FFH-Ver­träg­lich­keits­prü­fung und das Kon­zept der Cri­ti­cal Loads

Ob nach dem Ergeb­nis der Vor­prü­fung erheb­li­che Beein­träch­ti­gun­gen der Erhal­tungs­zie­le von FFH-Gebie­ten durch Stick­stoff­ein­trä­ge ernst­lich zu besor­gen sind und des­halb eine FFH-Ver­träg­lich­keits­prü­fung erfor­der­lich ist [1], beant­wor­tet sich nicht nach den Luft­kon­zen­tra­ti­ons­wer­ten der TA Luft oder der 22. BIm­SchV; viel­mehr ist hier­für das Kon­zept der Cri­ti­cal Loads her­an­zu­zie­hen [2].

FFH-Ver­träg­lich­keits­prü­fung und das Kon­zept der Cri­ti­cal Loads

Nach § 34 Abs. 1 Satz 1 HeN­atG in der sei­ner­zeit gel­ten­den Fas­sung sind Pro­jek­te vor ihrer Zulas­sung oder Durch­füh­rung auf ihre Ver­träg­lich­keit mit den Erhal­tungs­zie­len eines Natu­ra-2000-Gebiets zu prü­fen. Ergibt die Prü­fung der Ver­träg­lich­keit, dass das Pro­jekt ins­be­son­de­re nach Maß­ga­be der Kri­te­ri­en des Anhangs 1 der Richt­li­nie 2004/​35/​EG zu erheb­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen eines Natu­ra-2000-Gebiets in sei­nen für die Erhal­tungs­zie­le oder den Schutz­zweck maß­geb­li­chen Bestand­tei­len füh­ren kann, ist es unzu­läs­sig (§ 34 Abs. 2 HeN­atG).

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist eine FFH-Ver­träg­lich­keits­prü­fung erfor­der­lich, wenn und soweit der­ar­ti­ge Beein­träch­ti­gun­gen nicht offen­sicht­lich aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, also zumin­dest ver­nünf­ti­ge Zwei­fel am Aus­blei­ben von erheb­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen bestehen [3]. Der eigent­li­chen Ver­träg­lich­keits­prü­fung ist eine Vor­prü­fung bzw. Erheb­lich­keits­ein­schät­zung vor­ge­schal­tet. Die bei der Vor­prü­fung (sog. Scree­ning) anzu­le­gen­den Maß­stä­be sind nicht iden­tisch mit den Maß­stä­ben für die Ver­träg­lich­keits­prü­fung selbst. Bei der Vor­prü­fung ist nur zu unter­su­chen, ob erheb­li­che Beein­träch­ti­gun­gen des Schutz­ge­biets ernst­lich zu besor­gen sind. Erst wenn das zu beja­hen ist, schließt sich die Ver­träg­lich­keits­prü­fung mit ihren Anfor­de­run­gen an den die­se Besorg­nis aus­räu­men­den natur­schutz­fach­li­chen Gegen­be­weis an [4].

