Bei­trags­for­de­rung eines Was­ser­zweck­ver­ban­des gegen Alt­an­schlie­ßer in Bran­den­burg

Die Bei­trags­for­de­rung eines Was­ser- und Abwas­ser­zweck­ver­band gegen „Alt­an­schlie­ßer” im Land Bran­den­burg für einen vor dem 1. Janu­ar 200 erfolg­ten Grund­stücks­an­schluss an das kom­mu­na­le Trink­was­ser­netz waren jeden­falls im Jahr 2011 noch nicht ver­jährt.

Bei­trags­for­de­rung eines Was­ser­zweck­ver­ban­des gegen Alt­an­schlie­ßer in Bran­den­burg

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­ten die Eigen­tü­mer eines in Bran­den­burg bele­ge­nen Grund­stücks geklagt, das vor dem 1. Janu­ar 2000 an das kom­mu­na­le Trink­was­ser­netz des beklag­ten Zweck­ver­ban­des ange­schlos­sen wur­de. Mit Bescheid vom 15. Novem­ber 2011 setz­te der Zweck­ver­band unter Bezug­nah­me auf sei­ne 2009 erlas­se­ne Bei­trags­sat­zung einen Anschluss­bei­trag von 1.321,96 € gegen die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer fest. Ihr dage­gen ein­ge­leg­ter Wider­spruch blieb erfolg­los. Von einer Kla­ge­er­he­bung sahen sie ab.

Nach 8 Abs. 7 Satz 2 des bran­den­bur­gi­schen Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes in der Fas­sung vom 31. März 2004 (= KAG Bbg n.F.) ent­steht eine Bei­trags­pflicht frü­hes­tens mit dem Inkraft­tre­ten der rechts­wirk­sa­men Sat­zung. In § 8 Abs. 7 Satz 2 der zuvor gel­ten­den Fas­sung des Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes (= KAG Bbg. a.F.) fehl­te das Wort „rechts­wirk­sa­men”. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Bran­den­burg leg­te die­se Fas­sung des Geset­zes dahin aus, dass für das Ent­ste­hen der Bei­trags­pflicht für ein Grund­stück der Zeit­punkt des Erlas­ses der ers­ten Sat­zung mit for­mel­lem Gel­tungs­an­spruch maß­geb­lich war, unab­hän­gig von ihrer mate­ri­el­len Wirk­sam­keit. Abga­ben dür­fen gemäß § 2 Abs. 1 KAG nur auf­grund einer Sat­zung erho­ben wer­den. War die­se Sat­zung – wie es sei­ner­zeit nach der Recht­spre­chung der bran­den­bur­gi­schen Ver­wal­tungs­ge­rich­te häu­fig der Fall war – mate­ri­ell unwirk­sam, muss­te nach Auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts eine spä­te­re (wirk­sa­me) Sat­zung auf den Zeit­punkt des Erlas­ses der ers­ten unwirk­sa­men Sat­zung zurück­wir­ken. Dies hat­te zur Fol­ge, dass die Bei­trags­pflicht, die eine wirk­sa­me Sat­zung erfor­der­te, in vie­len Fäl­len nur für eine „juris­ti­sche Sekun­de” ent­stand und wegen sofort ein­tre­ten­der rück­wir­ken­der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung gleich wie­der erlosch. Denn auch die vier­jäh­ri­ge Fest­set­zungs­frist (§ 12 Abs. 1 Nr. 4 Buch­sta­be b KAG Bbg in Ver­bin­dung mit § 169 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AO) begann danach mit dem Schluss des Jah­res zu lau­fen, in dem die Bei­trags­pflicht (rück­wir­kend) ent­stan­den war.

Dadurch war es den Auf­ga­ben­trä­gern in vie­len Fäl­len von vorn­her­ein nicht mög­lich, Bei­trä­ge für die den Bür­gern zuge­flos­se­nen Vor­tei­le zu erlan­gen. Dem woll­te der Gesetz­ge­ber durch die Neu­fas­sung des § 8 Abs. 7 Satz 2 KAG Bbg ent­ge­gen­wir­ken, die nun­mehr eine rechts­wirk­sa­me Sat­zung als Vor­aus­set­zung für das Ent­ste­hen der Bei­trags­pflicht aus­drück­lich vor­sah.

