Stu­den­ti­sche Mit­wir­kungs­rech­te bei der Ein­rich­tung eines neu­en Stu­di­en­gangs

Die Ein­rich­tung eines Stu­di­en­gangs ist kei­ne allei­ni­ge hoch­schul­po­li­ti­sche Ent­schei­dung, wel­che die Leh­re nicht berührt. Dafür, den Begriff der Ange­le­gen­hei­ten der Leh­re, die zu einem sog. stu­den­ti­schen Grup­pen­ve­to berech­tig­ten, eng aus­zu­le­gen, ent­hält das Hoch­schul­ge­setz des Lan­des Rhein­land-Pfalz kei­ner­lei Anhalts­punkt.

Stu­den­ti­sche Mit­wir­kungs­rech­te bei der Ein­rich­tung eines neu­en Stu­di­en­gangs

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Koblenz in dem hier vor­lie­gen­den Fall Stu­die­ren­den­ver­tre­tern im Senat der Uni­ver­si­tät Trier einen Anspruch auf die erneu­te Bera­tung über die Ein­rich­tung des neu­en Stu­di­en­gangs Pfle­ge­wis­sen­schaf­ten (Kli­ni­sche Pfle­ge) zuge­spro­chen und gleich­zei­tig ein anders lau­ten­des Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts Trier 1 von Novem­ber 2013 auf­ge­ho­ben. Der Antrag auf Ein­rich­tung des Stu­di­en­gangs war im Juni 2013 gegen die Stim­men sämt­li­cher stu­den­ti­scher Ver­tre­ter im Senat der Hoch­schu­le ange­nom­men wor­den. Unter Beru­fung auf ihre geschlos­se­ne Ableh­nung (sog. Grup­pen­ve­to) mach­ten die Klä­ger gegen­über dem Beklag­ten gel­tend, das Hoch­schul­ge­setz ver­mitt­le ihnen einen Anspruch dar­auf, dass der frag­li­che Tages­ord­nungs­punkt erneut im Senat behan­delt wird. Der Beklag­te lehn­te dies unter Hin­weis dar­auf ab, die Ein­rich­tung eines neu­en Stu­di­en­gangs betref­fe Ange­le­gen­hei­ten der Leh­re nicht unmit­tel­bar. Für die­sen Fall gebe es kei­nen Anspruch auf Neu­be­hand­lung im Senat. Nach­dem das Ver­wal­tungs­ge­richt Trier die Ein­rich­tung eines neu­en Stu­di­en­gangs nicht als Ange­le­gen­heit, die die Leh­re unmit­tel­bar berührt, ange­se­hen und daher als nicht vom stu­den­ti­schen Mit­wir­kungs­recht umfasst beur­teilt hat, haben die Klä­ger ihr Ziel vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt wei­ter ver­folgt.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Koblenz aus­ge­führt, dass bereits im Jahr 1995 erst­mals das sog. stu­den­ti­sche Grup­pen­ve­to im Hoch­schul­ge­setz des Lan­des Rhein­land-Pfalz ein­ge­führt wur­de, um die Mit­be­stim­mung der Stu­die­ren­den aus­zu­wei­ten. Dafür, den Begriff der Ange­le­gen­hei­ten der Leh­re, die zu einem Grup­pen­ve­to berech­tig­ten, eng aus­zu­le­gen, ent­hal­te das Gesetz kei­ner­lei Anhalts­punkt. Es sei im Gegen­teil so, dass im Bereich der Leh­re der Mit­wir­kung der Stu­die­ren­den ein beson­de­rer Stel­len­wert zukom­me. Sach­ge­rech­te Ent­schei­dun­gen auf dem Gebiet der Leh­re könn­ten viel­fach nur getrof­fen wer­den, wenn Erfah­run­gen und Argu­men­te von Leh­ren­den und Ler­nen­den berück­sich­tigt und aus­ge­gli­chen wür­den. Das Grup­pen­ve­to stel­le sich inso­weit als Rege­lung dar, die im Lich­te der uni­ver­si­tä­ren Selbst­ver­wal­tung und Wis­sen­schafts­frei­heit das Zusam­men­wir­ken der Grund­rechts­trä­ger inner­halb der Hoch­schu­le (Leh­ren­der und Ler­nen­der) als "kol­le­gia­le Ver­fas­sung des Hoch­schul­le­bens" ord­ne und hier­zu die Mit­wir­kung und damit die Teil­ha­be der Stu­die­ren­den in Ange­le­gen­hei­ten der Leh­re beson­ders siche­re.

Die Ein­rich­tung eines Stu­di­en­gangs sei kei­nes­falls eine allein hoch­schul­po­li­ti­sche Ent­schei­dung, wel­che die Leh­re nicht berüh­re. Im Rah­men ihrer Aus­bil­dungs­auf­ga­be oblie­ge es der Hoch­schu­le, die Rah­men­be­din­gun­gen zu set­zen, wozu ins­be­son­de­re auch die Ein­rich­tung von Stu­di­en­gän­gen gehö­re. Damit kor­re­spon­die­re ein ver­fas­sungs­mä­ßi­ges Recht der Stu­die­ren­den, in die Lage ver­setzt zu wer­den, das Ziel des Stu­di­ums auch errei­chen zu kön­nen. Die Neu­ein­rich­tung eines Stu­di­en­gangs kön­ne dabei vor allem, zumal unter dem den Hoch­schu­len auf­er­leg­ten Spar­druck, grund­sätz­lich zulas­ten einer schon bestehen­den Lern­ein­heit gehen und so die Inter­es­sen der Stu­die­ren­den in Ange­le­gen­hei­ten der Leh­re unmit­tel­bar tan­gie­ren.

Hin­zu kom­me im Fall der "Ein­füh­rung eines dua­len Stu­di­en­gangs ‚Pfle­ge­wis­sen­schaf­ten (Kli­ni­sche Pfle­ge)’ an der Uni­ver­si­tät Trier" der Umstand der beab­sich­tig­ten teil­wei­sen Finan­zie­rung die­ses neu­en Stu­di­en­gangs durch Dritt­mit­tel. Nicht zuletzt durch die­se Erschei­nungs­form einer ver­stärk­ten Öko­no­mi­sie­rung des Wis­sen­schafts­be­triebs kön­ne durch zuneh­men­de Steue­rungs­ef­fek­te, die von nicht­staat­li­chen Akteu­ren aus­ge­hen könn­ten, die Wis­sen­schafts- und Lehr­frei­heit gefähr­det wer­den. Im Modell der leis­tungs­ori­en­tier­ten Mit­tel­ver­ga­be stel­le sich die Res­sour­cen­ver­tei­lung durch­aus als ein ernst zu neh­men­des Gefähr­dungs­po­ten­ti­al für die Wis­sen­schafts­frei­heit dar. Der­ar­ti­gen struk­tu­rel­len Gefah­ren für die Wis­sen­schafts­frei­heit kön­ne begeg­net wer­den, indem in den Kol­le­gi­al­or­ga­nen der Hoch­schu­le Erfah­run­gen und Argu­men­te von Leh­ren­den und Ler­nen­den berück­sich­tigt und sach­ge­recht aus­ge­gli­chen wür­den.

Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Trier, Urteil vom 15. April 2014 – 2 A 10022/​14.OVG

  1. VG Trier, Urteil vom 20.11.2013 – 5 K 862/​13.TR[]