Wenn ein Steu­er­be­am­ter bei der Steu­er­hin­ter­zie­hung hilft

Die von einem Steu­er­be­am­ten in Aus­übung sei­nes Amtes und unter Aus­nut­zung sei­ner dienst­li­chen Mög­lich­kei­ten began­ge­ne Steu­er­hin­ter­zie­hung zu Guns­ten Drit­ter kann zu des­sen Ent­fer­nung aus dem Dienst füh­ren.

Wenn ein Steu­er­be­am­ter bei der Steu­er­hin­ter­zie­hung hilft

In einem jetzt vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall hat­te die Steu­er­be­am­tin mit den Ver­feh­lun­gen der Ein­kom­men­steu­er­hin­ter­zie­hung und Hin­ter­zie­hung von Soli­da­ri­täts­zu­schlag, der Urkun­den­fäl­schung, der Urkun­den­un­ter­drü­ckung und des Ver­wah­rungs­bruchs im Amt sowie des uner­laub­ten Fern­blei­bens vom Dienst und der Mani­pu­la­ti­on von Arbeits­zei­ten schuld­haft die ihr oblie­gen­den Beam­ten­pflich­ten aus § 73 Satz 2 LBG (Pflicht, das Amt unei­gen­nüt­zig und nach bes­tem Gewis­sen zu ver­wal­ten), § 73 Satz 3 LBG (Pflicht zu ach­tungs- und ver­trau­ens­wür­di­gem Ver­hal­ten), § 91 LBG (Pflicht, dem Dienst nicht ohne Geneh­mi­gung des Dienst­herrn fern­zu­blei­ben), § 77 Abs. 1 LBG, § 82 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO (Pflicht zur Unpar­tei­lich­keit) ver­letzt und damit ein ein­heit­li­ches Dienst­ver­ge­hen began­gen. Des­we­gen war für den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof auf Grund des fest­ge­stell­ten – schwer­wie­gen­den – Dienst­ver­ge­hen die Ent­fer­nung der Beam­tin aus dem Dienst unum­gäng­lich.

Maß­ge­bend für die Bemes­sung der Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me ist das Eigen­ge­wicht der Pflicht­ver­let­zung, d.h. die Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens. Hier­für kön­nen bestim­mend sein die objek­ti­ve Hand­lung (ins­be­son­de­re Eigen­art und Bedeu­tung der Dienst­pflicht­ver­let­zung sowie beson­de­re Umstän­de der Tat­be­ge­hung, etwa Häu­fig­keit und Dau­er eines wie­der­hol­ten Fehl­ver­hal­tens), sub­jek­ti­ve Hand­lungs­merk­ma­le (ins­be­son­de­re Form und Gewicht der Schuld des Beam­ten, Beweg­grün­de für sein Ver­hal­ten) sowie unmit­tel­ba­re Fol­gen des Dienst­ver­ge­hens für den dienst­li­chen Bereich und Drit­te, z.B. der mate­ri­el­le Scha­den [1]. Die gegen einen Beam­ten aus­ge­spro­che­ne Dis­zi­pli­nar­maß­nah­me muss unter Berück­sich­ti­gung aller belas­ten­den und ent­las­ten­den Umstän­de des Ein­zel­falls in einem gerech­ten Ver­hält­nis zur Schwe­re des Dienst­ver­ge­hens und zum Ver­schul­den des Beam­ten ste­hen [2].

