Haf­tung des Steu­er­be­ra­ters für EU-rechts­wid­ri­ges Steu­er­recht

Der mit der Anmel­dung von Umsatz­steu­er betrau­te Steu­er­be­ra­ter braucht den Man­dan­ten auf eine etwai­ge Gemein­schafts­wid­rig­keit der Besteue­rung erst hin­zu­wei­sen, sobald der Bun­des­fi­nanz­hof dahin lau­ten­de Beden­ken in einer Ent­schei­dung, die dem Steu­er­be­ra­ter bekannt sein muss, äußert. Ein Steu­er­be­ra­ter braucht eine nicht mit einem Leit­satz ver­se­he­ne Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs, die ledig­lich in einer nicht amt­li­chen Ent­schei­dungs­samm­lung, aber in kei­ner der ein­schlä­gi­gen all­ge­mei­nen Fach­zeit­schrif­ten abge­druckt wur­de, vor­be­halt­lich ande­rer Hin­wei­se nicht zu ken­nen.

Haf­tung des Steu­er­be­ra­ters für EU-rechts­wid­ri­ges Steu­er­recht

Ver­säumt es der Steu­er­be­ra­ter, im Anschluss an die bera­tungs­feh­ler­freie Abga­be von Jah­res­um­satz­steu­er­an­mel­dun­gen auf eine danach bekannt gewor­de­ne Recht­spre­chungs­än­de­rung durch einen Antrag auf Neu­fest­set­zung zu reagie­ren, so beginnt die Ver­jäh­rung eines Ersatz­an­spruchs des Man­dan­ten erst mit dem Ende der Fest­set­zungs­frist zu lau­fen.

Aus­rich­tung der Steu­er­be­ra­tung auf die Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs[↑]

Wegen der rich­tung­wei­sen­den Bedeu­tung, die höchst­rich­ter­li­chen Ent­schei­dun­gen für die Rechts­wirk­lich­keit zukommt, hat sich in der Steu­er­be­ra­tung der Bera­ter bei der Wahr­neh­mung sei­nes Man­dats grund­sätz­lich an die­ser Recht­spre­chung aus­zu-rich­ten. Maß­geb­lich ist die jeweils aktu­el­le höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung im Zeit­punkt sei­ner Inan­spruch­nah­me. Hier­bei darf der Bera­ter in der Regel auf deren Fort­be­stand ver­trau­en, weil von einer gefes­tig­ten höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung nur in Aus­nah­me­fäl­len abge­wi­chen zu wer­den pflegt 1. Eben­so darf ein Steu­er­be­ra­ter grund­sätz­lich auf die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des von der Steu­er­ver­wal­tung ange­wen­de­ten Steu­er­ge­set­zes ver­trau­en. Die Ver­wal­tung hat Geset­ze trotz bestehen­der Zwei­fel an deren Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit anzu­wen­den. Glei­ches gilt für die mit dem Steu­er­fall befass­ten Gerich­te. Erst wenn ein Gericht von der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Norm über­zeugt ist, hat es das Ver­fah­ren aus­zu­set­zen und nach Art. 100 Abs. 1 GG eine Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ein­zu­ho­len; blo­ße ver­fas­sungs­recht­li­che Zwei­fel berech­ti­gen noch nicht zur Vor­la­ge an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 2. Danach kann sich nur aus­nahms­wei­se die Pflicht erge­ben, auf eine mög­li­che Ver­fas­sungs­wid­rig­keit eines bis­lang als ver­fas­sungs­ge­mäß behan­del­ten Steu­er­ge­set­zes hin­zu­wei­sen 3. Der Steu­er­be­ra­ter, der mit der Prü­fung eines Steu­er­be­schei­des beauf­tragt ist, muss mit sei­nem Man­dan­ten die Mög­lich­keit eines Ein­spruchs wegen mög­li­cher Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des anzu­wen­den­den Steu­er­ge­set­zes nicht erör­tern, so lan­ge kei­ne ent­spre­chen­de Vor­la­ge eines Finanz­ge­richts an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­öf­fent­licht ist oder sich ein gleich star­ker Hin­weis auf die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der Besteue­rung aus ande­ren Umstän­den, ins­be­son­de­re einer in ähn­li­chem Zusam­men­hang ergan­ge­nen, im Bun­des­steu­er­blatt ver­öf­fent­lich­ten Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ergibt 4.

