Die Haf­tung für einen feh­ler­haf­ten Pro­spekt

Der Bun­des­ge­richts­hof hat aktu­ell grund­le­gend zu den Vor­aus­set­zun­gen einer Haf­tung nach der seit dem 1. Janu­ar 1991 in § 13 Ver­k­Pro­spG und seit dem 1. Juni 2012 inhalts­gleich in § 22 WpPG kodi­fi­zier­ten Pro­spekt­haf­tung für außer­börs­lich gehan­del­te Wert­pa­pie­re Stel­lung genom­men:

Die Haf­tung für einen feh­ler­haf­ten Pro­spekt

Wen­det sich der Emit­tent von Wert­pa­pie­ren aus­drück­lich auch an das unkun­di­ge und bör­sen­un­er­fah­re­ne Publi­kum, so bestimmt sich der Emp­fän­ger­ho­ri­zont für Pro­spek­t­er­klä­run­gen nach den Fähig­kei­ten und Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten eines durch­schnitt­li­chen (Klein-)Anlegers, der sich allein anhand der Pro­spekt­an­ga­ben über die Kapi­tal­an­la­ge infor­miert und über kei­ner­lei Spe­zi­al­kennt­nis­se ver­fügt.

In die­sem Fall gehört zu den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Ver­hält­nis­sen, die für die Beur­tei­lung der ange­bo­te­nen Wert­pa­pie­re not­wen­dig und daher rich­tig und voll­stän­dig in einem Wert­pa­pier-Ver­kaufs­pro­spekt dar­zu­stel­len sind, auch die Mög­lich­keit der Ertei­lung nach­tei­li­ger Wei­sun­gen durch eine beherr­schen­de Kon­zern­mut­ter­ge­sell­schaft an eine beherrsch­te Kon­zern­toch­ter­ge­sell­schaft und die damit ver­bun­de­ne – erhöh­te – Gefahr für die Rück­zah­lung der an die Kon­zern­toch­ter­ge­sell­schaft gezahl­ten Anle­ger­gel­der.

Als Ver­ant­wort­li­che, von denen der Erlass des Pro­spekts aus­geht (Pro­spekt­ver­an­las­ser), wer­den die Per­so­nen erfasst, die ein eige­nes wirt­schaft­li­ches Inter­es­se an der Emis­si­on der Wert­pa­pie­re haben und dar­auf hin­wir­ken, dass ein unrich­ti­ger oder unvoll­stän­di­ger Pro­spekt ver­öf­fent­licht wird. Durch die­se Rege­lung soll eine Lücke bei den Haf­tungs­ver­pflich­te­ten geschlos­sen wer­den; ins­be­son­de­re sol­len auch Kon­zern­mut­ter­ge­sell­schaf­ten in die Haf­tung ein­be­zo­gen wer­den, wenn eine Kon­zern­toch­ter­ge­sell­schaft Wert­pa­pie­re emit­tiert.

In dem der Ent­schei­dung zugrun­de­lie­gen­den Fall begehrt der Klä­ger Rück­ab­wick­lung des Erwerbs von Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen einer mitt­ler­wei­le insol­ven­ten Akti­en­ge­sell­schaft: Die Woh­nungs­bau Leip­zig-West AG (nach­fol­gend: WBL) leg­te in den Jah­ren 1999 bis 2006 ins­ge­samt 25 Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen ohne Bör­sen­zu­las­sung mit einem rech­ne­ri­schen Gesamt­vo­lu­men von 565 Mio. € auf. Dazu gehör­te auch die mit dem Pro­spekt „Aus­ge­wo­ge­ne Kon­di­tio­nen“ bewor­be­ne und vom Klä­ger im April 2005 in Höhe von 5.000 € gezeich­ne­te Anlei­he. Der Beklag­te war unter der Fir­ma J.S. Immo­bi­li­en­be­tei­li­gun­gen e.K. zu 73% Mehr­heits­ak­tio­när der WBL und auf Grund­la­ge eines Gewinn­ab­füh­rungs- und Beherr­schungs­ver­tra­ges herr­schen­der Unter­neh­mer. Auf Grund von Ein­zel­wei­sun­gen des Beklag­ten erfolg­ten hohe Zah­lun­gen von der WBL an ihn. Mit sei­ner Kla­ge begehrt der Klä­ger im Wesent­li­chen Rück­zah­lung des Anla­ge­be­tra­ges nebst Zin­sen.

Das erst­in­stanz­lich mit der Kla­ge befass­te Land­ge­richt Frank­furt am Main hat die Kla­ge abge­wie­sen [1]. Die dage­gen gerich­te­te Beru­fung des Klä­gers hat­te dage­gen vor dem Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main Erfolg [2]. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun die­ses der Kla­ge statt­ge­ben­de Beru­fungs­ur­teil des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt bestä­tigt und die dage­gen gerich­te­te Revi­si­on des Beklag­ten zurück­ge­wie­sen.

