Organ­streit­ver­fah­ren – und die Ver­let­zung in eige­nen Rech­ten

Ein Antrag­stel­ler muss gemäß § 64 Abs. 1 BVerfGG gel­tend machen, dass er oder das Organ, dem er ange­hört, durch eine Maß­nah­me oder Unter­las­sung des Antrags­geg­ners in sei­nen ihm durch das Grund­ge­setz über­tra­ge­nen Rech­ten und Pflich­ten ver­letzt oder unmit­tel­bar gefähr­det ist. Sind die­se Vor­aus­set­zun­gen nicht gege­ben, sind die Antrag­stel­ler inso­weit nicht antrags­be­fugt.

Organ­streit­ver­fah­ren – und die Ver­let­zung in eige­nen Rech­ten

Bei dem Organ­streit han­delt es sich um eine kon­tra­dik­to­ri­sche Par­tei­strei­tig­keit1; er dient maß­geb­lich der gegen­sei­ti­gen Abgren­zung der Kom­pe­ten­zen von Ver­fas­sungs­or­ga­nen oder ihren Tei­len in einem Ver­fas­sungs­rechts­ver­hält­nis, nicht hin­ge­gen der Kon­trol­le der objek­ti­ven Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit eines bestimm­ten Organ­han­delns2. Kern des Organ­streit­ver­fah­rens ist auf Sei­ten des Antrag­stel­lers die Durch­set­zung von Rech­ten3. Der Organ­streit eröff­net daher nicht die Mög­lich­keit einer objek­ti­ven Bean­stan­dungs­kla­ge4. Für eine all­ge­mei­ne oder umfas­sen­de, von eige­nen Rech­ten des Antrag­stel­lers los­ge­lös­te, abs­trak­te Kon­trol­le der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer ange­grif­fe­nen Maß­nah­me ist im Organ­streit kein Raum5. Das Grund­ge­setz kennt kei­nen all­ge­mei­nen Geset­zes- oder Ver­fas­sungs­voll­zie­hungs­an­spruch, auf den die Organ­kla­ge gestützt wer­den könn­te6. Auch eine Respek­tie­rung sons­ti­gen (Verfassungs-)Rechts kann im Organ­streit nicht erzwun­gen wer­den; er dient allein dem Schutz der Rech­te der Staats­or­ga­ne im Ver­hält­nis zuein­an­der, nicht aber einer all­ge­mei­nen Ver­fas­sungs­auf­sicht7.

Mit Rech­ten im Sin­ne des § 64 Abs. 1 BVerfGG sind allein die­je­ni­gen Rech­te gemeint, die dem Antrag­stel­ler zur aus­schließ­lich eige­nen Wahr­neh­mung oder zur Mit­wir­kung über­tra­gen sind oder deren Beach­tung erfor­der­lich ist, um die Wahr­neh­mung sei­ner Kom­pe­ten­zen und die Gül­tig­keit sei­ner Akte zu gewähr­leis­ten8. Im Organ­streit kann der ein­zel­ne Abge­ord­ne­te die Ver­let­zung oder Gefähr­dung jedes Rechts, das mit sei­nem Sta­tus ver­fas­sungs­recht­lich ver­bun­den ist, gel­tend machen9. Das sind grund­sätz­lich aus­schließ­lich die Rech­te, die sich aus sei­ner organ­schaft­li­chen Stel­lung im Sin­ne des Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG erge­ben10.

Für die Zuläs­sig­keit eines Organ­streit­ver­fah­rens erfor­der­lich, aber auch aus­rei­chend ist es, dass die von dem Antrag­stel­ler behaup­te­te Ver­let­zung oder unmit­tel­ba­re Gefähr­dung sei­ner ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te unter Beach­tung der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be nach dem vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halt mög­lich erscheint11.

Nach die­sen Maß­stä­ben haben die Antrag­stel­ler im hier ent­schie­de­nen Fall die Mög­lich­keit einer Ver­let­zung von organ­streit­fä­hi­gen Sta­tus­rech­ten als Abge­ord­ne­te nicht dar­ge­tan. Dies gilt sowohl hin­sicht­lich eines Ver­sto­ßes gegen Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG als auch hin­sicht­lich eines Ver­sto­ßes gegen Art. 97 Abs. 1 GG und das in Art.20 Abs. 1 GG zum Aus­druck kom­men­de Demo­kra­tie­prin­zip.

Soweit die Antrag­stel­ler eine Ver­let­zung ihrer Sta­tus­rech­te aus Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG dar­in sehen, dass der Prä­si­dent des Deut­schen Bun­des­ta­ges das Ergeb­nis der Wahl zum Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bekannt gege­ben hat, sind sie nicht antrags­be­fugt. Dies gilt sowohl hin­sicht­lich eines von den Antrag­stel­lern gefor­der­ten all­ge­mei­nen Infor­ma­ti­ons­rechts als auch im Hin­blick auf die von ihnen gerüg­ten Ver­stö­ße gegen §§ 44a, 44b AbgG.

