Afgha­ni­sche Frau­en

Afgha­ni­sche Frau­en, die infol­ge eines län­ge­ren Auf­ent­halts in Euro­pa in einem sol­chen Maße in ihrer Iden­ti­tät west­lich geprägt sind, dass sie ent­we­der nicht mehr dazu in der Lage wären, bei einer Rück­kehr in die Isla­mi­sche Repu­blik Afgha­ni­stan ihren Lebens­stil den dort erwar­te­ten Ver­hal­tens­wei­sen und Tra­di­tio­nen anzu­pas­sen, oder denen dies infol­ge des erlang­ten Grads ihrer west­li­chen Iden­ti­täts­prä­gung nicht mehr zuge­mu­tet wer­den kann, bil­den eine bestimm­te sozia­le Grup­pe im Sin­ne des § 3b Abs. 1 Nr. 4 Halb­satz 1 AsylVfG.

Afgha­ni­sche Frau­en

Die Annah­me eines west­li­chen Lebens­stils ist nach § 3b Abs. 1 Nr.4a Halb­satz 1 AsylVfG nur beacht­lich, wenn er die betref­fen­de Frau in ihrer Iden­ti­tät maß­geb­lich prägt, d.h. auf einer ernst­haf­ten und nach­hal­ti­gen inne­ren Über­zeu­gung beruht.

Ob eine in ihrer Iden­ti­tät west­lich gepräg­te afgha­ni­sche Frau im Fall ihrer Rück­kehr in die Isla­mi­sche Repu­blik Afgha­ni­stan mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit einer Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylVfG aus­ge­setzt ist, bedarf einer umfas­sen­den Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls. Dabei ist die indi­vi­du­el­le Situa­ti­on der Frau nach ihrem regio­na­len und sozia­len, ins­be­son­de­re dem fami­liä­ren Hin­ter­grund zu beur­tei­len.

Nach § 3 Abs. 4 AsylVfG wird einem Aus­län­der, der Flücht­ling nach § 3 Abs. 1 AsylVfG ist, die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt, es sei denn, er erfüllt – was bei der Asyl­be­wer­be­rin nicht der Fall ist – die Vor­aus­set­zun­gen des § 60 Abs. 8 Satz 1 Auf­en­thG.

Die Asyl­be­wer­be­rin in dem hier vom Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Lüne­burg ent­schie­de­nen Fall ist Flücht­ling im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylVfG. Danach ist ein Aus­län­der dann Flücht­ling im Sin­ne des Abkom­mens vom 28.07.1951 über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge 1, wenn er sich 1. aus begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung wegen sei­ner Ras­se, Reli­gi­on, Natio­na­li­tät, poli­ti­schen Über­zeu­gung oder Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe 2. außer­halb des Lan­des (Her­kunfts­land) befin­det, a)) des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit er besitzt und des­sen Schutz er nicht in Anspruch neh­men kann oder wegen die­ser Furcht nicht in Anspruch neh­men will oder b)) in dem er als Staa­ten­lo­ser sei­nen vor­he­ri­gen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat­te. Die Klä­gern befin­det sich aus begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung wegen ihrer Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe – der Grup­pe afgha­ni­scher Frau­en, deren Iden­ti­tät auf­grund eines län­ge­ren Auf­ent­halts in Euro­pa west­lich geprägt ist – außer­halb der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan, deren Staats­an­ge­hö­rig­keit sie besitzt und deren Schutz sie nicht in Anspruch neh­men kann.

Nach § 3b Abs. 1 Nr. 4 Halb­satz 1 AsylVfG gilt eine Grup­pe ins­be­son­de­re dann als eine bestimm­te sozia­le Grup­pe, wenn

  1. die Mit­glie­der die­ser Grup­pe ange­bo­re­ne Merk­ma­le oder einen gemein­sa­men Hin­ter­grund, der nicht ver­än­dert wer­den kann, gemein haben oder Merk­ma­le oder eine Glau­bens­über­zeu­gung tei­len, die so bedeut­sam für die Iden­ti­tät oder das Gewis­sen sind, dass der Betref­fen­de nicht gezwun­gen wer­den soll­te, auf sie zu ver­zich­ten, und
  2. die Grup­pe in dem betref­fen­den Land eine deut­lich abge­grenz­te Iden­ti­tät hat, da sie von der sie umge­ben­den Gesell­schaft als anders­ar­tig betrach­tet wird.

Gemäß § 3b Abs. 1 Nr. 4 Halb­satz 4 AsylVfG kann eine Ver­fol­gung wegen der Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe auch vor­lie­gen, wenn sie allein an das Geschlecht anknüpft. Eine bestimm­te sozia­le Grup­pe im Sin­ne des § 3b Abs. 1 Nr. 4 Halb­satz 1 AsylVfG bil­den danach auch sol­che afgha­ni­schen Frau­en, die infol­ge eines län­ge­ren Auf­ent­halts in Euro­pa in einem sol­chen Maße in ihrer Iden­ti­tät west­lich geprägt wor­den sind, dass sie ent­we­der nicht mehr dazu in der Lage wären, bei einer Rück­kehr in die Isla­mi­sche Repu­blik Afgha­ni­stan ihren Lebens­stil den dort erwar­te­ten Ver­hal­tens­wei­sen und Tra­di­tio­nen anzu­pas­sen, oder denen dies infol­ge des erlang­ten Grads ihrer west­li­chen Iden­ti­täts­prä­gung nicht mehr zuge­mu­tet wer­den kann. Der­art in ihrer Iden­ti­tät west­lich gepräg­te afgha­ni­sche Frau­en tei­len im erst­ge­nann­ten Fall einen unver­än­der­ba­ren gemein­sa­men Hin­ter­grund, im zweit­ge­nann­ten Fall bedeut­sa­me Merk­ma­le im Sin­ne des § 3b Abs. 1 Nr. 4 Halb­satz 1 AsylVfG. Sie wer­den wegen ihrer deut­lich abge­grenz­ten Iden­ti­tät von der afgha­ni­schen Gesell­schaft als anders­ar­tig betrach­tet.

