Kla­ge­ziel vs. miß­glück­ter Kla­ge­an­trag

Ma­ß­ge­bend für den Um­fang des Kla­ge­be­geh­rens ist gemäß § 88 VwGO nicht die Fas­sung des Kla­ge­an­tra­ges, son­dern das wirk­li­che Rechts­schutz­ziel, wie es sich aus dem ge­sam­ten Par­tei­vor­brin­gen, ins­be­son­de­re der Kla­ge­be­grün­dung, er­schlie­ßt. Un­be­scha­det der ge­stei­ger­ten Be­deu­tung, die der Fas­sung des Kla­ge­an­tra­ges eines an­walt­lich ver­tre­te­nen Klä­gers zu­kommt, hat das Ge­richt auch im An­walt­s­pro­zess dem wirk­li­chen Kla­ge­ziel Rech­nung zu tra­gen, so­fern die­ses ein­deu­tig von der An­trags­fas­sung ab­weicht.

Kla­ge­ziel vs. miß­glück­ter Kla­ge­an­trag

Nach § 88 VwGO darf das Gericht über das Kla­ge­be­geh­ren nicht hin­aus­ge­hen, ist aber an die Fas­sung der Anträ­ge nicht gebun­den; es hat viel­mehr das tat­säch­li­che Recht­schutz­be­geh­ren zu ermit­teln 1. Maß­ge­bend für den Umfang des Kla­ge­be­geh­rens ist das aus dem gesam­ten Par­tei­vor­brin­gen, ins­be­son­de­re der Kla­ge­be­grün­dung, zu ent­neh­men­de wirk­li­che Rechts­schutz­ziel 2. Inso­weit sind die für die Aus­le­gung von Wil­lens­er­klä­run­gen gel­ten­den Grund­sät­ze (§§ 133, 157 BGB) anzu­wen­den. Wesent­lich ist der geäu­ßer­te Par­tei­wil­le, wie er sich aus der pro­zes­sua­len Erklä­rung und sons­ti­gen Umstän­den ergibt; der Wort­laut der Erklä­rung tritt hin­ter deren Sinn und Zweck zurück 3. Neben dem Kla­ge­an­trag und der Kla­ge­be­grün­dung ist auch die Inter­es­sen­la­ge des Klä­gers zu berück­sich­ti­gen, soweit sie sich aus dem Par­tei­vor­trag und sons­ti­gen für das Gericht und den Beklag­ten als Emp­fän­ger der Pro­zess­erklä­rung erkenn­ba­ren Umstän­den ergibt 4.

Ist aber der Klä­ger bei der Fas­sung des Kla­ge­an­tra­ges anwalt­lich ver­tre­ten wor­den, kommt der Antrags­for­mu­lie­rung aller­dings gestei­ger­te Bedeu­tung für die Ermitt­lung des tat­säch­lich Gewoll­ten zu. Selbst dann darf die Aus­le­gung jedoch vom Antrags­wort­laut abwei­chen, wenn die Kla­ge­be­grün­dung, die bei­gefüg­ten Beschei­de oder sons­ti­ge Umstän­de ein­deu­tig erken­nen las­sen, dass das wirk­li­che Kla­ge­ziel von der Antrags­fas­sung abweicht.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 13. Janu­ar 2012 – 9 B 56.11

  1. BVerwG, Urteil vom 03.07.1992 – 8 C 72.90, Buch­holz 310 § 88 VwGO Nr.19 S. 4 f.; Beschlüs­se vom 05.02.1998 – 2 B 56.97, Buch­holz 310 § 88 VwGO Nr. 25 und vom 17.12.2009 – 6 B 30.09, Buch­holz 310 § 88 VwGO Nr. 38 Rn. 3[]
  2. stRspr; BVerwG, Urteil vom 03.07.1992 a.a.O.; Beschluss vom 25.06.2009 – 9 B 20.09, Buch­holz 310 § 88 VwGO Nr. 37 Rn. 2[]
  3. BVerwG, Urteil vom 27.04.1990 – 8 C 70.88, Buch­holz 310 § 74 VwGO Nr. 9 S. 5; Beschluss vom 19.06.2010 – 6 B 12.10, Buch­holz 422.2 Rund­funk­recht Nr. 55 Rn. 4[]
  4. vgl. BVerwG, Urteil vom 18.11.1982 – 1 C 62.81, Buch­holz 310 § 82 VwGO Nr. 11 S. 5 f.; Beschlüs­se vom 17.12.2009 a.a.O. und vom 19.06.2010 a.a.O.[]