Im Jahr 2015 ent­schied das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt jedoch, dass die Anwen­dung der Neu­fas­sung des Geset­zes auf Fall­ge­stal­tun­gen, in denen unter Zugrun­de­le­gung der ober­ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung zur frü­he­ren Fas­sung der Norm Ver­jäh­rung bereits ein­ge­tre­ten sei, zu einer ver­fas­sungs­recht­lich unzu­läs­si­gen Rück­wir­kung füh­re. Dar­auf­hin erho­ben die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer nach einem erfolg­los geblie­be­nen Antrag auf Wie­der­auf­grei­fen des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens nach § 51 VwVfG Kla­ge auf Scha­dens­er­satz in Höhe des geleis­te­ten Bei­trags nebst Erstat­tung vor­ge­richt­li­cher Rechts­an­walts­kos­ten.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Frank­furt (Oder) hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben1. Auf die Beru­fun­gen des Zweck­ver­ban­des und des auf sei­ner Sei­te dem Ver­fah­ren als Streit­hel­fer bei­getre­te­nen Lan­des hat das Ober­lan­des­ge­richt Bran­den­burg das land­ge­richt­li­che Urteil abge­än­dert und die Kla­ge abge­wie­sen2. Es hat einen Anspruch der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer sowohl auf der Grund­la­ge von § 1 Abs. 1 StHG als auch gemäß § 839 Abs. 1 Satz 1 BGB in Ver­bin­dung mit Art. 34 Satz 1 GG ver­neint. Das Staats­haf­tungs­ge­setz sei nicht anwend­bar, weil es nicht um einen Ein­zel­fall rechts­wid­ri­gen Ver­wal­tungs­han­delns gehe, son­dern um legis­la­ti­ves Unrecht. Der Amts­haf­tungs­an­spruch aus § 839 Abs. 1 Satz 1 BGB schei­te­re am feh­len­den Ver­schul­den der Amts­trä­ger. Dage­gen rich­tet sich die vom Beru­fungs­ge­richt zuge­las­se­ne Revi­si­on der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun auf die Revi­si­on der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer das Urteil des Ober­lan­des­ge­richts auf­ge­ho­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen:

Anders als die Bran­den­bur­ger Instanz­ge­rich­te hat der Bun­des­ge­richts­hof nun ent­schie­den, dass der an die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer gerich­te­te Bei­trags­be­scheid nicht des­we­gen rechts­wid­rig ist, weil die Bei­trags­for­de­rung infol­ge Fest­set­zungs­ver­jäh­rung nicht mehr hät­te gel­tend gemacht wer­den dür­fen. Ent­ge­gen der Recht­spre­chung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Bran­den­burg setz­te auch schon die alte Fas­sung von § 8 Abs. 7 Satz 2 KAG für das Ent­ste­hen der Bei­trags­pflicht und damit für den Beginn der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung das Inkraft­tre­ten einer rechts­wirk­sa­men Sat­zung vor­aus. Dies hat im kon­kre­ten Fall zur Fol­ge, dass der an die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer gerich­te­te Bei­trags­be­scheid vom 15. Novem­ber 2011 noch vor Ein­tritt der Fest­set­zungs­ver­jäh­rung ergan­gen war.

Anders als ver­schie­dent­lich gel­tend gemacht, ist der Bun­des­ge­richts­hof an die Recht­spre­chung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Bran­den­burg zu § 8 Abs. 7 Satz 2 KAG a.F. nicht gebun­den, son­dern hat eine eigen­stän­di­ge Aus­le­gung die­ser Norm vor­zu­neh­men. Die Gerich­te der ordent­li­chen Gerichts­bar­keit sind im Scha­dens­er­satz­pro­zess gegen die öffent­li­che Hand nur im Rah­men der Rechts­kraft­wir­kung an ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Ent­schei­dun­gen gebun­den. Dies setzt grund­sätz­lich die Iden­ti­tät zwi­schen den Par­tei­en des Ver­wal­tungs- und des Zivil­pro­zes­ses vor­aus, die hier fehlt.