Afgha­ni­sche Frau­en, die die­ser sozia­len Grup­pe ange­hö­ren, kön­nen sich je nach den Umstän­den des Ein­zel­falls aus begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylVfG außer­halb der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan auf­hal­ten.

Als Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylVfG gel­ten nach § 3a Abs. 1 AsylVfG Hand­lun­gen, die 1. auf Grund ihrer Art oder Wie­der­ho­lung so gra­vie­rend sind, dass sie eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der grund­le­gen­den Men­schen­rech­te dar­stel­len, ins­be­son­de­re der Rech­te, von denen nach Art. 15 EMRK kei­ne Abwei­chung zuläs­sig ist, oder 2. in einer Kumu­lie­rung unter­schied­li­cher Maß­nah­men, ein­schließ­lich einer Ver­let­zung der Men­schen­rech­te, bestehen, die so gra­vie­rend ist, dass eine Per­son davon in ähn­li­cher wie der in Nr. 1 beschrie­be­nen Wei­se betrof­fen ist. Die nach Nr. 2 zu berück­sich­ti­gen­den Maß­nah­men kön­nen Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen sein, aber auch sons­ti­ge Dis­kri­mi­nie­run­gen. Die ein­zel­nen Ein­griffs­hand­lun­gen müs­sen für sich allein nicht die Qua­li­tät einer Men­schen­rechts­ver­let­zung auf­wei­sen, in ihrer Gesamt­heit aber eine Betrof­fen­heit des Ein­zel­nen bewir­ken, die der Ein­griffs­in­ten­si­tät einer schwer­wie­gen­den Men­schen­rechts­ver­let­zung nach Nr. 1 ent­spricht 2. Nach § 3a Abs. 2 AsylVfG kön­nen als Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3a Abs. 1 AsylVfG unter ande­rem die Anwen­dung phy­si­scher oder psy­chi­scher Gewalt, ein­schließ­lich sexu­el­ler Gewalt (Nr. 1) sowie Hand­lun­gen, die an die Geschlechts­zu­ge­hö­rig­keit anknüp­fen (Nr. 6), gel­ten.

Eine Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylVfG kann nicht nur vom Staat aus­ge­hen (§ 3c Nr. 1 AsylVfG), son­dern auch von Par­tei­en oder Orga­ni­sa­tio­nen, die den Staat oder einen wesent­li­chen Teil des Staats­ge­biets beherr­schen (§ 3c Nr. 2 AsylVfG) oder von nicht­staat­li­chen Akteu­ren, sofern die in Nrn. 1 und 2 genann­ten Akteu­re ein­schließ­lich inter­na­tio­na­ler Orga­ni­sa­tio­nen erwie­se­ner­ma­ßen nicht in der Lage oder nicht wil­lens sind, im Sin­ne des § 3d AsylVfG Schutz vor Ver­fol­gung zu bie­ten, und dies unab­hän­gig davon, ob in dem Land eine staat­li­che Herr­schafts­macht vor­han­den ist oder nicht (§ 3c Nr. 3 AsylVfG).

Maß­ge­bend für die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob sich ein Aus­län­der aus begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung außer­halb sei­nes Hei­mat­lan­des befin­det, ist der Pro­gno­se­maß­stab der beacht­li­chen Wahr­schein­lich­keit 3. Die­ser setzt vor­aus, dass bei einer zusam­men­fas­sen­den Wür­di­gung des zur Prü­fung gestell­ten Lebens­sach­ver­halts die für eine Ver­fol­gung spre­chen­den Umstän­de ein grö­ße­res Gewicht besit­zen und des­halb gegen­über den dage­gen spre­chen­den Tat­sa­chen über­wie­gen. Dabei ist eine "qua­li­fi­zie­ren­de" Betrach­tungs­wei­se im Sin­ne einer Gewich­tung und Abwä­gung aller fest­ge­stell­ten Umstän­de und ihrer Bedeu­tung anzu­le­gen. Es kommt dar­auf an, ob in Anbe­tracht die­ser Umstän­de bei einem ver­nünf­tig den­ken­den, beson­ne­nen Men­schen in der Lage des Betrof­fe­nen Furcht vor Ver­fol­gung her­vor­ge­ru­fen wer­den kann 4. Dabei greift zuguns­ten eines Vor­ver­folg­ten bzw. in ande­rer Wei­se Geschä­dig­ten eine tat­säch­li­che Ver­mu­tung, dass sich frü­he­re Hand­lun­gen und Bedro­hun­gen bei einer Rück­kehr in das Her­kunfts­land wie­der­ho­len wer­den 5.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt geht ange­sichts der der­zei­ti­gen Erkennt­nis­mit­tel­la­ge davon aus, dass afgha­ni­sche Frau­en, deren Iden­ti­tät in der oben beschrie­be­nen Wei­se west­lich geprägt ist, in der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan je nach den Umstän­den des Ein­zel­falls auch ohne eine Vor­ver­fol­gung oder Vor­schä­di­gung mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit Ver­fol­gungs­hand­lun­gen durch nicht­staat­li­che Akteu­re zumin­dest in der Form von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen oder Dis­kri­mi­nie­run­gen, die in ihrer Kumu­lie­rung einer schwer­wie­gen­den Ver­let­zung der grund­le­gen­den Men­schen­rech­te gleich­kom­men (§ 3a Abs. 1 Nr. 2 AsylVfG), aus­ge­setzt sein kön­nen. Ins­be­son­de­re kön­nen ihnen die Anwen­dung phy­si­scher oder psy­chi­scher Gewalt (§ 3a Abs. 2 Nr. 1 AsylVfG) und sons­ti­ge Hand­lun­gen, die an ihre Geschlechts­zu­ge­hö­rig­keit anknüp­fen (§ 3a Abs. 2 Nr. 6), dro­hen.

