Not­ge­schäfts­füh­rer für die GbR

Für eine Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts ist grund­sätz­lich kein Not­ge­schäfts­füh­rer zu bestel­len.

Not­ge­schäfts­füh­rer für die GbR

Der Antrag auf Bestel­lung eines Not­vor­stands eines Ver­eins nach § 29 BGB kann von einem Ver­eins­mit­glied als Betei­lig­tem gestellt wer­den. Ein Ver­eins­mit­glied, das einen sol­chen Antrag gestellt hat, ist gegen die Ableh­nung der Bestel­lung eines Not­vor­stands beschwer­de­be­rech­tigt, weil es in eige­nen Rech­ten beein­träch­tigt wird 1. Das ein­zel­ne Mit­glied hat ein recht­lich geschütz­tes Inter­es­se an der Hand­lungs­fä­hig­keit des Ver­eins und ist, sofern die Sat­zung nichts Abwei­chen­des regelt, zur Mit­wir­kung bei der Bestel­lung des Vor­stands beru­fen. Wenn wie hier eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Not­vor­stands­be­stel­lung auf einen ande­ren Ver­band in Fra­ge steht, gilt Ent­spre­chen­des. Die Gesell­schaf­te­rin einer GbR hat ein Inter­es­se an der Hand­lungs­fä­hig­keit der Gesell­schaft und ist zur Mit­wir­kung an der Geschäfts­füh­rung bzw. an der Über­tra­gung der Geschäfts­füh­rung beru­fen, §§ 710, 709 Abs. 1 BGB.

Aller­dings lehnt der Bun­des­ge­richts­hof – wie zuvor bereits das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main 2- die Bestel­lung eines Not­ge­schäfts­füh­rers für die Gesell­schaft ent­spre­chend § 29 BGB abge­lehnt.

Für eine Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts ist grund­sätz­lich kein Not­ge­schäfts­füh­rer zu bestel­len, jeden­falls wenn sie kei­ne Publi­kums­ge­sell­schaft ist 3.

Für die ent­spre­chen­de Anwen­dung der Rege­lung des § 29 BGB feh­len die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen. Eine Ana­lo­gie ist zuläs­sig, wenn das Gesetz eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke ent­hält und der zu beur­tei­len­de Sach­ver­halt in recht­li­cher Hin­sicht soweit mit dem Tat­be­stand, den der Gesetz­ge­ber gere­gelt hat, ver­gleich­bar ist, dass ange­nom­men wer­den kann, der Gesetz­ge­ber wäre bei einer Inter­es­sen­ab­wä­gung, bei der er sich von den glei­chen Grund­sät­zen hät­te lei­ten las­sen wie bei dem Erlass der her­an­ge­zo­ge­nen Geset­zes­vor­schrift, zu dem glei­chen Abwä­gungs­er­geb­nis gekom­men 4.

Es fehlt bereits eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke. Der Not­vor­stand über­brückt bei der juris­ti­schen Per­son eine vor­über­ge­hen­de Hand­lungs­un­fä­hig­keit beim Feh­len eines ordent­lich bestell­ten Vor­stands. Der Weg­fall der Geschäfts­füh­rungs­be­fug­nis bei einem geschäfts­füh­ren­den Gesell­schaf­ter oder sein Weg­fall machen die Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts dage­gen auch beim Feh­len von Vor­keh­run­gen im Gesell­schafts­ver­trag nicht hand­lungs­un­fä­hig, weil dafür Rege­lun­gen im Gesetz vor­han­den oder von der Recht­spre­chung ent­wi­ckelt wor­den sind.

Der Weg­fall des (ein­zi­gen) geschäfts­füh­rungs­be­rech­tig­ten Gesell­schaf­ters durch Tod führt zur Gesamt­ge­schäfts­füh­rungs­be­fug­nis der ver­blie­be­nen Gesell­schaf­ter (§ 709 Abs. 1 BGB). Bei Ent­zie­hung der Geschäfts­füh­rungs­be­fug­nis oder Amts­nie­der­le­gung gilt Ent­spre­chen­des; ggf. bleibt es bei der Geschäfts­füh­rungs­be­fug­nis der übri­gen geschäfts­füh­rungs­be­fug­ten Gesell­schaf­ter 5. Dass sich die ver­blei­ben­den Gesell­schaf­ter blo­ckie­ren kön­nen, ist in der Gesamt­ge­schäfts­füh­rungs­be­fug­nis als dem gesetz­li­chen Regel­fall bei der Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts ange­legt und begrün­det daher kei­ne Rege­lungs­lü­cke.

