Ver­fas­sungs­be­schwer­den juris­ti­scher Per­so­nen

In Ver­fas­sungs­be­schwer­den von juris­ti­schen Per­so­nen des Pri­vat­rechts kön­nen Dar­le­gun­gen zur Grund­rechts­fä­hig­keit erfor­der­lich sein.

Ver­fas­sungs­be­schwer­den juris­ti­scher Per­so­nen

Juris­ti­sche Per­so­nen des Pri­vat­rechts müs­sen ihre Grund­rechts­fä­hig­keit in einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de jeden­falls dann näher dar­le­gen, wenn es auf­grund der äuße­ren Umstän­de nahe liegt, dass sie von der öffent­li­chen Hand beherrscht wer­den oder öffent­li­che Auf­ga­ben wahr­neh­men. Dies hat die des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts mit heu­te ver­öf­fent­lich­ten Beschlüs­sen bekräf­tigt und Ver­fas­sungs­be­schwer­den von zwei Gesell­schaf­ten mit beschränk­ter Haf­tung wegen Unzu­läs­sig­keit nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men.

In den bei­den ers­ten Ver­fah­ren [1] wen­det sich ein Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men in der Rechts­form einer Gesell­schaft mit beschränk­ter Haf­tung (GmbH) gegen die Her­an­zie­hung zu Schmutz­was­ser­an­schluss­bei­trä­gen auf der Grund­la­ge des Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes für das Land Bran­den­burg. Beschwer­de­füh­re­rin der ande­ren drei Ver­fah­ren [2] ist eine kom­mu­na­le Woh­nungs­bau-GmbH; sie wen­det sich gegen die Her­an­zie­hung zu Schmutz­was­ser­an­schluss­bei­trä­gen auf der Grund­la­ge des Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes für das Land Meck­len­burg-Vor­pom­mern.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat alle fünf Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men. Es hat sie als unzu­läs­sig beur­teilt, weil sie nicht in einer den Anfor­de­run­gen der § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG genü­gen­den Wei­se sub­stan­ti­iert begrün­det wur­den. Die jewei­li­ge Beschwer­de­füh­re­rin hat nicht dar­ge­legt, dass sie im Sin­ne des Art.19 Abs. 3 GG grund­rechts­fä­hig und damit gemäß § 90 Abs. 1 BVerfGG beschwer­de­fä­hig ist.

Nach § 90 Abs. 1 BVerfGG kann „jeder­mann“ mit der Behaup­tung, durch die öffent­li­che Gewalt in einem sei­ner Grund­rech­te oder grund­rechts­glei­chen Rech­te ver­letzt zu sein, Ver­fas­sungs­be­schwer­de erhe­ben. Beschwer­de­fä­hig ist dem­nach, wer Trä­ger eines als ver­letzt gerüg­ten Grund­rechts oder grund­rechts­glei­chen Rechts sein kann [3]. Grund­rechts­trä­ger sind nach Art.19 Abs. 3 GG auch inlän­di­sche juris­ti­sche Per­so­nen, soweit Grund­rech­te betrof­fen sind, die ihrem Wesen nach auf die­se anwend­bar sind. Aller­dings die­nen die Grund­rech­te vor­ran­gig dem Schutz der Frei­heits­sphä­re des ein­zel­nen Men­schen als natür­li­cher Per­son gegen Ein­grif­fe der staat­li­chen Gewalt [4]. Die Grund­rechts­fä­hig­keit einer juris­ti­schen Per­son des öffent­li­chen Rechts ist vor die­sem Hin­ter­grund grund­sätz­lich dann zu ver­nei­nen, wenn die­se öffent­li­che Auf­ga­ben wahr­nimmt [5]. Glei­ches gilt für juris­ti­sche Per­so­nen des Pri­vat­rechts, die von der öffent­li­chen Hand gehal­ten oder beherrscht wer­den [6]. Eine Aus­nah­me von die­sem Grund­satz gilt für sol­che juris­ti­schen Per­so­nen des öffent­li­chen Rechts, die von den ihnen durch die Rechts­ord­nung über­tra­ge­nen Auf­ga­ben her unmit­tel­bar einem durch bestimm­te Grund­rech­te geschütz­ten Lebens­be­reich zuge­ord­net sind, wie Uni­ver­si­tä­ten und Fakul­tä­ten [7], öffent­lich-recht­li­che Rund­funk­an­stal­ten [8] und Kir­chen [9].