Zwar hat sich die Situa­ti­on afgha­ni­scher Frau­en seit dem Ende der Tali­ban-Herr­schaft erheb­lich ver­bes­sert 6. Die Isla­mi­sche Repu­blik Afgha­ni­stan hat sich in ihrer Ver­fas­sung durch die Rati­fi­zie­rung inter­na­tio­na­ler Kon­ven­tio­nen und durch natio­na­le Geset­ze for­mal dazu ver­pflich­tet, die Gleich­be­rech­ti­gung und Rech­te der Frau­en zu ach­ten und zu stär­ken 6. Auch wur­de durch das im Wege eines Prä­si­di­al­de­krets im Jahr 2009 erlas­se­ne Gesetz zur Besei­ti­gung von Gewalt gegen Frau­en – des­sen Ver­ab­schie­dung durch bei­de Par­la­ments­kam­mern aller­dings wei­ter­hin aus­steht 7 – eine wich­ti­ge Grund­la­ge geschaf­fen, Gewalt gegen Frau­en – erst­mals über­haupt – unter Stra­fe zu stel­len. Gleich­wohl gibt es in der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan nach wie vor gra­vie­ren­de Rechts­ver­let­zun­gen zulas­ten von Frau­en 8. Es man­gelt viel­fach an der prak­ti­schen Umset­zung der genann­ten Rech­te 9.

Ins­be­son­de­re ist in der afgha­ni­schen Gesell­schaft in allen Lebens­be­rei­chen Gewalt gegen­über Frau­en tief ver­wur­zelt 10. Die Afgha­ni­stan Inde­pen­dent Human Rights Com­mis­si­on bezeich­net dies als eines der gra­vie­rends­ten Men­schen­rechts­pro­ble­me in Afgha­ni­stan 11. Es wird geschätzt, dass mehr als 87 % aller afgha­ni­schen Frau­en bereits kör­per­li­che, sexu­el­le, psy­cho­lo­gi­sche Gewalt oder eine Zwangs­hei­rat erfah­ren muss­ten. Mehr als 60 % der afgha­ni­schen Frau­en sind meh­re­ren For­men der Gewalt aus­ge­setzt 12. Die gegen­über Frau­en ver­üb­te Gewalt ist zum Teil äußerst bru­tal. Sie umfasst bei­spiels­wei­se Tötun­gen in Form von Ver­bren­nun­gen sowie das Abschnei­den von Kör­per­tei­len 11.

Als wei­te­res Haupt­pro­blem bezeich­net die Afgha­ni­stan Inde­pen­dent Human Rights Com­mis­si­on den Umstand, dass Frau­en in der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan in beson­de­rem Maße Beläs­ti­gun­gen auf der Stra­ße aus­ge­setzt sind 11.

Auch ist es für vie­le afgha­ni­sche Frau­en immer noch sehr schwie­rig, außer­halb des Bil­dungs- und Gesund­heits­sek­tors Beru­fe zu ergrei­fen. Ein­fluss­rei­che Posi­tio­nen wer­den abhän­gig von Bezie­hun­gen und Ver­mö­gen ver­ge­ben. Oft schei­tern Frau­en schon an den schwie­ri­gen Trans­port­mög­lich­kei­ten und ein­ge­schränk­ter Bewe­gungs­frei­heit ohne männ­li­che Beglei­tung 6.

Gewalt­ak­ten, Beläs­ti­gun­gen und sons­ti­gen Dis­kri­mi­nie­run­gen kön­nen in der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan ins­be­son­de­re sol­che Frau­en aus­ge­setzt sein, die in der Wahr­neh­mung ande­rer gesell­schaft­li­che Nor­men ver­let­zen. Denn im gesell­schaft­li­chen Bereich bestim­men nach wie vor eine ortho­do­xe Aus­le­gung der Scha­ria und archa­isch-patri­ar­cha­li­sche Ehren­ko­di­zes die Situa­ti­on von Frau­en. Der Ver­hal­tens­ko­dex der afgha­ni­schen Gesell­schaft ver­langt von ihnen grund­sätz­lich den Ver­zicht auf Eigen­stän­dig­keit. Falls sie sich den gesell­schaft­li­chen Nor­men ver­wei­gern, besteht die Gefahr der sozia­len Äch­tung 13. Afgha­ni­sche Frau­en, die in der Wahr­neh­mung ande­rer gesell­schaft­li­che Nor­men ver­let­zen, wer­den gesell­schaft­lich stig­ma­ti­siert, all­ge­mein dis­kri­mi­niert und ihre Sicher­heit ist gefähr­det 14.

