Vor­brin­gens des Straf­ge­fan­ge­nen ist nicht nach­voll­zieh­bar. In sei­nem Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung hat der Straf­ge­fan­ge­ne vor­ge­tra­gen, dass er sich auf die Kran­ken­sta­ti­on bege­ben, die Umstän­de geschil­dert und "unver­züg­lich um Abhil­fe" gebe­ten habe. In der Fol­ge habe er den Anstalts­arzt täg­lich auf­ge­sucht und erklärt, dass er bei der Arbeit weder sit­zen noch ste­hen kön­ne. Damit hat der Straf­ge­fan­ge­ne in sei­nem Antrag erkenn­bar zum Aus­druck gebracht, dass er sein Begeh­ren, krank­ge­schrie­ben oder von der ihm zuge­wie­se­nen Arbeit abge­löst zu wer­den, zumin­dest gegen­über dem Anstalts­arzt hin­rei­chend deut­lich geäu­ßert haben will. Sein Fest­stel­lungs­an­trag rich­te­te sich somit nicht nur gegen eine blo­ße Untä­tig­keit des Anstalts­arz­tes, son­dern auch gegen die – zumin­dest kon­klu­den­te – fort­ge­setz­te Ableh­nung sei­nes Begeh­rens durch den Anstalts­arzt.

Inso­weit kommt es nicht dar­auf an, ob sich der Straf­ge­fan­ge­ne hin­sicht­lich der Ablö­sung von der Arbeit an die Anstalts­lei­tung hät­te wen­den müs­sen, da jeden­falls die Krank­schrei­bung in die Zustän­dig­keit des Anstalts­arz­tes fällt 3.

Vor die­sem Hin­ter­grund muss nicht ent­schie­den wer­den, ob und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein schlich­tes Unter­las­sen des Anstalts­arz­tes mit Blick auf die Grund­rech­te aus Art.19 Abs. 4 GG und Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG auch ohne Antrag des betrof­fe­nen Gefan­ge­nen eine gericht­lich über­prüf­ba­re Maß­nah­me im Sin­ne der §§ 109 ff. StVoll­zG dar­stel­len kann 4.

Auch der Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts vom 05.02.2016 ver­letzt den Straf­ge­fan­ge­nen in sei­nem Grund­recht aus Art.19 Abs. 4 GG.

Eröff­net das Pro­zess­recht eine wei­te­re gericht­li­che Instanz, so gewähr­leis­tet Art.19 Abs. 4 GG dem Bür­ger auch inso­weit eine wirk­sa­me gericht­li­che Kon­trol­le 5. Die Rechts­mit­tel­ge­rich­te dür­fen ein von der jewei­li­gen Rechts­ord­nung eröff­ne­tes Rechts­mit­tel nicht durch die Art und Wei­se, in der sie die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für den Zugang zu einer Sach­ent­schei­dung aus­le­gen und anwen­den, inef­fek­tiv machen und für den Straf­ge­fan­ge­nen leer­lau­fen las­sen; der Zugang zu den in der Ver­fah­rens­ord­nung ein­ge­räum­ten Instan­zen darf nicht von uner­füll­ba­ren oder unzu­mut­ba­ren Vor­aus­set­zun­gen abhän­gig gemacht oder in einer durch Sach­grün­de nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­den Wei­se erschwert wer­den 6.

Da das Ober­lan­des­ge­richt gemäß § 119 Abs. 3 StVoll­zG von einer Begrün­dung abge­se­hen hat, lie­gen kei­ne Ent­schei­dungs­grün­de vor, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fung unter­zie­hen könn­te. Dar­aus folgt jedoch nicht, dass der Beschluss selbst sich ver­fas­sungs­recht­li­cher Prü­fung ent­zö­ge oder die Maß­stä­be der Prü­fung zu lockern wären. Viel­mehr ist in einem sol­chen Fall die Ent­schei­dung bereits dann auf­zu­he­ben, wenn an ihrer Ver­ein­bar­keit mit Grund­rech­ten des Straf­ge­fan­ge­nen erheb­li­che Zwei­fel bestehen 7. Dies ist hier ange­sichts der offen­sicht­li­chen Abwei­chung des mit der Rechts­be­schwer­de ange­grif­fe­nen Beschlus­ses von der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts der Fall.

Die Auf­he­bung und die Zurück­ver­wei­sung fol­gen aus § 93c Abs. 2, § 95 Abs. 2 BVerfGG. Die Ent­schei­dung über die Erstat­tung der not­wen­di­gen Aus­la­gen des Straf­ge­fan­ge­nen beruht auf § 34a Abs. 2 BVerfGG.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. Janu­ar 2017 – 2 BvR 476/​16

  1. vgl. BVerfGE 67, 43, 58; 96, 27, 39; 104, 220, 231; 129, 1, 20; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGK 10, 509, 513; BVerfG, Beschluss vom 19.02.1997 – 2 BvR 2989/​95 13; BVerfG, Beschluss vom 27.02.2002 – 2 BvR 553/​01 13; BVerfG, Beschluss vom 05.07.2005 – 2 BvR 497/​03 55; BVerfG, Beschluss vom 18.06.2007 – 2 BvR 2395/​06 15; BVerfG, Beschluss vom 25.07.2007 – 2 BvR 2282/​06 4; BVerfG, Beschluss vom 25.07.2008 – 2 BvR 31/​06 25[]
  3. zur Über­prüf­bar­keit ärzt­li­cher Ent­schei­dun­gen sie­he BVerfGK 20, 84, 89 f.; BVerfG, Beschluss vom 15.11.2012 – 2 BvR 683/​11 3; BVerfG, Beschluss vom 05.05.2014 – 2 BvR 1823/​13 22; BVerfG, Beschluss vom 02.03.2016 – 2 BvR 285/​16 2[]
  4. vgl. zum Maß­nah­me­be­griff BVerfGK 8, 319, 323; 20, 84, 89 f.; BVerfG, Beschluss vom 20.03.2007 – 2 BvR 1637/​05 16[]
  5. vgl. BVerfGE 40, 272, 274 f.; 54, 94, 96 f.; 122, 248, 271; stRspr[]
  6. vgl. BVerfGE 96, 27, 39; 117, 244, 268; 122, 248, 271; stRspr[]
  7. vgl. BVerfGK 20, 84, 91 f.; 20, 307, 315; BVerfG, Beschluss vom 29.02.2012 – 2 BvR 309/​10 26; BVerfG, Beschluss vom 20.06.2012 – 2 BvR 865/​11 21; BVerfG, Beschluss vom 10.07.2013 – 2 BvR 2815/​11 28; BVerfG, Beschluss vom 18.03.2015 – 2 BvR 1111/​13 47; BVerfG, Beschluss vom 04.05.2015 – 2 BvR 1753/​14 32; BVerfG, Beschluss vom 22.03.2016 – 2 BvR 566/​15 29[]