Das Wohn­haus als urhe­ber­recht­lich geschütz­tes Werk der Bau­kunst

Nach § 2 Abs. 1 Nr. 4 UrhG sind geschütz­te Wer­ke auch Wer­ke der Bau­kunst, soweit sie per­sön­lich geis­ti­ge Schöp­fun­gen sind (§ 2 Abs. 2 UrhG). Dabei sind Wer­ke der Bau­kunst bereits als Ent­wür­fe geschützt. Vor­aus­set­zung ist aller­dings, dass die indi­vi­du­el­len Züge, die das Bau­werk als per­sön­lich geis­ti­ge Schöp­fung qua­li­fi­zie­ren, bereits im Ent­wurf ihren Nie­der­schlag gefun­den haben 1

Das Wohn­haus als urhe­ber­recht­lich geschütz­tes Werk der Bau­kunst

Maß­geb­lich ist die Schutz­fä­hig­keit des im Plan dar­ge­stell­ten Bau­werks. Ist das auf den Plä­nen wie­der­ge­ge­be­ne und danach aus­zu­füh­ren­de Bau­werk schutz­fä­hig, dann dür­fen die Plä­ne nur mit Zustim­mung des Urhe­bers aus­ge­führt wer­den 2. Denn die Aus­füh­rung eines Baus durch einen Ande­ren nach den Ent­wür­fen des Urhe­bers ist urhe­ber­recht­lich als Ver­viel­fäl­ti­gung i.S. des § 16 UrhG zu wer­ten und bedarf daher des­sen Zustim­mung 3.

Die für eine per­sön­lich geis­ti­ge Schöp­fung not­wen­di­ge Indi­vi­dua­li­tät erfor­dert, dass das Bau­werk nicht nur das Ergeb­nis eines rein hand­werk­li­chen oder rou­ti­ne­mä­ßi­gen Schaf­fens dar­stellt, son­dern dass es aus der Mas­se des all­täg­li­chen Bau­schaf­fens her­aus­ragt 4. Dies beur­teilt sich nach dem ästhe­ti­schen Ein­druck, den das Bau­werk nach dem Durch­schnitt­s­ur­teil des für Kunst emp­fäng­li­chen und mit Kunst­din­gen eini­ger­ma­ßen ver­trau­ten Men­schen ver­mit­telt 5. Wer­ke der Bau­kunst kön­nen bei­spiels­wei­se geprägt sein durch ihre Pro­por­tio­nen, Grö­ße, Ein­bin­dung in das Gelän­de, die Umge­bungs­be­bau­ung, Ver­tei­lung der Bau­mas­se, kon­se­quen­te Durch­füh­rung eines Motivs und Glie­de­rung ein­zel­ner Bau­tei­le wie der Fas­sa­de oder des Daches sowie dadurch, dass alle ein­zel­nen Tei­le des Bau­werks so auf­ein­an­der bezo­gen sind, dass sie zu einer Ein­heit ver­schmel­zen 6. Bei der Beur­tei­lung dür­fen die Anfor­de­run­gen nicht über­spannt wer­den. Die Beja­hung einer per­sön­li­chen geis­ti­gen Schöp­fung und der dafür not­wen­di­gen Indi­vi­dua­li­tät setzt aber vor­aus, dass die Lösung über die Bewäl­ti­gung einer fach­ge­bun­de­nen tech­ni­schen Auf­ga­be durch Anwen­dung der ein­schlä­gi­gen tech­ni­schen Lösungs­mit­tel hin­aus­geht 7. Gestal­tun­gen, die durch den Gebrauchs­zweck vor­ge­ge­ben sind, kön­nen die Schutz­fä­hig­keit nicht begrün­den; in der Ver­wen­dung all­ge­mein bekann­ter, gemein­frei­er Gestal­tungs­ele­men­te kann nur dann eine schutz­fä­hi­ge Leis­tung lie­gen, wenn durch sie eine beson­de­re eigen­schöp­fe­ri­sche Wir­kung und Gestal­tung erzielt wird 8. Dabei wird eine aus der Mas­se des all­täg­li­chen Bau­schaf­fens her­aus­ra­gen­de und damit urhe­ber­recht­lich schutz­fä­hi­ge Gestal­tung bei Reprä­sen­ta­tiv­bau­ten wie etwa Schlös­sern, Muse­en, Thea­tern, Regie­rungs­ge­bäu­den, Unter­neh­mens­zen­tra­len oder Denk­mä­lern eher zu fin­den sei­en, als bei rei­nen Zweck­bau­ten 9. Übli­che Wohn­häu­ser und ver­gleich­ba­re Zweck­bau­ten sind daher regel­mä­ßig nicht schutz­fä­hig 10. Etwas ande­res gilt nur, wenn beson­de­re gestal­te­ri­sche Ele­men­te vor­lie­gen, die über das vom Tech­nisch-Kon­struk­ti­ven oder vom Gebrauchs­zweck her Vor­ge­ge­be­ne oder Übli­che hin­aus­ge­hen und die Indi­vi­dua­li­tät zum Aus­druck brin­gen 11.