Dem­entspre­chend geht der Hohe Flücht­lings­kom­mis­sar der Ver­ein­ten Natio­nen (UNHCR), der eine beson­ders sorg­fäl­ti­ge Prü­fung der Asyl­an­trä­ge der Risi­ko­grup­pe "Frau­en" emp­fiehlt 15, davon aus, dass je nach den indi­vi­du­el­len Umstän­den des Ein­zel­falls nicht nur bei afgha­ni­schen Frau­en, die bereits Opfer sexu­el­ler und geschlechts­spe­zi­fi­scher Gewalt oder schäd­li­cher tra­di­tio­nel­ler Bräu­che gewor­den sind oder ent­spre­chend gefähr­det sind, son­dern auch bei afgha­ni­schen Frau­en, die nach der öffent­li­chen Wahr­neh­mung gegen die sozia­len Sit­ten ver­sto­ßen, wahr­schein­lich ein Bedarf an inter­na­tio­na­lem Flücht­lings­schutz besteht 16.

Nach der Recht­spre­chung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts sind unter Frau­en, die nach der öffent­li­chen Wahr­neh­mung gegen die sozia­len Sit­ten ver­sto­ßen und damit einer geschlechts­spe­zi­fi­schen, von den indi­vi­du­el­len Umstän­den abhän­gi­gen Ver­fol­gung unter­lie­gen kön­nen, sol­che Frau­en zu ver­ste­hen, deren Ver­hal­ten als nicht mit den von der Gesell­schaft, der Tra­di­ti­on und dem Gesetz auf­er­leg­ten Geschlech­ter­rol­len ver­ein­bar ange­se­hen wird 17. Hier­zu kön­nen nicht nur Frau­en zäh­len, die – wie z.B. Par­la­men­ta­rie­rin­nen, Beam­tin­nen, Jour­na­lis­tin­nen, Anwäl­tin­nen, Frau­en- und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin­nen oder Leh­re­rin­nen – Akti­vi­tä­ten im öffent­li­chen Leben ent­fal­ten, damit dem tra­di­tio­nel­len Rol­len­bild wider­spre­chen und von kon­ser­va­ti­ven Ele­men­ten in der Gesell­schaft sys­te­ma­tisch ein­ge­schüch­tert, bedroht, atta­ckiert und gezielt getö­tet wer­den 18. Viel­mehr ver­sto­ßen nach der öffent­li­chen Wahr­neh­mung in der afgha­ni­schen Gesell­schaft auch sol­che Frau­en gegen die sozia­len Sit­ten, deren Iden­ti­tät der­art west­lich geprägt ist, dass ihr Ver­hal­ten deut­lich vom Rol­len­bild der Frau in der afgha­ni­schen Gesell­schaft abweicht. Nach Ansicht des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te 19 wer­den afgha­ni­sche Frau­en, die einen weni­ger kon­ser­va­ti­ven Lebens­stil ange­nom­men haben – z.B. sol­che, die aus dem Exil im Iran oder in Euro­pa zurück­ge­kehrt sind – in der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan nach wie vor als sozia­le und reli­giö­se Nor­men über­schrei­tend wahr­ge­nom­men und kön­nen des­halb Opfer von Gewalt oder ande­rer For­men der Bestra­fung wer­den, die von der Iso­la­ti­on und Stig­ma­ti­sie­rung bis hin zu Ehren­mor­den auf Grund der über die Fami­lie, die Gemein­schaft oder den Stamm gebrach­te "Schan­de" rei­chen kön­nen 20. Aller­dings ist die Annah­me eines west­li­chen Lebens­stils nach § 3b Abs. 1 Nr. 4a Halb­satz 1 AsylVfG nur beacht­lich, wenn er die betref­fen­de Frau in ihrer Iden­ti­tät maß­geb­lich prägt, d.h. auf einer ernst­haf­ten und nach­hal­ti­gen inne­ren Über­zeu­gung beruht, und eine Auf­ga­be die­ser Lebens­ein­stel­lung nicht (mehr) mög­lich oder zumut­bar ist.

Ob eine in ihrer Iden­ti­tät west­lich gepräg­te afgha­ni­sche Frau im Fall ihrer Rück­kehr in die Isla­mi­sche Repu­blik Afgha­ni­stan mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit einer Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylVfG aus­ge­setzt ist, bedarf einer umfas­sen­den Gesamt­wür­di­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls. Dabei ist die indi­vi­du­el­le Situa­ti­on der Frau nach ihrem regio­na­len und sozia­len, ins­be­son­de­re dem fami­liä­ren Hin­ter­grund zu beur­tei­len 21. Denn die kon­kre­te Situa­ti­on afgha­ni­scher Frau­en kann sich je nach regio­na­lem und sozia­lem Hin­ter­grund stark unter­schei­den 6. Ins­be­son­de­re ist zu berück­sich­ti­gen, ob und inwie­weit die betref­fen­de afgha­ni­sche Frau vor­aus­sicht­lich durch einen Fami­li­en- oder Stam­mes­ver­bund vor Ver­fol­gungs­maß­nah­men geschützt wer­den kann. Eine Ver­fol­gungs­ge­fahr besteht vor allem für allein­ste­hen­de Frau­en und Frau­en ohne männ­li­chen Schutz 22.

