Die Zustän­dig­keit des Urkunds­be­am­ten beim Ober­ver­wal­tungs­ge­richt

Die Zustän­dig­keit des Urkunds­be­am­ten des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg ist auch dann gege­ben, wenn der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof wäh­rend eines anhän­gi­gen Beru­fungs­ver­fah­rens als Gericht der Haupt­sa­che über einen Antrag nach § 80 Abs. 5 Satz 1 VwGO ent­schei­det und die zu erstat­ten­den Kos­ten wegen die­ses Ver­fah­rens fest­ge­setzt wer­den sol­len.

Die Zustän­dig­keit des Urkunds­be­am­ten beim Ober­ver­wal­tungs­ge­richt

So der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Kos­ten­fest­set­zungs­an­trag, der mit der Begrün­dung abge­lehnt wor­den ist, das Ver­wal­tungs­ge­richt sei i.S.v. § 164 VwGO auch dann Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges, wenn der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof wäh­rend eines anhän­gi­gen Beru­fungs­ver­fah­rens als Gericht der Haupt­sa­che über einen Antrag nach § 80 Abs. 5 Satz 1 VwGO ent­schie­den hat, der zuvor nicht beim Ver­wal­tungs­ge­richt anhän­gig war. Zustän­dig für die Kos­ten­fest­set­zung sei des­halb der Urkunds­be­am­te des Ver­wal­tungs­ge­richts, nicht der Urkunds­be­am­te des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs 1.

Dem ist der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg nicht gefolgt: Nach sei­ner Auf­fas­sung ist das Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges i.S.v. § 164 VwGO in der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on viel­mehr der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof. Zustän­dig für die Kos­ten­fest­set­zung ist mit­hin der Urkunds­be­am­te des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs 2.

Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges im Sin­ne des § 164 VwGO ist unstrei­tig das gemäß §§ 45, 48, 50 VwGO 3 sach­lich zustän­di­ge und funk­tio­nell (instan­zi­ell) im ers­ten, gege­be­nen­falls auch ein­zi­gen Rechts­zug ent­schei­den­de Ver­wal­tungs­ge­richt, Ober­ver­wal­tungs­ge­richt oder Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt. Die Bestim­mung der sach­li­chen und funk­tio­nel­len (instan­zi­el­len) Zustän­dig­keit nach die­sen Vor­schrif­ten gilt für Haupt­sa­che­ver­fah­ren wie auch für Eil­ver­fah­ren 4.

Auch wenn der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof wäh­rend eines anhän­gi­gen Beru­fungs­ver­fah­rens über einen Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO ent­schie­den hat, der zuvor nicht beim Ver­wal­tungs­ge­richt anhän­gig war, liegt wie in den Fäl­len der §§ 45, 48 und 50 VwGO eine Ent­schei­dung des sach­lich zustän­di­gen und funk­tio­nell (instan­zi­ell) im ers­ten Rechts­zug ent­schei­den­den Gerichts vor. Zu unter­schei­den sind Haupt­sa­che- und Eil­ver­fah­ren. Sach­li­che und funk­tio­nel­le (instan­zi­el­le) Zustän­dig­keit des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs als Beru­fungs­ge­richt im Haupt­sach­ver­fah­ren, in dem im ers­ten Rechts­zug gem. § 45 VwGO das Ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­den hat, erge­ben sich aus § 46 Nr. 1 VwGO. Die sach­li­che Zustän­dig­keit des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs für den Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO folgt aus § 80 Abs. 5 Satz 1 VwGO als Gericht der im Beru­fungs­ver­fah­ren befind­li­chen Haupt­sa­che. Die sach­li­che Zustän­dig­keit im Eil­ver­fah­ren wird also an die jewei­li­ge sach­li­che Zustän­dig­keit im Haupt­sach­ver­fah­ren geknüpft. Damit ist aber kei­ne Aus­sa­ge über die funk­tio­nel­le (instan­zi­el­le) Zustän­dig­keit im Eil­ver­fah­ren ver­bun­den. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ent­schei­det über den Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO nicht als Beru­fungs­ge­richt, son­dern wird viel­mehr funk­tio­nal erst­in­stanz­lich tätig 5. Aus § 123 Abs. 2 Satz 1 und 2 VwGO folgt nichts ande­res. Danach ist für den Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung nach § 123 VwGO das Gericht der Haupt­sa­che zustän­dig. Dies ist das Gericht des ers­ten Rechts­zugs und, wenn die Haupt­sa­che im Beru­fungs­ver­fah­ren anhän­gig ist, das Beru­fungs­ge­richt. Soweit dar­in für die Bestim­mung der sach­li­chen Zustän­dig­keit für einen Antrag nach § 123 VwGO nicht (nur) wie in § 80 Abs. 5 Satz 1 VwGO an die jewei­li­ge sach­li­che Zustän­dig­keit im Haupt­sa­che­ver­fah­ren ange­knüpft wird, son­dern (auch) auf funk­tio­nel­le (instan­zi­el­le) Zustän­dig­kei­ten abge­stellt wird, bezieht sich auch dies nach Wort­laut und Sys­te­ma­tik der Rege­lung auf die Funk­ti­on im Haupt­sa­che­ver­fah­ren, nicht im Eil­ver­fah­ren. Aus § 123 Abs. 2 Satz 2 VwGO folgt mit­hin nicht, dass der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof, weil er (im Haupt­sach­ver­fah­ren) Beru­fungs­ge­richt ist, und § 123 Abs. 2 Satz 2 VwGO (für das Haupt­sa­che­ver­fah­ren) zwi­schen Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges und Beru­fungs­ge­richt unter­schei­det, im Ver­fah­ren nach § 123 VwGO nicht Gericht ers­ter Instanz sein kann.

Auch aus Sinn und Zweck des § 164 VwGO, bei Betei­li­gung meh­re­rer Instan­zen das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren beim Gericht des ers­ten Rechts­zu­ges zu kon­zen­trie­ren, ergibt sich nichts für eine Zustän­dig­keit des Ver­wal­tungs­ge­richts 6. Denn die mit die­ser Kon­zen­tra­ti­ons­wir­kung ver­bun­de­nen Vor­tei­le erge­ben sich hier, anders als in dem Fall, dass bei einem über meh­re­re Instan­zen geführ­ten Ver­fah­ren in mehr als einer Instanz ange­fal­le­ne, erstat­tungs­fä­hi­ge Kos­ten fest­ge­setzt wer­den sol­len, nicht. In die­ser Kon­stel­la­ti­on wird der Erstat­tungs­gläu­bi­ger nicht dar­auf ver­wie­sen, die Fest­set­zung der jewei­li­gen Kos­ten in der ein­zel­nen Instanz gel­tend zu machen. Aus­rei­chend ist viel­mehr grund­sätz­lich ein Antrag. Hier­durch wird zugleich eine ein­heit­li­che und gleich­zei­ti­ge Ent­schei­dung über alle gel­tend gemach­ten Kos­ten ermög­licht. Die Kon­zen­tra­ti­ons­wir­kung des § 164 VwGO ver­mei­det dabei zugleich ansons­ten denk­ba­re Dop­pel­prü­fun­gen durch meh­re­re Kos­ten­fest­set­zungs­stel­len bzw. das Erfor­der­nis der Koor­di­nie­rung die­ser Stel­len. Dem­ge­gen­über zeich­net sich die vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on dadurch aus, dass, unab­hän­gig davon, ob das Ver­wal­tungs­ge­richt oder der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof für die Kos­ten­fest­set­zung in dem Eil­ver­fah­ren zustän­dig ist, fak­tisch eine geson­der­te Antrag­stel­lung und eine geson­der­te Kos­ten­fest­set­zung erfol­gen, weil in den sel­tens­ten Fäl­len gleich­zei­tig mit der Kos­ten­fest­set­zung im Eil­ver­fah­ren auch die Kos­ten­fest­set­zung für das Haupt­sa­che­ver­fah­ren erfol­gen kann und soll. Auch ergibt sich wegen der Eigen­stän­dig­keit von Haupt­sa­che­ver­fah­ren und Eil­ver­fah­ren kei­ne Effi­zi­enz­stei­ge­rung durch Ver­mei­dung von Dop­pel­prü­fun­gen. Müs­sen aber im Regel­fall zwei Anträ­ge gestellt und zwei getrenn­te Ver­fah­ren durch­ge­führt wer­den, ist mit einer Zustän­dig­keits­kon­zen­tra­ti­on kein Vor­teil in der Sache ver­bun­den.

Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg über­trägt die erneu­te Ent­schei­dung über den Kos­ten­fest­set­zungs­an­trag dem Urkunds­be­am­ten des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs (§ 173 VwGO i.V.m. §§ 573 Abs. 1 Satz 3, 572 Abs. 3 ZPO 7).

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 4. Sep­tem­ber 2012 – 6 S 697/​12

  1. VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 13.03.2012 – 6 S 2688/​11[]
  2. wie hier Neu­mann, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 3 Aufl., § 164 Rn 35; Wysk, VwGO, § 164 Rn 8; wohl auch Gei­ger, in: Eyer­mann, VwGO, 13. Aufl., § 164 Rn 4; Kun­ze, in: Posser/​Wolff, VwGO, § 164 Rn 2; die­se Auf­fas­sung dürf­te auch dem Beschluss des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 27.07.2003 – 7 K St 6/​03, – 7 VR 1/​02 zugrun­de lie­gen; a. A. VGH Bad.-Württ., Beschluss vom 18.11.1977 – V 463/​77; OVG Lüne­burg, Beschluss vom 05.02.1986 – 3 OVG.D2/85, RPfl 1986, 319; Olbertz, in: Schoch­/­Schmidt-Aßman­n/Pietz­ner, VwGO, § 164 Rn 9; zu der von der Ent­schei­dung des VGH Baden-Württ. abwei­chen­den Hand­ha­bung des § 149 Abs. 1 FGO vgl. BFH, Beschluss vom 03.02.2007 – VI S 22/​05, BFHE 220, 8 m.w.N. zur eben­falls abwei­chen­den Kom­men­tar­li­te­ra­tur zu § 104 Abs. 1 Satz 1 ZPO und § 197 Abs. 1 Satz 1 SGG[]
  3. zu § 47 VwGO vgl. Zie­kow, in: Sodan/​Ziekow, VwGO, 3. Aufl., § 45 Rn 9[]
  4. vgl. Wysk, a.a.O., § 45 Rn. 3; Bader u.a., VwGO, 5. Aufl., § 48 Rn. 4; Schmidt, in: Eyer­mann, a.a.O., § 50 Rn. 9[]
  5. vgl. BFH, a.a.O., m.w.N.[]
  6. so aber VGH Bad.-Württ., a.a.O.[]
  7. vgl. VGH Mün­chen, Beschluss vom 03.12.2003 – 1 N 01.1845, NVwZ-RR 2004, 309[]