Pflicht­stun­den­zahl für Leh­rer

Die Ar­beits­zeit der be­am­te­ten Leh­rer be­stimmt sich ma­ß­geb­lich nach der Pflicht­stun­den­zahl. Die Pflicht­stun­den­zah­len sind nor­ma­tiv fest­zu­le­gen; Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten ge­nü­gen nicht.

Pflicht­stun­den­zahl für Leh­rer

Die regel­mä­ßi­ge Unter­richts­ver­pflich­tung der Leh­rer muss durch Rechts­ver­ord­nung auf­grund einer gesetz­li­chen Ermäch­ti­gung gere­gelt wer­den. Der der­zei­ti­ge Rechts­zu­stand ist aber noch für eine Über­gangs­zeit bis zum Ende des Schul­jah­res 2013/​2014 hin­zu­neh­men.

Das Rechts­staats­prin­zip und das Demo­kra­tie­ge­bot ver­pflich­ten den par­la­men­ta­ri­schen Gesetz­ge­ber, in grund­le­gen­den Berei­chen, zumal im Bereich der Grund­rechts­aus­übung, alle wesent­li­chen Ent­schei­dun­gen selbst zu tref­fen1. Die Rege­lungs­form des Geset­zes ist für das Beam­ten­ver­hält­nis typisch und sach­an­ge­mes­sen2. Dies gilt nicht nur, soweit kol­li­die­ren­de Grund­rech­te aus­zu­glei­chen sind. Die Rege­lung der Arbeits­zeit für Beam­te bedarf einer nor­ma­ti­ven Rege­lung, weil sie die Beam­ten­pflich­ten wesent­lich aus­ge­stal­tet. Durch die Arbeits­zeit wird fest­ge­legt, wann der Beam­te am Dienst­ort anwe­send sein und sei­ne Dienst­pflich­ten erfül­len muss. Dem­entspre­chend stellt uner­laub­tes Fern­blei­ben eine Dienst­pflicht­ver­let­zung dar, die dis­zi­pli­na­risch zu ahn­den ist und zum Ver­lust der Dienst­be­zü­ge für den Zeit­raum des Fern­blei­bens führt (§ 9 BBesG).

Für Leh­rer ist zu beach­ten, dass die zeit­li­che Fest­le­gung der Unter­richts­ver­pflich­tung, nicht aber der übri­gen Dienst­pflich­ten der Beson­der­heit Rech­nung trägt, dass Leh­rer nur wäh­rend ihrer Unter­richts­stun­den und wei­te­ren anlass­be­zo­ge­nen Dienst­pflich­ten (wie Teil­nah­me an Klas­sen­kon­fe­ren­zen, Gesprä­che mit Eltern, Pau­sen­auf­sicht u.a.) zur Anwe­sen­heit in der Schu­le ver­pflich­tet sind. Dage­gen bleibt es ihnen über­las­sen, wo und wann sie die Dienst­pflich­ten der Vor- und Nach­be­rei­tung des Unter­richts ein­schließ­lich der Kor­rek­tur von Klas­sen­ar­bei­ten erfül­len3.

Maß­geb­li­cher Teil der Arbeits­zeit von Leh­rern ist daher die Fest­set­zung der Pflicht­stun­den­zah­len für die wöchent­li­che Unter­richts­ver­pflich­tung. Die all­ge­mein ange­ord­ne­te regel­mä­ßi­ge Arbeits­zeit ist ein Ori­en­tie­rungs­rah­men, den der Norm­ge­ber bei der Fest­le­gung der Unter­richts­ver­pflich­tung im Blick haben muss, um die Arbeits­zeit­re­ge­lung für Lehr­kräf­te nicht von der all­ge­mein für Beam­te gel­ten­den Arbeits­zeit­re­ge­lung los­zu­lö­sen4.

Die Pflicht­stun­den­zah­len sind des­halb durch Rechts­ver­ord­nung auf gesetz­li­cher Grund­la­ge fest­zu­le­gen, wie dies auch nun­mehr durch § 67 Abs. 1 LBG BW i.d.F. vom 09.11.20105 vor­ge­ge­ben wird. Daher führt der Senat die frü­he­re Recht­spre­chung zur Fest­le­gung der Pflicht­stun­den­zah­len durch Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten nicht fort6.