Aus­ge­hend von die­sen Maß­stä­ben ist das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt davon über­zeugt, dass die Asyl­be­wer­be­rin im Fall der Rück­kehr in ihre Hei­mat­stadt Herat mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit einer Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylVfG auf­grund ihrer Zuge­hö­rig­keit zur sozia­len Grup­pe afgha­ni­scher Frau­en, deren Iden­ti­tät west­lich geprägt ist, aus­ge­setzt wäre.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat kei­nen Zwei­fel dar­an, dass die Asyl­be­wer­be­rin eine sol­che nach­hal­ti­ge Prä­gung erfah­ren hat.

Sie hat sich nach dem Ein­druck des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts gut in die deut­sche Gesell­schaft inte­griert. Sie spricht die deut­sche Spra­che und konn­te sich in der münd­li­chen Ver­hand­lung teil­wei­se ohne Dol­met­sche­rin mit dem Gericht ver­stän­di­gen. In der Flücht­lings­un­ter­kunft, in der sie anfangs leb­te, hat sie ihren glaub­haf­ten Anga­ben zufol­ge den Kin­dern Deutsch bei­gebracht. Ihrem äuße­ren Erschei­nungs­bild nach unter­schei­det sich die Asyl­be­wer­be­rin nicht von jun­gen deut­schen Frau­en. Sie trug in der münd­li­chen Ver­hand­lung – wie auf allen in den Akten befind­li­chen Fotos – kein Kopf­tuch und war wie deut­sche Frau­en ihres Alters geklei­det, ohne dabei aus ver­fah­renstak­ti­schen Grün­den gezielt west­lich "gestylt" zu wir­ken. Auch hat sie nach Über­zeu­gung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts die Lebens­ge­wohn­hei­ten vie­ler deut­scher jun­ger Frau­en ange­nom­men, die – wie sie – ein Klein­kind haben: Die Asyl­be­wer­be­rin hat einen breit gefä­cher­ten Freun­des­kreis, der unter ande­rem eine deut­sche Frau ihres Alters mit Klein­kind und eine deut­sche Fami­lie umfasst. Sie treibt mit Vor­lie­be Sport. Neben Lau­fen und Fahr­rad­fah­ren geht sie ins Schwimm­bad, seit der Geburt ihres Kin­des meis­tens gemein­sam mit ihrem Ehe­mann, aber auch ohne ihn zusam­men mit ihren Freun­din­nen. Fer­ner tanzt sie gern, im letz­ten Jahr im Fit­ness­stu­dio, nun wei­ter­hin zuhau­se. Die Asyl­be­wer­be­rin geht auch aus, etwa ins Kino. Soweit es mög­lich ist, nimmt sie bei ihren Akti­vi­tä­ten ihr Kind mit. Sie erach­tet es aber als völ­lig selbst­ver­ständ­lich, dass sie auch allein unter­wegs sein kann und dann ihr Ehe­mann auf das Kind auf­passt. Obgleich die Asyl­be­wer­be­rin, die in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land drei Jah­re lang eine Haupt­schu­le und eine berufs­bil­den­de Schu­le besucht hat, ihr Berufs­vor­be­rei­tungs­jahr schwan­ger­schafts­be­dingt abbre­chen muss­te, ist sie fest gewillt, die­ses zu been­den, den noch aus­ste­hen­den Haupt­schul­ab­schluss nach­zu­ho­len und im Anschluss dar­an eine Aus­bil­dung auf­zu­neh­men, sobald ihr Kind den Kin­der­gar­ten besucht. Zu die­sem Zweck hat sie sich – nach­dem sie sich durch zwei Schul­prak­ti­ka in Kin­der­gär­ten ent­spre­chen­de Ein­bli­cke ver­schafft hat – gemein­sam mit ihrem Ehe­mann bereits um einen Kin­der­gar­ten­platz für ihr Kind geküm­mert. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat kei­ne Zwei­fel an der Rich­tig­keit der Anga­ben der Asyl­be­wer­be­rin zu ihrer Lebens­wei­se in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Die Asyl­be­wer­be­rin hat auf das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt einen aus­ge­spro­chen authen­ti­schen Ein­druck gemacht. Sie hat ernst­haft und ohne Wider­sprü­che vor­ge­tra­gen. Ihre Anga­ben wirk­ten weder über­trie­ben noch auf das Ver­fah­ren abge­stimmt. Sie wur­den in allen wesent­li­chen Punk­ten durch ihren infor­ma­to­risch ange­hör­ten Ehe­mann bestä­tigt.