Der Pro­spekt „Aus­ge­wo­ge­ne Kon­di­tio­nen“ ist unvoll­stän­dig im Sin­ne von § 13 Abs. 1 Ver­k­Pro­spG aF, weil aus ihm nicht ersicht­lich ist, dass der Beklag­te als Begüns­tig­ter des Gewinn­ab­füh­rungs- und Beherr­schungs­ver­tra­ges dem Vor­stand der WBL nach­tei­li­ge Wei­sun­gen ertei­len konn­te, die nur dem Beklag­ten oder ande­ren Kon­zern­ge­sell­schaf­ten dien­ten. Zu den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Ver­hält­nis­sen, die für die Beur­tei­lung der ange­bo­te­nen Wert­pa­pie­re not­wen­dig und daher rich­tig und voll­stän­dig in einem Wert­pa­pier-Ver­kaufs­pro­spekt dar­zu­stel­len sind, gehört auch die Mög­lich­keit der Ertei­lung der­ar­ti­ger nach­tei­li­ger Wei­sun­gen durch eine beherr­schen­de Kon­zern­mut­ter­ge­sell­schaft an eine beherrsch­te Kon­zern­toch­ter­ge­sell­schaft und die damit ver­bun­de­ne – erhöh­te – Gefahr für die Rück­zah­lung der an die Kon­zern­toch­ter­ge­sell­schaft gezahl­ten Anle­ger­gel­der. Wen­det sich der Emit­tent – wie hier – aus­drück­lich auch an das unkun­di­ge und bör­sen­un­er­fah­re­ne Publi­kum, so bestimmt sich der Emp­fän­ger­ho­ri­zont für Pro­spek­t­er­klä­run­gen nach den Fähig­kei­ten und Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten eines durch­schnitt­li­chen (Klein-)Anlegers, der sich allein anhand der Pro­spekt­an­ga­ben über die Kapi­tal­an­la­ge infor­miert und über kei­ner­lei Spe­zi­al­kennt­nis­se ver­fügt. Nach die­sen Maß­stä­ben war selbst bei sorg­fäl­ti­ger und ein­ge­hen­der Lek­tü­re des Pro­spekts nicht zu erken­nen, dass der Beklag­te auf­grund sei­nes Wei­sungs­rechts der WBL unab­hän­gig von deren Ertrags­la­ge zu sei­nem Vor­teil und zu ihrem Nach­teil Kapi­tal ent­zie­hen konn­te.

Der Beklag­te ist für den feh­ler­haf­ten Pro­spekt auch ver­ant­wort­lich. Pro­spekt­ver­an­las­ser gem. § 44 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BörsG in der vom 1. Juli 2002 bis zum 31. Okto­ber 2007 gel­ten­den Fas­sung (aF) sind Per­so­nen, die ein eige­nes wirt­schaft­li­ches Inter­es­se an der Emis­si­on der Wert­pa­pie­re haben und dar­auf hin­wir­ken, dass ein unrich­ti­ger oder unvoll­stän­di­ger Pro­spekt ver­öf­fent­licht wird. Durch die­se Rege­lung soll eine Lücke bei den Haf­tungs­ver­pflich­te­ten geschlos­sen wer­den und sol­len ins­be­son­de­re auch Kon­zern­mut­ter­ge­sell­schaf­ten in die Haf­tung ein­be­zo­gen wer­den, wenn eine Kon­zern­toch­ter­ge­sell­schaft Wert­pa­pie­re emit­tiert. Der Beklag­te hat­te als Mehr­heits­ge­sell­schaf­ter der WBL und unmit­tel­bar Begüns­tig­ter des Gewinn­ab­füh­rungs- und Beherr­schungs­ver­tra­ges einer­seits ein erheb­li­ches wirt­schaft­li­ches Eigen­in­ter­es­se an der Ein­wer­bung wei­te­rer Anle­ger­gel­der durch die Aus­ga­be der Inha­ber­schuld­ver­schrei­bun­gen und ande­rer­seits nach den rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts durch Ertei­lung von Wei­sun­gen zu Zah­lungs­flüs­sen tat­säch­lich in das Geschäft der Emit­ten­tin ein­ge­grif­fen. Rechts­feh­ler­frei hat das Beru­fungs­ge­richt aus die­sen Umstän­den geschluss­fol­gert, dass der Beklag­te einen beherr­schen­den Ein­fluss auf die streit­ge­gen­ständ­li­che Emis­si­on aus­üb­te und Kennt­nis vom Inver­kehr­brin­gen des Pro­spekts hat­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Sep­tem­ber 2012 – XI ZR 344/​11

  1. LG Frank­furt am Main, Urteil vom 12.03.2010 – 3/​15 O 88/​09 []
  2. OLG Frank­furt am Main, Urteil vom 21.06.2011 – 5 U 51/​10, NZG 2011, 1158[]