Kei­ne über­zo­ge­nen Anfor­de­run­gen an eine Sach­rü­ge

Die Anfor­de­run­gen an eine Sach­rü­ge dür­fen nicht über­spannt wer­den (Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG).

Kei­ne über­zo­ge­nen Anfor­de­run­gen an eine Sach­rü­ge

Gemäß § 118 Abs. 2 Satz 1 StVoll­zG muss aus der Begrün­dung der Rechts­be­schwer­de her­vor­ge­hen, ob die Ent­schei­dung wegen der Ver­let­zung einer Rechts­norm über das Ver­fah­ren oder wegen der Ver­let­zung einer ande­ren Rechts­norm ange­foch­ten wird. Nur für die Ver­fah­rens­rüge erge­ben sich aus dem Gesetz wei­te­re Begrün­dungs­an­for­de­run­gen aus § 118 Abs. 2 Satz 2 StVoll­zG.

In dem der hier beschie­de­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de zugrun­de lie­gen­den Aus­gangs­fall rüg­te der anwalt­lich ver­tre­te­ne Straf­ge­fan­ge­ne in sei­ner Rechts­be­schwer­de vom 09.09.2015 aus­drück­lich "eine Ver­let­zung des Geset­zes" bezie­hungs­wei­se eine Ver­let­zung von Art. 3 Abs. 1 GG. Zur Begrün­dung führ­te er unter ande­rem aus, dass er – anders als Straf­ge­fan­ge­ne mit einer abge­schlos­se­nen Berufs­aus­bil­dung, die "berufs­fremd" in Hilfs- oder Eigen­be­trie­ben beschäf­tigt sei­en – als "berufs­fremd" Beschäf­tig­ter in einem Unter­neh­mer­be­trieb zu Unrecht nicht in die Ver­gü­tungs­stu­fe II im Sin­ne der Hes­si­schen Ver­ord­nung zur Fest­set­zung von Ver­gü­tungs­stu­fen für die Arbeit der Gefan­ge­nen (Hes­si­sche Straf­voll­zugs­ver­gü­tungs­ver­ord­nung – HSt­Voll­zVer­gVO) vom 23.11.2011 1 ein­grup­piert wer­de. Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt ver­warf die Rechts­be­schwer­de als unzu­läs­sig und begrün­de­te dies unter ande­rem damit, dass sich aus dem Vor­trag des Gefan­ge­nen – auch im Wege der Aus­le­gung – eine ord­nungs­ge­mäß erho­be­ne Sach­rü­ge nicht erken­nen las­se. Viel­mehr blei­be unklar, ob der Straf­ge­fan­ge­ne die Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts oder eine fal­sche Anwen­dung des Rechts auf den fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt rüge.

Es ist für das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht nach­voll­zieh­bar, dass sich die Erhe­bung einer Sach­rü­ge in die­sem Fall nicht ein­mal durch Aus­le­gung aus dem Vor­trag des Gefan­ge­nen hat ermit­teln las­sen. Der Straf­ge­fan­ge­ne hat in der Begrün­dung sei­ner Rechts­be­schwer­de deut­lich aus­ge­führt, dass und war­um er die Ableh­nung sei­ner Ein­grup­pie­rung in eine bestimm­te Ver­gü­tungs­stu­fe als einen Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG erach­te. Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG gebie­tet, dass die Anfor­de­run­gen an eine Sach­rü­ge, die auch ledig­lich in all­ge­mei­ner Form erho­ben wer­den kann 2, nicht über­spannt wer­den 3.

Auch aus der vom Ober­lan­des­ge­richt als Beleg für sei­ne Rechts­auf­fas­sung zitier­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs folgt nichts ande­res. Dort heißt es zu den Anfor­de­run­gen an das Revi­si­ons­vor­brin­gen, dass sich dar­aus ein­deu­tig erge­ben müs­se, dass die Nach­prü­fung des Urteils in sach­lich-recht­li­cher Hin­sicht begehrt wer­de. Nicht unbe­dingt erfor­der­lich sei, dass die Rüge als Sach­rü­ge bezeich­net wer­de. Es genü­ge, wenn sich das Begeh­ren auf Nach­prü­fung des Urteils in sach­li­cher Hin­sicht aus dem Zusam­men­hang des Vor­brin­gens erge­be 4.

Gleich­wohl war die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung anzu­neh­men, da deut­lich abzu­se­hen ist, dass der Straf­ge­fan­ge­ne, auch bei einer Zurück­ver­wei­sung an das Aus­gangs­ge­richt mit sei­nem Begeh­ren – der Ein­grup­pie­rung in die Ver­gü­tungs­stu­fe II im Sin­ne der HSt­Voll­zVer­gVO – kei­nen Erfolg haben wird 5. Ins­be­son­de­re ist eine Ver­let­zung von Art. 3 Abs. 1 GG nicht dar­ge­legt.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 1. Febru­ar 2017 – 2 BvR 2438/​15

  1. GVBl I S. 751[]
  2. vgl. Arloth, in: ders., Straf­voll­zugs­ge­set­ze, 3. Auf­la­ge 2011, § 118 Rn. 4; Kamann/​Spaniol, in: Feest/​Lesting, StVoll­zG, 6. Auf­la­ge 2012, § 118 Rn. 8; Bach­mann, in: Laubenthal/​Nestler/​Neubacher/​Verrel, Straf­voll­zugs­ge­set­ze, 12. Auf­la­ge 2015, Abschn. P Rn. 104; Euler, in: Graf, StVoll­zG, § 118 Rn. 10 (März 2016); OLG Mün­chen, Beschluss vom 30.07.2008 – 4 Ws 73/​08 ®, 4 Ws 073/​08 ® 9; BVerfG, Beschluss vom 18.03.2015 – 2 BvR 1111/​13 23[]
  3. vgl. zur Aus­le­gung des Vor­brin­gens OLG Mün­chen, Beschluss vom 02.11.2007 – 3 Ws 662/​07, BeckRS 2009, 08544; da § 118 Abs. 2 StVoll­zG inso­weit § 344 Abs. 2 StPO ent­spricht, vgl. zur Revi­si­on etwa BGHSt 25, 272, 275; BGH, Beschluss vom 21.08.1991 – 3 StR 296/​91 4; Geri­cke, in: Han­nich, Karls­ru­her Kom­men­tar zur Straf­pro­zess­ord­nung, 7. Auf­la­ge 2013, § 344 Rn. 25 f.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 20.08.1997 – 2 StR 386/​97 3[]
  5. vgl. BVerfGE 90, 22, 25 f.; BVerfG, Beschluss vom 05.04.2012 – 2 BvR 211/​12 16; Beschluss vom 23.10.2013 – 2 BvR 1541/​13 9[]