Aus­fer­ti­gung unter­lan­des­ge­setz­li­cher Rechts­nor­men

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen sei­ne Recht­spre­chung zu den aus dem bun­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Rechts­staats­ge­bot fol­gen­den Anfor­de­run­gen an die Aus­fer­ti­gung von unter­lan­des­ge­setz­li­chen Nor­men zusam­men­ge­faßt:

Aus­fer­ti­gung unter­lan­des­ge­setz­li­cher Rechts­nor­men

Die Anfor­de­run­gen an die Aus­fer­ti­gung von Lan­des­recht erge­ben sich bei Feh­len ein­fach­ge­setz­li­cher Vor­schrif­ten des Bun­des­rechts für den jewei­li­gen Rechts­be­reich in ers­ter Linie aus lan­des­recht­li­chen und damit irre­vi­si­blen Vor­schrif­ten. Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Bezug auf Bebau­ungs­plä­ne ent­schie­den und gilt auch für sons­ti­ges Lan­des­recht [1].

Dass Art. 82 Abs. 1 GG dabei kei­nen all­ge­mein gül­ti­gen Maß­stab für Normaus­fer­ti­gun­gen ent­hält, ist eben­falls geklärt [2].

Aller­dings muss nach Art. 28 Abs. 1 Satz 1 GG die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung in den Län­dern den Grund­sät­zen des Rechts­staats im Sin­ne des Grund­ge­set­zes ent­spre­chen.

Das danach in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG für die Län­der gel­ten­de Rechts­staats­prin­zip ent­hält zwar kei­ne in allen Ein­zel­hei­ten bestimm­ten Gebo­te und Ver­bo­te. Es bedarf der Kon­kre­ti­sie­rung durch die ver­fas­sungs­recht­lich zustän­di­gen Orga­ne. Dabei müs­sen aber fun­da­men­ta­le Ele­men­te des Rechts­staats und die Rechts­staat­lich­keit im Gan­zen gewahrt blei­ben.

Das Rechts­staats­ge­bot ver­langt die Iden­ti­tät der anzu­wen­den­den Norm und ihres Inhalts mit dem vom Norm­ge­ber Beschlos­se­nen (sog. "Iden­ti­täts­funk­ti­on", "Beur­kun­dungs- und Gewähr­leis­tungs­funk­ti­on") [3], nicht jedoch die Bestä­ti­gung der Lega­li­tät des Norm­set­zungs­ver­fah­rens ("Lega­li­täts­funk­ti­on") [4].

Aus die­ser Beur­kun­dungs- und Gewähr­leis­tungs­funk­ti­on folgt, dass geprüft wer­den muss, ob die zu ver­kün­den­de Fas­sung der Rechts­norm mit der vom Norm­ge­ber beschlos­se­nen Fas­sung der Norm über­ein­stimmt; es muss erkenn­bar sein, dass der Norm­ge­ber die ihm oblie­gen­de Prü­fung vor­ge­nom­men hat [5]. Die Iden­ti­tät des Norm­tex­tes mit dem vom Norm­ge­ber Beschlos­se­nen wird dabei durch sei­ne Aus­fer­ti­gung bestä­tigt [6]. Folg­lich genügt etwa das blo­ße Her­stel­len einer gedruck­ten Fas­sung einer Rechts­norm als Aus­fer­ti­gung nicht [5].

Wei­te­res, ins­be­son­de­re zu Art und Wei­se der Prü­fung und ihrer Beur­kun­dung, also – so ist zu ergän­zen – des (geeig­ne­ten) Nach­wei­ses, dass die­se Iden­ti­täts­prü­fung statt­ge­fun­den hat, gibt das Bun­des­recht, ins­be­son­de­re das Bun­des­ver­fas­sungs­recht, indes­sen nicht vor [7].

So ver­langt es z.B. nicht, dass aus­drück­lich der Begriff "aus­ge­fer­tigt" oder "Aus­fer­ti­gung" ver­wen­det wird [8]. Es lässt – auch hin­sicht­lich des jewei­li­gen Norm­ty­pus – zudem Unter­schie­de zu, denn die Regeln über Art, Inhalt und Umfang der Aus­fer­ti­gung gehö­ren grund­sätz­lich dem (irre­vi­si­blen) Lan­des­recht an [9].

