For­mu­lar­mä­ßi­ge Ver­kür­zung der Ver­jäh­rungs­frist

Die gene­rel­le Ver­kür­zung der Ver­jäh­rungs­frist in einer die Haf­tung regeln­den Klau­sel in einem for­mu­lar­mä­ßi­gen Emis­si­ons­pro­spekt stellt eine gemäß § 309 Nr. 7 Buchst. b BGB unzu­läs­si­ge Haf­tungs­be­schrän­kung dar, weil sie die Haf­tung auch für grob fahr­läs­sig began­ge­ne Pflicht­ver­let­zun­gen mit­tel­bar erleich­tert.

For­mu­lar­mä­ßi­ge Ver­kür­zung der Ver­jäh­rungs­frist

Der Zusatz "soweit nicht zwin­gen­de gesetz­li­che Vor­schrif­ten (…) ent­ge­gen­ste­hen" führt nicht zur Wirk­sam­keit der ver­jäh­rungs­ver­kür­zen­den Klau­sel, weil er sei­ner­seits inhalt­lich nicht ver­ständ­lich ist und ihm im Wesent­li­chen die Funk­ti­on zukommt, die AGB-recht­li­chen Fol­gen unwirk­sa­mer Klau­seln zu umge­hen.

Für eine gemäß § 305 Abs. 2 BGB wirk­sa­me Ver­ein­ba­rung der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen reicht es aus, dass der Anle­ger sein Ver­trags­an­ge­bot auf einem For­mu­lar der Fonds­ge­sell­schaft erklärt hat, das den aus­drück­li­chen Hin­weis ent­hielt, dass das Ange­bot auf der Grund­la­ge der (gestell­ten) vor­for­mu­lier­ten Ver­trags­be­din­gun­gen erfol­ge. Hat der Ver­wen­der – wie hier – aus­drück­lich auf die All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen hin­ge­wie­sen und eine zumut­ba­re Kennt­nis­nah­me­mög­lich­keit durch Aus­hän­di­gung der Ver­trags­un­ter­la­gen ein­ge­räumt, liegt in der Annah­me der ange­bo­te­nen Leis­tung durch den Kun­den in der Regel das Ein­ver­ständ­nis mit den Ver­trags­be­din­gun­gen 1.

Die ver­jäh­rungs­ver­kür­zen­de Rege­lung in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gug­nen "Die Haf­tung der Ver­trags­part­ner und Ver­ant­wort­li­chen für unrich­ti­ge oder unvoll­stän­di­ge Pro­spekt­an­ga­ben sowie für die Ver­let­zung even­tu­el­ler Auf­klä­rungs­pflich­ten ist, soweit recht­lich zuläs­sig, auf Vor­satz und gro­be Fahr­läs­sig­keit beschränkt. Ansprü­che ver­jäh­ren inner­halb von 6 Mona­ten nach Kennt­nis­er­lan­gung, spä­tes­tens 3 Jah­re nach Bei­tritt, soweit nicht zwin­gen­de gesetz­li­che Vor­schrif­ten oder abwei­chen­de ver­trag­li­che Rege­lun­gen ent­ge­gen­ste­hen." ist jedoch wegen Ver­sto­ßes gegen das Frei­zeich­nungs­ver­bot nach § 309 Nr. 7b BGB unwirk­sam.

Als Klau­sel in einem for­mu­lar­mä­ßi­gen Emis­si­ons­pro­spekt ist die ver­jäh­rungs­ver­kür­zen­de Rege­lung des Pro­spekts einer AGBrecht­li­chen Inhalts­kon­trol­le zugäng­lich. Man­gels gesell­schafts­ver­trag­li­cher Natur wird sie nicht von der Bereichs­aus­nah­me des § 310 Abs. 4 BGB erfasst 2.

Die Rege­lung hat zwar nicht unmit­tel­bar die Fra­ge des Haf­tungs­maß­sta­bes zum Gegen­stand. Es ent­spricht aber stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass auch die gene­rel­le Ver­kür­zung der Ver­jäh­rungs­frist eine gem. § 309 Nr. 7b BGB unzu­läs­si­ge Haf­tungs­be­schrän­kung dar­stellt, indem sie die Haf­tung auch für grob fahr­läs­sig began­ge­ne Pflicht­ver­let­zun­gen mit­tel­bar erleich­tert 3.

Die ver­jäh­rungs­ver­kür­zen­de Rege­lung in dem Emis­si­ons­pro­spekt erfasst – iso­liert betrach­tet – alle Ansprü­che unab­hän­gig von der Art des Ver­schul­dens. Die Ver­jäh­rung bei Haf­tung wegen Vor­sat­zes darf aber schon gem. § 202 Abs. 1 BGB nicht im Vor­aus ver­kürzt wer­den. Zudem ver­kürzt Satz 2 im Zusam­men­hang mit Satz 1 des Absat­zes 6 die Ver­jäh­rung aller in Betracht kom­men­den, auf gro­ber Fahr­läs­sig­keit beru­hen­den Scha­dens­er­satz­an­sprü­che.

Weder aus dem Wort­laut noch aus dem sys­te­ma­ti­schen Zusam­men­hang erge­ben sich Anhalts­punk­te für den von der Grün­dungs- und Treu­hand­kom­man­di­tis­tin und der Streit­hel­fe­rin ver­tre­te­nen Stand­punkt, die ver­jäh­rungs­ver­kür­zen­de Rege­lung bezie­he sich aus­schließ­lich auf Haf­tungs­an­sprü­che infol­ge leicht fahr­läs­si­ger Bege­hungs­wei­se. Aus dem sys­te­ma­ti­schen Zusam­men­hang der Gesamt­re­ge­lung, die in Satz 1 die Haf­tung auf Vor­satz und gro­be Fahr­läs­sig­keit beschränkt, folgt – unge­ach­tet der Fra­ge nach der Wirk­sam­keit einer sol­chen Begren­zung 4 – genau das Gegen­teil. Ist die Haf­tung wegen leich­ter Fahr­läs­sig­keit bereits dem Grun­de nach aus­ge­schlos­sen, bezieht ein Anle­ger auch die nach­fol­gen­de Ver­kür­zung der Ver­jäh­rungs­frist nur noch auf die nach dem Rege­lungs­werk über­haupt in Betracht kom­men­de Haf­tung wegen Vor­sat­zes und gro­ber Fahr­läs­sig­keit.