In den ers­ten bei­den Ver­fas­sungs­be­schwer­den [1] hat die Beschwer­de­füh­re­rin zur Fra­ge ihrer Grund­rechts- und Beschwer­de­fä­hig­keit nichts vor­ge­tra­gen, obwohl ein Vor­brin­gen hier­zu ange­zeigt war. Denn die Beschwer­de­füh­re­rin ist eine juris­ti­sche Per­son des Pri­vat­rechts, aus deren Fir­mie­rung als „S. GmbH“ sich Anhalts­punk­te dafür erge­ben, dass es sich bei ihr um ein pri­vat­recht­lich orga­ni­sier­tes Unter­neh­men han­delt, wel­ches von der öffent­li­chen Hand gehal­ten oder jeden­falls beherrscht wird. Die Ener­gie­ver­sor­gung ist eine typi­sche öffent­li­che Auf­ga­be der Daseins­vor­sor­ge. Für die Beschwer­de­füh­re­rin bestand daher Anlass, sich mit ihrer Grund­rechts- und Beschwer­de­fä­hig­keit aus­ein­an­der­zu­set­zen.

In den ande­ren drei Ver­fas­sungs­be­schwer­den [2] ist die Beschwer­de­füh­re­rin eine juris­ti­sche Per­son des Pri­vat­rechts, deren Gesell­schaf­ter aus­schließ­lich Städ­te und Gemein­den sind. Als von der öffent­li­chen Hand gehal­te­nes Unter­neh­men nimmt sie Auf­ga­ben der Wohn­raum­ver­sor­gung und der För­de­rung des Woh­nungs­baus, ins­be­son­de­re des sozia­len Woh­nungs­baus, und damit typi­sche öffent­li­che Auf­ga­ben der Daseins­vor­sor­ge [10] wahr, ohne einem durch bestimm­te Grund­rech­te geschütz­ten Lebens­be­reich zuge­ord­net zu sein.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 2. November.2015 – 1 BvR 1530/​151 BvR 1531/​15; und vom, Beschluss vom 3. Novem­ber 2015 – 1 BvR 1766/​151 BvR 1783/​151 BvR 1815/​15)

  1. BVerfG – 1 BvR 1530/​15 und 1 BvR 1531/​15[][]
  2. BVerfG – 1 BvR 1766/​15, 1 BvR 1783/​15 und 1 BvR 1815/​15[][]
  3. vgl. BVerfGE 129, 78, 91; BVerfG, Beschluss vom 16.12 2014 – 1 BvR 2142/​11, NVwZ 2015, S. 510, 511[]
  4. vgl. BVerfGE 15, 256, 262; 21, 362, 369; 59, 231, 255; 61, 82, 100 f.; 65, 1, 43[]
  5. vgl. BVerfGE 21, 362, 369 f.; 45, 63, 78; 61, 82, 101; 68, 193, 206; 70, 1, 15; 75, 192, 197; 85, 360, 385; BVerfG, Beschluss vom 16.12 2014 – 1 BvR 2142/​11, NVwZ 2015, S. 510, 511 f.[]
  6. vgl. BVerfGE 45, 63, 79 f.; 68, 193, 212 f.; 128, 226, 245 f., 247[]
  7. vgl. BVerfGE 15, 256, 262[]
  8. BVerfGE 31, 314, 322; 59, 231, 254; 78, 101, 102 f.[]
  9. BVerfGE 18, 385, 386 f.; 42, 312, 322; 66, 1, 19 f.[]
  10. vgl. BVerfGE 95, 64, 85[]