Die­se Grund­sät­ze sind auf einen Fall, der die Gemein­schafts­wid­rig­keit einer Steu­er­norm betrifft, trotz abwei­chen­der Vor­la­ge­vor­aus­set­zun­gen ent­spre­chend anzu­wen­den. Bestehen Zwei­fel an der Ver­ein­bar­keit des inner­staat­li­chen mit dem Gemein­schafts­recht und ver­säumt das letzt­in­stanz­lich befass­te Gericht das gemäß dem hier noch anzu­wen­den­den Art. 234 Abs. 3 EGV gebo­te­ne Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, kann der Betrof­fe­ne mit einer Rüge der Ver­let­zung des Art. 101 Abs. 1 Satz 1 GG die Vor­la­ge erzwin­gen 5.

Bis dahin brauch­te die Steu­er­be­ra­ter selb­stän­di­ge Rück­schlüs­se dar­auf, dass die Besteue­rung mit dem Gemein­schafts­recht unver­ein­bar sein könn­te, nicht zu zie­hen.

Das Stu­di­um der ein­schlä­gi­gen Fach­zeit­schrif­ten[↑]

Auch stellt es kei­nen Bera­tungs­feh­ler dar, wenn dem Steu­er­be­ra­ter eine ledig­lich ver­ein­zelt ver­öf­fent­lich­te Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs, nach deren Inhalt die Steu­er­pflicht von bestimm­ten Umsät­zen ernst­haf­ten gemein­schafts­recht­li­chen Beden­ken aus­ge­setzt war, nicht bekannt sein muss­te.

Der Rechts­be­ra­ter hat sei­ne Tätig­keit für den Man­dan­ten in ers­ter Linie an der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung aus­zu­rich­ten; denn die­se hat rich­tung­wei­sen­de Bedeu­tung für Ent­wick­lung und Anwen­dung des Rechts. Der Bera­ter muss sich des­halb über die Ent­wick­lung der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung nicht nur anhand der amt­li­chen Samm­lun­gen, son­dern auch der ein­schlä­gi­gen Fach­zeit­schrif­ten unter­rich­ten. Stren­ge­re Anfor­de­run­gen sind jedoch zu stel­len, wenn ein Rechts­ge­biet ersicht­lich in der Ent­wick­lung begrif­fen und (wei­te­re) höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung zu erwar­ten ist. Dann muss ein Bera­ter, der eine Ange­le­gen­heit aus die­sem Bereich zu bear­bei­ten hat, auch Spe­zi­al­zeit­schrif­ten in ange­mes­se­ner Zeit durch­se­hen 6.

In dem kon­kre­ten vom BGH ent­schie­de­nen Fall der Fra­ge einer Umsatz­steu­er­pflicht für Geld­spiel­au­to­ma­ten konn­ten daher nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs bereits im Aus­gangs­punkt kei­ne gestei­ger­ten Anfor­de­run­gen an die Beob­ach­tungs- und Recher­chie­rungs­pflicht der Beklag­ten gestellt wer­den, weil die Rechts­la­ge nach Ablauf von mehr als zwei Jah­ren seit der letz­ten die­sen Bereich betref­fen­den Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten kei­ne beson­de­ren Ent­wick­lungs­ten­den­zen erken­nen ließ und neue höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung bis zu dem spä­te­ren Beschluss des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 30. Novem­ber 2000 nicht zu erwar­ten war. Auch im Schrift­tum fan­den sich kei­ne Äuße­run­gen, die recht­li­che Beden­ken gegen die Umsatz­steu­er­pflicht nahe leg­ten und damit Anlass für die Erwar­tung einer klä­ren­den höchst­rich­ter­li­chen Ent­schei­dung gaben.

