Flug mit Zwi­schen­lan­dung – und die Flug­gast­rech­te

Bei einer Flug­ver­bin­dung von einem EU-Mit­glied­staat in einen Dritt­staat mit Umstei­gen in einem ande­ren Dritt­staat, die Gegen­stand einer ein­zi­gen Buchung war, ist das Luft­fahrt­un­ter­neh­men, das den ers­ten Teil­flug durch­ge­führt hat, ver­pflich­tet, den Flug­gäs­ten einen Aus­gleich zu leis­ten, wenn es bei der Ankunft des zwei­ten Teil­flugs, der von einem Luft­fahrt­un­ter­neh­men von außer­halb der Gemein­schaft durch­ge­führt wur­de, zu einer gro­ßen Ver­spä­tung gekom­men ist.

Flug mit Zwi­schen­lan­dung – und die Flug­gast­rech­te

Die­sem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on lag ein Fall aus der Tsche­chi­schen Repu­blik zugrun­de: Elf Flug­gäs­te nah­men bei dem tsche­chi­schen Luft­fahrt­un­ter­neh­men ?eské aero­li­nie eine ein­heit­li­che Buchung für einen Flug von Prag (Tsche­chi­sche Repu­blik) über Abu Dha­bi (Ver­ei­nig­te Ara­bi­sche Emi­ra­te) nach Bang­kok (Thai­land) vor. Der ers­te Teil­flug die­ses Flu­ges mit Umstei­gen, der von ?eské aero­li­nie durch­ge­führt wur­de und von Prag nach Abu Dha­bi ging, wur­de ent­spre­chend dem Flug­plan durch­ge­führt und kam pünkt­lich in Abu Dha­bi an. Dage­gen war der zwei­te Teil­flug, der im Rah­men einer Codesha­ring-Ver­ein­ba­rung von Eti­had Air­ways, einem Luft­fahrt­un­ter­neh­men von außer­halb der Gemein­schaft, durch­ge­führt wur­de und von Abu Dha­bi nach Bang­kok ging, bei der Ankunft um 488 Minu­ten ver­spä­tet. Die­se Ver­spä­tung von mehr als drei Stun­den kann nach der Ver­ord­nung (EG) Nr. 261/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 11. Febru­ar 2004 über eine gemein­sa­me Rege­lung für Aus­gleichsund Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen für Flug­gäs­te im Fall der Nicht­be­för­de­rung und bei Annul­lie­rung oder gro­ßer Ver­spä­tung von Flü­gen und zur Auf­he­bung der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 295/​91 1 (Flug­gast­rech­te-Ver­ord­nung) dazu füh­ren, dass Flug­gäs­ten ein Anspruch auf einen Aus­gleich zusteht.

Die Flug­gäs­te erho­ben bei den tsche­chi­schen Gerich­ten Kla­ge gegen ?eské aero­li­nie auf Leis­tung des in der Ver­ord­nung über Flug­gast­rech­te vor­ge­se­he­nen Aus­gleichs. ?eské aero­li­nie stellt vor die­sen Gerich­ten aller­dings die Begründ­etheit der Kla­gen mit der Argu­men­ta­ti­on in Abre­de, dass sie für die Ver­spä­tung des Flu­ges von Abu Dha­bi nach Bang­kok nicht in Haf­tung genom­men wer­den kön­ne, da die­ser Flug von einem ande­ren Luft­fahrt­un­ter­neh­men durch­ge­führt wor­den sei. Der mit dem Rechts­streit in zwei­ter Instanz befass­te M?stský soud v Pra­ze (Stadt­ge­richt Prag, Tsche­chi­sche Repu­blik) leg­te dar­auf­hin dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Rechts­fra­ge zur Vor­ab­ent­schei­dung vor, ob ?eské aero­li­nie zur Zah­lung des Aus­gleichs nach der Ver­ord­nung über Flug­gast­rech­te ver­pflich­tet ist.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Uni­ons­ge­richts­hof ent­schei­det dabei nur über die vor­ge­leg­te Rechts­fra­ge, nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist und bleibt viel­mehr Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs zu ent­schei­den. Die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

In sei­nem heu­ti­gen Urteil weist der Uni­ons­ge­richts­hof zunächst dar­auf hin, dass ein Flug mit ein­o­der mehr­ma­li­gem Umstei­gen, der Gegen­stand einer ein­zi­gen Buchung war, für die Zwe­cke des in der Ver­ord­nung vor­ge­se­he­nen Aus­gleichs eine Gesamt­heit dar­stellt 2. Damit fällt ein Flug mit Umstei­gen, des­sen ers­ter Teil­flug im Gebiet eines Mit­glied­staats, hier Prag, star­tet, in den Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung, auch wenn sein zwei­ter Teil­flug mit Abflug- und Ziel­ort in einem Dritt­staat außer­halb der Euro­päi­schen Uni­on von einem Luft­fahrt­un­ter­neh­men von außer­halb der Gemein­schaft durch­ge­führt wur­de.