Aller­dings sind die Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten noch für eine Über­gangs­zeit für die Bestim­mung der Pflicht­stun­den­zah­len maß­geb­lich. Dem Ver­ord­nungs­ge­ber muss Zeit gege­ben wer­den, um sich auf die neue Lage ein­zu­stel­len. In der Zwi­schen­zeit muss ein regel­lo­ser und damit noch ver­fas­sungs­fer­ne­rer Zustand ver­mie­den wer­den7. Hin­sicht­lich der Dau­er der Über­gangs­zeit ist nach den Dar­le­gun­gen des Beklag­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung eine Zeit­span­ne von zwei Jah­ren, das heißt bis zum Ende des Schul­jah­res 2013/​2014, ange­mes­sen.

Die Erhö­hung der Pflicht­stun­den­zah­len durch Ände­rung der Ver­wal­tungs­vor­schrift war nicht bereits des­halb unwirk­sam, weil der Haupt­per­so­nal­rat beim baden-würt­tem­ber­gi­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um als zustän­di­ge Per­so­nal­ver­tre­tung rechts­wid­rig nicht betei­ligt wur­de.

Das Per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz Baden-Würt­tem­berg regelt die Rechts­fol­ge eines Ver­sto­ßes gegen das Betei­li­gungs­recht des Per­so­nal­rats nicht. Daher fin­det der Grund­satz Anwen­dung, dass sich der­ar­ti­ge Ver­stö­ße vor Erlass einer betei­li­gungs­pflich­ti­gen Maß­nah­me nicht ohne Wei­te­res auf die Wirk­sam­keit der Maß­nah­me im Ver­hält­nis zwi­schen dem Dienst­herrn und dem von der Maß­nah­me betrof­fe­nen Beam­ten aus­wir­ken8. Viel­mehr haben Beam­te die Dienst­aus­übung regeln­de Maß­nah­men auf­grund ihrer Wei­sungs­ge­bun­den­heit zu beach­ten (vgl. § 74 Satz 2 LBG BW a.F., § 35 Satz 2 BeamtStG, § 62 Abs. 1 Satz 2 BBG). Ver­stö­ße gegen Betei­li­gungs­rech­te kön­nen nur dann zur Unwirk­sam­keit der betei­li­gungs­pflich­ti­gen Maß­nah­me füh­ren, wenn dies gesetz­lich ange­ord­net ist. Es kann dahin­ge­stellt blei­ben, ob dem gleich­zu­set­zen ist, dass ein gesetz­li­cher Auf­he­bungs­an­spruch der über­gan­ge­nen Per­so­nal­ver­tre­tung besteht und gel­tend gemacht wird9.

Die Erhö­hung der wöchent­li­chen Pflicht­stun­den­zahl für Leh­rer durch Ver­wal­tungs­vor­schrift bedurf­te der Mit­be­stim­mung der Per­so­nal­ver­tre­tung nach § 79 Abs. 1 Satz 1 Nr. 9 LPVG BW. Die­ses Gesetz ent­hält weder eine gesetz­li­che Rechts­fol­ge der Unwirk­sam­keit von Maß­nah­men bei einer Ver­let­zung des Mit­be­stim­mungs­rechts noch räumt es über­gan­ge­nen Per­so­nal­ver­tre­tun­gen einen Auf­he­bungs­an­spruch ein. Des­halb waren die betrof­fe­nen Leh­rer auf­grund ihrer Wei­sungs­ge­bun­den­heit ver­pflich­tet, die Unter­richts­plä­ne zu beach­ten, wel­che die Erhö­hung der Pflicht­stun­den­zah­len umsetz­ten.