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat die hier maß­geb­li­che Ent­schei­dung vom 30. Novem­ber 2000 weder für die amt­li­che Samm­lung bestimmt noch über­haupt mit einem Leit­satz ver­se­hen. Der letzt­ge­nann­te Umstand kann dazu bei­getra­gen haben, dass die für eine gro­ße Viel­zahl von Fäl­len bedeut­sa­me und dar­um durch­aus ver­öf­fent­li­chungs­wür­di­ge Ent­schei­dung in den steu­er­recht­li­chen Fach­zeit­schrif­ten eine denk­bar gerin­ge Reso­nanz gefun­den hat. Der Beschluss wur­de aus­weis­lich der Nach­wei­se, die der Juris-Daten­bank ent­nom­men wer­den kön­nen, in vol­ler Län­ge außer in BFH/​NV ledig­lich in der "Steu­er­recht­spre­chung in Kar­tei­form", die zwi­schen­zeit­lich offen­bar ein­ge­stellt wur­de, abge­druckt. Die wei­te­ren ange­ge­be­nen Fund­stel­len "StuB" (Steu­ern und Bilan­zen), "BFH-PR" sowie "D‑spezial" (Steu­er- und Wirt­schafts­recht in den neu­en Bun­des­län­dern, 1991 – 2005) ent­hiel­ten nur den Abdruck eines redak­tio­nel­len Leit­sat­zes bzw. eine Kurz­wie­der­ga­be.

Der recht­li­che Bera­ter muss jedoch nur über die in den amt­li­chen Samm­lun­gen und in den ein­schlä­gi­gen all­ge­mei­nen Fach­zeit­schrif­ten ver­öf­fent­lich­ten Ent­schei­dun­gen der obers­ten Bun­des­ge­rich­te ori­en­tiert sein 7. An einer der­ar­ti­gen Ver­öf­fent­li­chung fehlt es hier.

Da sich die amt­li­chen Samm­lun­gen der obers­ten Gerichts­hö­fe bekann­ter­ma­ßen auf den Abdruck beson­ders gewich­ti­ger Ent­schei­dun­gen beschrän­ken und die Gerichts­hö­fe inso­weit eine Vor­auswahl tref­fen, gehört es zur ord­nungs­ge­mä­ßen Berufs­aus­übung eines recht­li­chen Bera­ters, sich über die­se grund­le­gen­den Ent­schei­dun­gen, die auch bei einer Ver­öf­fent­li­chung durch Fach­zeit­schrif­ten viel­fach eigens gekenn­zeich­net wer­den, fort­lau­fend zu unter­rich­ten. Vom Inhalt der nicht in den amt­li­chen Samm­lun­gen ent­hal­te­nen Ent­schei­dun­gen hat sich der Rechts­be­ra­ter mit Hil­fe der ein­schlä­gi­gen all­ge­mei­nen Fach­zeit­schrif­ten zu infor­mie­ren. Ange­sichts der auch für recht­li­che Bera­ter nur schwer über­blick­ba­ren Fül­le der Recht­spre­chung der obers­ten Bun­des­ge­rich­te über­neh­men die ein­schlä­gi­gen all­ge­mei­nen Fach­zeit­schrif­ten eine Fil­ter­funk­ti­on, indem sie die für die Pra­xis all­ge­mein bedeut­sa­men Ent­schei­dun­gen abdru­cken, ein­zel­ne beson­ders gewich­ti­ge – etwa für die amt­li­che Samm­lung bestimm­te – Ent­schei­dun­gen zeit­lich bevor­zugt ver­öf­fent­li­chen oder auch zusätz­lich mit einer Anmer­kung oder einem Bespre­chungs­auf­satz ver­se­hen und auf den Abdruck weni­ger bedeut­sa­mer Ent­schei­dun­gen ver­zich­ten. Unter­liegt der recht­li­che Bera­ter – wie im Streit­fall – kei­ner gestei­ger­ten Beob­ach­tungs- und Recher­chie­rungs­pflicht, darf er grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, durch die Lek­tü­re die­ser ein­schlä­gi­gen Fach­zeit­schrif­ten über aktu­el­le Ent­wick­lun­gen in Recht-spre­chung und Schrift­tum hin­rei­chend ori­en­tiert zu wer­den.

