Inlän­di­sche Jugenhil­fe­maß­nah­me für Deut­sche im Aus­land

Auch wenn die Jugend­hil­fe­maß­nah­me tat­säch­lich in einer inlän­di­schen Ein­rich­tung erbracht wird, kön­nen trotz­dem Leis­tun­gen an Deut­sche im Aus­land vor­lie­gen. Dies gilt jeden­falls dann, wenn sich der für die Hil­fe zur Erzie­hung anspruchs­be­rech­tig­te Eltern­teil und das Kind oder der Jugend­li­che sowohl im Zeit­punkt der Ent­schei­dung über die Hil­fe­ge­wäh­rung als auch bis unmit­tel­bar vor Hil­fe­be­ginn im Aus­land auf­hiel­ten.

Inlän­di­sche Jugenhil­fe­maß­nah­me für Deut­sche im Aus­land

In dem hier vom Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver ent­schie­de­nen Fall steht dem kla­gen­den Land kein Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch auf Rück­erstat­tung von Jugend­hil­fe­leis­tun­gen gegen den Beklag­ten zu. Als Anspruchs­grund­la­ge kommt nur § 89c Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 86d SGB VIII in Betracht. Die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Vor­schrift sind nicht erfüllt, denn der Anspruch steht nur dem­je­ni­gen zu, der – ohne ori­gi­när zustän­dig zu sein – im Rah­men einer Ver­pflich­tung nach § 86d SGB VIII tätig gewor­den ist. Eine Ver­pflich­tung zum vor­läu­fi­gen Tätig­wer­den nach § 86d SGB VIII besteht aber nur dann, wenn die ört­li­che Zustän­dig­keit nicht fest­steht oder der zustän­di­ge ört­li­che Trä­ger nicht tätig wird. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des kla­gen­den Lan­des lag eine Ver­pflich­tung zum vor­läu­fi­gen Tätig­wer­den nach die­ser Vor­schrift nicht vor. Viel­mehr war das kla­gen­de Land für die Jugend­hil­fe­leis­tung selbst sach­lich und ört­lich zustän­dig.

Die­se ori­gi­nä­re Zustän­dig­keit ergibt sich hier aus § 85 Abs. 2 Nr. 9 SGB VIII i.V.m. § 88 Abs. 1 S. 2 SGB VIII. Nach § 85 Abs. 2 Nr. 9 SGB VIII ist für die Gewäh­rung von Leis­tun­gen an Deut­sche im Aus­land der über­ört­li­che Trä­ger sach­lich zustän­dig, sofern es sich nicht um die Fort­set­zung einer bereits im Inland gewähr­ten Leis­tung han­delt. Hier han­delt es sich um eine erst­ma­li­ge Hil­fe­ge­wäh­rung und damit um Hil­fe für Deut­sche im Aus­land i.S.d. § 6 Abs. 3 SGB VIII.

Zwar lässt sich dem Wort­laut die­ser Vor­schrift nicht ein­deu­tig ent­neh­men, dass Leis­tun­gen an Deut­sche im Aus­land schon dann vor­lie­gen, wenn sich der anspruchs­be­rech­tig­te Eltern­teil im Aus­land auf­hält 1. Dar­auf kommt es hier jedoch nicht ent­schei­dend an, da sich sowohl die allein sor­ge­be­rech­tig­te Mut­ter als Inha­be­rin des Anspruchs auf Hil­fe zur Erzie­hung als auch die Toch­ter in dem Zeit­punkt, in dem über die Gewäh­rung der Hil­fe zur Erzie­hung ent­schie­den wur­de 2, in Rumä­ni­en auf­hiel­ten. Dabei ist nicht auf die Erstel­lung eines Bewil­li­gungs­be­schei­des, son­dern auf den Zeit­punkt abzu­stel­len, in wel­chem die Ent­schei­dung getrof­fen wur­de, Melis­sa in einer Erzie­hungs­stel­le des CJD Jugend­hil­fe­ver­bun­des Elze unter­zu­brin­gen. Ein tat­säch­li­cher Auf­ent­halt des Kin­des in Deutsch­land und damit ein Anknüp­fungs­punkt inner­halb Deutsch­lands war zu die­sem Zeit­punkt nicht gege­ben 3.

