Auch wei­ter­hin Stu­di­en­ge­büh­ren in NRW

Die in Nord­rhein-West­fa­len erho­be­nen Stu­di­en­bei­trä­ge sind recht­mä­ßig. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat jetzt in letz­ter Instanz die Kla­ge der Stu­die­ren­den­schaft der Uni­ver­si­tät Pader­born abge­wie­sen, mit der die­se in einem Mus­ter­pro­zess die Rück­zah­lung eines Semes­ter­bei­tra­ges in Höhe von 500 € durch­set­zen woll­te, den ihrer Ansicht nach die beklag­te Uni­ver­si­tät ohne gül­ti­ge Rechts­grund­la­ge für das Win­ter­se­mes­ter 2006/​2007 von einer Stu­den­tin der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten erho­ben hat­te.

Auch wei­ter­hin Stu­di­en­ge­büh­ren in NRW

Das am 1. April 2006 in Kraft getre­te­ne nord­rhein-west­fä­li­sche Stu­di­en­bei­trags- und Hoch­schul­ab­ga­ben­ge­setz ermäch­tigt die Hoch­schu­len des Lan­des, durch Bei­trags­sat­zung all­ge­mei­ne Stu­di­en­bei­trä­ge von bis zu 500 € pro Semes­ter zu erhe­ben. Von die­ser Ermäch­ti­gung hat die Uni­ver­si­tät Pader­born wie die meis­ten nord­rhein-west­fä­li­schen Hoch­schu­len unter Aus­schöp­fung des Höchst­be­tra­ges Gebrauch gemacht. Nach der Kon­zep­ti­on des Lan­des­ge­set­zes soll die sozia­le Ver­träg­lich­keit der Bei­trags­er­he­bung vor allem durch Stu­di­en­bei­trags­dar­le­hen sicher­ge­stellt wer­den, die alle Stu­die­ren­den von der NRW.Bank erhal­ten kön­nen und die im Regel­fall erst nach Abschluss des Stu­di­ums zurück­ge­zahlt wer­den müs­sen. Die Dar­le­hen wer­den mit einem varia­blen Zins­satz, in den nur die Kos­ten der Geld­be­schaf­fung und die Ver­wal­tungs­kos­ten ein­ge­hen, ver­zinst. Die Dar­le­hens­last, die sich für die Stu­die­ren­den unter Ein­rech­nung einer dar­le­hens­wei­se gewähr­ten För­de­rung nach dem Bun­des­aus­bil­dungs­för­de­rungs­ge­setz ergibt, wird auf einen Höchst­be­trag von 1 000 € pro Semes­ter und ins­ge­samt 10 000 € begrenzt. Die Hoch­schu­len müs­sen die ver­ein­nahm­ten Stu­di­en­bei­trä­ge zweck­ge­bun­den ver­wen­den, und zwar haupt­säch­lich für die Ver­bes­se­rung der Leh­re und der Stu­di­en­be­din­gun­gen.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt urteil­te jetzt, dass die lan­des­recht­li­chen Grund­la­gen der Stu­di­en­bei­trags­er­he­bung mit Bun­des­recht ver­ein­bar sind.