Von dem Steu­er­be­ra­ter kann grund­sätz­lich ver­langt wer­den, dass er über eine in wenigs­tens einer "ein­schlä­gi­gen all­ge­mei­nen Fach­zeit­schrift" ver­öf­fent­lich­te höchst­rich­ter­li­che Ent­schei­dung im Bil­de ist 8. Vor­lie­gend kann offen blei­ben, wel­che Peri­odi­ka zu den "ein­schlä­gi­gen all­ge­mei­nen Fach­zeit­schrif­ten" zu rech­nen sind. Inso­weit wird im Schrift­tum erwo­gen, dass der Steu­er­be­ra­ter jeden­falls das – vom Bun­des­fi­nanz­mi­nis­te­ri­um her­aus­ge­ge­be­ne und dar­um kei­ne eigent­li­che Fach­zeit­schrift dar­stel­len­de – "Bun­des­steu­er­blatt" und als Organ der Bun­des­steu­er­be­ra­ter­kam­mer das "Deut­sche Steu­er­recht" zu beach­ten hat 9. Die hier betrof­fe­nen, wenig ver­brei­te­ten Peri­odi­ka "Steu­er­recht­spre­chung in Kar­tei­form", "StuB", "BFH-PR" und "D‑spezial" gehö­ren jeden­falls nicht zu dem – mög­li­cher­wei­se wei­ter zu zie­hen­den – Kreis der stän­dig zu ver­fol­gen­den Peri­odi­ka.

Die Beklag­te muss­te – zumal sie hier kei­ne gestei­ger­te Beob­ach­tungs- und Recher­chie­rungs­pflicht traf – mit der in kei­ner der ein­schlä­gi­gen Fach­zeit­schrif­ten, son­dern nur in der Samm­lung BFH/​NV ver­öf­fent­lich­ten Ent­schei­dung des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht ver­traut sein.

Mag es auch wün­schens­wert sein, dass ein Rechts­be­ra­ter sich über die gesam­te, sei­ne Tätig­keit betref­fen­de höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung lücken­los auf dem Lau­fen­den hält, so kann gegen­wär­tig nicht ver­langt wer­den, dass er schlecht­hin jede in sei­nen Arbeits­be­reich fal­len­de höchst­rich­ter­li­che – hier nicht ein­mal mit einem Leit­satz ver­se­he­ne – Ent­schei­dung kennt 10. Da ein Rechts­be­ra­ter neben der Recht­spre­chung auch aktu­el­le Ent­wick­lun­gen in Gesetz­ge­bung und Lite­ra­tur zu ver­fol­gen hat, kann von ihm grund­sätz­lich nur die Lek­tü­re der ein­schlä­gi­gen all­ge­mei­nen Fach­zeit­schrif­ten erwar­tet wer­den, wo sich die­se Infor­ma­tio­nen dank einer redak­tio­nel­len Auf­ar­bei­tung gebün­delt auf­fin­den las­sen. Eine über die ein­schlä­gi­gen all­ge­mei­nen Fach­zeit­schrif­ten hin­aus­ge­hen­de Sich­tung des gesam­ten Ent­schei­dungs­ma­te­ri­als eines obers­ten Gerichts­hofs wür­de die Pflich­ten eines Rechts­be­ra­ters schon wegen des damit ver­bun­de­nen Zeit­auf­wands über­span­nen, zumal voll­stän­di­ge Ent­schei­dungs­samm­lun­gen nicht für alle obers­ten Gerichts­hö­fe ange­bo­ten wer­den. Solan­ge daher auf ernst­li­che Rechts­zwei­fel gestütz­te Aus­set­zungs­be­schlüs­se des Bun­des­fi­nanz­hofs unzu­rei­chend ver­öf­fent­licht wer­den, obwohl sie für die Bera­tungs­pra­xis als Hin­weis auf mög­li­che Zukunfts­ent­schei­dun­gen, die bereits gegen­wär­ti­ge Berück­sich­ti­gung ver­lan­gen, beson­ders wich­tig sind, kann dem steu­er­li­chen Bera­ter ihre Unkennt­nis haf­tungs­recht­lich nicht vor­ge­wor­fen wer­den. Ob bei einer fort­schrei­ten­den, einen ein­fa­chen, raschen und kos­ten­güns­ti­gen Zugriff gestat­ten­den Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie in Zukunft stren­ge­re Anfor­de­run­gen an die Kennt­nis höchst­rich­ter­li­cher Ent­schei­dun­gen zu stel­len sind, kann vor­lie­gend offen blei­ben.