Die ört­li­che Zustän­dig­keit des kla­gen­den Lan­des ergibt sich aus § 88 Abs. 1 Satz 2 SGB VIII. Danach ist das Land Ber­lin zustän­dig, wenn – wie hier – der Geburts­ort des jun­gen Men­schen im Aus­land liegt. Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus §§ 86ff. SGB VIII, denn die­se Vor­schrif­ten set­zen sämt­lich einen wenigs­tens ansatz­wei­se erkenn­ba­ren Anknüp­fungs­punkt inner­halb Deutsch­land vor­aus, der hier nicht ersicht­lich ist.

Des­halb bedarf auch die Fra­ge, ob es sich bei § 88 SGB VIII um eine abschlie­ßen­de Son­der­re­ge­lung han­delt, die den Rück­griff auf §§ 86 ff. SGB VIII ver­bie­tet 4 oder ob die Zustän­dig­keits­re­ge­lun­gen der §§ 86 ff. SGB VIII vor­ran­gig sind und § 88 SGB VIII erst dann zum Tra­gen kommt, wenn ein Anknüp­fungs­punkt inner­halb Deutsch­lands nicht vor­han­den ist 5 hier kei­ner Ent­schei­dung.

Schließ­lich ist der Beklag­te auch nicht vom Zeit­punkt der Unter­brin­gung Melis­sas in der Erzie­hungs­stel­le des CJD Jugend­hil­fe­ver­bun­des Elze an zustän­dig gewor­den.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des kla­gen­den Lan­des kann die Aus­übung des Wunsch- und Wahl­rechts nicht dazu füh­ren, dass ent­ge­gen der gesetz­li­chen Rege­lung statt des über­ört­li­chen Jugend­hil­fe­trä­gers bzw. hier des Lan­des Ber­lin ein ört­li­cher Jugend­hil­fe­trä­ger, in des­sen Bereich die Jugend­hil­fe­leis­tung tat­säch­lich erbracht wird, sach­lich zustän­dig und infol­ge­des­sen kos­ten­er­stat­tungs­pflich­tig wird.

Auch auf die ört­li­che Zustän­dig­keit wirkt sich die Aus­übung des Wunsch- und Wahl­rechts nicht aus. Nach der Sys­te­ma­tik des SGB VIII spielt der Ort der Leis­tungs­er­brin­gung, der auch im Fall der Gewäh­rung von Leis­tun­gen an Deut­sche im Aus­land durch­aus im Inland lie­gen kann 6 im Rah­men der Zustän­dig­keits­vor­schrif­ten der §§ 85 ff. SGB VIII kei­ne Rol­le. Dies ergibt sich aus der kla­ren gesetz­li­chen Rege­lung in § 89e SGB VIII, wonach der Jugend­hil­fe­trä­ger des Ortes, an dem die Leis­tung erbracht wird, nicht zustän­dig wird (sogen. Schutz der Ein­rich­tungs­or­te). Dies gilt unein­ge­schränkt auch für Leis­tun­gen an Deut­sche im Aus­land im Sin­ne des § 6 Abs. 3 SGB VIII. Ein Kos­ten­er­stat­tungs­ver­fah­ren ist in die­sem Fall nicht vor­ge­se­hen. Die Zustän­dig­keit im Sin­ne des § 88 SGB VIII ist so ange­legt, dass damit zugleich auch die end­gül­ti­ge Kos­ten­tra­gung ver­bun­den ist 7.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Urteil vom 22. Juli 2011 – 3 A 3879/​08

  1. so aber Nds. OVG, Urteil vom 20.01.2009 – 4 LC 28/​09[]
  2. vgl. dazu Wies­ner, SGB VIII, 3. A., § 6 Rdnr. 3[]
  3. vgl. dazu VG des Saar­lan­des, Urteil vom 22.08.2008 – 11 K 90/​07; VG Aachen, Urteil vom 29.12.2009 – 2 K 1028/​06[]
  4. so Schell­horn in Schellhorn/​Fischer/​Mann, SGB VIII, 3. A., § 88 Rdnr. 5[]
  5. so wohl die über­wie­gen­de Mei­nung, vgl. dazu DIJUF Rechts­gut­ach­ten, Jugend­amt 2008, S. 420 ff.; VG Aachen, a.a.O.; Nds. OVG, Beschluss vom 12.05.2011 – 4 LC 28/​09[]
  6. vgl. dazu Wies­ner, SGB VIII, 3. A., § 6 Anm. 3; VG Mün­chen, Urteil vom 27.11.2002 – M 18 K 00.306, EuG 59, 205 ff[]
  7. vgl. dazu Schell­horn, a.a.O., § 6 Anm. 25[]