Karls­ru­he – und die tür­ki­sche Wahl­pro­pa­gan­da

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blieb eine vor­nehm­lich gegen den Auf­tritt des tür­ki­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Yil­dirim am 18.02.2017 in Ober­hau­sen gerich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de ohne Erfolg, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung an.

Karls­ru­he – und die tür­ki­sche Wahl­pro­pa­gan­da

Zwar haben Staats­ober­häup­ter und Mit­glie­der aus­län­di­scher Regie­run­gen, wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­drück­lich betont, weder von Ver­fas­sungs wegen noch nach einer all­ge­mei­nen Regel des Völ­ker­rechts einen Anspruch auf Ein­rei­se in das Bun­des­ge­biet und kön­nen sich in ihrer amt­li­chen Eigen­schaft auch nicht auf Grund­rech­te beru­fen. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de war nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts jedoch unzu­läs­sig, da der Beschwer­de­füh­rer nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­ge­legt hat, dass er selbst betrof­fen ist.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de[↑]

Der Beschwer­de­füh­rer wen­det sich dage­gen, dass die Bun­des­re­gie­rung es dem tür­ki­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Yil­dirim ermög­licht habe, am 18.02.2017 in Ober­hau­sen für eine nach sei­ner Auf­fas­sung demo­kra­tie­feind­li­che Ver­fas­sungs­än­de­rung in der Repu­blik Tür­kei zu wer­ben, sowie gegen wei­te­re im Zusam­men­hang mit die­ser beab­sich­tig­ten Ver­fas­sungs­re­form ste­hen­de öffent­li­che Auf­trit­te von Regie­rungs­mit­glie­dern der Repu­blik Tür­kei in Deutsch­land.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist unzu­läs­sig, weil der Beschwer­de­füh­rer nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­ge­legt hat, dass er durch die nicht näher bezeich­ne­ten Maß­nah­men bezie­hungs­wei­se Unter­las­sun­gen der Bun­des­re­gie­rung selbst betrof­fen ist.

Auf­trit­te frem­der Staats­ober­häup­ter und Minis­ter[↑]

Zwar haben Staats­ober­häup­ter und Mit­glie­der aus­län­di­scher Regie­run­gen weder von Ver­fas­sungs wegen noch nach einer all­ge­mei­nen Regel des Völ­ker­rechts im Sin­ne von Art. 25 GG einen Anspruch auf Ein­rei­se in das Bun­des­ge­biet und die Aus­übung amt­li­cher Funk­tio­nen in Deutsch­land. Hier­zu bedarf es der – aus­drück­li­chen oder kon­klu­den­ten – Zustim­mung der Bun­des­re­gie­rung, in deren Zustän­dig­keit für aus­wär­ti­ge Ange­le­gen­hei­ten eine sol­che Ent­schei­dung gemäß Art. 32 Abs. 1 GG fällt 1. Soweit aus­län­di­sche Staats­ober­häup­ter oder Mit­glie­der aus­län­di­scher Regie­run­gen in amt­li­cher Eigen­schaft und unter Inan­spruch­nah­me ihrer Amts­au­to­ri­tät in Deutsch­land auf­tre­ten, kön­nen sie sich nicht auf Grund­rech­te beru­fen. Denn bei einer Ver­sa­gung der Zustim­mung wür­de es sich nicht um eine Ent­schei­dung eines deut­schen Hoheits­trä­gers gegen­über einem aus­län­di­schen Bür­ger han­deln, son­dern um eine Ent­schei­dung im Bereich der Außen­po­li­tik, bei der sich die deut­sche und die tür­ki­sche Regie­rung auf der Grund­la­ge des Prin­zips der sou­ve­rä­nen Gleich­heit der Staa­ten (Art. 2 Nr. 1 der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen) begeg­nen.

Feh­len­de Beschwer­de­be­fug­nis[↑]

Der Beschwer­de­füh­rer hat jedoch nicht sub­stan­ti­iert dar­ge­legt, dass er durch die ange­grif­fe­nen Maß­nah­men bezie­hungs­wei­se Unter­las­sun­gen der Bun­des­re­gie­rung selbst nach­tei­lig betrof­fen ist. Dies aber wäre Vor­aus­set­zung für eine Ver­let­zung des Beschwer­de­füh­rers in sei­ner durch Art. 2 Abs. 1 GG gewähr­leis­te­ten Frei­heit vor gesetz­lo­sem und gesetz­wid­ri­gem Zwang 2 – hier in Ver­bin­dung mit Art. 25 GG.

Soweit sich der Beschwer­de­füh­rer zur Begrün­dung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de dar­über hin­aus auf sei­ne Rech­te als deut­scher Staats­bür­ger beruft, hat er die Mög­lich­keit einer Ver­let­zung von Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG eben­falls nicht dar­ge­tan.

Zwar schützt Art. 38 Abs. 1 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 1 und Abs. 2 und Art. 79 Abs. 3 GG nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts davor, dass der Anspruch des Bür­gers auf demo­kra­ti­sche Selbst­be­stim­mung, das heißt sei­ne Mit­wir­kung an der durch Wahl bewirk­ten Legi­ti­ma­ti­on von Staats­ge­walt und sei­ne Mög­lich­keit zur Ein­fluss­nah­me auf deren Aus­übung, ent­leert wird 3. Eine sol­che Fall­kon­stel­la­ti­on liegt hier aber nicht vor. Dar­über hin­aus gewährt Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG kei­nen Anspruch auf eine all­ge­mei­ne Recht­mä­ßig­keits­kon­trol­le in Bezug auf Maß­nah­men der Regie­rung oder des Par­la­ments. Er dient nicht der inhalt­li­chen Kon­trol­le demo­kra­ti­scher Pro­zes­se, son­dern ist auf deren Ermög­li­chung gerich­tet 4.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. März 2017 – 2 BvR 483/​17

  1. vgl. BVerfGE 104, 151, 207; 131, 152, 195; Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 29.07.2016 – 15 B 876/​16 15 ff.; Jarass, in: Jarass/​Pieroth, GG, 14. Aufl.2016, Art. 32 Rn. 11[]
  2. vgl. inso­weit BVerw­GE 28, 268, 271; 54, 211, 221 ; BVerwG, Beschluss vom 02.07.1979 – 7 B 139/​79 8; Schul­ze-Fie­litz, in: Drei­er, Hrsg., GG, Bd. 1, 3. Aufl.2013, Art.19 Abs. 4 Rn. 70; Schmidt-Aßmann, in: Maunz/​Dürig, GG, Art.19 Abs. 4 Rn. 122, Juli 2014[]
  3. vgl. BVerfGE 89, 155, 172; 123, 267, 330; 134, 366, 396 Rn. 51; BVerfG, Urteil vom 21.06.2016 – 2 BvR 2728/​13 u.a. 130[]
  4. vgl. BVerfGE 129, 124, 168; 134, 366, 396 f. Rn. 52; BVerfG, Urteil vom 21.06.2016, a.a.O., Rn. 126[]