Besteht kei­ne Ver­pflich­tung zu einer aus­nahms­lo­sen Kennt­nis der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung, kann von dem Bera­ter die voll­stän­di­ge Aus­wer­tung der Zeit­schrift BFH/​NV, bei der es sich um eine kei­ne redak­tio­nel­len Bei­trä­ge ent­hal­ten­de Recht­spre­chungs­samm­lung han­delt, grund­sätz­lich nicht gefor­dert wer­den. Die Beklag­te durf­te viel­mehr dar­auf ver­trau­en, über etwai­ge neue Rechts­ent­wick­lun­gen durch die ein­schlä­gi­gen all­ge­mei­nen steu­er­recht­li­chen Fach­pu­bli­ka­tio­nen unter­rich­tet zu wer­den. Dar­um war ein Tätig­wer­den erst auf den für die amt­li­che Samm­lung bestimm­ten Vor­la­ge­be­schluss des Bun­des­fi­nanz­hofs vom 6. Novem­ber 2002 gebo­ten.

Reak­ti­on auf spä­te­re Recht­spre­chungs­än­de­run­gen[↑]

Jedoch bejaht der Bun­des­ge­richts­hof einen Scha­dens­er­satz­an­spruch des Klä­gers im Blick auf die Umsatz­steu­er­erklä­run­gen, weil es der Steu­er­be­ra­ter ver­säumt hat, vor Ablauf der Fest­set­zungs­frist auf die durch den in der amt­li­chen Samm­lung ver­öf­fent­lich­ten Beschluss des Bun­des­fi­nanz­hofs zuguns­ten des Klä­gers geän­der­te Rechts­la­ge zu reagie­ren.

