Das ver­lo­ren gegan­ge­ne Trans­port­gut – und die Über­zeu­gungs­bil­dung des Gerichts

Der Tatrich­ter hat sich die Über­zeu­gung von der Rich­tig­keit des vom Anspruch­stel­ler behaup­te­ten Umfangs einer ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Sen­dung anhand der gesam­ten Umstän­de des Ein­zel­falls zu bil­den. Dabei sind nicht nur vor­ge­leg­te Lie­fer­schei­ne und dazu kor­re­spon­die­ren­de Rech­nun­gen, son­dern alle Umstän­de, die für oder gegen den vom Klä­ger vor­ge­tra­ge­nen Umfang spre­chen gege­be­nen­falls nach einer Beweis­erhe­bung zu berück­sich­ti­gen. Eine Beweis­erleich­te­rung auf­grund der Grund­sät­ze zum Anscheins­be­weis kommt ihm inso­weit nicht zugu­te.

Das ver­lo­ren gegan­ge­ne Trans­port­gut – und die Über­zeu­gungs­bil­dung des Gerichts

Der Fracht­füh­rer haf­tet für den Ver­lust von Trans­port­gut grund­sätz­lich nach § 425 Abs. 1, § 429 Abs. 1 HGB. Gemäß § 425 Abs. 1 HGB hat der Fracht­füh­rer den Scha­den zu erset­zen, der durch Ver­lust des Gutes ent­steht, wenn das Scha­dens­er­eig­nis zwi­schen dem Zeit­punkt der Über­nah­me des Gutes und dem sei­ner Ablie­fe­rung ein­tritt.

Vor­lie­gend macht die Ver­sen­de­rin gegen die Fracht­füh­re­rin wegen des Ver­lus­tes von Trans­port­gut (Beklei­dung) einen Scha­dens­er­satz­an­spruch gemäß § 425 Abs. 1 HGB gel­tend. Sie muss daher sub­stan­ti­iert dar­le­gen und, da die Beklag­te die Sach­dar­stel­lung der Klä­ge­rin inso­weit bestrit­ten hat, auch bewei­sen, dass das Gut, für das sie Ersatz bean­sprucht, wäh­rend der Obhuts­zeit der Beklag­ten abhan­den­ge­kom­men und wie hoch der dadurch ein­ge­tre­te­ne Scha­den ist 1.Dies umfasst neben dem Beweis der Über­nah­me von Gütern als sol­chen auch den Nach­weis ihrer Iden­ti­tät, ihrer Art, ihrer Men­ge und ihres Zustands.

Die Fra­ge, ob der Scha­dens­er­satz ver­lan­gen­de Klä­ger den ihm oblie­gen­den Beweis geführt hat, ist grund­sätz­lich nach den all­ge­mei­nen Regeln des Zivil­pro­zess­rechts, ins­be­son­de­re nach § 286 ZPO zu beur­tei­len 2.Die rich­ter­li­che Über­zeu­gung davon, dass sich in den ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Pake­ten Waren in dem von der Klä­ge­rin behaup­te­ten Umfang befan­den, setzt einen Grad an Gewiss­heit vor­aus, der Zwei­feln Schwei­gen gebie­tet 3.

Im vor­lie­gen­den Fall besteht zwi­schen den Par­tei­en Streit dar­über, ob alle Waren, für deren Ver­lust die Ver­sen­de­rin Ersatz bean­sprucht, über­haupt in die Obhut der Fracht­füh­re­rin gelangt sind. Für die­se Fra­ge kann – anders als in der frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ange­nom­men 4 – nicht auf die Grund­sät­ze des Anscheins­be­wei­ses zurück­ge­grif­fen wer­den 5.

Nach der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs unter­liegt der Beweis für den Umfang und den Wert einer ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Sen­dung stets der frei­en rich­ter­li­chen Beweis­wür­di­gung gemäß § 286 ZPO 6. Dies zwingt den Anspruch­stel­ler zur Erbrin­gung des Voll­be­wei­ses. Eine Beweis­erleich­te­rung auf­grund der Grund­sät­ze zum Anscheins­be­weis kommt ihm dabei nicht zugu­te. Der Tatrich­ter hat sich die Über­zeu­gung von der Rich­tig­keit des behaup­te­ten Umfangs einer Sen­dung daher anhand der gesam­ten Umstän­de des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re auf­grund von vor­ge­leg­ten Lie­fer­schei­nen und dazu kor­re­spon­die­ren­den Rech­nun­gen, zu bil­den. Dafür ist es grund­sätz­lich nicht erfor­der­lich, dass sowohl Lie­fer­schei­ne als auch kor­re­spon­die­ren­de Rech­nun­gen zum Nach­weis des Sen­dungs­um­fangs vor­ge­legt wer­den. Der Tatrich­ter kann sich die Über­zeu­gung von der Rich­tig­keit des behaup­te­ten Inhalts einer Sen­dung auch dann bil­den, wenn nur eines der bei­den Doku­men­te vor­ge­legt wird und der beklag­te Fracht­füh­rer dage­gen kei­ne sub­stan­ti­ier­ten Ein­wän­de erhebt 7. Umstän­de, die für oder gegen den vom Anspruch­stel­ler behaup­te­ten Umfang einer ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Sen­dung spre­chen, sind gege­be­nen­falls nach einer Beweis­erhe­bung zu berück­sich­ti­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Juni 2014 – I ZR 50/​13

  1. st. Rspr.; BGH, Urteil vom 04.05.2005 – I ZR 235/​02, TranspR 2005, 403, 404; Urteil vom 13.09.2012 – I ZR 14/​11, TranspR 2013, 192 Rn. 13 = RdTW 2013, 201 zu Art. 17 CMR, mwN; Kol­ler, Trans­port­recht, 8. Aufl., § 425 HGB Rn. 47; Schaf­fert in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 2. Aufl., § 425 Rn. 34[]
  2. BGH, TranspR 2013, 192 Rn. 13; BGH, Urteil vom 09.10.2013 – I ZR 115/​12, TranspR 2013, 433 Rn. 30 = RdTW 2013, 447; Helm, Fracht­recht II, CMR, Art. 17 Rn. 46[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 04.11.2003 – VI ZR 28/​03, NJW 2004, 777, 778 = VersR 2004, 118; BGH, TranspR 2013, 433 Rn. 30[]
  4. vgl. nur BGH, Urteil vom 24.10.2002 – I ZR 104/​00, TranspR 2003, 156, 159; Urteil vom 20.07.2006 – I ZR 9/​05, TranspR 2006, 394, 395 = VersR 2007, 564[]
  5. BGH, Urteil vom 26.04.2007 – I ZR 31/​05, TranspR 2007, 418 Rn. 14; Urteil vom 20.09.2007 – I ZR 44/​05, TranspR 2008, 163 Rn. 33[]
  6. BGH, Urteil vom 02.04.2009 – I ZR 60/​06, TranspR 2009, 262 Rn. 24; Urteil vom 29.10.2009 – I ZR 191/​07, TranspR 2010, 200 Rn. 31; BGH, TranspR 2013, 192 Rn. 16[]
  7. BGH, TranspR 2008, 163 Rn. 34 f.; TranspR 2013, 192 Rn. 16 mwN[]