Der Zusatz "soweit nicht zwin­gen­de gesetz­li­che Vor­schrif­ten (…) ent­ge­gen­ste­hen" ver­mag der ver­jäh­rungs­ver­kür­zen­den Klau­sel schon des­halb nicht zur Wirk­sam­keit zu ver­hel­fen, weil er sei­ner­seits inhalt­lich nicht ver­ständ­lich ist und ihm im Wesent­li­chen die Funk­ti­on zukommt, die AGBrecht­lich vor­ge­se­he­nen Fol­gen unwirk­sa­mer Klau­seln zu umge­hen 5. Zudem macht der Ver­wen­der damit auch nicht hin­rei­chend trans­pa­rent, in wel­chem Umfang mit der betref­fen­den Klau­sel Abwei­chun­gen vom dis­po­si­ti­ven Recht ver­ein­bart wer­den 6.

Die Klau­sel ist ins­ge­samt unwirk­sam und lässt sich infol­ge des dem AGB-Recht imma­nen­ten Ver­bots einer gel­tungs­er­hal­ten­den Reduk­ti­on 7 auch nicht auf einen noch zuläs­si­gen Inhalt zurück­füh­ren. Uner­heb­lich ist dabei, ob im kon­kre­ten Haf­tungs­fall über­haupt ein gro­bes Ver­schul­den fest­stell­bar ist 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Sep­tem­ber 2015 – II ZR 340/​14

  1. vgl. nur Erman/​S. Roloff, BGB, 14. Aufl., § 305 Rn. 27, 41; Staudinger/​Schlosser, BGB, [2013], § 305 Rn. 160, jew. mwN[]
  2. st. Rspr., sie­he nur BGH, Beschluss vom 13.12 2011 – II ZB 6/​09, ZIP 2012, 117 Rn. 43; Urteil vom 23.04.2012 – II ZR 211/​09, ZIP 2012, 1231 Rn. 41; Urteil vom 09.07.2013 – II ZR 9/​12, ZIP 2013, 1616 Rn. 41, jew. mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 29.05.2008 – III ZR 59/​07, ZIP 2008, 1481 Rn. 34 f.; Urteil vom 18.12 2008 – III ZR 56/​08, NJW-RR 2009, 1416 Rn.20 f.; Urteil vom 23.07.2009 – III ZR 323/​07 8; Urteil vom 23.04.2012 – II ZR 211/​09, ZIP 2012, 1231 Rn. 42; Urteil vom 29.05.2013 – VIII ZR 174/​12, ZIP 2013, 1672 Rn. 15 ff.; Urteil vom 09.07.2013 – II ZR 9/​12, ZIP 2013, 1616 Rn. 45[]
  4. vgl. dazu BGH, Urteil vom 14.01.2002 – II ZR 41/​00, NJW-RR 2002, 915 sowie nach­fol­gend IV.[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 26.11.1984 – VIII ZR 214/​83, BGHZ 93, 29, 48; Urteil vom 26.06.1991 – VIII ZR 231/​90, NJW 1991, 2630, 2632; Urteil vom 12.10.1995 – I ZR 172/​93, NJW 1996, 1407, 1408; Urteil vom 05.12 1995 – X ZR 14/​93, NJW-RR 1996, 783, 789; Beschluss vom 20.11.2012 – VIII ZR 137/​12, WuM 2013, 293 Rn. 3; Beschluss vom 05.03.2013 – VIII ZR 137/​12, NJW 2013, 1668 Rn. 3; Urteil vom 04.02.2015 – VIII ZR 26/​14, ZIP 2015, 1295 Rn. 17; Graf von Westphalen/​Thüsing, Ver­trags­recht und AGB-Klau­sel­wer­ke, Sal­va­to­ri­sche Klau­seln, Stand 2014, Rn. 1, 17; H. Schmidt in Ulmer/​Brandner/​Hensen, AGB-Recht, 11. Aufl., § 306 Rn. 14, 39 ff.; Staudinger/​Schlosser, BGB, [2013], § 306 Rn. 22 und 26[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 05.05.2015 – XI ZR 214/​14, ZIP 2015, 1380 Rn. 15 mwN; Lindacher/​Hau in Wolf/​Lindacher/​Pfeiffer, AGB-Recht, 6. Aufl., § 306 Rn. 45; Stof­fels, AGB-Recht, 3. Aufl., Rn. 626[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 17.05.1982 – VII ZR 316/​81, BGHZ 84, 109, 114 ff.; Urteil vom 12.10.1995 – I ZR 172/​93, NJW 1996, 1407; Urteil vom 29.05.2008 – III ZR 59/​07, ZIP 2008, 1481 Rn. 35; Urteil vom 19.11.2009 – III ZR 108/​08, BGHZ 183, 220 Rn. 16; Urteil vom 27.01.2015 – XI ZR 174/​13, ZIP 2015, 517 Rn. 18[]
  8. BGH, Urteil vom 29.05.2008 – III ZR 59/​07, ZIP 2008, 1481 Rn. 35; Urteil vom 23.07.2009 – III ZR 323/​07 8[]