Auf­lö­sung einer aty­pisch stil­len Gesell­schaft – und die Rück­zah­lung gewinn­un­ab­hän­gi­ger Aus­schüt­tun­gen

Wird eine (hier: mehr­glied­ri­ge aty­pisch) stil­le Gesell­schaft auf­ge­löst, sind die stil­len Gesell­schaf­ter zur Rück­zah­lung der ihnen zuge­flos­se­nen gewinn­un­ab­hän­gi­gen Aus­schüt­tun­gen an den Geschäfts­in­ha­ber ver­pflich­tet, wenn die­ser Rück­zah­lungs­an­spruch im Gesell­schafts­ver­trag gere­gelt ist.

Auf­lö­sung einer aty­pisch stil­len Gesell­schaft – und die Rück­zah­lung gewinn­un­ab­hän­gi­ger Aus­schüt­tun­gen

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits mit Urteil vom 08.12 2015 1 im Rah­men der ihm oblie­gen­den objek­ti­ven Aus­le­gung 2 des mehr­glied­ri­gen aty­pisch stil­len Gesell­schafts­ver­trags zu den – auch hier – aus­zu­le­gen­den Bestim­mun­gen, aber auch schon zu wort­glei­chen Rege­lun­gen in ande­ren stil­len Gesell­schafts­ver­trä­gen, die Gegen­stand von Pro­spekt­haf­tungs­kla­gen gegen ver­gleich­ba­re Gesell­schaf­ten waren 3, ent­schie­den, dass sich die Berech­nung des Abfin­dungs­be­trags der stil­len Gesell­schaf­ter nach der mit Beschluss vom 11.12 2009 mit Wir­kung zum 15.12 2009 ein­ge­tre­te­nen Voll­be­en­di­gung der mehr­glied­ri­gen aty­pisch stil­len Gesell­schaft nach § 16 und § 9 GV rich­tet.

Im Urteil vom 08.12 2015 4 hat der Bun­des­ge­richts­hof inso­weit aus­ge­führt: Die stil­le Gesell­schaft ist durch den Beschluss der Gesell­schaf­ter vom 11.12 2009 mit Wir­kung zum 15.12 2009 im Sin­ne des § 16 Nr. 1 GV been­det wor­den. Bei Been­di­gung der stil­len Gesell­schaft steht den Gesell­schaf­tern nach § 16 Nr. 1 Satz 1 GV ein Abfin­dungs­gut­ha­ben zu, des­sen Berech­nung sich nach einem in § 16 und § 9 GV näher gere­gel­ten Aus­ein­an­der­set­zungs­wert bestimmt. … Die den stil­len Gesell­schaf­tern im Innen­ver­hält­nis wie Kom­man­di­tis­ten ein­ge­räum­ten Rech­te sind, soweit sie nach der Auf­lö­sung der stil­len Gesell­schaft nicht über­haupt ent­fal­len sind, jeden­falls auf die Durch­set­zung ihrer sich auf­grund der Auf­lö­sung der Gesell­schaft erge­ben­den Ansprü­che beschränkt. Hin­sicht­lich ihrer ver­mö­gens­mä­ßi­gen Betei­li­gung an dem Unter­neh­men sind die stil­len Gesell­schaf­ter nach Maß­ga­be von § 16 i.V.m. § 9 GV abzu­fin­den.

In den Beschlüs­sen vom 03.02.2015 5 heißt es inso­weit: "Hin­sicht­lich der Rück­zah­lungs­pflicht im Rah­men der Aus­ein­an­der­set­zung der aty­pi­schen stil­len Gesell­schaft oder des Aus­schei­dens eines aty­pi­schen stil­len Gesell­schaf­ters ergibt sich aus § 13 Abs. 1 Buchst. d (wort­gleich mit: § 16 Nr. 1 Buchst. d) 6 des im Pro­spekt abge­druck­ten Gesell­schafts­ver­trags, dass eine Rück­zah­lungs­pflicht an die Gesell­schaft dann besteht, wenn die Ent­nah­men und Ver­lust­an­tei­le die Ein­la­ge­sum­me und Gewinn­an­tei­le und das ermit­tel­te Abfin­dungs­gut­ha­ben über­stei­gen und eine Ver­rech­nung nicht zur Deckung des nega­ti­ven Kapi­tal­kon­tos aus­reicht.

