Wo bit­te wächst der nächs­te Gen­mais?

Das Recht der Öffent­lich­keit auf Zugang zu Infor­ma­tio­nen gilt auch bei Frei­set­zung von gene­tisch ver­än­der­ten Orga­nis­men. Die EU-Staa­ten kön­nen sich nicht auf die öffent­li­che Ord­nung beru­fen, um die Offen­le­gung des Ortes der Frei­set­zung von gene­tisch ver­än­der­ten Orga­nis­men zu ver­hin­dern. Deut­li­che Wor­te, die der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten hier in einem Urteil auf ein fran­zö­si­sches Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen fand.

Wo bit­te wächst der nächs­te Gen­mais?

In dem Fall, der Grund­la­ge der Ent­schei­dung des EuGH ist, möch­te der Klä­ger, ein Herr Azel­vand­re, wis­sen, an wel­chen Stand­or­ten im Gebiet sei­ner Gemein­de Feld­ver­su­che mit gene­tisch ver­än­der­ten Orga­nis­men (GVO) durch­ge­führt wer­den. Am 21. April 2004 bean­trag­te er beim Bür­ger­meis­ter von Saus­heim (Hau­te-Alsace, Frank­reich), ihm die öffent­li­che Bekannt­ma­chung, das Stand­ort­blatt, das eine Loka­li­sie­rung der bepflanz­ten Par­zel­le ermög­licht, und das Begleit­schrei­ben des Prä­fek­ten zu jeder im Gebiet die­ser Gemein­de erfolg­ten Frei­set­zung zu über­mit­teln. Er ver­lang­te auch die Über­mitt­lung des Stand­ort­blatts für jede neue, im Jahr 2004 erfol­gen­de Frei­set­zung.

Da eine Ant­wort aus­blieb, bean­trag­te er beim Aus­schuss für den Zugang zu Ver­wal­tungs­do­ku­men­ten (Com­mis­si­on d’accès aux docu­ments admi­nis­tra­tifs, CADA) die Über­mitt­lung die­ser Unter­la­gen. Der Aus­schuss befür­wor­te­te in sei­ner Stel­lung­nah­me vom 24. Juni 2004 die Über­mitt­lung der öffent­li­chen Bekannt­ma­chung und der ers­ten Sei­te des Begleit­schrei­bens des Prä­fek­ten. Er sprach sich jedoch gegen die Über­mitt­lung des Stand­ort­blatts und der Kar­te der Frei­set­zungs­stand­or­te aus, weil dies die Pri­vat­sphä­re und die Sicher­heit der betrof­fe­nen Betriebs­in­ha­ber beein­träch­ti­ge. Da der Bür­ger­meis­ter von Saus­heim ihm nicht den gesam­ten Akten­in­halt über­mit­tel­te, erhob Herr Azel­vand­re beim fran­zö­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richt Kla­ge.

Der Con­seil d’Etat, der über den Rechts­streit im letz­ten Rechts­zug ent­schei­det, fragt den Gerichts­hof nach der Bestim­mung des Begriffs „Ort der Frei­set­zung“, der nach der Richt­li­nie 2001/​18/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 12. März 2001 über die absicht­li­che Frei­set­zung gene­tisch ver­än­der­ter Orga­nis­men in die Umwelt und zur Auf­he­bung der Richt­li­nie 90/​220/​EWG des Rates (ABl. L 106, S. 1) nicht ver­trau­lich behan­delt wer­den darf, und nach der Aus­le­gung der gemein­schafts­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen zur Infor­ma­ti­on der Öffent­lich­keit in die­sem Bereich. Ins­be­son­de­re möch­te er wis­sen, ob die natio­na­len Behör­den die Über­mitt­lung des Stand­ort­blatts und der Kar­te der Frei­set­zungs­stand­or­te mit der Begrün­dung ver­wei­gern kön­nen, sie wür­de die öffent­li­che Ord­nung oder ande­re gesetz­lich geschütz­te Inter­es­sen beein­träch­ti­gen.

Ort der Frei­set­zung

Gemäß dem Grund­satz der Vor­beu­gung und in Anbe­tracht der Gefah­ren für die Umwelt und die mensch­li­che Gesund­heit schafft die Richt­li­nie ein Sys­tem der Trans­pa­renz hin­sicht­lich des Ver­fah­rens zur Geneh­mi­gung der Maß­nah­men zur Vor­be­rei­tung und zur Durch­füh­rung der Frei­set­zun­gen. Sie sieht nicht nur Mecha­nis­men der Anhö­rung der Öffent­lich­keit und gege­be­nen­falls bestimm­ter Grup­pen zu einer geplan­ten absicht­li­chen Frei­set­zung von GVO vor, son­dern auch ein Recht auf Zugang der Öffent­lich­keit zu Infor­ma­tio­nen über eine sol­che Frei­set­zung und die Ein­rich­tung öffent­li­cher Regis­ter, in denen die Stand­or­te der Frei­set­zun­gen von GVO ver­zeich­net sein müs­sen.