Auch die ein­gangs erwähn­te Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ent­fal­tet inso­weit kei­ne Bin­dungs­wir­kung. Ihr lag zwar die Aus­le­gung des § 8 Abs. 7 Satz 2 KAG Bbg a.F. durch das zustän­di­ge Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zugrun­de. Des­sen Aus­le­gung war aber auf­grund der Funk­ti­ons­ver­tei­lung zwi­schen der Fach­ge­richts­bar­keit und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt von die­sem im Rah­men der ver­fas­sungs­recht­li­chen Beur­tei­lung der Rück­wir­kung der neu­ge­fass­ten Norm nicht auf ihre inhalt­li­che Rich­tig­keit zu über­prü­fen. Gera­de für Kon­stel­la­tio­nen wie der vor­lie­gen­den hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­den, dass die spä­te­re, ins­be­son­de­re höchst­rich­ter­li­che Aus­le­gung durch die Fach­ge­rich­te – wie hier – erge­ben kann, dass die in Rede ste­hen­de Norm (hier § 8 Abs. 7 Satz 2 KAG a.F.) gera­de so zu ver­ste­hen ist, wie es der Gesetz­ge­ber nach­träg­lich fest­ge­stellt wis­sen woll­te, eine Rück­wir­kung der Neu­fas­sung der Vor­schrift daher letzt­lich doch nicht vor­liegt.

Die Aus­le­gung von § 8 Abs. 7 Satz 2 KAG a.F. durch den Senat ergibt sich nicht nur aus Wort­laut, Sys­te­ma­tik und Sinn und Zweck der Vor­schrift, son­dern auch aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te des § 8 Abs. 7 Satz KAG Bbg a.F. Im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zur ers­ten Fas­sung der Norm hat sich der Gesetz­ge­ber aus­drück­lich an der wort­glei­chen Vor­schrift im nord­rhein-west­fä­li­schen Lan­des­recht ori­en­tiert. Nach der sei­ner­zei­ti­gen Aus­le­gung die­ser Norm durch die Recht­spre­chung der nord­rhein-west­fä­li­schen Ver­wal­tungs­ge­rich­te war es nicht zwei­fel­haft, dass das Ent­ste­hen der Bei­trags­pflicht eine in for­mel­ler und mate­ri­el­ler Hin­sicht wirk­sa­me Sat­zung vor­aus­setz­te. Dem­entspre­chend hat der Lan­des­ge­setz­ge­ber in Bran­den­burg anläss­lich der Neu­fas­sung des § 8 Abs. 7 KAG Bbg zutref­fend „klar­ge­stellt”, dass er bereits bei Erlass der Vor­gän­ger­norm auch an die mate­ri­el­le Wirk­sam­keit der Bei­trags­sat­zung hat anknüp­fen wol­len.

Auch das aus dem Rechts­staats­prin­zip abge­lei­te­te ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot der Bei­trags­klar­heit und ‑vor­her­seh­bar­keit gebie­tet kei­ne abwei­chen­de Betrach­tung. Viel­mehr hält sich die Inan­spruch­nah­me der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer in dem vom Lan­des­ge­setz­ge­ber zur Umset­zung die­ses Grund­sat­zes gemäß § 19 Abs. 1 Satz 1 KAG Bbg3 vor­ge­ge­be­nen Rah­men. Danach dür­fen Anschluss­bei­trä­ge unge­ach­tet der Sat­zungs­la­ge nach Voll­endung des 15. Kalen­der­jah­res, das auf den Ein­tritt der tat­säch­li­chen Vor­teils­la­ge folgt, nicht mehr erho­ben wer­den, wobei gemäß § 19 Abs. 1 Satz 3 KAG Bbg der Lauf der Frist bis zum 3. Okto­ber 2000 gehemmt war, Bei­trä­ge damit erst ab dem 3. Okto­ber 2015 nicht mehr fest­ge­setzt wer­den durf­ten.

Dies begeg­net jeden­falls dann kei­nen recht­li­chen Beden­ken, wenn Her­stel­lungs­bei­trä­ge erst für nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung ent­stan­de­ne Auf­wen­dun­gen erho­ben wer­den. Dies wird durch die Vor­schrift des § 18 Satz 1 KAG Bbg sicher­ge­stellt.

Das Beru­fungs­ge­richt wird unter Berück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze noch zu klä­ren haben, ob der Inan­spruch­nah­me der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer § 18 KAG Bbg ent­ge­gen­stand, mit­hin die mit dem Bei­trag abzu­gel­ten­den Inves­ti­tio­nen sich auf nach dem 3. Okto­ber 1990 ent­stan­de­nen Auf­wand bezie­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Juni 2019 – III ZR 93/​18

  1. LG Frank­furt (Oder), Ver­säum­nis­ur­teil vom 30.12.2016 und Urteil vom 05.05.2017 – 11 O 312/​16
  2. OLG Bran­den­burg, Urteil vom 17.04.2018 – 2 U 21/​17
  3. in der Fas­sung des Sechs­ten Geset­zes zur Ände­rung des Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes