Gemein­schafts­schu­len – der vor­geb­li­che Schul­ver­such

Die Errich­tung von "Gemein­schafts­schu­len" in Nord­rhein-West­fa­len setzt eine Ände­rung des Schul­ge­set­zes vor­aus. Die Schul­ver­suchser­mäch­ti­gung in die­sem Gesetz ist hier­für kei­ne aus­rei­chen­de Rechts­grund­la­ge. Mit die­ser Begrün­dung gab jetzt das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len in Müns­ter – wie in der Vor­in­stanz bereits das Ver­wal­tungs­ge­richt Arns­berg – zwei Eil­an­trä­gen der Städ­te Atten­dorn und Len­ne­stadt gegen die in der Nach­bar­stadt geplan­ten Gemein­schafts­schu­le "Per­spek­tiv­schu­le Fin­nen­trop" statt und leg­te damit ein Lieb­lings­pro­jekt der neu­en rot-grü­nen Lan­des­re­gie­rung in Düs­sel­dorf vor­erst auf Eis.

Gemein­schafts­schu­len – der vor­geb­li­che Schul­ver­such

Die Geneh­mi­gung der Gemein­schafts­schu­le sei offen­sicht­lich rechts­wid­rig, beschied das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Müns­ter. Wesens­merk­mal eines Schul­ver­suchs sei, dass er der Erpro­bung von Reform­maß­nah­men die­ne. Die Schul­ver­wal­tung müs­se einen Erpro­bungs­be­darf dar­le­gen, also eine Unge­wiss­heit über die Eig­nung der Gemein­schafts­schu­le als einer neu­en Schul­form in Nord­rhein-West­fa­len, mit der län­ge­res gemein­sa­mes Ler­nen in der Sekun­dar­stu­fe I ermög­licht und trotz des demo­gra­fi­schen Wan­dels ein wohn­ort­na­hes Schul­an­ge­bot gesi­chert wer­den sol­le. Lege man die Anga­ben der Schul­ver­wal­tung zugrun­de, sei die Eig­nung der Gemein­schafts­schu­le zur Errei­chung die­ser Reform­zie­le jedoch nicht zwei­fel­haft, son­dern ste­he bereits fest.

Das Schul­mi­nis­te­ri­um habe nach­voll­zieh­bar und schlüs­sig einen Bedarf für Ände­run­gen des geglie­der­ten Schul­sys­tems dar­ge­legt, nicht aber, inwie­fern die­se Refor­men zuvor noch durch einen Schul­ver­such erprobt wer­den müss­ten. Im Gegen­teil gehe das Minis­te­ri­um selbst von der Eig­nung der Gemein­schafts­schu­le aus. In sei­nem "Leit­fa­den" hei­ße es etwa, die­se Schu­le sei "die Ant­wort" auf die dort im Ein­zel­nen beschrie­be­nen Pro­ble­me. Auch sei nicht ersicht­lich, dass das Minis­te­ri­um die Erfah­run­gen mit Gemein­schafts­schu­len in Schles­wig-Hol­stein, Ber­lin und Sach­sen ein­be­zo­gen habe. Es habe nicht erläu­tert, wel­cher Erpro­bungs­be­darf in Nord­rhein-West­fa­len trotz der Erkennt­nis­se aus die­sen Bun­des­län­dern noch bestehe.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len. Beschlüs­se vom 9. Juni 2011 – 19 B 478/​11, 19 B 479/​11