Rich­ter­vor­la­ge ans Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – und die ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung

Nach Art. 100 Abs. 1 Satz 1 GG hat ein Gericht das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­zu­ho­len, wenn es ein Gesetz, auf des­sen Gül­tig­keit es bei der Ent­schei­dung ankommt, für ver­fas­sungs­wid­rig hält. Gemäß § 80 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG ist zu begrün­den, inwie­fern die Ent­schei­dung des Gerichts von der Gül­tig­keit der Rechts­vor­schrift abhän­gig und mit wel­cher über­ge­ord­ne­ten Rechts­norm die Vor­schrift unver­ein­bar ist.

Rich­ter­vor­la­ge ans Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – und die ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung

Die­sem Begrün­dungs­er­for­der­nis genügt ein Vor­la­ge­be­schluss nur, wenn die Aus­füh­run­gen des Gerichts erken­nen las­sen, dass es sowohl die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­schrift als auch ihre Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit sorg­fäl­tig geprüft hat 1. Dabei muss das vor­le­gen­de Gericht auf nahe­lie­gen­de tat­säch­li­che und recht­li­che Gesichts­punk­te ein­ge­hen 2. Bei der Prü­fung der Ver­ein­bar­keit der ein­fach­ge­setz­li­chen Norm mit dem Grund­ge­setz hat das vor­le­gen­de Gericht vor­ran­gig eine ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung in Betracht zu zie­hen 3.

In dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren zur einer Vor­schrift des rhein­land-pfäl­zi­schen Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes (§ 10a KAG RP) sah das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die­ses als nicht erfüllt: Der Vor­la­ge­be­schluss wur­de nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts die­sen Anfor­de­run­gen jeden­falls hin­sicht­lich der Mög­lich­keit einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung von § 10a KAG RP nicht gerecht. Das vor­le­gen­de Gericht weist ledig­lich dar­auf hin, es habe in Par­al­lel­ver­fah­ren "unter aus­drück­li­cher Zurück­stel­lung sons­ti­ger ver­fas­sungs­recht­li­cher Beden­ken ver­geb­lich eine ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung (…) ver­sucht". Danach soll­te aus dem Bestehen einer ein­heit­li­chen öffent­li­chen Ein­rich­tung aus der Gesamt­heit aller zum Anbau bestimm­ten Ver­kehrs­an­la­gen gemäß § 10a Abs. 1 Satz 2 KAG RP zu schlie­ßen sein, dass die ein­zel­nen Stra­ßen nicht mehr recht­lich selb­stän­dig sind, son­dern unselb­stän­di­ge Bestand­tei­le des Anbau­stra­ßen­net­zes dar­stel­len. Eine Maß­nah­me, die für eine Ein­zel­stra­ße ohne Wei­te­res als Aus­bau zu qua­li­fi­zie­ren wäre, stel­le in Bezug auf das gesam­te Anbau­stra­ßen­netz "im Regel­fall" nur eine nicht bei­trags­fä­hi­ge Unter­hal­tungs­maß­nah­me dar. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt habe die­se Beschlüs­se aller­dings auf­ge­ho­ben und auf den not­wen­di­gen Zusam­men­hang zwi­schen Abga­ben­last und Son­der­vor­teil abge­stellt.

Die­sen ver­fas­sungs­recht­li­chen Ansatz, den auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Beschluss vom 25.06.2014 teilt, ver­folgt das vor­le­gen­de Gericht aber nicht wei­ter. Damit ver­sperrt es sich die Mög­lich­keit, den Aus­bau einer Ein­zel­stra­ße über­haupt als sol­chen zu erfas­sen, da die­ser "im Regel­fall" nur eine Unter­halts­maß­nah­me des gesam­ten Aus­bau­stra­ßen­net­zes dar­stel­le.

Die vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ver­tre­te­ne Ansicht, der Aus­bau bezie­he sich auf das gesam­te Anbau­stra­ßen­netz, betrach­tet das vor­le­gen­de Gericht "nicht mehr als ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung, denn die bis­her dar­ge­stell­ten und noch im Fol­gen­den dar­zu­stel­len­den Ver­fas­sungs­ver­stö­ße ste­hen dem ein­deu­tig ent­ge­gen". Damit lehnt das vor­le­gen­de Gericht die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Mög­lich­keit einer ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung der vor­ge­leg­ten Norm im Ergeb­nis des­halb ab, weil die Norm – in der vom vor­le­gen­den Gericht allein für rich­tig gehal­te­nen Aus­le­gung – gegen die Ver­fas­sung ver­sto­ße. Es ver­kennt, dass eine Aus­le­gungs­mög­lich­keit, die zu einem Ver­fas­sungs­ver­stoß führt, gera­de Vor­aus­set­zung der Suche nach einer ande­ren, ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung einer Vor­schrift ist 4. Es zieht gera­de nicht in Betracht, ob das Gesetz auch so aus­zu­le­gen sein könn­te, dass die ange­nom­me­nen Ver­fas­sungs­ver­stö­ße nicht mehr vor­lie­gen.

Nach dem Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 25.06.2014 ist es nun­mehr Auf­ga­be der Ver­wal­tungs­ge­rich­te, bei der Anwen­dung von § 10a KAG RP zu prü­fen, ob die Bei­trag­sat­zun­gen der Städ­te und Gemein­den die ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen erfül­len, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf das Vor­han­den­sein eines indi­vi­du­ell-kon­kret zure­chen­ba­ren, grund­stücks­be­zo­ge­nen Vor­teils der bei­trags­pflich­ti­gen Grund­stü­cke vom Anschluss an die jewei­li­ge Bei­trags­ein­heit 5.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 24. Novem­ber 2014 – 1 BvL 20/​11

  1. vgl. BVerfGE 127, 335, 355[]
  2. vgl. BVerfGE 86, 71, 78[]
  3. vgl. BVerfGE 76, 100, 105; 86, 71, 77; 126, 331, 355[]
  4. vgl. BVerfGE 112, 164, 182 f. m.w.N.[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 25.06.2014 – 1 BvR 668/​10, 1 BvR 2104/​10, NVwZ 2014, S. 1448, 1452, Rn. 66[]