Zu der Fra­ge, ob ?eské aero­li­nie, das Luft­fahrt­un­ter­neh­men, das den ers­ten Teil­flug des Flu­ges mit Umstei­gen durch­ge­führt hat, zur Zah­lung des Aus­gleichs ver­pflich­tet wer­den kann, der auf­grund der gro­ßen Ver­spä­tung bei der Ankunft des zwei­ten, von Eti­had Air­ways durch­ge­führ­ten Teil­flugs geschul­det ist, stellt der Uni­ons­ge­richts­hof fest, dass nach der Ver­ord­nung für Flug­gast­rech­te die Ver­pflich­tung zur Leis­tung des Aus­gleichs an die Flug­gäs­te aus­schließ­lich auf dem aus­füh­ren­den Luft­fahrt­un­ter­neh­men des betrof­fe­nen Flu­ges las­tet. Hier­zu weist der Uni­ons­ge­richts­hof dar­auf hin, dass für die Ein­stu­fung eines Luft­fahrt­un­ter­neh­mens als aus­füh­ren­des Luft­fahrt­un­ter­neh­men u. a. dar­ge­legt wer­den muss, dass die­ses Unter­neh­men den frag­li­chen Flug tat­säch­lich durch­ge­führt hat. Da ?eské aero­li­nie im Rah­men eines mit den betrof­fe­nen Flug­gäs­ten geschlos­se­nen Beför­de­rungs­ver­trags tat­säch­lich einen Flug durch­ge­führt hat, kann sie als aus­füh­ren­des Luft­fahrt­un­ter­neh­men ein­ge­stuft wer­den.

Der Uni­ons­ge­richts­hof kommt folg­lich zu dem Ergeb­nis, dass ?eské aero­li­nie unter den Umstän­den der vor­lie­gen­den Rechts­sa­che grund­sätz­lich für den in der Ver­ord­nung vor­ge­se­he­nen Aus­gleich wegen der gro­ßen Ver­spä­tung bei der Ankunft des Flu­ges mit Umstei­gen nach Bang­kok haf­tet, obwohl die gro­ße Ver­spä­tung auf dem Flug von Abu Dha­bi nach Bang­kok ent­stan­den und Eti­had Air­ways zuzu­rech­nen ist. In die­sem Sin­ne unter­streicht der Uni­ons­ge­richts­hof ins­be­son­de­re, dass sich ein aus­füh­ren­des Luft­fahrt­un­ter­neh­men, das den ers­ten Teil­flug eines Flu­ges mit ein­o­der mehr­ma­li­gem Umstei­gen durch­ge­führt hat, der Gegen­stand einer ein­zi­gen Buchung war, nicht auf die man­gel­haf­te Durch­füh­rung eines spä­te­ren, von einem ande­ren Luft­fahrt­un­ter­neh­men durch­ge­führ­ten Teil­flugs zurück­zie­hen kann.

Schließ­lich weist der Uni­ons­ge­richts­hof dar­auf hin, dass die Ver­ord­nung über Flug­gast­rech­te einem aus­füh­ren­den Luft­fahrt­un­ter­neh­men, das wegen gro­ßer Ver­spä­tung eines Flu­ges mit Umstei­gen, der Gegen­stand einer ein­zi­gen Buchung war und im Rah­men einer Codesha­ring­Ver­ein­ba­rung zum Teil von einem ande­ren Luft­fahrt­un­ter­neh­men durch­ge­führt wur­de, Flug­gäs­ten einen Aus­gleich leis­ten muss­te, das Recht vor­be­hält, gegen die­ses ande­re Unter­neh­men vor­zu­ge­hen, um Ersatz für die­se finan­zi­el­le Belas­tung zu erhal­ten.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 11. Juli 2019 – C −502÷18

  1. ABl. 2004, L 46, S. 1
  2. EuGH, Urteil vom 31.05.2018 – C‑537/​17