Min­dest­ver­sor­gung als Ruhe­ge­halt – und der Kin­der­er­zie­hungs- und ‑ergän­zungs­zu­schlag

Eine Beam­tin hat kei­nen Anspruch dar­auf, zusätz­lich zu ihrer amts­be­zo­ge­nen Min­dest­ver­sor­gung vor­über­ge­hend den Kin­der­er­zie­hungs­zu­schlag und den Kin­der­er­zie­hungs­er­gän­zungs­zu­schlag zu erhal­ten.

Min­dest­ver­sor­gung als Ruhe­ge­halt – und der Kin­der­er­zie­hungs- und ‑ergän­zungs­zu­schlag

Maß­geb­li­che Rechts­grund­la­ge hier­für ist § 61 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a i.V.m. § 58 Abs. 5 bis 8 des Nie­der­säch­si­schen Beam­ten­ver­sor­gungs­ge­set­zes (NBeamtVG). Hier­nach kann die Beam­tin als eine wegen Dienst­un­fä­hig­keit in den Ruhe­stand ver­setz­te Ver­sor­gungs­emp­fän­ge­rin zwar dem Grun­de nach vor­über­ge­hend Leis­tun­gen ent­spre­chend den §§ 58 und 60 NBeamtVG bean­spru­chen, mit­hin den Kin­der­er­zie­hungs­zu­schlag (§ 58 Abs. 1 Satz 1 NBeamtVG) und den Kin­der­er­zie­hungs­er­gän­zungs­zu­schlag (§ 58 Abs. 5 NBeamtVG). Gemäß § 58 Abs. 8 Satz 2 NBeamtVG erhö­hen bei­de vor­ge­nann­ten kin­der­be­zo­ge­nen Leis­tun­gen jedoch nicht das amts­be­zo­ge­ne Min­destru­he­ge­halt gemäß § 16 Abs. 3 Satz 1 NBeamtVG. Da die Beam­tin die­se Art der Min­dest­ver­sor­gung erhält, ist der Anspruch auf die bei­den kin­der­be­zo­ge­nen Zuschlags­ar­ten in ihrem Fall aus­ge­schlos­sen.

Der Aus­schluss der bei­den vor­ge­nann­ten kin­der­be­zo­ge­nen Leis­tun­gen bei Bezie­hern der Min­dest­ver­sor­gung ist sowohl mit Ver­fas­sungs- als auch mit Uni­ons­recht ver­ein­bar. Die genann­te Aus­schluss­re­ge­lung ver­stößt weder gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG) oder das beson­de­re För­de­rungs­ge­bot des Art. 3 Abs. 2 Satz 2 GG noch gegen das Ent­gelt­gleich­heits­ge­bot des Art. 157 Abs. 1 AEUV noch gegen die Richt­li­nie 2000/​78/​EG des Rates der Euro­päi­schen Uni­on vom 27.11.2000 zur Fest­le­gung eines all­ge­mei­nen Rah­mens für die Ver­wirk­li­chung der Gleich­stel­lung in Beschäf­ti­gung und Beruf 1 (sog. Gleich­be­hand­lungs­richt­li­nie) noch gegen das die­se Richt­li­nie umset­zen­de All­ge­mei­ne Gleich­be­hand­lungs­ge­setz vom 14.08.2006 – AGG – 2. Dies hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, bezo­gen auf die par­al­le­le bun­des­recht­li­che Rege­lung in § 50a Abs. 7 Satz 2 des Beam­ten­ver­sor­gungs­ge­set­zes (BeamtVG), die als Art. 4 Nr. 29 Buchst. b des Dienst­rechts­neu­ord­nungs­ge­set­zes vom 05.02.2009 3 mit Wir­kung vom 12.02.2009 in Kraft getre­ten ist, bereits ent­schie­den 4. Die­ses Urteil ist den Betei­lig­ten bekannt. Zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen wird dar­auf Bezug genom­men. Für die hier maß­geb­li­che Rege­lung des nie­der­säch­si­schen Lan­des­rechts gilt nichts ande­res.

