Paläs­ti­naflücht­lin­ge

Ein ver­trie­be­ner Paläs­ti­nen­ser genießt den Schutz oder Bei­stand des Hilfs­werks der Ver­ein­ten Natio­nen für Paläs­ti­naflücht­lin­ge nur dann, wenn er ihn tat­säch­lich in Anspruch nimmt, ent­schied heu­te der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on.

Paläs­ti­naflücht­lin­ge

Die Orga­ni­sa­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen hat das Hilfs­werk der Ver­ein­ten Natio­nen für Paläs­ti­naflücht­lin­ge im Nahen Osten (United Nati­ons Reli­ef and Works Agen­cy for Pales­ti­ne Refu­gees in the Near East – UNRWA) errich­tet, um den ver­trie­be­nen Paläs­ti­nen­sern Hil­fe und Bei­stand zu leis­ten, die sich im Liba­non, in Syri­en, in Jor­da­ni­en, im West­jor­dan­land (ein­schließ­lich Ost­je­ru­sa­lems) und im Gaza­strei­fen befin­den. Die Diens­te der UNRWA sind grund­sätz­lich Paläs­ti­nen­sern, die in die­sen Gebie­ten leben und infol­ge des Kon­flikts von 1948 Heim und Exis­tenz­grund­la­ge ver­lo­ren haben, sowie ihren Nach­kom­men zugäng­lich.

Die Gen­fer Kon­ven­ti­on 1 defi­niert, wer unter wel­chen Umstän­den als Flücht­ling anzu­er­ken­nen ist und was die­se Aner­ken­nung impli­ziert. Im Kon­text der Euro­päi­schen Uni­on sind die sich aus die­ser Kon­ven­ti­on erge­ben­den Ver­pflich­tun­gen in die Richt­li­nie 2004/​83 2 über­nom­men wor­den.

Nach der Gen­fer Kon­ven­ti­on fin­det der Aus­druck "Flücht­ling" auf jede Per­son Anwen­dung, die

"aus der begrün­de­ten Furcht vor Ver­fol­gung wegen ihrer Ras­se, Reli­gi­on, Natio­na­li­tät, Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe oder wegen ihrer poli­ti­schen Über­zeu­gung sich außer­halb des Lan­des befin­det, des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit sie besitzt, und den Schutz die­ses Lan­des nicht in Anspruch neh­men kann oder wegen die­ser Befürch­tun­gen nicht in Anspruch neh­men will; oder die sich als staa­ten­lo­se infol­ge sol­cher Ereig­nis­se außer­halb des Lan­des befin­det, in wel­chem sie ihren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat­te, und nicht dort­hin zurück­keh­ren kann oder wegen der erwähn­ten Befürch­tun­gen nicht dort­hin zurück­keh­ren will."

Die Kon­ven­ti­on sieht aller­dings vor, dass die­se Bestim­mun­gen kei­ne Anwen­dung auf Per­so­nen fin­den, die zur­zeit den Schutz oder Bei­stand einer Orga­ni­sa­ti­on oder einer Insti­tu­ti­on der Ver­ein­ten Natio­nen mit Aus­nah­me des Hohen Kom­mis­sars der Ver­ein­ten Natio­nen für Flücht­lin­ge (UNHCR) genie­ßen, wie z. B. der UNRWA. Ist die­ser Schutz oder die­se Unter­stüt­zung jedoch aus irgend­ei­nem Grund weg­ge­fal­len, ohne dass das Schick­sal die­ser Per­so­nen end­gül­tig gere­gelt wor­den ist, so fal­len die­se Per­so­nen ipso fac­to unter die Bestim­mun­gen die­ser Kon­ven­ti­on.

2007 reis­te Frau Nawras Bol­bol, eine staa­ten­lo­se Paläs­ti­nen­se­rin, die mit ihrem Ehe­mann den Gaza­strei­fen ver­las­sen hat­te, mit einem Visum nach Ungarn ein. Sie stell­te beim unga­ri­schen Amt für Zuwan­de­rung einen Asyl­an­trag, weil sie ange­sichts der unsi­che­ren Lage im Gaza­strei­fen wegen der täg­li­chen Zusam­men­stö­ße von Fatah und Hamas nicht dort­hin zurück­keh­ren woll­te.