Die Mög­lich­keit einer Ver­let­zung in einem von den Antrag­stel­lern in Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG ver­or­te­ten Sta­tus­recht, über sämt­li­che, den Wahl­kan­di­da­ten betref­fen­den per­sön­li­chen Umstän­de, ins­be­son­de­re sol­che finan­zi­el­ler Art, umfas­send infor­miert zu wer­den, ist nicht dar­ge­tan.

Zwar erge­ben sich aus dem Sta­tus eines Abge­ord­ne­ten umfang­rei­che Fra­ge- und Infor­ma­ti­ons­rech­te im Ver­hält­nis zu der vom Par­la­ment getra­ge­nen Regie­rung12. Auch gebie­tet es das Wesen des Bun­des­ta­ges als Ver­tre­tung des Vol­kes, in der die Fra­gen der Staats­füh­rung, ins­be­son­de­re der Gesetz­ge­bung, in Rede und Gegen­re­de der ein­zel­nen Abge­ord­ne­ten zu erör­tern sind13, dass allen Abge­ord­ne­ten im par­la­men­ta­ri­schen Bin­nen­ver­hält­nis ein Min­dest­maß an Infor­ma­tio­nen und Erkennt­nis­sen zugäng­lich ist, das für die Wahr­neh­mung des Man­dats erfor­der­lich ist. Das im par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­ren nach Art. 42 GG gewähr­leis­te­te Maß an Öffent­lich­keit der Aus­ein­an­der­set­zung und Ent­schei­dungs­su­che eröff­net Mög­lich­kei­ten eines Aus­gleichs wider­strei­ten­der Inter­es­sen und trägt zu einer Wil­lens­bil­dung der Abge­ord­ne­ten bei, die sie in die Lage ver­setzt, die Ver­ant­wor­tung für ihre Ent­schei­dung zu über­neh­men14. Die Wil­lens­bil­dung von Abge­ord­ne­ten in der durch das Grund­ge­setz errich­te­ten par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie kann nur dann eine taug­li­che Grund­la­ge der Über­nah­me von Ent­schei­dungs­ver­ant­wor­tung sein, wenn sich die Wil­lens­bil­dung ohne Zwang in Frei­heit und Gleich­heit voll­zie­hen kann.

Danach kann ein Wahl­akt von Abge­ord­ne­ten man­gel­haft und zu bean­stan­den sein, wenn die­ser durch eine bewuss­te Falsch- oder Nicht­in­for­ma­ti­on auch im par­la­men­ta­ri­schen Bin­nen­ver­hält­nis in einem die Wil­lens­bil­dung zu ver­fäl­schen geeig­ne­ten Maße beein­flusst ist. Dazu bedarf es aber hin­rei­chend kon­kre­ter Anhalts­punk­te. Denn grund­sätz­lich ist es Auf­ga­be der Abge­ord­ne­ten, sich die für ihre Ent­schei­dun­gen und Abstim­mun­gen not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen zu beschaf­fen15.

Sol­che kon­kre­ten Anhalts­punk­te sind im vor­lie­gen­den Fall nicht ersicht­lich. Die von den Antrag­stel­lern erho­be­nen Vor­wür­fe; vom Bun­des­tags­prä­si­den­ten bewusst falsch über den Kan­di­da­ten infor­miert wor­den zu sein, sind ersicht­lich spe­ku­la­tiv und ohne äuße­ren Anlass ins Blaue hin­ein vor­ge­bracht.

Die Antrag­stel­ler kön­nen ihre Antrags­be­fug­nis auch nicht unter Hin­weis auf die von §§ 44a, 44b AbgG kon­kre­ti­sier­ten Pflich­ten von Abge­ord­ne­ten in Aus­übung ihres Man­dats begrün­den. Nur soweit ein Abge­ord­ne­ter selbst durch kon­kre­te Maß­nah­men im Zusam­men­hang mit die­sen Vor­schrif­ten in sei­nem Rechts­kreis betrof­fen ist, wie bei­spiels­wei­se bei der Auf­for­de­rung des Bun­des­tags­prä­si­den­ten, Erklä­run­gen nach § 44a Abs. 4 Satz 1 AbgG abzu­ge­ben, kann er dies­be­züg­lich eine Ver­let­zung in sei­nen Rech­ten aus Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG gel­tend machen16. Ange­sichts des ein­deu­ti­gen gesetz­ge­be­ri­schen Zwecks der §§ 44a, 44b AbgG, im Zusam­men­spiel mit den Ver­hal­tens­re­geln des Bun­des­ta­ges dem berech­tig­ten Inter­es­se der Bevöl­ke­rung nach mehr Trans­pa­renz im Par­la­ment zu die­nen und so das Ver­trau­en der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie zu stär­ken17, folgt aus ihnen kein organ­streit­fä­hi­ges Recht der Antrag­stel­ler, den Antrags­geg­ner zu 2. gegen­über einem ande­ren Abge­ord­ne­ten zur Prü­fung der Ein­hal­tung der sich aus §§ 44a, 44b AbgG erge­ben­den Anfor­de­run­gen zu ver­pflich­ten.