Soweit etwa im Hin­blick auf den Aus­schluss des geschäfts­füh­rungs- und ver­tre­tungs­be­fug­ten Gesell­schaf­ters recht­li­che Unsi­cher­hei­ten bestehen, kann die Geschäfts­füh­rungs- und Ver­tre­tungs­be­fug­nis durch eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung vor­läu­fig gere­gelt wer­den. Wenn ein drin­gen­der Hand­lungs­be­darf wegen einer Gefahr für die Gesell­schaft oder ihr Ver­mö­gen besteht, die kei­nen Auf­schub bis zu einer Ent­schei­dung der Gesell­schaf­ter dul­det, bedarf es eben­falls kei­nes Not­ge­schäfts­füh­rers. Jeder Gesell­schaf­ter hat ent­spre­chend § 744 Abs. 2 BGB die Befug­nis zu den Maß­nah­men, die zur Erhal­tung eines zum Gesell­schafts­ver­mö­gen gehö­ren­den Gegen­stan­des oder der Gesell­schaft selbst not­wen­dig sind 6.

Auch die – behaup­te­te – zeit­wei­li­ge Geschäfts­un­fä­hig­keit des wei­te­ren Gesell­schaf­ters führt nicht zu einer unge­re­gel­ten Situa­ti­on. Der Gefahr der Mit­wir­kung eines Mit­ge­sell­schaf­ters, die sich nach­träg­lich als unwirk­sam her­aus­stellt, kann durch die Bestel­lung eines Betreu­ers für den geschäfts­un­fä­hi­gen Gesell­schaf­ter und einen Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt (§ 1903 BGB) begeg­net wer­den 7. Wenn in gericht­li­chen Ver­fah­ren wegen der Eil­be­dürf­tig­keit ein Zuwar­ten mit Nach­tei­len ver­bun­den wäre, kann vor der Betreu­er­be­stel­lung ein Pro­zess­pfle­ger nach § 57 ZPO bestellt wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Sep­tem­ber 2014 – II ZB 4/​14

  1. vgl. OLG Schles­wig, FGPrax 2013, 127, 128[]
  2. OLG Frankfurt/​Main, Beschluss vom 30.01.2014 – 20 W 368/​13, ZIP 2014, 875[]
  3. Erman/​Westermann, BGB, 14. Aufl., § 29 Rn. 4; Staudinger/​Weick, BGB, Bear­bei­tung 2005, § 29 Rn. 5; Münch­Komm-BGB/­Reu­ter, 6. Aufl., § 29 Rn. 4; Beck­OK BGB/​Schöpflin Stand: 01.02.2014, § 29 Rn. 2; Soergel/​Hadding, BGB, 13. Aufl., § 29 Rn. 3; Palandt/​Ellenberger, BGB, 73. Aufl., § 29 Rn. 1; Otto in juris­PK-BGB, 6. Aufl., § 29 Rn. 2; Andre­as Berg­mann in juris­PK-BGB, 6. Aufl., § 709 Rn. 10; vgl. zur KG BGH, Urteil vom 09.12 1968 – II ZR 33/​67, BGHZ 51, 198, 200[]
  4. st. Rspr., vgl. etwa BGH, Urteil vom 21.01.2010 – IX ZR 65/​09, BGHZ 184, 101 Rn. 32; Urteil vom 12.01.2010 – XI ZR 37/​09, ZIP 2010, 319 Rn. 32 mwN[]
  5. vgl. Münch­Komm-BGB/­Schä­fer, 6. Aufl., § 712 Rn.20 mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 04.05.1955 – IV ZR 185/​54, BGHZ 17, 181, 183[]
  7. vgl. Palandt/​Götz, BGB, 73. Aufl., § 1903 Rn. 10 mwN[]
  8. BGH, Urteil vom 08.11.1965 – II ZR 223/​64, BGHZ 44, 229, 231[]