Der Kom­pe­tenz­kon­flikt zwi­schen dem Kar­tell­se­nat und einem Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts

Der Bun­des­ge­richts­hof ist bei einem nega­ti­ven Kom­pe­tenz­kon­flikt zwi­schen dem Kar­tell­se­nat und einem Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts nicht zur Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts beru­fen.

Der Kom­pe­tenz­kon­flikt zwi­schen dem Kar­tell­se­nat und einem Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts

Seit der Ergän­zung von § 36 ZPO um die Absät­ze 2 und 3 durch das Gesetz zur Neu­re­ge­lung des Schieds­ver­fah­rens­rechts vom 22.12 1997 1 ist der Bun­des­ge­richts­hof nur noch sehr ein­ge­schränkt für die Bestim­mung des Gerichts­stands zustän­dig. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nach § 36 Abs. 3 ZPO auf Vor­la­ge zu ent­schei­den, wenn das vor­le­gen­de Ober­lan­des­ge­richt bei der Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts von der Ent­schei­dung eines ande­ren Ober­lan­des­ge­richts oder des Bun­des­ge­richts­hofs abwei­chen will. Eine Zustän­dig­keit des Bun­des­ge­richts­hofs kommt nach § 36 Abs. 1 Nr. 1 ZPO fer­ner in Betracht, wenn das an sich zur Bestim­mung zustän­di­ge Gericht ver­hin­dert ist. Schließ­lich ist der Bun­des­ge­richts­hof in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO für die Bestim­mung des Gerichts­stands zustän­dig, wenn zwei Gerich­te unter­schied­li­cher Rechts­we­ge ihre Zustän­dig­keit ver­neint haben und der Bun­des­ge­richts­hof als ers­ter der in Betracht kom­men­den obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des dar­um ange­gan­gen wird 2. Kei­ner die­ser Fäl­le liegt hier vor.

Vor der erwähn­ten Geset­zes­än­de­rung hat sich der Bun­des­ge­richts­hof in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 36 Nr. 6 ZPO in der bis zum 31.03.1998 gel­ten­den Fas­sung auch dann als zustän­dig ange­se­hen, wenn ein nega­ti­ver Kom­pe­tenz­kon­flikt zwi­schen zwei Bun­des­ge­richts­ho­fen eines Ober­lan­des­ge-richts bestand und dem Prä­si­di­um des betrof­fe­nen Ober­lan­des­ge­richts eine Ent­schei­dung ver­wehrt war. Dies wur­de in den Fäl­len ange­nom­men, in denen der nega­ti­ve Kom­pe­tenz­kon­flikt nur durch Aus­le­gung einer gesetz­li­chen Zustän­dig­keits­re­ge­lung gelöst wer­den konn­te. Zur Begrün­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf ver­wie­sen, dass es in sol­chen Fäl­len dem Prä­si­di­um des Gerichts, das als rich­ter­li­ches Selbst­ver­wal­tungs­or­gan gemäß § 21e GVG bei einer den Geschäfts­ver­tei­lungs­plan betref­fen­den Mei­nungs­ver­schie­den­heit meh­re­rer Spruch­kör­per grund­sätz­lich ein­grei­fen kann, ver­wehrt ist, den Kon­flikt durch Anwen­dung einer gesetz­li­chen Zustän­dig­keits­norm ver­bind­lich zu ent­schei­den 3.

Die­se Zustän­dig­keit besteht jedoch seit der Ein­füh­rung von § 36 Abs. 2 ZPO nicht mehr. Zwar han­delt es sich, wor­auf der vor­le­gen­de Kar­tell­se­nat zutref­fend hin­weist, bei § 91 GWB um eine gesetz­li­che Zustän­dig­keits­re­ge­lung. Des­halb ist ein Kom­pe­tenz­kon­flikt zwi­schen einem Zivil­se­nat und einem an dem­sel­ben Gericht bestehen­den Kar­tell­se­nat nicht vom Prä­si­di­um zu ent­schei­den, soweit es um die Reich­wei­te von § 91 GWB geht 4. Eine Zustän­dig­keit des Bun­des­ge­richts­hofs ist jedoch durch § 36 Abs. 2 ZPO aus­ge­schlos­sen 5. In der Begrün­dung des Ent­wurfs eines Geset­zes zur Neu­re­ge­lung des Schieds­ver­fah­rens­rechts wird dar­auf ver­wie­sen, die Ein­füh­rung von § 36 Abs. 2 ZPO die­ne der Ent­las­tung der obers­ten Bun­des­ge­rich­te von Rou­ti­ne­auf­ga­ben bei der Bestim­mung des Gerichts­stands. Der Bun­des­ge­richts­hof sol­le zwar in den Fäl­len eines nega­ti­ven Kom­pe­tenz­kon­flikts zwi­schen Gerich­ten ver­schie­de­ner Gerichts­zwei­ge zustän­dig blei­ben, hin­ge­gen von der Ent­schei­dung im Fal­le eines Zustän­dig­keits­kon­flikts zwi­schen einem Zivil- und einem Fami­li­en­se­nat eines Ober­lan­des­ge­richts ent­las­tet wer­den 6. An der feh­len­den Zustän­dig­keit des Bun­des­ge­richts­hofs hat es nichts geän­dert, dass die genann­ten Fäl­le nun­mehr nach § 17a Abs. 6 GVG nach den Bestim­mun­gen des § 17a Abs. 1 bis 5 GVG zu ent­schei­den sind; viel­mehr befin­det der Bun­des­ge­richts­hof nun­mehr unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 17a Abs. 4 GVG (nur) über eine vom Ober­lan­des­ge­richt zuge­las­se­ne Rechts­be­schwer­de.