Die sei­tens des Steu­er­be­ra­ters für den Klä­ger abge­ge­be­nen jähr­li­chen Umsatz­steu­er­erklä­run­gen (§ 18 Abs. 3 Satz 1 UStG) stan­den nach der Rege­lung des § 168 Satz 1 AO einer Steu­er­fest­set­zung unter dem Vor­be­halt der Nach­prü­fung gleich. Ein sol­cher Nach­prü­fungs­vor­be­halt hat zur Fol­ge, dass die Steu­er­fest­set­zung von Amts wegen oder auf Antrag des Steu­er­pflich­ti­gen jeder­zeit auf­ge­ho­ben oder abge­än­dert wer­den kann (§ 164 Abs. 2 Sät­ze 1 und 2 AO). Der Vor­be­halt der Nach­prü­fung ent­fällt, wenn das Finanz­amt die­sen auf­hebt (§ 164 Abs. 3 Satz 1 AO), ansons­ten mit Ablauf der Fest­set­zungs­frist (§ 164 Abs. 4 Satz 1 AO), wel­che im Fal­le der Umsatz­steu­er vier Jah­re beträgt (§ 169 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 AO) und mit dem Ablauf des Kalen­der­jah­res beginnt, in wel­chem die Steu­er­an­mel­dung ein­ge­reicht wur­de (§ 170 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 AO). Auch eine Steu­er­an­mel­dung, wel­che einem unter dem Vor­be­halt der Nach­prü­fung ste­hen­den Steu­er­be­scheid gleich­steht, kann mit Ein­spruch und Anfech­tungs­kla­ge ange­foch­ten wer­den 11. Die Monats­frist zur Ein­le­gung des Ein­spruchs beginnt hier mit der Steu­er­an­mel­dung (§ 355 Abs. 1 Satz 2 AO). Legt der Steu­er­pflich­ti­ge kei­nen Ein­spruch ein, wird die einer Steu­er­fest­set­zung unter dem Vor­be­halt der Nach­prü­fung ste­hen­de Steu­er­an­mel­dung zwar for­mell bestands­kräf­tig; die for­mel­le Bestands­kraft lässt jedoch die Mög­lich­keit unbe­rührt, den Bescheid inner­halb der Nach­prü­fungs­frist nach der Rege­lung des § 164 AO abzu­än­dern 12. Die Abän­de­rungs­be­fug­nis nach § 164 AO ermög­licht dabei die umfas­sen­de Über­prü­fung des Steu­er­be­scheids auch im Hin­blick auf sol­che Gesichts­punk­te, wel­che zum Zeit­punkt des Erlas­ses des Vor­be­halts­be­scheids schon bekannt waren 13. Das Unter­las­sen des Steu­er­pflich­ti­gen, den unter Vor­be­halt der Nach­prü­fung ste­hen­den Bescheid anzu­fech­ten, führt somit zu kei­ner mate­ri­el­len Prä­k­lu­si­on von Ein­wen­dun­gen.

Vor die­sem Hin­ter­grund hät­te der Steu­er­be­ra­ter nach der spä­tes­tens mit der Ver­öf­fent­li­chung des Beschluss des Bun­des­fi­nanz­hofs in den ein­schlä­gi­gen Fach­zeit­schrif­ten inner­halb der noch offe­nen Fest­set­zungs­fris­ten eine Neu­fest­set­zung der Umsatz­steu­er bean­tra­gen müs­sen.

Ver­jäh­rung der Scha­dens­er­satz­an­sprü­che in Alt­fäl­len[↑]

Für den Beginn der Ver­jäh­rung ist gemäß Art. 229 § 12 Abs. 1 Satz 1 Nr. 13, Satz 2, § 6 Abs. 1 Satz 2, Abs. 3 EGBGB die mit Wir­kung vom 15. Dezem­ber 2004 durch Art. 16 Nr. 2 des Geset­zes zur Anpas­sung von Ver­jäh­rungs­vor­schrif­ten an das Gesetz zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 9. Dezem­ber 2004 14 auf­ge­ho­be­ne Vor­schrift des § 68 StBerG hier anwend­bar, weil die gel­tend gemach­ten Ansprü­che vor dem 15. Dezem­ber 2004 ent­stan­den sind 15. Die Dau­er der Ver­jäh­rung bestimmt sich nach § 195 BGB – in Über­ein­stim­mung mit der frü­he­ren Rege­lung des § 68 StBerG – auf drei Jah­re 16.