Der Antrag zielt damit der Sache nach dar­auf ab, die Beach­tung der ein­fach­recht­li­chen Vor­schrif­ten in der von den Antrag­stel­lern bevor­zug­ten Aus­le­gung und Reich­wei­te durch­zu­set­zen und damit – ledig­lich – das objek­ti­ve Recht zu wah­ren. Für ein sol­ches, von eige­nen Rech­ten der Antrag­stel­ler los­ge­lös­tes objek­ti­ves Bean­stan­dungs­be­geh­ren ist in dem auf die Abgren­zung gegen­sei­ti­ger ver­fas­sungs­recht­li­cher Kom­pe­tenz­sphä­ren gerich­te­ten Organ­streit­ver­fah­ren nach § 64 BVerfGG kein Raum18.

Die von den Antrag­stel­lern gerüg­ten Ver­stö­ße gegen Art.20 Abs. 1 GG und Art. 97 Abs. 1 GG wei­sen im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang kei­ne hin­rei­chen­de Bezie­hung zum organ­schaft­li­chen Sta­tus der Abge­ord­ne­ten auf. Soweit ins­be­son­de­re § 6 Abs. 1 BVerfGG wegen des Feh­lens von Offen­le­gungs- und Trans­pa­renz­pflich­ten, wie sie etwa für Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te oder poli­ti­sche Par­tei­en bestehen, für ver­fas­sungs­wid­rig gehal­ten wird, bean­stan­den die Antrag­stel­ler ledig­lich ein aus ihrer Sicht objek­ti­ves gesetz­ge­be­ri­sches Unter­las­sen, machen jedoch kei­ne sub­jek­ti­ve Ver­fas­sungs­rechts­po­si­ti­on gel­tend.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Juli 2019 – 2 BvE 4/​19

  1. vgl. BVerfGE 126, 55, 67; 138, 256, 258 f. Rn. 4; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18
  2. vgl. BVerfGE 104, 151, 193 f.; 118, 244, 257; 126, 55, 67 f.; 140, 1, 21 f. Rn. 58; 143, 1, 8 Rn. 29; 147, 31, 37 Rn. 17 f.; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18; stRspr
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18
  4. vgl. BVerfGE 118, 277, 319; 126, 55, 68; 138, 256, 259 Rn. 5; 140, 1, 21 f. Rn. 58; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18
  5. vgl. BVerfGE 73, 1, 30; 80, 188, 212; 104, 151, 193 f.; 118, 277, 318 f.; 136, 190, 192 Rn. 5; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18, unter Hin­weis auf Beth­ge, in: Maun­z/­Schmidt-Bleib­treu/Klein/­Be­th­ge, BVerfGG, § 64 Rn. 63 [Janu­ar 2017]
  7. vgl. BVerfGE 100, 266, 268; 118, 277, 319; 126, 55, 68; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18
  8. vgl. BVerfGE 68, 1, 73; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn.19
  9. vgl. BVerfGE 94, 351, 362 f.; 99, 19, 28; 104, 310, 325; 108, 251, 271 f.; 118, 277, 317
  10. vgl. BVerfGE 94, 351, 365; 99, 19, 29; 118, 277, 320
  11. vgl. BVerfGE 138, 256, 259 Rn. 6; 140, 1, 21 f. Rn. 58; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn.20; stRspr
  12. vgl. statt vie­ler BVerfGE 13, 123, 125; 146, 1, 38 Rn. 85; 147, 50, 126 Rn.195
  13. vgl. BVerfGE 136, 277, 312 f. Rn. 100
  14. vgl. BVerfGE 70, 324, 355; 112, 363, 366; 136, 277, 312 f. Rn. 100
  15. vgl. auch zur Wahl des Bun­des­prä­si­den­ten durch die Bun­des­ver­samm­lung, die eben­falls wie die Wahl der Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter „ohne Aus­spra­che” statt­fin­det, BVerfGE 136, 277, 315 f. Rn. 109
  16. vgl. BVerfGE 118, 277, 319
  17. vgl. BT-Drs. 15/​5671, S. 1, 4
  18. vgl. BVerfGE 73, 1, 30; 80, 188, 212; 104, 151, 193 f.; 118, 244, 257; 118, 277, 319; 126, 55, 67 f.; 136, 277, 304 Rn. 73; 136, 190, 192 Rn. 5; 138, 256, 259 Rn. 5; 140, 1, 21 f. Rn. 58; 143, 1, 8 Rn. 29; 147, 31, 37 Rn. 17 f.; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18