Infor­ma­ti­ons­frei­heit und die mög­li­che Ver­stim­mung der Ame­ri­ka­ner

Ob der Zugang zu amt­li­chen Infor­ma­tio­nen wegen mög­li­cher nach­tei­li­ger Aus­wir­kun­gen auf inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen abge­lehnt wer­den muss, unter­liegt einer Beur­tei­lung der zustän­di­gen Behör­de, die nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt von den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten nur ein­ge­schränkt nach­ge­prüft wer­den kann.

Infor­ma­ti­ons­frei­heit und die mög­li­che Ver­stim­mung der Ame­ri­ka­ner

Grund­sätz­lich hat nach dem Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­setz des Bun­des jeder gegen­über den Behör­den des Bun­des einen Anspruch auf Zugang zu amt­li­chen Infor­ma­tio­nen. Die­ser Anspruch ist aber unter ande­rem dann aus­ge­schlos­sen, wenn das Bekannt­wer­den der Infor­ma­ti­on nach­tei­li­ge Aus­wir­kun­gen auf inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen haben kann.

Der Klä­ger, poli­ti­scher Redak­teur eines wöchent­lich erschei­nen­den Maga­zins, begehrt von dem beklag­ten Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um auf der Grund­la­ge des Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­set­zes des Bun­des Aus­kunft über bestimm­te Flü­ge. Der Klä­ger recher­chiert unter ande­rem über die Akti­vi­tä­ten aus­län­di­scher Geheim­diens­te in Deutsch­land. Er bat das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um um Aus­künf­te über die Flug­be­we­gun­gen von 20 im Ein­zel­nen benann­ten Flug­zeu­gen mit Regis­trier­num­mern aus dem Regis­trier­staat USA im Zeit­raum vom 1. Janu­ar 2001 bis zum 31. Dezem­ber 2005. Er begehr­te Anga­ben zu den jewei­li­gen Tagen, an denen Flug­be­we­gun­gen die­ser Flug­zeu­ge statt­fan­den, den Flug­hä­fen sowie den Uhr­zei­ten der Starts und Lan­dun­gen.

Das Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um lehn­te die erbe­te­nen Aus­künf­te mit der Begrün­dung ab, die ver­lang­ten Anga­ben unter­lä­gen der Ver­trau­lich­keit, weil sie als „Ver­schluss­sa­che" ein­ge­stuft sei­en und weil fer­ner ihr Bekannt­wer­den nach­tei­li­ge Aus­wir­kun­gen auf inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen haben könn­te. Die Bun­des­re­gie­rung gehe davon aus, dass die Ver­ei­nig­ten Staa­ten es als uner­wünscht ansä­hen, wenn sie die ange­frag­ten Flug­da­ten ver­öf­fent­li­che. Die erbe­te­nen Infor­ma­tio­nen könn­ten mög­li­cher­wei­se dazu ver­wen­det wer­den, einen Zusam­men­hang zwi­schen den Flug­be­we­gun­gen bestimm­ter Flug­zeu­ge sowie behaup­te­ter Ent­füh­run­gen ter­ror­ver­däch­ti­ger Per­so­nen und deren Trans­port an geheim gehal­te­ne Orte durch die CIA, den ame­ri­ka­ni­schen Aus­lands­nach­rich­ten­dienst, her­zu­stel­len. Wür­den die erbe­te­nen Infor­ma­tio­nen amt­lich frei­ge­ge­ben, sei zu befürch­ten, dass dies die gute Zusam­men­ar­beit mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gefähr­de.

Die Kla­ge des Klä­gers ist in bei­den Vor­in­stan­zen, sowohl beim Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin wie beim Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, erfolg­los geblie­ben. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg hat jedoch die Revi­si­on zur Klä­rung der Fra­ge zuge­las­sen, in wel­chem Umfang die hier von der Behör­de gel­tend gemach­ten Aus­schluss­grün­de des Infor­ma­ti­ons­frei­heits­ge­set­zes (Ein­stu­fung als Ver­schluss­sa­che und nach­tei­li­ge Aus­wir­kun­gen auf inter­na­tio­na­le Bezie­hun­gen) gericht­li­cher Über­prü­fung unter­lie­gen.