Die Asyl­be­wer­be­rin ist dar­über hin­aus ihren glaub­haf­ten Anga­ben zufol­ge nicht mehr in den Tra­di­tio­nen und Gebräu­chen des Islams – der Staats­re­li­gi­on der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan 23 – ver­haf­tet. Sie lebt den mus­li­mi­schen Glau­ben nicht mehr in der Form, wie es von ihr in der afgha­ni­schen archa­isch-patri­ar­cha­li­schen Gesell­schaft ver­langt wür­de. In der münd­li­chen Ver­hand­lung hat sie eine erheb­li­che Distanz zu den Glau­bens­tra­di­tio­nen und dem reli­giö­sen Leben in ihrem Her­kunfts­land zum Aus­druck gebracht. So hält sie ins­be­son­de­re die mus­li­mi­schen Regeln, bei­spiels­wei­se den Fas­ten­mo­nat Rama­dan, nicht ein, beglei­tet – wie ihr Ehe­mann bestä­tigt hat – die­sen des Öfte­ren zu christ­li­chen Got­tes­diens­ten und Ver­an­stal­tun­gen und erzieht gemein­sam mit ihm ihr Kind reli­gi­ös-welt­an­schau­lich neu­tral mit dem Ziel, dass die­ses spä­ter selbst ent­schei­den kann, ob und wel­cher Reli­gi­on es fol­gen will. Sie selbst hat sich nach ihren Anga­ben in der münd­li­chen Ver­hand­lung noch nicht ent­schie­den, nach wel­chem Glau­ben sie künf­tig leben will. Auch die­se Anga­ben der Asyl­be­wer­be­rin zei­gen, dass sie nicht aus ver­fah­renstak­ti­schen Grün­den eine über­zo­ge­ne oder gar erfun­de­ne Dar­stel­lung gewählt hat, son­dern ihre Aus­füh­run­gen ihre tat­säch­li­che Lebens­ein­stel­lung und Lebens­wei­se wie­der geben.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist des­halb davon über­zeugt, dass die west­li­che Lebens­wei­se, die sich die Asyl­be­wer­be­rin ange­eig­net hat, auf einer ernst­haf­ten und nach­hal­ti­gen inne­ren Über­zeu­gung beruht. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Asyl­be­wer­be­rin ihren glaub­haf­ten Anga­ben zufol­ge, die mit denen ihres Bru­ders in des­sen Asyl­ver­fah­ren über­ein­stim­men, nur bis zu ihrem sechs­ten oder sieb­ten Lebens­jahr in Afgha­ni­stan leb­te. Wäh­rend ihres anschlie­ßen­den zehn Jah­re lan­gen Auf­ent­halts in Masch­had, der zweit­größ­ten Stadt im Iran mit mehr als 2 Mil­lio­nen Ein­woh­nern, ver­folg­te sie bereits einen weni­ger kon­ser­va­ti­ven Lebens­stil als er in Afgha­ni­stan üblich war. So konn­te sie anstel­le des Tscha­dors meis­tens einen Man­tel mit Kopf­tuch tra­gen, fer­ner die Schu­le besu­chen, an Eng­lisch- und Com­pu­ter­kur­sen teil­neh­men und Fahr­rad fah­ren. Im Alter von 16 Jah­ren reis­te die Asyl­be­wer­be­rin sodann in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ein, wo sie seit nun­mehr sechs Jah­ren lebt. Hier hat sie die maß­ge­bend prä­gen­de Zeit als Jugend­li­che und jun­ge Erwach­se­ne ver­bracht und ist nach dem Ein­druck des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts zu einer selbst­be­wuss­ten, durch­set­zungs­star­ken und eman­zi­pier­ten Per­sön­lich­keit her­an­ge­wach­sen.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist davon über­zeugt, dass die Asyl­be­wer­be­rin nicht dazu in der Lage wäre, sich einem dem tra­di­tio­nel­len Sit­ten- und Rol­len­bild von Frau­en in der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan ange­pass­ten Lebens­stil zu unter­wer­fen. Denn da sie Afgha­ni­stan bereits als Kind ver­ließ, hat sie – abge­se­hen von dem zwei­wö­chi­gen Zeit­raum vor ihrer Ein­rei­se in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land – noch nie den Ein­schrän­kun­gen im all­täg­li­chen Leben als Frau in der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan unter­le­gen. Unter dem Ein­druck ihres zwei­wö­chi­gen Auf­ent­halts in Herat hat sie in der münd­li­chen Ver­hand­lung – nach Ansicht des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts aus einem tie­fen inne­ren Angst­ge­fühl her­aus – mit Nach­druck betont, unter kei­nen Umstän­den mehr in Afgha­ni­stan als Frau leben zu kön­nen. Ange­sichts der geschil­der­ten Umstän­de geht auch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt davon aus, dass die west­li­che Lebens­wei­se in der Per­sön­lich­keit der Asyl­be­wer­be­rin so tief ver­wur­zelt ist, dass sie sie nicht mehr able­gen kann.

Jeden­falls aber hält das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt es auf­grund der genann­ten Umstän­de für unzu­mut­bar, die Asyl­be­wer­be­rin dazu zu zwin­gen, sich nun­mehr einem dem tra­di­tio­nel­len Sit­ten- und Rol­len­bild von Frau­en in der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan ange­pass­ten Lebens­stil zu unter­wer­fen. Denn sie müss­te dafür den wesent­li­chen Kern­ge­halt ihrer Per­sön­lich­keit auf­ge­ben und wür­de dadurch in ihrer Men­schen­wür­de ver­letzt.