Die hier im Vor­der­grund des dis­zi­pli­na­ren Vor­wurfs ste­hen­de Steu­er­hin­ter­zie­hung, mit der der Anspruch des Staa­tes auf den vol­len und recht­zei­ti­gen Ertrag aus jeder ein­zel­nen Steu­er ver­kürzt wird, ist im Hin­blick auf den dem Staat ver­ur­sach­ten Scha­den ein schwe­res Wirt­schafts­de­likt. Dies belegt bereits der Straf­rah­men. Danach ist Steu­er­hin­ter­zie­hung mit Frei­heits­stra­fe bis zu fünf Jah­ren, in beson­ders schwe­ren Fäl­len bis zu zehn Jah­ren (§ 370 Abs. 1 und 3 AO) bedroht. Ein Beam­ter, der sich der Steu­er­hin­ter­zie­hung schul­dig macht, ver­letzt damit in schwer­wie­gen­der Wei­se die ihm oblie­gen­de Pflicht, der Ach­tung und dem Ver­trau­en gerecht zu wer­den, die sein Beruf erfor­dert [3]. Dabei wirkt sich beson­ders nach­tei­lig aus, wenn der Beam­te sich oder einem Drit­ten durch straf­ba­res Ver­hal­ten unbe­rech­tig­te Steu­er­vor­tei­le ver­schafft, obwohl er öffent­li­che Auf­ga­ben wahr­zu­neh­men hat und durch öffent­li­che Mit­tel ali­men­tiert wird. Dies beein­träch­tigt in erheb­li­chem Maße sein Anse­hen und das Anse­hen der Beam­ten­schaft ins­ge­samt, auf das der Staat in beson­de­rem Maße ange­wie­sen ist, wenn er die ihm gegen­über der All­ge­mein­heit oblie­gen­den Auf­ga­ben sach­ge­recht erfül­len will. Über die Anse­hens­schä­di­gung hin­aus führt ein sol­ches Ver­hal­ten grund­sätz­lich auch zu erheb­li­chen Zwei­feln an der Ver­trau­ens­wür­dig­keit des Beam­ten. Dies gilt in beson­de­rem Maße bei einem Finanz­be­am­ten, des­sen Auf­ga­be es gera­de ist, die an den Staat abzu­füh­ren­den Steu­ern kor­rekt fest­zu­set­zen und in die­sem Zusam­men­hang auch die Steu­er­pflich­ti­gen zur Steu­er­ehr­lich­keit und zu einem ordent­li­chen Erklä­rungs­ver­hal­ten anzu­hal­ten hat [4] noch beson­ders erschwe­rend für die Beam­tin hin­zu, dass sie die Steu­er­hin­ter­zie­hung in Aus­übung ihres Amtes began­gen hat. Denn die Ver­wal­tung – ins­be­son­de­re die Finanz- und Steu­er­ver­wal­tung, deren Funk­tio­nie­ren jede öffent­li­che Auf­ga­ben­er­fül­lung letzt­lich erst mög­lich macht [5] – ist auf die Ehr­lich­keit und Zuver­läs­sig­keit ihrer Beam­ten ange­wie­sen, wenn sie ihre Auf­ga­ben gegen­über der All­ge­mein­heit sinn­voll und auf­trags­ge­recht erfül­len will. Dabei betrifft die Tat einer Steu­er­be­am­tin, die bei Aus­übung ihres Diens­tes durch mani­pu­lier­te Steu­er­erklä­run­gen nicht bestehen­de Steu­er­erstat­tun­gen erwirkt, den Kern­be­reich ihrer dienst­li­chen Oblie­gen­hei­ten. Beson­ders gra­vie­rend tritt hier hin­zu, dass die Beam­tin die steu­er­li­chen Vor­tei­le zu Guns­ten ihrer Mut­ter unter bewuss­ter Aus­nut­zung ihrer dienst­li­chen Auf­ga­ben und Mög­lich­kei­ten erwirkt hat. Voll­kom­men zu Recht hat die Dis­zi­pli­nar­kam­mer dazu noch dar­auf abge­stellt, dass sich die Taten der Beam­tin über eine erheb­li­che Zeit­dau­er hin­ge­zo­gen und noch dadurch an Gewicht gewon­nen haben, dass die Beam­tin mit erheb­li­cher Inten­si­tät ver­sucht hat, ihre Mani­pu­la­tio­nen zu ver­tu­schen (so durch Mani­pu­la­ti­on der Grund­da­ten, Abfan­gen der Kon­troll­mit­tei­lung und Besei­ti­gung der Akte). Zudem hat die Beam­tin mit der Steu­er­hin­ter­zie­hung noch wei­te­re straf­ba­re Urkund­s­de­lik­te began­gen. All dies führt dazu, dass sich die Beam­tin für den Dienst als (Steuer-)Beamtin als untrag­bar erwie­sen hat.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 16. Sep­tem­ber 2010 – DL 16 S 579/​10

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 20.10.2005 – 2 C 12.04, BVerw­GE 124, 252[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 08.12.2004 – 2 BvR 52/​02, BVerfGK 4, 243[]
  3. eben­so BayVGH, Urteil vom 24.09.2008 – 16a D 07.2849[]
  4. vgl. OVG NRW, Urtei­le vom 30.05.2006 – 21d A 3905/​05.O, ZBR 2006, 420; und vom 07.08.2001 – 15d A 4172/​00.O, DÖD 2003, 40). Im vor­lie­gen­den Fall kommt zu die­sen all­ge­mein für die Steu­er­hin­ter­zie­hung gel­ten­den Grund­sät­zen ((vgl. dazu auch: Claussen/​Janzen, Bun­des­dis­zi­pli­nar­recht, S. 141[]
  5. vgl. VG des Saar­lan­des, Urteil vom 13.03.2009 – 7 K 2125/​07[]