Der Ver­gleich der als schutz­fä­hig bean­spruch­ten Gestal­tung mit Gebäu­den, die in der Zeit nach dem zwei­ten Welt­krieg und bis in die fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jah­ren hin­ein geplant und errich­tet wor­den sind recht­fer­tigt kei­ne abwei­chen­de Beur­tei­lung. Dass ein im Jahr 2003 geplan­tes Gebäu­de sich in der Tat erheb­lich von Bau­ten unter­schei­det, die unter weit­ge­hen­dem Ver­zicht auf indi­vi­du­el­le Gestal­tung zur zügi­gen Befrie­di­gung des Bedarfs nach bezahl­ba­rem Wohn­raum geschaf­fen wor­den sind, macht es nicht zu einem Werk der Bau­kunst.

Bei einem Bau­werk sind auch ein­zel­ne Tei­le, wel­che die Vor­aus­set­zun­gen für einen urhe­ber­recht­li­chen Schutz erfül­len, geschützt 12. Vor­aus­set­zung ist aber in jedem Fall, dass das betref­fen­de Teil für sich genom­men das Ergeb­nis einer per­sön­lich geis­ti­gen Schöp­fung ist. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bedarf es bei Wer­ken der Bau­kunst für das Beja­hen eines Urhe­ber­schut­zes, dass sich das Werk von den Ergeb­nis­sen durch­schnitt­li­chen Archi­tek­ten­schaf­fens abhebt, es aus der Mas­se des all­täg­li­chen Bau­schaf­fens her­aus­ragt 13.

Die Fra­ge, ob von einem Werk der Bau­kunst gespro­chen wer­den kann, ist vom Stand­punkt eines für Kunst emp­fäng­li­chen und mit Kunst­din­gen eini­ger­ma­ßen ver­trau­ten Men­schen zu beur­tei­len 14. Zu die­sem Kreis zäh­len auch Rich­ter, die stän­dig mit Urhe­ber­rechts­fra­gen befasst sind.

  1. BGH GRUR 1979, 464, 465 – Flug­ha­fen­plä­ne; GRUR 1982, 369, 379 – All­wet­ter­bad; GRUR 1980, 853, 854 – Archi­tek­ten­wech­sel; GRUR 1988, 533, 534 f. – Vor­ent­wurf II[]
  2. OLG Frank­furt ZUM 2007, 306, 307[]
  3. BGH GRUR 1999, 230, 231 – Trep­pen­haus­ge­stal­tung; BGHZ 24, 55, 69 – Ledi­gen­heim; BGH GRUR 1985, 129, 131 – Elek­tro­den­fa­brik[]
  4. BGH GRUR 1982, 107, 109 – Kir­chen-Innen­raum­ge­stal­tung; OLG Olden­burg GRUR-RR 2009, 6 – Block­haus­bau­wei­se; OLG Hamm ZUM 2006, 641, 644[]
  5. BGH GRUR 2008, 984, 986 – St. Gott­fried; GRUR 1982, 107, 110 – Kir­chen-Innen­raum­ge­stal­tung; GRUR 1974, 675, 677 – Schul­er­wei­te­rung[]
  6. vergl. die wei­ter­füh­ren­den Hin­wei­se auf Bei­spie­le in der Recht­spre­chung in Schricker/​Loewenheim, Urhe­ber­recht, 4. Auf­la­ge § 2 Rn. 154[]
  7. OLG Karls­ru­he GRUR 1985, 534, 535 – Archi­tek­ten­pla­nung[]
  8. BGH GRUR 1989, 416, 417 – Bau­au­ßen­kan­te; GRUR 1988, 690, 692 – Kris­tall­fi­gu­ren[]
  9. vgl. Schricker/​Loewenheim aaO Rn. 155[]
  10. ver­glei­che OLG Olden­burg GRUR 1999, 6 – Block­haus­bau­wei­se; OLG Mün­chen GRUR 1987, 290 – Wohn­an­la­ge; OLG Karls­ru­he GRUR 1985, 534, 535 ‑Archi­tek­ten­plan[]
  11. OLG Karls­ru­he GRUR 1985, 534, 535 – Archi­tek­ten­plan[]
  12. BGHZ 24, 55, 63 – Ledi­gen­heim; BGHZ 61, 88, 94 – Wähl­amt[]
  13. BGH GRUR 1982, 107, 109 – Kir­chen-Innen­raum­ge­stal­tung; BGH GRUR 1988, 533, 535 – Vor­ent­wurf II[]
  14. BGHZ 62, 331, 336 – Schul­er­wei­te­rung; BGH GRUR 1980, 853, 854 – Archi­tek­ten­wech­sel[]