Ein Gleich­heits­ver­stoß gegen­über Ver­sor­gungs­emp­fän­gern im Bund und im Land Nord­rhein-West­fa­len liegt schon des­halb nicht vor, weil der Gleich­heits­satz sich nur an den­sel­ben (jeweils zustän­di­gen) Norm­ge­ber für des­sen eige­nen Norm­set­zungs­be­reich rich­tet; ein Gleich­heits­ver­stoß kann daher nicht mit unter­schied­li­chen Rege­lun­gen ver­schie­de­ner Norm­ge­ber begrün­det wer­den 5. Im Übri­gen betraf die in die­sem Zusam­men­hang ange­führ­te Ent­schei­dung des OVG NRW eine ande­re Fall­kon­stel­la­ti­on, näm­lich die Rechts­la­ge im Bund vor Inkraft­tre­ten der dor­ti­gen par­al­le­len Aus­schluss­norm des § 50a Abs. 7 Satz 2 BeamtVG im Jahr 2009. Schließ­lich ist die­se Ent­schei­dung des OVG NRW über­holt durch die gegen­tei­li­ge Rechts­auf­fas­sung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts im Urteil vom 23.06.2016.

Soweit ein Ver­stoß gegen Ver­trau­ens­schutz­ge­sichts­punk­te gerügt wird, wird ver­kannt, dass sich die Ver­sor­gungs­be­zü­ge der Beam­tin nach der Rechts­la­ge im Zeit­punkt ihres Ein­tritts in den Ruhe­stand rich­ten; zu die­sem Zeit­punkt galt bereits die ange­grif­fe­ne Aus­schluss­re­ge­lung des § 58 Abs. 8 Satz 2 NBeamtVG. Sie misst sich auch kei­ne Rück­wir­kung bei. Der Gesetz­ge­ber darf das Ver­sor­gungs­recht grund­sätz­lich mit Wir­kung für die Zukunft ändern, ohne dass dadurch ein schüt­zens­wer­tes Ver­trau­en der Beam­tin ver­letzt wäre.

Ein Ver­stoß gegen die Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on (GRC), nament­lich gegen Art. 21 Abs. 1 GRC (Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung wegen des Geschlechts) und Art. 23 Abs. 1 GRC (Gleich­heit von Frau­en und Män­nern), liegt schon des­halb nicht vor, weil der Anwen­dungs­be­reich der Grund­rech­te­char­ta nicht eröff­net ist. Die­se bin­det gemäß Art. 51 Abs. 1 GRC (u.a.) die Mit­glied­staa­ten "aus­schließ­lich bei der Durch­füh­rung des Rechts der Uni­on". Die Rege­lung der Ali­men­ta­ti­on der Beam­ten ist aber kei­ne Durch­füh­rung des Uni­ons­rechts 6. Im Übri­gen kommt den genann­ten Bestim­mun­gen der Grund­rech­te­char­ta kein wei­ter­rei­chen­der Gewähr­leis­tungs­ge­halt zu als den bereits behan­del­ten ver­fas­sungs- und uni­ons­recht­li­chen Bestim­mun­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, URteil vom 19. Janu­ar 2017 – 2 C 1.16

  1. ABl. L 303 S. 16[]
  2. BGBl. I S. 1897[]
  3. BGBl. I S. 160, 232[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 23.06.2016 – 2 C 17.14, NVwZ-RR 2016, 971 Rn. 24 ff.[]
  5. BVerwG, Urteil vom 24.11.2010 – 8 C 14.09, BVerw­GE 138, 201 Rn. 53[]
  6. BVerwG, Urteil vom 09.04.2013 – 2 C 5.12, Buch­holz 11 Art. 143b GG Nr. 8 Rn. 16[]