Der Bun­des­ge­richts­hof ist auch nicht unter dem Gesichts­punkt zur (dekla­ra­to­ri­schen) Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts beru­fen, dass das gesetz­li­che Ver­fah­ren zur Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts, ins­be­son­de­re ein Ver­fah­ren nach § 17a GVG, abge­schlos­sen ist, gleich­wohl das danach zustän­di­ge Gericht nicht bereit ist, die Sache zu ent­schei­den.

Der vor­le­gen­de Kar­tell­se­nat und der 7. Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen gehen noch über­ein­stim­mend davon aus, dass kei­ne gesetz­lich nach § 91 Satz 2 in Ver­bin­dung mit § 87 GWB dem Kar­tell­se­nat zuge­wie­se­ne Beru­fung vor­liegt. Soweit die Bun­des­ge­richts­ho­fe hin­ge­gen dar­über strei­ten, ob wie vom Kar­tell­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts ange­nom­men den §§ 87 ff. GWB ein gesetz­li­cher Aus­schluss sei­ner Zustän­dig­keit für das vor­lie­gen­de Beru­fungs­ver­fah­ren zu ent­neh­men ist, hat der Kar­tell­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts zu Unrecht sei­ne Zustän­dig­keit für eine (vor­be­halt­lich einer Diver­genz im Sinn des § 36 Abs. 3 ZPO) 7 vom Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen zu tref­fen­de Zustän­dig­keits­be­stim­mung ange­nom­men. Eine Zustän­dig­keit der Kar­tell­ge­rich­te für eine sol­che Zustän­dig­keits­be­stim­mung kann nicht aus den Rege­lun­gen der §§ 87, 91 GWB her­ge­lei­tet wer­den und folgt auch nicht aus der weder unmit­tel­bar noch ent­spre­chend anwend­ba­ren Vor­schrift des § 17a Abs. 6 GVG. Sie dürf­te sich auch nicht aus dem Geschäfts­ver­tei­lungs­plan des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen ablei­ten las­sen, des­sen Rege­lung zu V.02. nicht den Fall betrifft, dass zwi­schen dem Kar­tell­se­nat und einem ande­ren Bun­des­ge­richts­hof des Ober­lan­des­ge­richts Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die Zustän­dig­keit bestehen; jeden­falls ist hier­von ersicht­lich das zur Aus­le­gung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans beru­fe­ne Prä­si­di­um des Ober­lan­des­ge­richts aus­ge­gan­gen.

Eine über den gesetz­li­chen Umfang hin­aus­ge­hen­de Zuwei­sung von Rechts­sa­chen an den Kar­tell­se­nat durch Geschäfts­ver­tei­lungs­plan ist zumin­dest inso­weit nicht aus­ge­schlos­sen, als sie in engem Zusam­men­hang mit des­sen gesetz­li­cher Zustän­dig­keit steht und ihr ein sach­lich gerecht­fer­tig­tes Bedürf­nis zugrun­de­liegt. Danach ist ins­be­son­de­re eine an Vor­be­fas­sung mit dem Rechts­streit anknüp­fen­de Zuwei­sung zum Kar­tell­se­nat nicht aus­ge­schlos­sen. Ob die Bestim­mung zu II. B.03. des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans des Ober­lan­des­ge­richts eine sol­che Rege­lung gera­de auch für den Kar­tell­se­nat tref­fen will, ist durch Aus­le­gung zu ermit­teln und im Streit­fall vom Prä­si­di­um des Ober­lan­des­ge­richts zu klä­ren 8. Da der Beschluss des Prä­si­di­ums des Ober­lan­des­ge­richts vom 18.07.2013 kei­ne Begrün­dung ent­hält, wird der Kar­tell­se­nat gege­be­nen­falls das Prä­si­di­um erneut mit der Sache zu befas­sen haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. März 2014 – X ARZ 664/​13

  1. BGBl. I, S. 3224[]
  2. BGH, Beschluss vom 14.05.2013 – X ARZ 167/​13, MDR 2013, 1242 Rn. 4 mwN[]
  3. BGH, Beschluss vom 03.05.1978 – IV ARZ 26/​78, BGHZ 71, 264, 270; Beschluss vom 14.07.1993 XII ARZ 16/​93, NJW-RR 1993, 1282[]
  4. KG WuW/​E DE‑R 2817 Ent­gelt für Nut­zung von Bahn­hö­fen; Voß in KK-KartR, § 91 GWB Rn.19; Dicks in Loewenheim/​Meessen/​Riesenkampff, Kar­tell­recht, 2. Aufl., § 91 GWB Rn.19; Born­kamm in Langen/​Bunte, Kar­tell­recht, 11. Aufl., § 91 GWB Rn. 8[]
  5. zutref­fend Voß aaO[]
  6. Beschluss­emp­feh­lung und Bericht des Rechts­aus­schus­ses, BT-Drs. 13/​9124, S. 45 f.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 12.06.2012 – X ARZ 195/​12 5[]
  8. vgl. Voß in KK-KartR, § 91 GWB Rn.19[]