Frau Bol­bol hat im Gaza­strei­fen den Schutz und den Bei­stand der UNRWA nicht in Anspruch genom­men, sie macht jedoch gel­tend, sie sei wegen ihrer Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen dazu berech­tigt gewe­sen. Als Paläs­ti­nen­se­rin, die nun­mehr außer­halb des Tätig­keits­be­reichs der UNRWA woh­ne, habe sie einen Anspruch auf unein­ge­schränk­te Aner­ken­nung als Flücht­ling. Das unga­ri­sche Amt für Zuwan­de­rung lehn­te ihren Antrag mit der Begrün­dung ab, sie habe ihren Her­kunfts­staat nicht aus Grün­den der Ras­se, der Reli­gi­on, der natio­na­len Zuge­hö­rig­keit oder poli­ti­scher Ver­fol­gung ver­las­sen und habe kei­nen Anspruch auf auto­ma­ti­sche Aner­ken­nung als Flücht­ling.

Frau Bol­bol focht die­se Ent­schei­dung vor dem F?városi Bíróság (haupt­städ­ti­sches Gericht von Buda­pest, Ungarn) an, das zu prü­fen hat, ob sich Frau Bol­bol auf die beson­de­ren Vor­schrif­ten der Kon­ven­ti­on für ver­trie­be­ne Paläs­ti­nen­ser beru­fen kann. In die­sem Zusam­men­hang möch­te das unga­ri­sche Gericht im Wege eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on wis­sen, ob eine Per­son den Schutz oder Bei­stand der UNRWA schon dann genießt, wenn sie einen Anspruch auf die­sen Schutz oder Bei­stand hat, oder ob es erfor­der­lich ist, dass sie die­sen Schutz oder Bei­stand tat­säch­lich in Anspruch nimmt.

In sei­nem heu­te ver­kün­de­ten Urteil weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst dar­auf hin, dass unter den Begriff „Paläs­ti­naflücht­ling“ jede Per­son fällt, die infol­ge des Kon­flikts von 1948 ihr Heim in Paläs­ti­na und ihre Exis­tenz­grund­la­ge ver­lo­ren hat, dass jedoch auch ande­re Per­so­nen den Bei­stand oder Schutz der UNRWA bean­spru­chen kön­nen. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof stellt ins­be­son­de­re fest, dass infol­ge spä­te­rer Feind­se­lig­kei­ten in der Regi­on wei­te­re Grup­pen von Paläs­ti­nen­sern ver­trie­ben wor­den sind, die die Hil­fe der UNRWA in Anspruch neh­men kön­nen.

Die beson­de­ren Vor­schrif­ten der Kon­ven­ti­on für ver­trie­be­ne Paläs­ti­nen­ser betref­fen jedoch nur Per­so­nen, die zur­zeit den Schutz oder Bei­stand der UNRWA genie­ßen. Folg­lich fal­len nur die Per­so­nen, die die von der UNRWA geleis­te­te Hil­fe tat­säch­lich in Anspruch neh­men, unter die­se beson­de­ren Vor­schrif­ten. Per­so­nen, die ledig­lich berech­tigt sind oder waren, den Schutz oder Bei­stand die­ses Hilfs­werks in Anspruch zu neh­men, fal­len dage­gen unter die all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten der Kon­ven­ti­on. Ihre Anträ­ge auf Aner­ken­nung als Flücht­ling sind daher indi­vi­du­ell zu prü­fen, und es kann ihnen nur im Fall einer Ver­fol­gung wegen der Ras­se, Reli­gi­on, Staats­an­ge­hö­rig­keit oder aus poli­ti­schen Grün­den statt­ge­ge­ben wer­den.

Zur Fra­ge des Nach­wei­ses der tat­säch­li­chen Inan­spruch­nah­me der Hil­fe der UNRWA stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass die Regis­trie­rung bei die­sem Hilfs­werk zwar ein aus­rei­chen­der Nach­weis ist, dass es dem Betrof­fe­nen jedoch auch mög­lich sein muss, den Nach­weis auf ande­re Wei­se zu erbrin­gen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 17. Juni 2010 – C‑31/​09 [Nawras Bolbol/​Bevándorlási és Állam­pol­gár­sági Hiva­tal]

  1. Gen­fer Abkom­men über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge vom 28. Juli 1951[]
  2. Richt­li­nie 2004/​83/​EG des Rates vom 29. April 2004 über Min­dest­nor­men für die Aner­ken­nung und den Sta­tus von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen oder Staa­ten­lo­sen als Flücht­lin­ge oder als Per­so­nen, die ander­wei­tig inter­na­tio­na­len Schutz benö­ti­gen, und über den Inhalt des zu gewäh­ren­den Schut­zes, ABl. L 304, S. 12, mit Berich­ti­gung in ABl. 2005, L 204, S. 24[]
  3. BGBl. I 2460[]