Bun­des­recht "wacht" ledig­lich dar­über, ob das Lan­des­recht über­haupt eine ange­mes­se­ne Kon­trol­le der Authen­ti­zi­tät ermög­licht. Nähe­res ent­schei­det aber abschlie­ßend der Lan­des­ge­setz­ge­ber [10].

Das gilt auch für die Fra­ge, ob vom Norm­ge­ber eine Urschrift her­ge­stellt und auf die­ser durch Unter­schrift bestä­tigt wer­den muss, dass der Inhalt der Urkun­de so vom Norm­ge­ber beschlos­sen wor­den ist. Inso­fern hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bereits betont, dass es jeden­falls vor dem Hin­ter­grund des bun­des­ver­fas­sungs­recht­li­chen Rechts­staats­ge­bots auch aus­rei­chend sein kann, dass der Sat­zungs­be­schluss schrift­lich fixiert; und vom Bür­ger­meis­ter unter­schrie­ben ist, also gera­de kei­ne ein­heit­li­che (Original-)Urkunde her­ge­stellt wird [11].

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 4. Sep­tem­ber 2014 – 4 B 29.2014 – 4 B 30.2014 – und 4 B 31.2014 -

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 16.05.1991 – 4 NB 26.90, BVerw­GE 88, 204, 208 = Buch­holz 406.11 § 12 BBauG/​BauGB Nr. 18[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 26.09.2001 – 6 C 5.01, 1 C 19.00 17[]
  3. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 01.07.2010 – 4 C 4.08, BVerw­GE 137, 247 Rn. 13 = Buch­holz 406.11 § 35 Bau­GB Nr. 381; und vom 05.02.2009 – 7 CN 1.08, Buch­holz 406.400 § 23 BNatSchG 2002 Nr. 1 Rn. 23, Beschlüs­se vom 16.05.1991 a.a.O.; vom 09.05.1996 – 4 B 60.96, Buch­holz 406.11 § 12 Bau­GB Nr. 21 3; und vom 27.01.1998 – 4 NB 3.97, Buch­holz 406.12 § 1 BauN­VO Nr. 24 S. 16 16[]
  4. vgl. BVerwG, Beschlüs­se vom 16.05.1991 a.a.O. S.208 f.; vom 27.01.1998 a.a.O.; und vom 25.07.2000 – 6 B 38.00, Buch­holz 421.0 Prü­fungs­we­sen Nr. 399 3; Urteil vom 16.12 1993 – 4 C 22.92, Buch­holz 406.11 § 29 Bau­GB Nr. 52 S.20 f. 18[]
  5. BVerwG, Urteil vom 01.07.2010 a.a.O. Rn. 15[][]
  6. BVerwG, Beschlüs­se vom 16.05.1991 a.a.O.; vom 27.01.1998 a.a.O.; vom 25.07.2000 a.a.O.; und vom 21.12 2011 – 8 B 72.11, Buch­holz 430.3 Kam­mer­bei­trä­ge Nr. 33 Rn. 6[]
  7. BVerwG, Urtei­le vom 01.07.2010 a.a.O. Rn. 15; und vom 16.12 1993 a.a.O.; Beschlüs­se vom 16.05.1991 a.a.O. S.209; vom 09.05.1996 a.a.O.; und vom 27.01.1998 a.a.O.[]
  8. BVerwG, Beschluss vom 27.10.1998 – 4 BN 46.98, Buch­holz 406.11 § 10 Bau­GB Nr. 40 5[]
  9. BVerwG, Urteil vom 16.12 1993 a.a.O., Beschluss vom 16.05.1991 a.a.O.[]
  10. BVerwG, Beschluss vom 08.05.1995 – 4 NB 16.95, NVwZ 1996, 372, inso­weit nicht ver­öf­fent­licht in Buch­holz 406.11 § 244 Bau­GB Nr. 1 6[]
  11. BVerwG, Beschlüs­se vom 16.05.1991 a.a.O. S.209; und vom 27.10.1998 a.a.O.[]