Das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren und das inhalts­lee­re For­mal­ge­ständ­nis im Straf­ver­fah­ren

Ein Straf­ur­teil, das auf einem in­halts­lee­ren For­mal­ge­ständ­nis be­ruht und des­halb nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs für die rich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung nicht aus­reicht, ent­fal­tet im be­am­ten­recht­li­chen Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren kei­ne Bin­dungs­wir­kung.

Das Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren und das inhalts­lee­re For­mal­ge­ständ­nis im Straf­ver­fah­ren

Nach § 56 Abs. 1 LDG NRW sind die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Urteils im Straf­ver­fah­ren im Dis­zi­pli­nar­ver­fah­ren, das den­sel­ben Sach­ver­halt zum Gegen­stand hat, für das Gericht bin­dend. Das Gericht hat jedoch die erneu­te Prü­fung sol­cher Fest­stel­lun­gen zu beschlie­ßen, die offen­kun­dig unrich­tig sind. Die­se gesetz­li­che Bin­dungs­wir­kung dient der Rechts­si­cher­heit. Sie soll ver­hin­dern, dass zu ein- und dem­sel­ben Gesche­hens­ab­lauf unter­schied­li­che Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen getrof­fen wer­den. Der Gesetz­ge­ber hat die Auf­klä­rung eines sowohl straf­recht­lich als auch dis­zi­pli­nar­recht­lich bedeut­sa­men Sach­ver­halts sowie die Sach­ver­halts- und Beweis­wür­di­gung den Straf­ge­rich­ten über­tra­gen.

Dem­entspre­chend sind die Ver­wal­tungs­ge­rich­te nur dann berech­tigt und ver­pflich­tet, sich von den Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen eines rechts­kräf­ti­gen Straf­ur­teils zu lösen und den dis­zi­pli­nar­recht­lich bedeut­sa­men Sach­ver­halt eigen­ver­ant­wort­lich zu ermit­teln, wenn sie ansons­ten „sehen­den Auges“ auf der Grund­la­ge eines unrich­ti­gen oder aus rechts­staat­li­chen Grün­den unver­wert­ba­ren Sach­ver­halts ent­schei­den müss­ten. Dies ist etwa der Fall, wenn die Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Straf­ur­teils in Wider­spruch zu Denk­ge­set­zen oder all­ge­mei­nen Erfah­rungs­sät­zen ste­hen oder aus sons­ti­gen Grün­den offen­bar unrich­tig sind. Dar­über hin­aus kommt eine Lösung in Betracht, wenn neue Beweis­mit­tel vor­ge­legt wer­den, die dem Straf­ge­richt nicht zur Ver­fü­gung stan­den und nach denen die Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen jeden­falls auf erheb­li­che Zwei­fel sto­ßen. Die Bin­dungs­wir­kung ent­fällt aber auch bei Straf­ur­tei­len, die in einem aus­schlag­ge­ben­den Punkt unter offen­kun­di­ger Ver­let­zung wesent­li­cher Ver­fah­rens­vor­schrif­ten zustan­de gekom­men sind [1].

Dem Straf­ur­teil kommt kei­ne Bin­dungs­wir­kung im Sin­ne von § 56 Abs. 1 Satz 1 LDG NRW zu, wenn es in einem aus­schlag­ge­ben­den Punkt unter offen­kun­di­ger Ver­let­zung wesent­li­cher Ver­fah­rens­vor­schrif­ten zustan­de gekom­men ist. Im vor­lie­gen­den Fall hat das Amts­ge­richt die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen sei­nes nicht nach § 267 Abs. 4 StPO abge­kürz­ten Urteils aus­schließ­lich auf das inhalts­lee­re For­mal­ge­ständ­nis des Beklag­ten in der Haupt­ver­hand­lung gestützt. Nach den Grund­sät­zen des Bun­des­ge­richts­hofs zur Bewer­tung von Geständ­nis­sen, der sich der Senat anschließt, konn­te die Ver­ur­tei­lung des Beklag­ten aber nicht allein auf des­sen Erklä­run­gen in der Haupt­ver­hand­lung gegrün­det wer­den.