Sie ver­let­zen nicht das aus Art. 12 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG und dem Sozi­al­staats­prin­zip ableit­ba­re Recht auf chan­cen­glei­che Teil­ha­be an den staat­li­chen Aus­bil­dungs­res­sour­cen. Der nord­rhein-west­fä­li­sche Gesetz­ge­ber war sich der Pro­ble­ma­tik bewusst, dass all­ge­mei­nen Stu­di­en­ab­ga­ben grund­sätz­lich eine abschre­cken­de bzw. ver­drän­gen­de Wir­kung im Hin­blick auf Stu­di­en­be­rech­tig­te aus ein­kom­mens­schwa­chen Bevöl­ke­rungs­schich­ten und bil­dungs­fer­nen Eltern­häu­sern zukom­men kann. Zur Ver­mei­dung die­ses Effekts hat er ins­be­son­de­re den Anspruch auf Gewäh­rung eines Stu­di­en­bei­trags­dar­le­hens vor­ge­se­hen. Zwar kön­nen sich nicht nur wegen der Rück­zah­lung der Dar­le­hens­sum­me, son­dern vor allem auch wegen der für das Dar­le­hen zu zah­len­den Zin­sen beacht­li­che Belas­tun­gen für die betrof­fe­nen Stu­die­ren­den erge­ben. Das Recht auf chan­cen­glei­che Teil­ha­be an den staat­li­chen Aus­bil­dungs­res­sour­cen for­dert jedoch nicht, dass Erschwer­nis­se, die mit der Erhe­bung von Stu­di­en­ab­ga­ben ver­bun­den sind, durch sozia­le Begleit­maß­nah­men voll­stän­dig kom­pen­siert wer­den. Die­se Maß­nah­men müs­sen nur hin­rei­chend sicher ver­hin­dern, dass die Abga­ben­er­he­bung zu unüber­wind­li­chen sozia­len Bar­rie­ren für die Auf­nah­me oder die Wei­ter­füh­rung eines Stu­di­ums bzw. zu einer sozia­len Unver­träg­lich­keit führt. Die­sen Anfor­de­run­gen wer­den die durch den nord­rhein-west­fä­li­schen Lan­des­ge­setz­ge­ber vor­ge­se­he­nen Stu­di­en­bei­trags­dar­le­hen auch im Hin­blick auf die Zins­re­ge­lung – noch – gerecht.

Durch Art. 13 Abs. 2 Buchst c des Inter­na­tio­na­len Pak­tes vom 19. Dezem­ber 1966 über wirt­schaft­li­che, sozia­le und kul­tu­rel­le Rech­te (IPw­skR) war der Lan­des­ge­setz­ge­ber eben­falls nicht an der (Wie­der-) Ein­füh­rung all­ge­mei­ner Stu­di­en­ab­ga­ben gehin­dert. Nach die­ser Bestim­mung erken­nen die Ver­trags­staa­ten an, dass der Hoch­schul­un­ter­richt auf jede geeig­ne­te Wei­se, ins­be­son­de­re durch all­mäh­li­che Ein­füh­rung der Unent­gelt­lich­keit, jeder­mann glei­cher­ma­ßen ent­spre­chend sei­nen Fähig­kei­ten zugäng­lich gemacht wer­den muss.

Die Bestim­mung ist dar­auf gerich­tet, den chan­cen­glei­chen Zugang zur Hoch­schul­bil­dung unab­hän­gig von der finan­zi­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit der (poten­ti­el­len) Stu­die­ren­den auf jede geeig­ne­te Wei­se sicher­zu­stel­len. Auch wenn man zu Guns­ten der Klä­ge­rin davon aus­geht, dass ein erreich­ter Stan­dard bei der Siche­rung des chan­cen­glei­chen Hoch­schul­zu­gan­ges im Wesent­li­chen erhal­ten blei­ben muss, sind die natio­na­len Gesetz­ge­ber jeden­falls nicht an sys­tem­wah­ren­den Ver­än­de­run­gen des sta­tus quo gehin­dert. Ihnen kom­men dann im Gegen­teil in die­sem Rah­men beträcht­li­che Spiel­räu­me zu. Ins­be­son­de­re ist die Unent­gelt­lich­keit des Hoch­schul­un­ter­richts kein ver­bind­li­cher Selbst­zweck des Art. 13 Abs. 2 Buchst c IPw­skR. Sie hat viel­mehr, obwohl sie als ein Mit­tel zur Errei­chung des chan­cen­glei­chen Hoch­schul­zu­gan­ges beson­ders her­vor­ge­ho­ben wird, eine nur die­nen­de Funk­ti­on. Wird sie als Mit­tel zur Errei­chung des Zwecks der Rege­lung nicht ein­ge­setzt, muss die Ent­gelt­er­he­bung sozi­al­ver­träg­lich aus­ge­stal­tet sein. Es gilt mit­hin der­sel­be Maß­stab, den das natio­na­le Ver­fas­sungs­recht für die chan­cen­glei­che Teil­ha­be an den staat­li­chen Aus­bilungs­res­sour­cen vor­gibt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 29. April 2009 – 6 C 16.08