Der uner­wünsch­te Eis­kunst­lauf­trai­ner und sei­ne Sport­sol­da­ten

Der Bun­des­ge­richts­hof hat ges­tern die Ver­ur­tei­lung der Bun­des­re­pu­blik im Fall des Eis­kunst­lauf­trai­ners Ingo Steu­er bestä­tigt.

Der uner­wünsch­te Eis­kunst­lauf­trai­ner und sei­ne Sport­sol­da­ten

Der Klä­ger ist der Eis­kunst­lauf­trai­ner Ingo Steu­er. Er begehrt mit der vor­lie­gen­den Kla­ge, die beklag­te Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zu ver­ur­tei­len, ihn als Eis­kunst­lauf­trai­ner von Sol­da­ten der Sport­för­der­grup­pe, Dis­zi­plin Paar­lauf, zu dul­den, sofern Sport­sol­da­ten ihn als Trai­ner haben oder wäh­len, er vom Spit­zen­ver­band, der Deut­schen Eis­lauf-Uni­on, beauf­tragt ist und der Deut­sche Olym­pi­sche Sport­bund sei­ne Tätig­keit befür­wor­tet. Er trai­niert seit meh­re­ren Jah­ren die Eis­kunst­läu­fer Aljo­na Sav­chen­ko und Robin Szol­ko­wy, die zwi­schen 2004 und 2011 zahl­rei­che natio­na­le und inter­na­tio­na­le Erfol­ge im Eis­kunst­paar­lauf erziel­ten. Der Klä­ger war frü­her Sport­sol­dat, wur­de aber aus dem Sol­da­ten­ver­hält­nis ent­las­sen, nach­dem sich her­aus­ge­stellt hat­te, dass er bei sei­ner Ein­stel­lung Fra­gen nach einer Tätig­keit für das Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit der ehe­ma­li­gen DDR wahr­heits­wid­rig unzu­tref­fend beant­wor­tet hat­te. Robin Szol­ko­wy darf nicht mehr Sport­sol­dat sein, weil er an dem Klä­ger als Trai­ner fest­hält. Die beklag­te Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land will nicht dul­den, dass Sport­ler, die von dem Klä­ger trai­niert wer­den, Sport­sol­da­ten sind. Dar­in sieht der Klä­ger eine Beein­träch­ti­gung sei­ner Tätig­keit als frei­be­ruf­li­cher Trai­ner.

Das erst­in­stanz­lich mit der Kla­ge befass­te Land­ge­richt Frank­furt (Oder) hat die Kla­ge abge­wie­sen [1], das Bran­den­bur­gi­sche Ober­lan­des­ge­richt hat ihr auf die Beru­fung des Klä­gers mit der Begrün­dung statt­ge­ge­ben, das Ver­hal­ten der Beklag­ten stel­le eine unzu­läs­si­ge Beein­träch­ti­gung des Gewer­be­be­triebs des Klä­gers dar [2]. Die hier­ge­gen ein­ge­leg­te Revi­si­on der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zurück­ge­wie­sen.

Indem die beklag­te Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht dul­den will, dass der Klä­ger Sport­sol­da­ten trai­niert, greift sie in des­sen ein­ge­rich­te­ten und aus­ge­üb­ten Gewer­be­be­trieb, der eigen­tums­ähn­li­chen Schutz genießt, ein.

Die­ser Ein­griff ist rechts­wid­rig. Für die Beur­tei­lung der Rechts­wid­rig­keit kommt es auf eine umfas­sen­de Abwä­gung zwi­schen den Inter­es­sen des Klä­gers und denen der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik an. Die Bun­des­re­pu­blik beruft sich auf die Wahr­neh­mung berech­tig­ter Inter­es­sen, näm­lich die Wah­rung des Anse­hens der Bun­des­wehr. Dabei ist aber zu beach­ten, dass sich im vor­lie­gen­den Rechts­streit die Abwä­gung nicht dar­an zu ori­en­tie­ren hat, wel­che Maß­nah­men die Bun­des­re­pu­blik gegen eine Beschäf­ti­gung des Klä­gers in ihrem Zustän­dig­keits- und Direk­ti­ons­be­reich (Bun­des­wehr) mit Blick auf des­sen Tätig­keit für das Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit ergrei­fen durf­te.

Der Klä­ger bean­stan­det im vor­lie­gen­den Rechts­streit nicht die gegen ihn ergrif­fe­nen dienst­recht­li­chen Maß­nah­men. Er bean­stan­det ledig­lich, dass die Bun­des­re­pu­blik eine Tätig­keit ver­hin­dert, die ledig­lich das sport­li­che Trai­ning der Sport­sol­da­ten betrifft, für das nicht die Bun­des­wehr, son­dern die Deut­sche Eis­lauf-Uni­on und der Deut­sche Olym­pi­sche Sport­bund feder­füh­rend sind.

Vor die­sem Hin­ter­grund über­wie­gen nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs die Inter­es­sen des Klä­gers. Inso­weit ist ins­be­son­de­re Fol­gen­des zu berück­sich­ti­gen: Die Tätig­keit des Klä­gers für das Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit der ehe­ma­li­gen DDR und auch die Falsch­an­ga­ben zu sei­ner MfS-Tätig­keit anläss­lich sei­ner Beschäf­ti­gung als Sport­sol­dat lie­gen vie­le Jah­re zurück. Der Klä­ger wur­de in das Sys­tem der Sta­si in jun­gen Jah­ren ver­strickt. Dass er nen­nens­wer­ten Scha­den ange­rich­tet hät­te, ist nicht vor­ge­tra­gen. Nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung ist er für treue Diens­te und über­durch­schnitt­li­che Leis­tun­gen mehr­fach aus­ge­zeich­net wor­den. Die für den Eis­lauf­sport zustän­di­gen deut­schen Spit­zen­ver­bän­de haben nach den Fest­stel­lun­gen des Bran­den­bur­gi­schen Ober­lan­des­ge­richts kei­ne Ein­wän­de mehr dage­gen, dass der Klä­ger Spit­zen­sport­ler trai­niert.

Unter die­sen Umstän­den ist die beklag­te Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht befugt, ihren Sport­sol­da­ten ein Trai­ning bei dem Klä­ger zu ver­bie­ten. Eine nen­nens­wer­te Beein­träch­ti­gung des Anse­hens der Bun­des­wehr dadurch, dass der Klä­ger als frei­er Trai­ner Sport­sol­da­ten trai­niert, ist nicht ersicht­lich. Ande­rer­seits wer­den die Inter­es­sen des Klä­gers ganz erheb­lich beein­träch­tigt, weil Spit­zen­sport­ler im Bereich des Eis­kunst­paar­laufs nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts nahe­zu aus­schließ­lich Sport­sol­da­ten sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Mai 2012 – VI ZR 117/​11

  1. LG Frank­furt (Oder), Urteil vom 10.06.2010 – 13 O 120/​10[]
  2. OLG Bran­den­burg, Urteil vom 29.03.2011 – 6 U 66/​10[]