Das Straf­ge­richt hat auf der Grund­la­ge des nach § 244 Abs. 2 StPO von Amts wegen auf­zu­klä­ren­den Sach­ver­halts den Schuld­spruch zu tref­fen und die ent­spre­chen­den Rechts­fol­gen fest­zu­set­zen. § 244 Abs. 1 und § 261 StPO schlie­ßen es aber nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht aus, eine Ver­ur­tei­lung allein auf ein in der Haupt­ver­hand­lung abge­ge­be­nes Geständ­nis des Ange­klag­ten zu stüt­zen, sofern die­ses dem Gericht die vol­le Über­zeu­gung von der Tat­be­stands­mä­ßig­keit und Rechts­wid­rig­keit der Tat sowie der Schuld des Ange­klag­ten zu ver­mit­teln ver­mag [2]. Aber selbst wenn der Ange­klag­te im Rah­men einer Ver­fah­rens­ab­spra­che gestän­dig ist, ist es unzu­läs­sig, dem Urteil einen Sach­ver­halt zugrun­de zu legen, der nicht auf einer Über­zeu­gungs­bil­dung unter voll­stän­di­ger Aus­schöp­fung des Mate­ri­als beruht. Die Bereit­schaft eines Ange­klag­ten, wegen eines bestimm­ten Sach­ver­halts eine Stra­fe hin­zu­neh­men, die das gericht­lich zuge­sag­te Höchst­maß nicht über­schrei­tet, ent­bin­det das Gericht nicht von der Pflicht zur Auf­klä­rung und Dar­le­gung des Sach­ver­halts, soweit dies für den Tat­be­stand der dem Ange­klag­ten vor­ge­wor­fe­nen Geset­zes­ver­let­zung erfor­der­lich ist. Danach muss auch bei Fäl­len, bei denen das Gericht eine Straf­ober­gren­ze in Aus­sicht gestellt hat, das abge­leg­te Geständ­nis auf sei­ne Zuver­läs­sig­keit hin über­prüft wer­den. Das Gericht muss von der Rich­tig­keit des Geständ­nis­ses über­zeugt sein. Es hat zu prü­fen, ob das abge­leg­te Geständ­nis mit dem Ermitt­lungs­er­geb­nis zu ver­ein­ba­ren ist, ob es in sich stim­mig ist und ob es die getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen trägt. Das Geständ­nis muss dem­nach wenigs­tens so kon­kret sein, dass geprüft wer­den kann, ob es der­art mit der Akten­la­ge in Ein­klang steht, dass sich hier­nach kei­ne wei­ter­ge­hen­de Sach­ver­halts­auf­klä­rung auf­drängt. Ein blo­ßes inhalts­lee­res For­mal­ge­ständ­nis reicht dage­gen nicht aus [3].

Die Erklä­run­gen des Beklag­ten, die er nach der Nie­der­schrift über die Haupt­ver­hand­lung vor dem Amts­ge­richt abge­ge­ben hat, rei­chen danach als Grund­la­ge für eine Ver­ur­tei­lung nicht aus. Denn sie räu­men die Tat nur for­mal ein, haben aber kei­ne inhalt­li­che Sub­stanz, die dem Amts­ge­richt die Prü­fung ermög­licht hät­te, ob das Geständ­nis des Beklag­ten mit der Akten­la­ge, ins­be­son­de­re mit der Aus­sa­ge der Geschä­dig­ten in ihrer rich­ter­li­chen Ver­neh­mung, über­ein­stimmt. Der Beklag­te hat zunächst sei­nen Ver­tei­di­ger ledig­lich die – inhalts­lee­re – Erklä­rung abge­ben las­sen, er räu­me „die Taten – wie in der Ankla­ge geschrie­ben – ein“. Der Beklag­te ist zwar anschlie­ßend vom Vor­sit­zen­den befragt wor­den. Aus­weis­lich der Nie­der­schrift über die Haupt­ver­hand­lung hat der Beklag­te aber auch dabei kei­ne Anga­ben zur Sache gemacht, son­dern ledig­lich „die Taten zuge­ge­ben“. Das Amts­ge­richt hat zwar noch auf­grund des Straf­re­gis­ters fest­ge­stellt, dass der Beklag­te nicht vor­be­straft ist. Auch im Anschluss an die­se tat­säch­li­che Fest­stel­lung hat der Beklag­te kei­ner­lei Anga­ben zum Tat­ge­sche­hen gemacht. Dies gilt auch für das ihm zuste­hen­de letz­te Wort (§ 258 Abs. 2 StPO). Zu der Ver­neh­mung der prä­sen­ten Zeu­gen kam es nicht mehr, weil auch der Beklag­te (vgl. § 245 Abs. 1 Satz 2 StPO) hier­auf ver­zich­tet hat.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 1. März 2013 – 2 B 78.12

  1. BVerwG, Urtei­le vom 29.11.2000 – 1 D 13.99, BVerw­GE 112, 243, 245 = Buch­holz 235 § 18 BDO Nr. 2 S. 5 f.; und vom 14.03.2007 – 2 WD 3.06, BVerw­GE 128, 189, 190 = Buch­holz 450.2 § 84 WDO 2002 Nr. 3 Rn. 25; Beschlüs­se vom 24.07.2007 – 2 B 65.07, Buch­holz 235.2 LDis­zi­pli­narG Nr. 4 Rn. 11; und vom 26.08.2010 – 2 B 43.10, Buch­holz 235.1 § 57 BDG Nr. 3 Rn. 5[]
  2. BGH, Urteil vom 22.01.1986 – 3 StR 474/​85, StV 1987, 378; Beschluss vom 19.08.1993 – 4 StR 627/​92, BGHSt 39, 291, 303[]
  3. BGH, Gro­ßer Senat für Straf­sa­chen, Beschluss vom 03.03.2005 – GSSt 1/​04, BGHSt 50, 40 S. 49 f.; BGH, Beschlüs­se vom 20.04.2004 – 5 StR 11/​04, NJW 2004, 1885 f. und vom 25.01.2006 – 1 StR 438/​05, NStZ-RR 2007, 20 f., Urteil vom 26.01.2006 – 3 StR 415/​02, NStZ-RR 2006, 187 f., Beschlüs­se vom 13.06.2007 – 3 StR 162/​07, NStZ-RR 2007, 307, 309; und vom 11.12.2008 – 3 StR 21/​08, NStZ 2009, 467 f.[]