Des­halb müs­sen Per­so­nen, die GVO in die Umwelt frei­set­zen möch­ten, dies gemäß der Richt­li­nie bei den zustän­di­gen natio­na­len Behör­den anmel­den und mit die­ser Anmel­dung eine tech­ni­sche Akte ein­rei­chen, die die erfor­der­li­chen Infor­ma­tio­nen ent­hält, näm­lich, ers­tens, die Lage und Grö­ße des Frei­set­zungs­ge­län­des, eine Beschrei­bung des Öko­sys­tems am Ort der Frei­set­zung, ein­schließ­lich Kli­ma, Flo­ra und Fau­na, sowie die Nähe zu offi­zi­ell aner­kann­ten geschütz­ten Bio­to­pen oder Schutz­ge­bie­ten, die betrof­fen wer­den könn­ten, bei gene­tisch ver­än­der­ten höhe­ren Pflan­zen und, zwei­tens, die geo­gra­fi­sche Lage des Ortes der Frei­set­zung und genaue Stand­ort­an­ga­ben sowie die Beschrei­bung der Ziel- und Nicht­ziel-Öko­sys­te­me, die wahr­schein­lich von der Frei­set­zung betrof­fen wer­den, bei den ande­ren GVO.

Die Anga­ben zur geo­gra­fi­schen Lage einer absicht­li­chen Frei­set­zung von GVO, die in der betref­fen­den Anmel­dung ent­hal­ten sein müs­sen, ent­spre­chen daher den Anfor­de­run­gen im Hin­blick auf die Ermitt­lung der kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen einer sol­chen Frei­set­zung auf die Umwelt. Die Anga­ben über den Stand­ort einer sol­chen Frei­set­zung sind somit nach den Merk­ma­len der jewei­li­gen Frei­set­zung und ihrer etwai­gen Aus­wir­kun­gen auf die Umwelt zu bestim­men.

Aus die­sem Zusam­men­hang zwi­schen dem Anmel­dungs­ver­fah­ren und dem Zugang zu den Daten betref­fend die geplan­te absicht­li­che Frei­set­zung von GVO folgt, dass die inter­es­sier­te Öffent­lich­keit, soweit die Richt­li­nie nicht etwas ande­res bestimmt, die Über­mitt­lung sämt­li­cher vom Anmel­der im Rah­men des Ver­fah­rens der Geneh­mi­gung einer sol­chen Frei­set­zung erteil­ten Infor­ma­tio­nen ver­lan­gen kann.

Dem­nach wird der „Ort der Frei­set­zung“ durch alle Infor­ma­tio­nen über den Stand­ort der Frei­set­zung bestimmt, die der Anmel­der den zustän­di­gen Behör­den des Mit­glied­staats, in des­sen Hoheits­ge­biet die­se Frei­set­zung erfol­gen soll, vor­ge­legt hat.

Recht Drit­ter auf Zugang zu Infor­ma­tio­nen über die Frei­set­zung

In der Richt­li­nie ist genau regelt, wel­che der ver­schie­de­nen Daten, die im Rah­men der in der Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren der Anmel­dung und des Infor­ma­ti­ons­aus­tauschs mit­ge­teilt wer­den, ver­trau­lich behan­delt wer­den dür­fen. So dür­fen ver­trau­li­che Infor­ma­tio­nen, die gemäß der Richt­li­nie der Kom­mis­si­on und der zustän­di­gen Behör­de mit­ge­teilt oder aus­ge­tauscht wur­den, sowie Infor­ma­tio­nen, die einer Wett­be­werbs­stel­lung scha­den könn­ten und Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums schüt­zen, nicht wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Die zustän­di­ge Behör­de ent­schei­det außer­dem nach Anhö­rung des Anmel­ders dar­über, wel­che Infor­ma­tio­nen in Anbe­tracht der von die­sem gege­be­nen „nach­prüf­ba­ren Begrün­dung“ ver­trau­lich zu behan­deln sind. Die Infor­ma­ti­on über den Ort der Frei­set­zung darf dem­nach kei­nes­falls ver­trau­lich behan­delt wer­den.

Unter die­sen Umstän­den kön­nen Erwä­gun­gen des Schut­zes der öffent­li­chen Ord­nung oder ande­rer gesetz­lich geschütz­ter Geheim­nis­se, wie sie das vor­le­gen­de Gericht ange­führt hat, kei­ne Grün­de dar­stel­len, die den Zugang zu den in der Richt­li­nie auf­ge­führ­ten Daten, zu denen ins­be­son­de­re die­je­ni­gen über den Ort der Frei­set­zung gehö­ren, beschrän­ken kön­nen.
Die­se Aus­le­gung wird dadurch gestützt, dass die die Umwelt­ver­träg­lich­keits­prü­fung betref­fen­den Daten gemäß der Richt­li­nie nicht ver­trau­lich behan­delt wer­den dür­fen. Außer­dem kann sich ein Mit­glied­staat nicht auf eine abwei­chen­de Bestim­mung der den Zugang zu Umwelt­in­for­ma­tio­nen betref­fen­den Richt­li­ni­en beru­fen, um den Zugang zu Infor­ma­tio­nen zu ver­sa­gen, die öffent­lich zugäng­lich sein müs­sen.

Der Mit­tei­lung der in der Richt­li­nie genann­ten Infor­ma­tio­nen kann daher kein Vor­be­halt zuguns­ten des Schut­zes der öffent­li­chen Ord­nung oder ande­rer gesetz­lich geschütz­ter Inter­es­sen ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den. Die Befürch­tung, es kön­ne zu inter­nen Schwie­rig­kei­ten kom­men, kann kei­ne Recht­fer­ti­gung dafür sein, dass ein Mit­glied­staat die kor­rek­te Anwen­dung des Gemein­schafts­rechts unter­lässt.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, Urteil vom 17. Febru­ar 2009 – C‑552/​07