Ein­be­ru­fung einer zwei­ten Gläu­bi­ger­ver­samm­lung

Die Ein­be­ru­fung einer zwei­ten Gläu­bi­ger­ver­samm­lung auf Ver­lan­gen einer Gläu­bi­ger­min­der­heit ist im Gesetz nicht vor­ge­se­hen. Für die Ein­be­ru­fung der zwei­ten Gläu­bi­ger­ver­samm­lung ent­hält das Gesetz eine spe­zi­el­le Rege­lung, wonach der Vor­sit­zen­de der ers­ten Ver­samm­lung eine zwei­te Ver­samm­lung ein­be­ru­fen kann (§ 15 Absatz 3 Satz 2 SchVG). Eine Über­prü­fung die­ser Ermes­sens­ent­schei­dung des Vor­sit­zen­den durch die Gerich­te ist vom Gesetz­ge­ber nicht vor­ge­se­hen.

Ein­be­ru­fung einer zwei­ten Gläu­bi­ger­ver­samm­lung

So die Ent­schei­dung des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­lan­des­ge­richts in dem hier vor­lie­gen­den Fall über die Erlaub­nis der luxem­bur­gi­schen Toch­ter­ge­sell­schaft eines US-ame­ri­ka­ni­schen Finanz­in­ves­tors zur Ein­be­ru­fung einer zwei­te Gläu­bi­ger­ver­samm­lung gegen den Wil­len der bei­den betei­lig­ten Gesell­schaf­ten mit Sitz in Nor­der­fried­richs­koog (Kreis Nord­fries­land). Die betei­lig­ten Gesell­schaf­ten mit Sitz in Nor­der­fried­richs­koog (GmbH nach deut­schem Recht) haben zum Unter­neh­mens­ge­gen­stand, sich als stil­le Gesell­schaf­ter an einem Kre­dit­in­sti­tut zu betei­lig­ten und hier­zu Kapi­tal durch Aus­ga­be von Wert­pa­pie­ren (Schuld­ver­schrei­bun­gen) auf­zu­neh­men. Im Dezem­ber 2002 und im Febru­ar 2004 gaben die bei­den GmbHs an Anle­ger vier Mil­lio­nen Wert­pa­pie­re mit einem Nenn­be­trag von jeweils 100 Euro aus (Gesamt­nenn­wert 400 Mil­lio­nen Euro, je GmbH 200 Mil­lio­nen Euro). Dabei han­del­te es sich um Teil­schuld­ver­schrei­bun­gen ohne fes­te Lauf­zeit, deren Erlös nach den Aus­ga­be­be­din­gun­gen aus­schließ­lich dazu ver­wen­det wur­de, stil­le Betei­li­gun­gen der bei­den GmbHs an der IKB Deut­sche Indus­trie­bank AG (im Fol­gen­den: IKB) zu begrün­den. Nach den Betei­li­gungs­ver­trä­gen neh­men die stil­len Betei­li­gun­gen an dem Gewinn der IKB teil, aber auch an den Bilanz­ver­lus­ten der IKB Bank bis zur Höhe der Ver­mö­gens­ein­la­ge. Die Ansprü­che der Wert­pa­pier­an­le­ger auf Rück­zah­lung der Anla­ge und auf Zin­sen sind nach den Aus­ga­be­be­din­gun­gen der Wert­pa­pie­re davon abhän­gig, dass die GmbHs aus den stil­len Betei­li­gun­gen ent­spre­chen­de Zah­lun­gen von der IKB erhal­ten.

Die IKB geriet im Zuge der US-Immo­bi­li­en­kri­se im Jah­re 2007 als ers­te deut­sche Bank in wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten. Der US-ame­ri­ka­ni­sche Finanz­in­ves­tor Lone Star mit Sitz in Dallas/​Texas erwarb im Jahr 2008 über eine Toch­ter­ge­sell­schaft mehr als 90 % der Akti­en an der IKB. Die stil­len Betei­li­gun­gen an der IKB wer­den der­zeit auf­grund der Bilanz­ver­lus­te mit einem Buch­wert von 0 Euro in der Bilanz der IKB geführt. Erst wenn die stil­len Betei­li­gun­gen wie­der voll­stän­dig auf­ge­füllt sein wer­den, erhal­ten die Wert­pa­pier­an­le­ger eine Gewinn­be­tei­li­gung.