Der Bun­des­ge­richts­hof sieht kei­ne Ver­an­las­sung, von die­ser Aus­le­gung der Rege­lun­gen in §§ 9, 16 des Gesell­schafts­ver­tra­ges abzu­wei­chen.

§ 16 GV ver­weist aus­weis­lich sei­ner Über­schrift sowie der For­mu­lie­rung in Nr. 1 Satz 2 für jede Form der Been­di­gung der mehr­glied­ri­gen aty­pisch stil­len Gesell­schaft auf § 9 GV sowie die "nach­ste­hen­den Buch­sta­ben a) bis d)" als Maß­stab für die Berech­nung des Abfin­dungs­gut­ha­bens der stil­len Gesell­schaf­ter. Been­det wird die aty­pisch mehr­glied­ri­ge stil­le Gesell­schaft (jeden­falls) durch den Beschluss der Gesell­schaf­ter, die­se auf­zu­lö­sen 7. Hin­ge­gen wird die stil­le Gesell­schaft durch den ver­trags­ge­mä­ßen Aus­tritt eines Gesell­schaf­ters, wie aus § 15 Nr. 1 Abs. 4 GV folgt, nicht auf­ge­löst, son­dern sie wird in die­sem Fall fort­ge­setzt. Dies recht­fer­tigt es, in § 9 GV in Ver­bin­dung mit § 16 Nr. 1 d)) GV aus­drück­lich klar­zu­stel­len, dass die Pflicht zur Rück­zah­lung der gewinn­un­ab­hän­gi­gen Aus­schüt­tun­gen auch bei einem Aus­tritt besteht.

Die Rege­lung in § 16 Nr. 1 d)) GV betref­fend die Pflicht zur Rück­zah­lung der gewinn­un­ab­hän­gi­gen Aus­zah­lun­gen trägt dem Umstand Rech­nung, dass die stil­len Gesell­schaf­ter bei der hier vor­lie­gen­den ver­trag­li­chen Kon­struk­ti­on das wirt­schaft­li­che Risi­ko des Unter­neh­mens des Geschäfts­in­ha­bers tra­gen.

Ange­sichts des Ver­hält­nis­ses des vom Geschäfts­herrn ein­ge­leg­ten Kapi­tals von 500.000 € zur Höhe der stil­len Ein­la­gen in Höhe von 150 Mio. € und des Umstands, dass die stil­len Gesell­schaf­ter einem Kom­man­di­tis­ten ver­gleich­ba­re Mit­wir­kungs­rech­te haben, die ihnen weit­rei­chen­de Befug­nis­se zur Ein­fluss­nah­me auf die Geschäfts­füh­rung und die Gestal­tung der Kom­man­dit­ge­sell­schaft ein­räu­men (§ 1 Nr. 2 und 4, § 6 Nr. 2 und 3 GV), haben die Ein­la­gen der stil­len Gesell­schaf­ter Eigen­ka­pi­tal­cha­rak­ter 8. Die stil­len Gesell­schaf­ter tre­ten gemäß § 10 Nr. 6 GV (u.a.) mit ihren Abfin­dungs­an­sprü­chen im Rang hin­ter die Erfül­lung der For­de­run­gen von Gläu­bi­gern des Geschäfts­in­ha­bers zurück. In der Insol­venz des Geschäfts­in­ha­bers ste­hen ihre For­de­run­gen nach § 39 Abs. 1 Nr. 5 InsO einem Gesell­schaf­ter­dar­le­hen im Nach­rang gleich 9. Aus­zah­lun­gen an sie kön­nen im Fal­le der Insol­venz des Geschäfts­herrn anfecht­bar sein 10.

