Unan­ge­mes­sen lan­ge Ver­fah­rens­dau­er – und das Auf­ent­halts­recht

Wenn von einer über­lan­gen Ver­fah­rens­dau­er im Sin­ne der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te, des Bun­des­ver­fas­sungs- und Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts aus­zu­ge­hen ist 1, hat die­se kein Anspruch auf Abse­hen von Tat­be­stands­vor­aus­set­zungnen für die Ertei­lung eines Auf­ent­halts­ti­tels zur Fol­ge, son­dern ledig­lich einen Anspruch auf finan­zi­el­le Ent­schä­di­gung nach § 198 GVG.

Unan­ge­mes­sen lan­ge Ver­fah­rens­dau­er – und das Auf­ent­halts­recht

Für die inner­staat­li­chen Rechts­fol­gen einer unan­ge­mes­sen lan­gen Ver­fah­rens­dau­er im Sin­ne von Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK ist zu beach­ten, dass die­se Bestim­mung nur Ver­fah­rens­rech­te ein­räumt. Die­se die­nen der Durch­set­zung und Siche­rung des mate­ri­el­len Rechts; sie sind aber nicht dar­auf gerich­tet, das mate­ri­el­le Recht zu ändern 2. Das ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts.

Daher kann eine unan­ge­mes­sen lan­ge Ver­fah­rens­dau­er nicht dazu füh­ren, dass den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten eine Rechts­stel­lung zuwächst, die ihnen nach dem inner­staat­li­chen mate­ri­el­len Recht nicht zusteht. Viel­mehr kann sie für die Sach­ent­schei­dung in dem zu lan­ge dau­ern­den Ver­fah­ren nur berück­sich­tigt wer­den, wenn das mate­ri­el­le Recht dies vor­schreibt oder zulässt. Ob die­se Mög­lich­keit besteht, ist durch die Aus­le­gung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen mate­ri­ell­recht­li­chen Nor­men und Rechts­grund­sät­ze zu ermit­teln. Bei die­ser Aus­le­gung ist das Gebot der kon­ven­ti­ons­kon­for­men Aus­le­gung im Rah­men des metho­disch Ver­tret­ba­ren zu berück­sich­ti­gen 3.

Eine über­lan­ge Ver­fah­rens­dau­er begrün­det kei­ne Aus­nah­me vom Regel­er­for­der­nis der Unter­halts­si­che­rung nach § 5 Abs. 1 Nr. 1 Auf­en­thG. Der Gesetz­ge­ber hat davon abge­se­hen, einen inhalt­li­chen Bezug zwi­schen der über­lan­gen Dau­er eines Ver­fah­rens und den gel­tend gemach­ten mate­ri­ell­recht­li­chen Posi­tio­nen her­zu­stel­len. Das gilt auch für die von der Beschwer­de auf­ge­wor­fe­ne Fra­ge eines durch die Ver­fah­rens­dau­er bewirk­ten Weg­falls von Grün­den, die ein Abse­hen von der Siche­rung des Lebens­un­ter­halts hät­ten recht­fer­ti­gen kön­nen. Auch in einer sol­chen Fall­kon­stel­la­ti­on sind die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten auf Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che nach Maß­ga­be der §§ 198 ff. GVG in der Fas­sung des Geset­zes über den Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren und straf­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­ren vom 24.11.2011 4 ver­wie­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Dezem­ber 2014 – 1 B 21.2014 -

  1. vgl. dazu EGMR, Urteil vom 16.07.2009 – 8453/​04, NVwZ 2010, 1015, 1017; BVerfG, Beschluss vom 22.08.2013 – 1 BvR 1067/​12NJW 2013, 3630, 3631 f.; BVerwG, Urteil vom 11.07.2013 – 5 C 23.12 D, BVerw­GE 147, 146 = Buch­holz 300 § 198 GVG Nr. 1, jeweils Rn. 37 ff.[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 28.02.2013 – 2 C 3.12, BVerw­GE 146, 98 = Buch­holz 235.2 LDis­zi­pli­narG Nr.19, jeweils Rn. 50[]
  3. BVerwG, Urteil vom 28.02.2013. a.a.O.[]
  4. BGBl I S. 2302[]