Mit ihrem west­lich gepräg­ten Ver­hal­ten wür­de die Asyl­be­wer­be­rin im Fall der Rück­kehr in ihre Hei­mat­stadt Herat unwei­ger­lich auf­fal­len und wäre mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit geschlecht­spe­zi­fi­schen Gewalt­ak­ten, Beläs­ti­gun­gen und Dis­kri­mi­nie­run­gen aus­ge­setzt, die in ihrer Kumu­la­ti­on einer schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zung gleich­kä­men. Dies ist ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund zu befürch­ten, dass afgha­ni­sche Frau­en in der Regi­on Herat in ihrer Bewe­gungs- und Hand­lungs­frei­heit auf­grund eines aus­ge­prägt tra­di­tio­nel­len Ver­hal­tens­ko­dex beson­ders stark ein­ge­schränkt sind 24. Weder der Ehe­mann der Asyl­be­wer­be­rin noch ein sons­ti­ger Fami­li­en- oder Stam­mes­ver­bund könn­te sie gegen Ver­fol­gungs­hand­lun­gen schüt­zen. Der Ehe­mann der Asyl­be­wer­be­rin ist erst 23 Jah­re alt, hat wie die Asyl­be­wer­be­rin seit sei­nem sechs­ten oder sieb­ten Lebens­jahr im Iran gelebt und genießt in der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan kei­ne her­vor­ge­ho­be­ne Stel­lung. Abge­se­hen von einer Tan­te, die Haus­frau ist, einem gesund­heit­lich ange­schla­ge­nen Onkel, der bereits 62 Jah­re alt ist, und deren Sohn, zu dem kein Kon­takt besteht, leben den glaub­haf­ten Anga­ben der Asyl­be­wer­be­rin zufol­ge in Herat und auch in ande­ren Lan­des­tei­len der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan kei­ne Ver­wand­te der Asyl­be­wer­be­rin mehr. Die Fami­lie ihres Ehe­manns lebt inzwi­schen – allen­falls bis auf ent­fern­te Ver­wand­te, zu denen kein Kon­takt besteht – in der Isla­mi­schen Repu­blik Iran.

Auch der afgha­ni­sche Staat wür­de der Asyl­be­wer­be­rin im Fall der Rück­kehr kei­nen Schutz gegen die ihr mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit dro­hen­de Ver­fol­gung bie­ten. Nach § 3c Nr. 3 in Ver­bin­dung mit § 3d Abs. 1 Nr. 1 AsylVfG kann Schutz vor Ver­fol­gung vom Staat nur gebo­ten wer­den, sofern die­ser wil­lens und in der Lage ist, einen wirk­sa­men und nicht nur vor­über­ge­hen­den Schutz im Sin­ne des § 3d Abs. 2 AsylVfG zu bie­ten. Die afgha­ni­schen staat­li­chen Akteu­re aller drei Gewal­ten sind jedoch ent­we­der nicht in der Lage oder auf Grund tra­dier­ter Wer­te­vor­stel­lun­gen nicht gewillt, Frau­en­rech­te zu schüt­zen 25.

Schließ­lich hat die Asyl­be­wer­be­rin inner­halb der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan auch kei­ne Flucht­al­ter­na­ti­ve. Nach § 3e Abs. 1 Auf­en­thG wird dem Aus­län­der die Flücht­lings­ei­gen­schaft nicht zuer­kannt, wenn er 1. in einem Teil sei­nes Her­kunfts­lan­des kei­ne begrün­de­te Furcht vor Ver­fol­gung oder Zugang zu Schutz vor Ver­fol­gung nach § 3d AsylVfG hat und 2. sicher und legal in die­sen Lan­des­teil rei­sen kann, dort auf­ge­nom­men wird und ver­nünf­ti­ger­wei­se erwar­tet wer­den kann, dass er sich dort nie­der­lässt. Hier fehlt es bereits an der erst­ge­nann­ten Vor­aus­set­zung. Denn die Asyl­be­wer­be­rin hat nach Über­zeu­gung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts eine der­art nach­hal­ti­ge west­li­che Prä­gung erfah­ren, dass sie auch in weni­ger kon­ser­va­ti­ven Lan­des­tei­len der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan als der Pro­vinz Herat mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit einer Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylVfG aus­ge­setzt wäre. Vor die­sem Hin­ter­grund bedarf es kei­ner Ent­schei­dung, ob eine inner­staat­li­che Flucht­al­ter­na­ti­ve auch des­halb aus­schei­det, weil von der Asyl­be­wer­be­rin – wofür eben­falls beacht­li­che Grün­de spre­chen – nach dem inso­weit maß­ge­ben­den Zumut­bar­keits­maß­stab, der über das Feh­len einer im Rah­men des § 60 Abs. 7 Sät­ze 1 und 3 Auf­en­thG beacht­li­chen exis­ten­zi­el­len Not­la­ge hin­aus­geht 26 ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht erwar­tet wer­den kann, dass sie sich zusam­men mit ihrem Ehe­mann und ihrem Klein­kind in einem ande­ren Lan­des­teil der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan nie­der­lässt.

