Tötungs­ver­bot für Ein­tags­kü­ken

Nach Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts Min­den bie­tet das Tier­schutz­ge­setz kei­ne aus­rei­chen­de Grund­la­ge für ein behörd­li­ches Ver­bot der Tötung von Ein­tags­kü­ken. Die Unter­sa­gung der in der Geflü­gel­zucht vor­zu­fin­den­den Pra­xis, wonach männ­li­che Küken aus Lege­li­ni­en getö­tet wer­den, bedarf viel­mehr einer spe­zi­al­ge­setz­li­chen Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge bedarf, die es bis­her im gel­ten­den Tier­schutz­ge­setz nicht gibt.

Tötungs­ver­bot für Ein­tags­kü­ken

Gemäß einer natio­nal wie euro­pa­weit geüb­ten Pra­xis wer­den der­zeit männ­li­che Küken aus soge­nann­ten Lege­li­ni­en – auf die Eier­pro­duk­ti­on spe­zia­li­sier­te Ras­sen – getö­tet, weil sie zur Eier­pro­duk­ti­on nicht geeig­net sind und gegen­über zu Mast­zwe­cken gezüch­te­ten Tie­ren eine ver­min­der­te Flei­sch­an­satz­leis­tung auf­wei­sen. Bun­des­weit betrifft dies jähr­lich ca. 50 Mil­lio­nen männ­li­che Küken.

Mit Erlass vom 26. Sep­tem­ber 2013 for­der­te das Minis­te­ri­um für Kli­ma­schutz, Umwelt, Land­wirt­schaft, Natur- und Ver­brau­cher­schutz des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len die zustän­di­gen Ord­nungs­be­hör­den auf, die Tötung männ­li­cher Küken aus Lege­li­ni­en im Wege einer Ord­nungs­ver­fü­gung zu unter­sa­gen. Dem kamen die nord­rhein-west­fä­li­schen Auf­sichts­be­hör­den im Dezem­ber 2013 nach und unter­sag­ten den in NRW ansäs­si­gen Brü­terei­en, ins­ge­samt 12 Betrie­ben, dem 1. Janu­ar 2015 die Tötung männ­li­cher, nicht zur Schlach­tung geeig­ne­ter Küken. Hier­ge­gen hat­ten 11 Brü­terei­en geklagt.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Min­den hat nun die Unter­sa­gungs­ver­fü­gun­gen der betrof­fe­nen Krei­se mit der Begrün­dung auf­ge­ho­ben, dass es ange­sichts des erheb­li­chen Ein­griffs in die Berufs­frei­heit der Betrei­ber von Brü­terei­en einer spe­zi­al­ge­setz­li­chen Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge bedür­fe. Die tier­schutz­recht­li­che Gene­ral­klau­sel in § 16a Abs. 1 Satz 1 TierSchG i. V. m. § 1 Satz 2 TierSchG rei­che zur Recht­fer­ti­gung des mit dem Ver­bot ein­her­ge­hen­den Ein­griffs in die Frei­heit der Berufs­wahl nicht aus.

All­ge­mei­ne ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­sät­ze ver­pflich­te­ten den par­la­men­ta­ri­schen Gesetz­ge­ber, wesent­li­che Ent­schei­dun­gen selbst zu tref­fen und sie nicht der Ver­wal­tung zu über­las­sen. Von der unter wort­glei­cher Gel­tung des Tier-schutz­ge­set­zes seit Jahr­zehn­ten sowohl im In- als auch im Aus­land übli­chen und nicht nur gedul­de­ten, son­dern sogar als gerecht­fer­tigt ange­se­he­nen Tötungs­pra­xis kön­ne nicht allein unter Hin­weis auf e ine geän­der­te gesell­schaft­li­che Bewer­tung des Tier­schut­zes abge­wi­chen wer­den. Dem stün­den die schutz­wür­di­gen Inter­es­sen der Brü­te­rei­be­trei­ber aus Art. 12 Abs. 1 GG ent­ge­gen, die der­zeit kei­ne markt­de­cken­den und pra­xis­taug­li­chen Alter­na­ti­ven zur Tötung der männ­li­chen Küken hät­ten.

Die von den beklag­ten Krei­sen ange­führ­ten alter­na­ti­ven Mög­lich­kei­ten (Geschlechts­be­stim­mung im Ei, Züch­tung eines "Zwei­nut­zungs­huhns", Ver­mark­tung der männ­li­chen Tie­re im Rah­men der sog. Bru­der­hahn-Initia­ti­ve-Deutsch­land oder als Stu­ben­kü­ken) stell­ten für die Brü­te­rei­be­trei­ber der­zeit kei­ne in der Mas­sen­tier­hal­tung pra­xis­taug­li­che oder die all­ge­mei­ne Kon­su­men­ten­nach­fra­ge decken­de Ver­fah­ren dar, so dass die Betrie­be bei einem Tötungs­ver­bot vor dem Aus stün­den. Ob dem­ge­gen­über eine gewan­del­te gesell­schaft­li­che Bewer­tung des Tier­schut­zes aus Art. 20a GG gene­rell über­wie­ge, bedür­fe einer Ent­schei­dung des par­la­men­ta­ri­schen Gesetz­ge­bers, bei der er selbst Anlass, Zweck und Gren­zen eines tier­schutz­recht­li­chen Tötungs­ver­bots regeln müs­se. An einer sol­chen Ent­schei­dung feh­le es bis­lang.

Dane­ben hät­ten die beklag­ten Krei­se bei ihrer Ent­schei­dung nicht berück­sich­tigt, dass eine Unter­sa­gung allein bezo­gen auf NRW dem ange­streb­ten Tier­schutz nur begrenzt die­ne und die mit der Tötungs­pra­xis ver­bun­de­ne Tier­schutz­pro­ble­ma­tik ledig­lich in ande­re Län­der (im Bund oder der gesam­ten Euro­päi­schen Uni­on) ver­la­ge­re. Fer­ner sei die den Brü­terei­en ein­ge­räum­te Über­gangs­frist von einem Jahr unan­ge­mes­sen kurz. Inner­halb nur eines Jah­res sei eine brei­te Nach­fra­ge von Kon­su­men­ten, die bereit wären, für Mast­häh­ne einen ent­spre­chend ihrer län­ge­ren Mast­zeit höhe­ren Preis zu zah­len, nicht zu schaf­fen.

Ver­wal­tungs­ge­richt Min­den, Urtei­le vom 30. Janu­ar 2015 – K 80/​14 und 2 K 83/​14