Ver­le­gun­gen eines Straf­ge­fan­ge­nen

Ver­le­gun­gen eines Straf­ge­fan­ge­nen, die nicht ihrer­seits durch Reso­zia­li­sie­rungs­grün­de bestimmt sind, bedür­fen einer Recht­fer­ti­gung.

Ver­le­gun­gen eines Straf­ge­fan­ge­nen

Wird ein Straf­ge­fan­ge­ner gegen sei­nen Wil­len in eine ande­re Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ver­legt, greift dies in sein Grund­recht aus Art. 2 Abs. 1 GG ein 1.

Die Ver­le­gung kann für den Gefan­ge­nen mit schwer­wie­gen­den Beein­träch­ti­gun­gen ver­bun­den sein. Inso­weit ist ins­be­son­de­re in den Blick zu neh­men, dass sämt­li­che in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ent­wi­ckel­ten sozia­len Bezie­hun­gen prak­tisch abge­bro­chen wer­den und der schwie­ri­ge Auf­bau eines per­sön­li­chen Lebens­um­felds in einer ande­ren Anstalt von neu­em begon­nen wer­den muss 2.

Dar­über hin­aus kann eine Ver­le­gung – nicht nur aus den genann­ten Grün­den – auch die Reso­zia­li­sie­rung des Straf­ge­fan­ge­nen beein­träch­ti­gen und somit des­sen durch Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG ver­mit­tel­ten Anspruch auf einen Straf­voll­zug, der auf das Ziel der Reso­zia­li­sie­rung aus­ge­rich­tet ist 3, berüh­ren 4. Ver­le­gun­gen, die nicht ihrer­seits durch Reso­zia­li­sie­rungs­grün­de bestimmt sind, bedür­fen daher einer Recht­fer­ti­gung.

Dies gilt auch dann, wenn sich der Straf­ge­fan­ge­ne in einer an sich unzu­stän­di­gen Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt befin­det und in die nach dem Voll­stre­ckungs­plan zustän­di­ge Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt zurück­ver­legt wer­den soll 5. Zwar wird eine Ver­le­gung in die nach dem Voll­stre­ckungs­plan zustän­di­ge Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt oft­mals für die Reso­zia­li­sie­rung för­der­lich sein, da sich die ört­li­che Voll­zugs­zu­stän­dig­keit im Inter­es­se der Reso­zia­li­sie­rung nach dem Lebens­schwer­punkt des Gefan­ge­nen rich­tet 6. Gleich­wohl bedarf es bei jeder Ent­schei­dung über eine Ver­le­gung einer Gesamt­ab­wä­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls.

Zwar mag im Anschluss an eine Sicher­heits­ver­le­gung in der Regel die Rück­ver­le­gung in die frü­he­re Anstalt – auch aus Reso­zia­li­sie­rungs­grün­den – ange­zeigt sein; gleich­wohl muss wei­ter­hin eine Ein­zel­fall­prü­fung vor­ge­nom­men wer­den.

Vor die­sem Hin­ter­grund hät­te es im vor­lie­gen­den Fall zunächst einer umfas­sen­den Sach­ver­halts­auf­klä­rung bedurft, um zu ergrün­den, wie sich die geplan­te Ver­le­gung auf die Reso­zia­li­sie­rungs­mög­lich­kei­ten des Straf­ge­fan­ge­nen aus­wirkt. Im Rah­men der Gesamt­ab­wä­gung wäre zu berück­sich­ti­gen gewe­sen, inwie­weit die Umset­zung der im Voll­zugs­plan vor­ge­se­he­nen Reso­zia­li­sie­rungs­maß­nah­men in der auf­neh­men­den Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Lübeck gewähr­leis­tet war. Dies gilt ins­be­son­de­re für die nach dem Voll­zugs­plan erfor­der­li­che sozi­al­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung. Inso­weit wäre auch in den Blick zu neh­men gewe­sen, dass bei dem Straf­ge­fan­ge­nen die anschlie­ßen­de Unter­brin­gung in der Siche­rungs­ver­wah­rung ange­ord­net ist; denn nach dem für die Siche­rungs­ver­wah­rung gel­ten­den Ulti­ma-ratio-Prin­zip müs­sen schon wäh­rend des Straf­voll­zugs alle Mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft wer­den, um die Gefähr­lich­keit des Betrof­fe­nen zu redu­zie­ren 7. Außer­dem wäre zu berück­sich­ti­gen gewe­sen, dass der Straf­ge­fan­ge­ne seit 2011 bereits zwei­mal ver­legt wor­den war und häu­fi­ge Ver­le­gun­gen im Hin­blick auf das Ziel der Reso­zia­li­sie­rung nach Mög­lich­keit zu ver­mei­den sind 8. Zwar hät­te der Straf­ge­fan­ge­ne zur Durch­füh­rung einer sozi­al­the­ra­peu­ti­schen Behand­lung ohne­hin in eine ande­re Anstalt ver­legt wer­den müs­sen, da in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Cel­le ledig­lich eine vor­be­rei­ten­de The­ra­pie ange­bo­ten wird. Gera­de vor dem Hin­ter­grund des Voll­zugs­ver­laufs hät­te jedoch ver­sucht wer­den müs­sen, den Straf­ge­fan­ge­nen in eine Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt zu ver­le­gen, in der eine Behand­lung tat­säch­lich zeit­nah hät­te durch­ge­führt wer­den kön­nen. Dass all die­se Aspek­te aus dem Blick gera­ten sind, ergibt sich nicht nur aus den Grün­den der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen, son­dern wird auch dadurch belegt, dass der Straf­ge­fan­ge­ne in Lübeck auf der Sicher­heits­sta­ti­on unter­ge­bracht und bereits nach weni­gen Wochen – wie­der­um nur befris­tet – nach Meck­len­burg-Vor­pom­mern ver­legt wor­den ist.

