Ver­fas­sungs­be­schwer­de – und die Substantiierungspflicht

Eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist unzu­läs­sig, wenn sie den aus § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG fol­gen­den Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen in for­mel­ler oder mate­ri­el­ler Hin­sicht nicht genügt. Dies gilt ins­be­son­de­re, wenn es der Beschwer­de­füh­rer ver­säumt, hin­rei­chend zu den­je­ni­gen den vor­lie­gen­den Fall beson­ders prä­gen­den Tat­sa­chen und Wer­tun­gen vor­zu­tra­gen, die die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen mög­li­cher­wei­se zu tra­gen geeig­net sind-

Ver­fas­sungs­be­schwer­de – und die Substantiierungspflicht

Der Sach­ver­halt, aus dem sich die Grund­rechts­ver­let­zung erge­ben soll, ist sub­stan­ti­iert und schlüs­sig dar­zu­le­gen. Die hin­rei­chen­de Begrün­dung einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de erfor­dert einen Vor­trag, der das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in die Lage ver­setzt, den ange­grif­fe­nen Hoheits­akt ohne eige­ne wei­te­re Nach­for­schun­gen einer ver­fas­sungs­recht­li­chen Über­prü­fung zu unter­zie­hen. Hier­zu sind die ange­grif­fe­nen Gerichts­ent­schei­dun­gen sowie die zugrun­de­lie­gen­den behörd­li­chen Maß­nah­men vor­zu­le­gen oder zumin­dest ihrem wesent­li­chen Inhalt nach mit­zu­tei­len bezie­hungs­wei­se in einer Wei­se wie­der­zu­ge­ben, die eine Beur­tei­lung erlaubt, ob die Ent­schei­dung mit dem Grund­ge­setz in Ein­klang steht1. Je nach Angriffs­ge­gen­stand kann dies erfor­dern, neben den ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen auch ande­re rele­van­te Ent­schei­dungs­grund­la­gen, bei­spiels­wei­se vor­an­ge­gan­ge­ne Gerichts­ent­schei­dun­gen oder Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten, vor­zu­le­gen2, wenn etwa die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung oder die Beschwer­de­schrift selbst auf die­se Grund­la­gen ver­weist3

Inhalt­lich muss sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­de mit dem zugrun­de­lie­gen­den ein­fa­chen Recht, soweit dies für die ver­fas­sungs­recht­li­che Beur­tei­lung von Belang ist, sowie und ins­be­son­de­re mit der ver­fas­sungs­recht­li­chen Beur­tei­lung des vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halts aus­ein­an­der­set­zen. Aus dem Vor­trag eines Beschwer­de­füh­rers muss sich mit hin­rei­chen­der Deut­lich­keit die Mög­lich­keit einer Grund­rechts­ver­let­zung erge­ben4. Bei einer gegen eine gericht­li­che Ent­schei­dung gerich­te­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de hat sich der Beschwer­de­füh­rer mit die­ser inhalt­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen5; das erfor­dert in der Regel eine ins Ein­zel­ne gehen­de argu­men­ta­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit den ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen und ihren tra­gen­den Begrün­dungs­li­ni­en auf der Ebe­ne des Ver­fas­sungs­rechts am Maß­stab der als ver­letzt gerüg­ten grund­recht­li­chen Posi­tio­nen6.

Soweit sich der Beschwer­de­füh­rer gegen die Her­an­zie­hung von § 8 Abs. 4 Nr. 1 Buch­sta­be b Sächs­JAG als Rechts­grund­la­ge für die Ableh­nung sei­nes Antrags auf Auf­nah­me in den juris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst im Frei­staat Sach­sen wen­det und dem­ge­gen­über von einer Spe­zia­li­tät des § 8 Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 Sächs­JAG aus­geht, setzt sich die Begrün­dung der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zurei­chend mit den ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­ben für die Über­prü­fung fach­ge­richt­li­cher Geset­zes­aus­le­gung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auseinander.

Aus­le­gung und Anwen­dung des (ein­fa­chen) Geset­zes­rechts sind Auf­ga­be der Fach­ge­rich­te und kön­nen vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – abge­se­hen von Ver­stö­ßen gegen das Will­kür­ver­bot – nur dar­auf über­prüft wer­den, ob sie Aus­le­gungs­feh­ler ent­hal­ten, die auf einer grund­sätz­lich unrich­ti­gen Anschau­ung von der Bedeu­tung des betrof­fe­nen Grund­rechts, ins­be­son­de­re vom Umfang sei­nes Schutz­be­reichs, beru­hen. Das ist der Fall, wenn die von den Fach­ge­rich­ten vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung der Norm die Trag­wei­te des Grund­rechts nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt oder im Ergeb­nis zu einer unver­hält­nis­mä­ßi­gen Beschrän­kung der grund­recht­li­chen Frei­heit führt7.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 6. Juli 2021 – 2 BvR 950/​21

  1. vgl. BVerfGE 88, 40 <45> 93, 266 <288> 112, 304 <314 f.>[]
  2. BVerfGK 14, 402 <417>[]
  3. vgl. BVerfGE 78, 320 <327> 88, 40 <45>[]
  4. vgl. BVerfGE 78, 320 <329>[]
  5. vgl. BVerfGE 82, 43 <49> 86, 122 <127> 130, 1 <21>[]
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 30.10.2020 – 2 BvR 1893/​20, Rn. 1[]
  7. vgl. BVerfGE 18, 85 <92 f., 96> 33, 125 <168> 85, 248 <257 f.>[]