Über eine wei­te­re Toch­ter­ge­sell­schaft mit Sitz in Luxem­burg erwarb der Finanz­in­ves­tor Lone Star Tei­le der von den bei­den GmbHs aus Nor­der­fried­richs­koog aus­ge­ge­be­nen Wert­pa­pie­re. Im Jahr 2012 ver­lang­te die luxem­bur­gi­sche Gesell­schaft von den bei­den GmbHs, Gläu­bi­ger­ver­samm­lun­gen der Wert­pa­pier­an­le­ger durch­zu­füh­ren, um durch Mehr­heits­ent­schei­dung die Wert­pa­pie­re so umzu­struk­tu­rie­ren, dass sie nach Kün­di­gung vor­zei­tig zu einem redu­zier­ten Betrag von min­des­tens 5 % des Nenn­be­tra­ges zurück­ge­zahlt wer­den kön­nen. Die Gläu­bi­ger­ver­samm­lun­gen wur­den von den bei­den GmbHs am 5. und 6. Dezem­ber 2012 in Husum durch­ge­führt. Da der in den Gläu­bi­ger­ver­samm­lun­gen von den anwe­sen­den Wert­pa­pier­in­ha­bern ver­tre­te­ne Nenn­be­trag nicht 50 % der aus­ge­ge­be­nen Wert­pa­pie­re aus­mach­te, waren die Gläu­bi­ger­ver­samm­lun­gen nicht beschluss­fä­hig. Die bei­den GmbHs lehn­ten den Antrag der luxem­bur­gi­schen Toch­ter­ge­sell­schaft von Lone Star ab, eine zwei­te Gläu­bi­ger­ver­samm­lung ein­zu­be­ru­fen, für deren Beschluss­fä­hig­keit es aus­ge­reicht hät­te, dass die Anwe­sen­den 25 Pro­zent der aus­ste­hen­den Schuld­ver­schrei­bun­gen ver­tre­ten.

Nach Auf­fas­sung des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­lan­des­ge­richts fehlt es für die Ein­be­ru­fung einer zwei­ten Gläu­bi­ger­ver­samm­lung mit erleich­ter­ten Mehr­heits­er­for­der­nis­sen an einer gesetz­li­chen Grund­la­ge nach dem Schuld­ver­schrei­bungs­ge­setz (SchVG) aus dem Jahr 2009 (§§ 24 Absatz 2, 9 Absatz 2 SchVG). Zwar kön­nen Gläu­bi­ger, deren Schuld­ver­schrei­bun­gen zusam­men 5 Pro­zent der aus­ste­hen­den Schuld­ver­schrei­bun­gen errei­chen, zu bestimm­ten Zwe­cken die Ein­be­ru­fung einer ers­ten Gläu­bi­ger­ver­samm­lung ver­lan­gen. Die betrof­fe­nen Gesell­schaf­ten aus Nor­der­fried­richs­koog haben jedoch dem berech­tig­ten Ver­lan­gen der luxem­bur­gi­schen Gesell­schaft ent­spro­chen und eine ers­te Gläu­bi­ger­ver­samm­lung mit den ver­lang­ten Tages­ord­nungs­punk­ten ein­be­ru­fen.

Für die Ein­be­ru­fung der zwei­ten Gläu­bi­ger­ver­samm­lung ent­hält das Gesetz eine spe­zi­el­le Rege­lung, wonach der Vor­sit­zen­de der ers­ten Ver­samm­lung eine zwei­te Ver­samm­lung ein­be­ru­fen kann (§ 15 Absatz 3 Satz 2 SchVG). Hier­bei han­delt es sich um eine Ermes­sens­ent­schei­dung des Vor­sit­zen­den, deren Über­prü­fung durch die Gerich­te vom Gesetz­ge­ber nicht vor­ge­se­hen ist. Eine Ein­be­ru­fung einer zwei­ten Gläu­bi­ger­ver­samm­lung auf Ver­lan­gen einer Gläu­bi­ger­min­der­heit ist im Gesetz nicht vor­ge­se­hen. Der Gläu­bi­ger­schutz gebie­tet es auch kei­nes­wegs zwin­gend, dass eine wesent­li­che Ände­rung der Anlei­he­be­din­gun­gen schon dann erreicht wer­den kann, wenn nur eine Min­der­heit von 25 % der aus­ge­ge­be­nen Schuld­ver­schrei­bun­gen über­haupt in der Gläu­bi­ger­ver­samm­lung ver­tre­ten ist und davon wie­der­um drei Vier­tel für die Ände­rung stim­men. Zum Gläu­bi­ger­schutz kann es viel­mehr im Gegen­teil gehö­ren, die Mehr­heit der Gläu­bi­ger vor einem Allein­gang einer Min­der­heit zu schüt­zen.

Schles­wig-Hol­stei­ni­sches Ober­lan­des­ge­richt, Beschlüs­se vom 10. Dezem­ber 2013 – 2 W 82/​13 und 2 W 87/​13