Ob erheb­li­che Beein­träch­ti­gun­gen der Erhal­tungs­zie­le von FFH-Gebie­ten durch Stick­stoff­de­po­si­tio­nen ernst­lich zu besor­gen sind, beant­wor­tet sich nicht nach pau­scha­len oder nur auf den Men­schen abstel­len­den Luft­kon­zen­tra­ti­ons­wer­ten der TA Luft oder der 22. (bzw. 39.) BIm­SchV. Nach der Recht­spre­chung Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts reicht für die Ver­träg­lich­keits­prü­fung und eben­so für die Vor­prü­fung der all­ge­mein zum Schutz der Vege­ta­ti­on die­nen­de Luft­kon­zen­tra­ti­ons­grenz­wert für Stick­stoff­oxi­de in § 3 Abs. 6 der 22. BIm­SchV (jetzt § 3 der 39. BIm­SchV) als ver­läss­li­cher Beur­tei­lungs­maß­stab für die je spe­zi­el­le Emp­find­lich­kei­ten auf­wei­sen­den FFH-Lebens­raum­ty­pen nicht aus. Grö­ße­re Aus­sa­ge­kraft für die Beur­tei­lung hat das Kon­zept der Cri­ti­cal Loads, das im Rah­men der UN-ECE-Luft­rein­hal­te­kon­ven­ti­on ent­wi­ckelt wor­den ist. Cri­ti­cal Loads sol­len natur­wis­sen­schaft­lich begrün­de­te Belas­tungs­gren­zen für Vege­ta­ti­ons­ty­pen oder ande­re Schutz­gü­ter umschrei­ben, bei deren Ein­hal­tung eine Luft­schad­stoff­de­po­si­ti­on auch lang­fris­tig kei­ne signi­fi­kant schäd­li­chen Effek­te erwar­ten lässt (BVerwG, Urteil vom 12.03.2008 – 9 A 3.06, BVerw­GE 130, 299 ff. = Buch­holz 451.91 EuropUm­weltR Nr. 30)). In Anbe­tracht der Unsi­cher­hei­ten, denen die Beur­tei­lung der durch ein Pro­jekt für habi­tat­recht­lich geschütz­te Lebens­räu­me her­vor­ge­ru­fe­nen Stick­stoff­be­las­tun­gen unter­liegt, ist gegen die Ver­wen­dung die­ses Kon­zepts nichts ein­zu­wen­den [5].

Dabei ist nicht allein die Zusatz­be­las­tung an den Cri­ti­cal Loads zu mes­sen. Viel­mehr ist für eine am Erhal­tungs­ziel ori­en­tier­te Beur­tei­lung der pro­jekt­be­ding­ten Zusatz­be­las­tung die Berück­sich­ti­gung der Vor­be­las­tung unver­zicht­bar. Aller­dings ist jeden­falls in Fall­ge­stal­tun­gen, in denen die Vor­be­las­tung den maß­geb­li­chen Cri­ti­cal-Load-Wert um mehr als das Dop­pel­te über­steigt, eine Irrele­vanz­schwel­le von 3 % des jewei­li­gen CL-Wer­tes anzu­er­ken­nen. Eine so bemes­se­ne Schwel­le fin­det unter Berück­sich­ti­gung ein­schlä­gi­ger natur­schutz­fach­li­cher Erkennt­nis­se ihre Recht­fer­ti­gung in dem Baga­tell­vor­be­halt, unter dem jede Unver­träg­lich­keit mit den Erhal­tungs­zie­len eines FFH-Gebiets steht [6]. Die Irrele­vanz­schwel­le mar­kiert inso­weit zugleich die Erheb­lich­keits­schwel­le für die Erfor­der­lich­keit einer FFH-Ver­träg­lich­keits­prü­fung.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 29. Sep­tem­ber 2011 – 7 C 21.09

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 26.11.2007 – 4 BN 46.07, Buch­holz 451.91 EuropUm­weltR Nr. 29 Rn. 11[]
  2. im Anschluss an BVerwG, Urtei­le vom 12.03.2008 – BVerwG 9 A 3.06BVerw­GE 130, 299 = Buch­holz 451.91 EuropUm­weltR Nr. 30 und vom 14. April 2010 – BVerwG 9 A 5.08BVerw­GE 136, 291 = Buch­holz 451.91 EuropUm­weltR Nr. 45[]
  3. BVerwG, Urteil vom 17.01.2007 – 9 A 20.05, BVerw­GE 128, 1 ff. = Buch­holz 451.91 EuropUm­weltR Nr. 26[]
  4. BVerwG, Beschluss vom 26.11.2007 – 4 BN 46.07, Buch­holz 451.91 EuropUm­weltR Nr. 29[]
  5. BVerwG, Urteil vom 14.04.2010 – 9 A 5.08, BVerw­GE 136, 291 ff. = Buch­holz 451.91 EuropUm­weltR Nr. 45[]
  6. BVerwG, Urteil vom 14.04.2010 a.a.O. Rn. 88; Beschluss vom 10.11.2009 – 9 B 28.09, DVBl 2010, 176[]