Für den Fall der Been­di­gung der stil­len Gesell­schaft regelt § 16 Nr. 1 d)) GV die­se umfas­send bestehen­de Pflicht der stil­len Gesell­schaf­ter, die Schul­den des Geschäfts­in­ha­bers, soweit sie auf das Unter­neh­men ent­fal­len, an dem sie betei­ligt sind, mög­lichst aus­zu­glei­chen. Die stil­len Gesell­schaf­ter sol­len dem Geschäfts­herrn die Schul­den­til­gung durch die Rück­zah­lung der Gel­der ermög­li­chen, die sie nicht als Gewinn, son­dern zu Las­ten des Ver­mö­gens des Unter­neh­mens erhal­ten haben. § 16 Nr. 1 d)) GV stellt klar, dass die­se Pflicht schon aus Grün­den der Gleich­be­hand­lung jeden stil­len Gesell­schaf­ter trifft, der der­ar­ti­ge Zah­lun­gen aus dem Ver­mö­gen des Unter­neh­mens des Geschäfts­in­ha­bers erhal­ten hat unab­hän­gig davon, ob die Been­di­gung der Gesell­schaf­ter­stel­lung auf einer Kün­di­gung des Gesell­schaf­ters, sei­ner Aus­schlie­ßung oder auf der Auf­lö­sung der stil­len Gesell­schaft beruht. Eben­so ver­weist § 9 GV für jede Form des Aus­schei­dens eines stil­len Gesell­schaf­ters auf die Ein­zel­hei­ten der Berech­nung nach § 16 GV, der aus­weis­lich sei­ner Bezeich­nung das "Abfin­dungs­gut­ha­ben bei Been­di­gung der aty­pisch stil­len Gesell­schaft" regelt.

Nur ergän­zend weist der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin, dass die­se Aus­le­gung der §§ 9, 16 Nr. 1 d)) GV dem Ver­ständ­nis einer Viel­zahl von stil­len Gesell­schaf­tern ent­spricht, die sich an der Klä­ge­rin bzw. ver­gleich­ba­ren Gesell­schaf­ten betei­ligt haben. Die­se haben ihre, dem Bun­des­ge­richts­hof aus den bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren bekann­ten Pro­spekt­haf­tungs­an­sprü­che u.a. dar­auf gestützt, dass sie über die sich nach ihrem Ver­ständ­nis aus § 9 i.V.m. § 16 Nr. 1 d)) GV (bzw. wort­glei­chen Rege­lun­gen) erge­ben­de Pflicht zur Rück­zah­lung der gewinn­un­ab­hän­gi­gen Aus­zah­lun­gen im Fal­le der Been­di­gung der stil­len Gesell­schaft nicht ord­nungs­ge­mäß auf­ge­klärt wor­den sei­en.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Sep­tem­ber 2016 – II ZR 120/​15

  1. BGH, Urteil vom 08.12.2015 – II ZR 333/​14, ZIP 2016, 523 ff.[]
  2. st. Rspr., s. nur BGH, Beschluss vom 22.09.2015 – II ZR 310/​14, ZIP 2016, 266 Rn. 8; Beschluss vom 23.09.2014 – II ZR 373/​13 1, jeweils mwN[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 03.02.2015 – II ZR 52/​14, – II ZR 54/​14, – II ZR 77/​14, – II ZR 93/​14, – II ZR 103/​14, jeweils juris[]
  4. BGH, Urteil vom 08.12 2015 – II ZR 333/​14, ZIP 2016, 523 Rn. 7, 14[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 03.02.2015 – II ZR 52/​14, – II ZR 54/​14, – II ZR 77/​14, – II ZR 93/​14, – II ZR 103/​14[]
  6. sie­he LG Ham­burg, Urteil vom 24.01.2013 – 328 O 370/​11 24, Vor­in­stanz zu BGH – II ZR 52/​14[]
  7. BGH, Urteil vom 08.12 2015 – II ZR 333/​14, ZIP 2016, 523 Rn. 9 ff.[]
  8. vgl. nur BGH, Urteil vom 17.12 1984 – II ZR 36/​84, ZIP 1985, 347[]
  9. BGH, Urteil vom 28.06.2012 – IX ZR 191/​11, BGHZ 193, 378 Rn. 24[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 28.06.2012 – IX ZR 191/​11, BGHZ 193, 378 Rn. 27; Haas/​Vogel, NZI 2012, 875, 877; Mylich, WM 2013, 1010, 1013 f.[]
  11. BAG 9.04.2008 – 4 AZR 164/​07, Rn. 57 mwN[]