Auf die Revi­si­on des Klä­gers hat nun das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt das Urteil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts auf­ge­ho­ben und die Sache wegen eines Ver­fah­rens­feh­lers zurück­ver­wie­sen.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat dabei aller­dings den recht­li­chen Ansatz des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts gebil­ligt: Für die Rege­lung der aus­wär­ti­gen Bezie­hun­gen räu­me das Grund­ge­setz der Bun­des­re­gie­rung einen grund­sätz­lich weit bemes­se­nen Spiel­raum eige­ner Gestal­tung ein. Inner­halb die­ses Spiel­raums bestim­me die Bun­des­re­gie­rung die außen­po­li­ti­schen Zie­le und die zu ihrer Errei­chung ver­folg­te Stra­te­gie. Nur mit Blick auf die­se Zie­le und die inso­weit ver­folg­te außen­po­li­ti­sche Stra­te­gie kön­ne die Fra­ge beant­wor­tet wer­den, ob sich die Bekannt­ga­be von Infor­ma­tio­nen nach­tei­lig auf die aus­wär­ti­gen Belan­ge aus­wir­ken kön­ne.

Die Zie­le der Bun­des­re­gie­rung, die Bezie­hun­gen zu den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von wei­te­ren "Ver­stim­mun­gen" der ame­ri­ka­ni­schen Sei­te frei­zu­hal­ten und die bis­he­ri­ge Zusam­men­ar­beit mit den ame­ri­ka­ni­schen Nach­rich­ten­diens­ten nicht zu beein­träch­ti­gen, hiel­ten sich in die­sem weit­ge­steck­ten und gericht­lich nicht nach­prüf­ba­ren Spiel­raum außen­po­li­ti­scher Gestal­tung. Der Ein­tritt sol­cher Nach­tei­le kön­ne nur Gegen­stand einer Pro­gno­se sein, die ihrer­seits nur in engen Gren­zen ver­wal­tungs­ge­richt­lich über­prüf­bar sei. Ob ein aus­wär­ti­ger Staat das Bekannt­wer­den einer Infor­ma­ti­on gelas­sen hin­neh­men oder hier­auf ver­stimmt reagie­ren wer­de, beru­he auf einer Ein­schät­zung der Bun­des­re­gie­rung, der eine Viel­zahl von Ein­zelein­drü­cken und ‑beob­ach­tun­gen zugrun­de lägen, die sie im diplo­ma­ti­schen Ver­kehr mit dem aus­wär­ti­gen Staat in der zurück­lie­gen­den Zeit gewon­nen habe.

Die Pro­gno­se müs­se aber auch ange­sichts spä­te­rer Umstän­de unver­än­dert trag­fä­hig sein. Dies habe das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg ver­fah­rens­feh­ler­haft nicht aus­rei­chend geprüft. Der Klä­ger habe im Beru­fungs­ver­fah­ren auf den Abschluss­be­richt des Ermitt­lungs­be­auf­trag­ten beim 1. Unter­su­chungs­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges vom 31. März 2008 hin­ge­wie­sen. Die­ser Abschluss­be­richt hal­te aus­drück­lich fest, dass es ein Pro­gramm der CIA zur Ent­füh­rung mut­maß­li­cher Ter­ro­ris­ten auch nach Aus­sa­gen des Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten gebe und zwei von der CIA ver­an­lass­te Trans­por­te gefan­ge­ner Ver­däch­ti­ger über deut­sches Staats­ge­biet statt­ge­fun­den hät­ten, wobei Flug­zeu­ge zum Ein­satz gekom­men sei­en, die in dem Aus­kunfts­er­su­chen des Klä­gers genannt sei­en. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg sei auf die­sen Vor­trag des Klä­gers nicht ein­ge­gan­gen, obwohl sich ihm die Fra­ge hät­te auf­drän­gen müs­sen, wie die Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf die Her­aus­ga­be die­ses Unter­su­chungs­be­rich­tes reagiert haben und ob die Her­aus­ga­be wei­te­rer für sich neu­tra­ler Daten über Flug­be­we­gun­gen durch die Bun­des­re­gie­rung über­haupt noch geeig­net ist, "Ver­stim­mun­gen" der USA aus­zu­lö­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 29. Okto­ber 2009 – 7 C 22.08