Haf­tungs­kla­ge in der Anla­ge­be­ra­tung – und die Dar­le­gungs- und Beweis­last

Der Anle­ger ist für die von ihm behaup­te­ten Auf­klä­rungs- und Bera­tungs­män­gel dar­le­gungs- und beweis­be­las­tet – mit der Ein­schrän­kung, dass die mit dem Nach­weis nega­ti­ver Tat­sa­chen ver­bun­de­nen Schwie­rig­kei­ten dadurch aus­ge­gli­chen wer­den, dass die ande­re Par­tei im Rah­men ihrer sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last die behaup­te­te Fehl­be­ra­tung sub­stan­ti­iert bestrei­ten und dar­le­gen muss, wie im Ein­zel­nen bera­ten bezie­hungs­wei­se auf­ge­klärt wor­den sein soll, und dem Anspruch­stel­ler sodann der Nach­weis obliegt, dass die­se Dar­stel­lung nicht zutrifft 1.

Haf­tungs­kla­ge in der Anla­ge­be­ra­tung – und die Dar­le­gungs- und Beweis­last

Auf die Fall­kon­stel­la­ti­on eines nur zwi­schen den Par­tei­en selbst ohne Zeu­gen geführ­ten Gesprächs fin­den die Vor­schrif­ten der §§ 445 ff ZPO über die Par­tei­ver­neh­mung Anwen­dung, die sub­si­di­är gegen­über der vor­ran­gi­gen Aus­schöp­fung ander­wei­ti­ger – hier nicht zur Ver­fü­gung ste­hen­der – Beweis­mit­tel ist.

Danach kann die beweis­pflich­ti­ge Par­tei nach § 445 ZPO die Ver­neh­mung des Geg­ners oder nach § 447 ZPO ihre eige­ne bean­tra­gen, deren Durch­füh­rung jeweils von der Mit­wir­kung (§ 446 ZPO) bezie­hungs­wei­se Zustim­mung der Gegen­par­tei abhän­gig ist. Eine außer­dem mög­li­che Par­tei­ver­neh­mung von Amts wegen nach § 448 ZPO hat grund­sätz­lich das Bestehen einer gewis­sen Wahr­schein­lich­keit für die Rich­tig­keit der Behaup­tun­gen der beweis­be­las­te­ten Par­tei auf­grund des bis­he­ri­gen Ver­hand­lungs­er­geb­nis­ses bei einer non­liquet-Situa­ti­on im Übri­gen zur Vor­aus­set­zung.

Die­ser soge­nann­te "Anbe­weis" kann sich aus einer schon durch­ge­führ­ten Beweis­auf­nah­me oder aus dem sons­ti­gen Ver­hand­lungs­in­halt, ins­be­son­de­re aus einer Anhö­rung nach § 141 ZPO oder aus Aus­füh­run­gen der Par­tei nach § 137 Abs. 4 ZPO erge­ben 2.

Die Ent­schei­dung über die Ver­neh­mung einer Par­tei nach § 448 ZPO liegt im Ermes­sen des Tatrich­ters und ist im Revi­si­ons­ver­fah­ren nur dar­auf­hin über­prüf­bar, ob die recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen ver­kannt sind oder das Ermes­sen rechts­feh­ler­haft aus­ge­übt wor­den ist 3.

Ein sol­cher Ermes­sens­fehl­ge­brauch kann auch in Bezug auf die Ein­schät­zung vor­lie­gen, dass der für eine Par­tei­ver­neh­mung von Amts wegen erfor­der­li­che "Anbe­weis", also das Bestehen einer gewis­sen Wahr­schein­lich­keit für die Rich­tig­keit des klä­ge­ri­schen Vor­brin­gens nicht erbracht sei.

Dage­gen ist das Gericht nach den Recht­spre­chungs­grund­sät­zen zum "Vier-Augen-Gespräch" zu einer Par­tei­ver­neh­mung ohne zuvor gelun­ge­nen "Anbe­weis" 4 nicht ver­pflich­tet, wenn das zwi­schen den Par­tei­en geführ­te Bera­tungs­ge­spräch 2007 kein "Vier-Augen-Gespräch" ist, das eine Par­tei­ver­neh­mung ohne "Anbe­weis" zur Wah­rung der Waf­fen­gleich­heit erfor­der­te. Denn der den Haupt­be­weis schul­di­ge und nicht über einen Zeu­gen ver­fü­gen­de Anle­ger befin­det sich zwar in Beweis­not, ist aber gegen­über dem Bera­ter, der für den Gegen­be­weis eben­falls kei­nen Zeu­gen hat, nicht in sei­ner pro­zes­sua­len Waf­fen­gleich­heit beein­träch­tigt.

Dass eine beweis­pflich­ti­ge Par­tei nicht oder nicht mehr auf einen Zeu­gen zurück­grei­fen kann, ist nicht sel­ten und stellt ein all­ge­mei­nes Pro­zess­ri­si­ko dar. Die­sem wird durch die Rege­lun­gen der §§ 445 ff ZPO bereits hin­rei­chend Rech­nung getra­gen, ohne dass dabei auf das Erfor­der­nis eines "Anbe­wei­ses" zum Aus­gleich einer – hier nicht vor­han­de­nen – pro­zes­sua­len Ungleich­heit ver­zich­tet wer­den müss­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Juli 2017 – III ZR 296/​15

  1. st. Rspr. z.B. BGH, Urteil vom 05.05.2011 – III ZR 84/​10, BeckRS 2011, 13871 Rn. 17 und BGH, Urteil vom 24.01.2006 – XI ZR 320/​04, BGHZ 166, 56, 60 Rn. 15 jeweils mwN[]
  2. st. Rspr., z.B. BGH, Urteil vom 08.07.2010 – III ZR 24/​09, BGHZ 186, 152, 155 Rn. 15; BGH, Urtei­le vom 19.12 2012 – VII ZR 176/​02, NJW-RR 2003, 1002, 1003; vom 19.04.2002 – V ZR 90/​01, BGHZ 150, 334, 342; und vom 16.07.1998 – I ZR 32/​96, NJW 1999, 363, 364 mwN; Zöl­ler-Gre­ger, ZPO, 31. Aufl.2016, § 448 Rn. 4[]
  3. BGH, Urteil vom 19.12 2002 – VII ZR 176/​02, NJW-RR 2003, 1002, 1003[]
  4. vgl. dazu: BGH, Urtei­le vom 08.07.2010 – III ZR 249/​09, BGHZ 186, 152, 155 f Rn. 16; und vom 12.07.2007 – III ZR 83/​06, NJW-RR 2007, 1690, 1691 Rn. 10; Beschlüs­se vom 30.09.2004 – III ZR 369/​03, BeckRS 2004, 09779; und vom 25.09.2003 – III ZR 384/​02, NJW 2003, 3636; BGH, Urtei­le vom 24.01.2006 – XI ZR 320/​04, BGHZ 166, 56, 64 f Rn. 28 f; vom 27.09.2005 – XI ZR 216/​04, NJW-RR 2006, 61, 63; und vom 16.07.1998 – I ZR 32/​96, NJW 1999, 363, 364; BVerfG, NJW 2001, 2531 f; EGMR, NJW 1995, 1413, 1414[]