Nach alle­dem ist der Asyl­be­wer­be­rin die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuzu­er­ken­nen.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 21. Sep­tem­ber 2015 – 9 LB 20/​14

  1. BGBl.1953 II S. 559, 560[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 20.02.2013 – 10 C 23.12 34[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 20.02.2013, a.a.O., Rn.19[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 20.02.2013, a.a.O., Rn. 32[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 27.04.2010 -10 C 5.09 20 ff.[]
  6. Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vom 02.03.2015, S. 14[][][][]
  7. vgl. Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vom 02.03.2015, S. 15; Amnes­ty Inter­na­tio­nal, Their lives on the line: women human rights defen­ders under attack in Afgha­ni­stan, Apr.2015, S. 56 ff; USDOS, Coun­try Report on Human Rights Prac­tices 2014 – Afgha­ni­stan vom 25.06.2015[]
  8. Fort­schritts­be­richt der Bun­des­re­gie­rung von Nov.2014, S. 15 f.[]
  9. Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vom 02.03.2015, S. 14; Amnes­ty Inter­na­tio­nal, Their lives on the line: women human rights defen­ders under attack in Afgha­ni­stan, Apr.2015, S. 56[]
  10. UNHCR-Richt­li­ni­en zur Fest­stel­lung des inter­na­tio­na­len Schutz­be­darfs afgha­ni­scher Asyl­su­chen­der vom 06.08.2013, S. 55; Schwei­ze­ri­sche Flücht­lings­hil­fe, Afgha­ni­stan Update: Die aktu­el­le Sicher­heits­la­ge vom 05.10.2014, S. 13[]
  11. AIHRC, Sum­ma­ry of the Fin­dings Report on Vio­lence against Women vom 08.03.2015[][][]
  12. UN Gene­ral Assem­bly, Report of the Spe­cial Rap­por­teur on vio­lence against women, its cau­ses and con­se­quen­ces, Mis­si­on to Afgha­ni­stan, 12.05.2015, S. 5[]
  13. vgl. BAMF, Geschlechts­spe­zi­fi­sche Ver­fol­gung in aus­ge­wähl­ten Her­kunfts­län­dern, Apr.2010, S. 27[]
  14. UNHCR-Richt­li­ni­en vom 06.08.2013, S. 62[]
  15. vgl. UNHCR, "Dar­stel­lung all­ge­mei­ner Aspek­te hin­sicht­lich der Situa­ti­on in Afgha­ni­stan – Erkennt­nis­se u.a. aus den UNHCR-Richt­li­ni­en 2013" von Aug.2014, S. 3[]
  16. UNHCR-Richt­li­ni­en vom 06.08.2013, S. 64[]
  17. vgl. OVG, Beschluss vom 21.01.2014 – 9 LA 60/​13 6[]
  18. vgl. dazu BAMF, Geschlechts­spe­zi­fi­sche Ver­fol­gung in aus­ge­wähl­ten Her­kunfts­län­dern, Apr.2010, S. 27, 67; Schwei­ze­ri­sche Flücht­lings­hil­fe, Afgha­ni­stan Update: Die aktu­el­le Sicher­heits­la­ge vom 05.10.2014, S. 14; USCIRF, Annu­al Report 2015, Afgha­ni­stan, S. 136; UN Gene­ral Assem­bly, Report of the Spe­cial Rap­por­teur on vio­lence against women, its cau­ses and con­se­quen­ces, Mis­si­on to Afgha­ni­stan, 12.05.2015, S. 7[]
  19. vgl. EGMR, Urteil vom 20.07.2010 – 23505/​09, N. v. Swe­den – HUDOC Rn. 55[]
  20. so auch Österr. BVerwG, Erkennt­nis vom 31.07.2015 – W175 2100068 – 1 – ver­öf­fent­licht unter https://www.ris.bka.gv.at; sie­he fer­ner Österr. BVerwG, Erkennt­nis­se vom 29.04.2015 – W120 1428376 – 3; vom 07.05.2015 – W175 2011342 – 1; vom 19.05.2015 – W191 2104127 – 1; vom 08.06.2015 – W202 1411035 – 3; vom 12.06.2015 – W197 2016697 – 1; vom 18.06.2015 – W163 2102498 – 1; vom 30.06.2015 – W191 2105467 – 1/​5E; vom 13.07.2015 – W200 1415926 – 1; vom 31.07.2015 – W175 2100069 – 1, jeweils ver­öf­fent­licht unter https://www.ris.bka.gv.at[]
  21. vgl. OVG, Beschluss vom 21.01.2014, a.a.O., Rn. 5 m.w.N.[]
  22. vgl. OVG, Beschluss vom 21.01.2014, a.a.O., Rn. 5[]
  23. vgl. Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vom 02.03.2015, S. 10[]
  24. vgl. Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vom 10.01.2012, S. 22[]
  25. vgl. Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vom 02.03.2015, S. 14; Amnes­ty Inter­na­tio­nal, Their lives on the line: women human rights defen­ders under attack in Afgha­ni­stan, Apr.2015, S. 59; UN Gene­ral Assem­bly, Report of the Spe­cial Rap­por­teur on vio­lence against women, its cau­ses and con­se­quen­ces, Mis­si­on to Afgha­ni­stan, 12.05.2015, S. 17[]
  26. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 29.05.2008 – 10 C 11.07 35; vom 31.01.2013 – 10 C 15.12 20[]