Regel­mä­ßig beginnt die Ver­jäh­rung für einen Anspruch gegen einen Steu­er­be­ra­ter, der steu­er­li­che Nach­tei­le sei­nes Man­dan­ten ver­schul­det hat, nicht erst mit der Bestands­kraft, son­dern bereits mit der Bekannt­ga­be des belas­ten­den Steu­er­be­scheids. Besteht der Scha­den des Auf­trag­ge­bers in ver­meid­ba­ren Umsatz­steu­ern infol­ge feh­ler­haf­ter Selbst­ver­an­la­gung, ent­spricht die­sem Zeit­punkt die Ein­rei­chung der Umsatz­steu­er­an­mel­dung beim Finanz­amt. Dies beruht auf dem Umstand, dass die Umsatz­steu­er von dem Unter­neh­mer jähr­lich anzu­mel­den ist (§ 18 Abs. 3 Satz 1 UStG) und die Anmel­dung gemäß § 168 Satz 1 AO einer Steu­er­fest­set­zung unter dem Vor­be­halt der Nach­prü­fung gleich­steht 17.

Das kann aber nicht gel­ten, wenn das pflicht­wid­ri­ge Ver­hal­ten des Steu­er­be­ra­ters erst nach Erlass des Steu­er­be­scheids ein­setzt. Besteht die Pflicht­wid­rig­keit dar­in, dass der gebo­te­ne Rechts­be­helf gegen den Bescheid nicht ein­ge­legt wird, so ent­steht der Scha­den in dem Augen­blick, in dem der Steu­er­pflich­ti­ge von sich aus nicht mehr durch einen Rechts­be­helf die Abän­de­rung des Steu­er­be­scheids erwir­ken kann; die eng begrenz­ten Abän­de­rungs­mög­lich­kei­ten nach § 173 AO rei­chen nicht aus, den Ein­tritt des Scha­dens erst für den Zeit­punkt anzu­neh­men, von dem an auch sie nicht mehr bestehen 18.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Sep­tem­ber 2010 – IX ZR 26/​09

  1. BGHZ 178, 258, 262 Rn. 9 m.w.N.[]
  2. BGHZ 178, 258, 263 Rn. 12[]
  3. BGHZ 178, 258, 263 Rn. 13[]
  4. BGHZ 178, 258, 264 Rn. 15[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 25.02.2010 – 1 BvR 230/​09, ZIP 2010, 642 f. Rn. 14 ff.[]
  6. BGH, Urteil vom 21.09.2000 – IX ZR 127/​99, WM 2000, 2431, 2435[]
  7. BGH, Beschluss vom 18.01.1952 – I ZB 13/​51, NJW 1952, 425; Urteil vom 21.09.2000, aaO[]
  8. Fah­ren­dorf in Fah­ren-dorf­/­Men­ne­mey­er/­Ter­bil­le, Die Haf­tung des Rechts­an­walts 8. Aufl. Rn. 512[]
  9. Gräfe/​Lenzen/​Schmeer, Steu­er­be­ra­ter­haf­tung 4. Aufl. Rn. 237[]
  10. vgl. Hei­ne­mann in Vollkommer/​Greger/​Heinemann, Anwalts­haf­tungs­recht 3. Aufl. § 11 Rn. 21[]
  11. Cös­ter in Pahlke/​Koenig, AO 2. Aufl. § 168 Rn. 26[]
  12. Koenig in Pahlke/​Koenig, aaO § 172 Rn. 8[]
  13. BFHE 198, 184, 190 f.[]
  14. BGBl. I, S. 3214[]
  15. BGH, Urteil vom 17.12.2009 – IX ZR 4/​08, WM 2010, 629 Rn. 6[]
  16. BGH, Urteil vom 12.11.2009 – IX ZR 152/​08, WM 2010, 372, 373 Rn. 7[]
  17. BGH, Urtei­le vom 14.07.2005 – IX ZR 284/​01, WM 2005, 2106, 2107; vom 29.05.2008 – IX ZR 222/​06, WM 2008, 1416, 1417 Rn. 19; und vom 05.03.2009 – IX ZR 172/​05, WM 2009, 863, 864 Rn. 11[]
  18. BGH, Urtei­le vom 20.06.1996 – IX ZR 100/​95,WM 1996, 2066, 2067; und vom 12.02.1998 – IX ZR 190/​97, WM 1998, 786, 787[]