Hin­zu kommt, dass die unter­blie­be­ne Betei­li­gung des Per­so­nal­rats nach­ge­holt wur­de. Die­se Nach­ho­lung soll­te nach dem Wil­len der Eini­gungs­stel­le auf den Zeit­punkt des Erge­hens der Maß­nah­me zurück­wir­ken. Es ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts geklärt, dass in der Rechts­be­zie­hung zwi­schen der Dienst­stel­len­lei­tung und dem Per­so­nal­rat der blo­ße Voll­zug der mit­be­stim­mungs­pflich­ti­gen Maß­nah­me das Mit­be­stim­mungs­recht regel­mä­ßig nicht unter­ge­hen lässt, son­dern eine Nach­ho­lung der unter­blie­be­nen Betei­li­gung grund­sätz­lich mög­lich und nötig ist10. Daher kann hier nach dem Rechts­ge­dan­ken des § 45 VwVfG BW ange­nom­men wer­den, dass es den betrof­fe­nen Leh­rern auch auf­grund der Nach­ho­lung ver­wehrt ist, sich auf die Ver­let­zung des per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Mit­be­stim­mungs­rechts zu beru­fen. Der Feh­ler, der nicht ihre Rechts­stel­lung gegen­über dem Dienst­herrn betrifft, gilt auch ihnen gegen­über als geheilt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 30. August 2012 – 2 C 23.10

  1. vgl. BVerfG, Urteil vom 24.09.2003 – 2 BvR 1436/​02, BVerfGE 108, 282, 310 ff. und Beschlüs­se vom 08.08.1978 – 2 BvL 8/​77, BVerfGE 49, 89, 126 und vom 27.11.1990 – 1 BvR 402/​87, BVerfGE 83, 130, 142
  2. vgl. z.B. BVerfG, Beschluss vom 07.11.1979 – 2 BvR 513, 558/​74, BVerfGE 52, 303, 335 ff.; BVerwG, Urtei­le vom 26.11.1992 – 2 C 11.92, BVerw­GE 91, 200, 203 = Buch­holz 237.1 Art 21 BayLBG Nr. 1 und vom 17.06.2004 – 2 C 50.02, BVerw­GE 121, 103, 108 = Buch­holz 232 § 79 BBG Nr. 123
  3. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 23.09.2004 – 2 C 61.03, BVerw­GE 122, 65, 66 f. = Buch­holz 240 § 6 BBesG Nr. 23 S. 5 m.w.N. und vom 23.06.2005 – 2 C 21.04, BVerw­GE 124, 11, 13 = Buch­holz 240 § 6 BBesG Nr. 24 S. 13
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 23.09.2004 a.a.O. S. 66 bzw. S. 4 f., jeweils m.w.N.
  5. GBl S. 793
  6. vgl. etwa BVerwG, Urteil vom 15.06.1971 – 2 C 17.70, BVerw­GE 38, 191 = Buch­holz 237.5 § 85 Hess­BG 62 Nr. 1; und Beschluss vom 14.12.1989 – 2 NB 2.89, Buch­holz 237.0 § 90 BaWüLBG Nr. 2
  7. BVerwG, Urteil vom 17.06.2004 a.a.O. S. 111 bzw. S. 14
  8. BVerwG, Urtei­le vom 01.12.1982 – 2 C 59.81, BVerw­GE 66, 291, 295 = Buch­holz 238.37 § 72 NWPers­VG Nr. 7 und vom 28.08.1986 – 2 C 67.85, Buch­holz 237.5 § 42 LBG Hes­sen Nr. 5; Beschluss vom 23.08.2007 – 6 P 7.06, Buch­holz 251.4 § 86 HmbPers­VG Nr. 13
  9. vgl. BVerwG, Beschluss vom 11.05.2011 – 6 P 4.10, Buch­holz 251.6 § 75 Nds­Pers­VG Nr. 6
  10. stRspr; vgl. nur BVerwG, Beschlüs­se vom 20.01.1993 – 6 P 18.90, Buch­holz 251.0 § 79 BaWü­Pers­VG Nr. 14, vom 16.09.1994 – 6 P 32.92, BVerw­GE 96, 355, 357 f. = Buch­holz 251.9 § 80 Saar­Pers­VG Nr. 2, vom 15.03.1995 – 6 P 31.93, BVerw­GE 98, 77, 86 = Buch­holz 251.7 § 66 NWPers­VG Nr. 4 und vom 09.11.1998 – 6 P 1.98, Buch­holz 250 § 75 BPers­VG Nr. 96