Dass der Straf­ge­fan­ge­ne in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Lübeck in der Nähe zu sei­ner Fami­lie unter­ge­bracht wäre, spricht zwar für eine Ver­le­gung nach Lübeck. Indes hät­te die­ser Umstand Ein­gang in eine umfas­sen­de Gesamt­ab­wä­gung fin­den müs­sen. Ins­be­son­de­re greift die Fest­stel­lung des Land­ge­richts, dass es in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Lübeck eine sozi­al­the­ra­peu­ti­sche Abtei­lung gebe, zu kurz. Maß­geb­lich wäre inso­weit gewe­sen, ob der Straf­ge­fan­ge­ne – wie im Voll­zugs­plan vor­ge­se­hen – auch zeit­nah dort hät­te behan­delt wer­den kön­nen. Dass sich die nie­der­säch­si­schen und schles­wig-hol­stei­ni­schen Behör­den dies­be­züg­lich nicht abge­stimmt haben und bei der auf­neh­men­den Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Lübeck ersicht­lich kein ange­mes­se­nes Kon­zept zur Behand­lung des Straf­ge­fan­ge­nen vor­han­den war, zeigt auch der Umstand, dass der Straf­ge­fan­ge­ne in Lübeck auf der Sicher­heits­sta­ti­on unter­ge­bracht und dann – wie­der­um befris­tet – nach Meck­len­burg-Vor­pom­mern in die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Wal­deck wei­ter­ver­legt wor­den ist. Die Fest­stel­lung, dass eine sozi­al­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung in Nie­der­sach­sen nicht zeit­nah mög­lich sei, wird dem Ziel der Reso­zia­li­sie­rung eben­falls nicht gerecht. Viel­mehr hät­te es dem Land Nie­der­sach­sen oble­gen, eine sol­che Behand­lung zu ermög­li­chen, zumal sich der Straf­ge­fan­ge­ne schon seit April 2012 in der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Cel­le befand, eine zeit­na­he sozi­al­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung im Voll­zugs­plan vor­ge­se­hen war und die Behand­lung mit Blick auf die ange­ord­ne­te anschlie­ßen­de Siche­rungs­ver­wah­rung in beson­de­rer Wei­se gebo­ten war 9. Vor die­sem Hin­ter­grund konn­te das Unter­blei­ben einer Behand­lung nicht mit dem Feh­len von The­ra­pie­plät­zen gerecht­fer­tigt wer­den. Im Übri­gen ist der Staat ver­pflich­tet, den Voll­zug in der zur Wah­rung der Grund­rech­te erfor­der­li­chen Wei­se aus­zu­stat­ten 10.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 30. Juni 2015 – 2 BvR 1857/​14

  1. vgl. BVerfGK 6, 260, 264; 8, 307, 309; BVerfG, Beschluss vom 26.08.2008 – 2 BvR 679/​0720; Beschluss vom 23.10.2013 – 2 BvQ 42/​13 6[]
  2. vgl. auch BVerfG, Beschluss vom 28.02.1993 – 2 BvR 196/​92 11[]
  3. vgl. BVerfGE 98, 169, 200; 116, 69, 85 f.; BVerfGK 19, 157, 162; 19, 306, 315; 20, 307, 312[]
  4. BVerfGK 6, 260, 264; 8, 307, 309[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 26.08.2008 – 2 BvR 679/​07 30[]
  6. vgl. BVerfGK 6, 260, 264[]
  7. BVerfGE 128, 326, 379[]
  8. vgl. BVerfG, Beschluss vom 09.12 2014 – 2 BvR 2866/​14 2[]
  9. vgl. BVerfGE 128, 326, 379[]
  10. vgl. BVerfGE 40, 276, 284; BVerfGK 13, 487, 492; 19, 157, 163; 20, 307, 313 f.[]