Kei­ne Geld­bu­ße für Elf Aqui­tai­ne

In dem hier vor­lie­gen­den Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on wird die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on für nich­tig erklärt, soweit dar­in Elf Aqui­tai­ne die frag­li­che Zuwi­der­hand­lung zuge­rech­net und gegen sie eine Geld­bu­ße fest­ge­setzt wird. Es wird jedoch das von Arke­ma ein­ge­leg­te Rechts­mit­tel zurück­ge­wie­sen.

Kei­ne Geld­bu­ße für Elf Aqui­tai­ne

Mit Ent­schei­dung vom 19. Janu­ar 2005 1 ver­häng­te die Kom­mis­si­on Geld­bu­ßen gegen meh­re­re Gesell­schaf­ten, u. a. die Elf Aqui­tai­ne SA und deren dama­li­ge Toch­ter­ge­sell­schaft Arke­ma SA (vor­mals Ato­fi­na SA), wegen eines Kar­tells auf dem Markt für Monochlores­sig­säu­re. Die­ser Stoff wird als che­mi­sches Zwi­schen­pro­dukt u. a. zur Her­stel­lung von Rei­ni­gungs­mit­teln, Kleb­stof­fen, Tex­ti­l­er­satz­stof­fen und Ver­di­ckern, die in Lebens­mit­teln, phar­ma­zeu­ti­schen Pro­duk­ten und Kos­me­ti­ka ent­hal­ten sind, ver­wen­det.

Gemäß die­ser Ent­schei­dung hat­ten sich die an die­sem Kar­tell Betei­lig­ten von 1984 bis 1999 unter­ein­an­der abge­spro­chen, um ihre Markt­an­tei­le durch ein Sys­tem der Zutei­lung von Quo­ten und Kun­den auf­recht­zu­er­hal­ten. Fer­ner hat­ten sie Infor­ma­tio­nen über Prei­se aus­ge­tauscht und in regel­mä­ßi­gen mul­ti­la­te­ra­len Zusam­men­künf­ten die tat­säch­li­chen Absatz­men­gen und Preis­in­for­ma­tio­nen über­prüft, um die Umset­zung der Ver­ein­ba­run­gen zu über­wa­chen. Elf Aqui­tai­ne und Arke­ma wur­de gesamt­schuld­ne­risch eine Geld­bu­ße von 45 Mio. Euro auf­er­legt. Fer­ner nahm die Kom­mis­si­on nur bei Arke­ma eine Erhö­hung wegen Wie­der­ho­lungs­tä­ter­schaft vor, weil sie an einem frü­he­ren Kar­tell 2 betei­ligt gewe­sen sei, zur Zeit die­ser ers­ten Zuwi­der­hand­lung jedoch noch nicht von Elf Aqui­tai­ne kon­trol­liert wor­den sei. Gegen Arke­ma wur­de daher außer­dem eine Geld­bu­ße von 13,50 Mio. Euro ver­hängt.

Die Gesell­schaf­ten reich­ten beim Gericht zwei getrenn­te Kla­gen auf Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on und Her­ab­set­zung der gegen sie fest­ge­setz­ten Geld­bu­ßen ein.
Das Gericht hat mit zwei Urtei­len 3 das gesam­te Vor­brin­gen von Elf Aqui­tai­ne und Arke­ma zurück­ge­wie­sen. Es hat u. a. fest­ge­stellt, dass die Kom­mis­si­on, sofern alle oder fast alle Antei­le einer Toch­ter­ge­sell­schaft von der Mut­ter­ge­sell­schaft gehal­ten wür­den, ver­mu­ten dür­fe, dass die­se auf die Geschäfts­po­li­tik ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft ent­schei­den­den Ein­fluss aus­übe. Um die­se Ver­mu­tung zu wider­le­gen, oblie­ge es der Mut­ter­ge­sell­schaft, aus­rei­chen­de Bewei­se dafür zu erbrin­gen, dass ihre Toch­ter­ge­sell­schaft auf dem Markt eigen­stän­dig auf­tre­te. Die Kom­mis­si­on sei zu Recht davon aus­ge­gan­gen, dass Elf Aqui­tai­ne die gesamt­schuld­ne­ri­sche Haf­tung für die von Arke­ma began­ge­nen Zuwi­der­hand­lun­gen zuzu­rech­nen sei, da sie kei­ne aus­rei­chen­den Bewei­se bei­gebracht habe.

Die Gesell­schaf­ten haben den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on mit zwei getrenn­ten Rechts­mit­teln befasst, um die Auf­he­bung der Urtei­le des Gerichts oder die Her­ab­set­zung ihrer jewei­li­gen Geld­bu­ßen zu errei­chen. In Bezug auf Elf Aqui­tai­ne weist der Gerichts­hof dar­auf hin, dass eine wett­be­werbs­recht­li­che Ent­schei­dung, die an meh­re­re Adres­sa­ten gerich­tet ist und die Zure­chen­bar­keit einer Zuwi­der­hand­lung betrifft, in Bezug auf jeden Adres­sa­ten aus­rei­chend begrün­det sein muss. Sofern es um eine Mut­ter­ge­sell­schaft geht, die für die Zuwi­der­hand­lung ihrer Toch­ter­ge­sell­schaft haft­bar gemacht wird, muss eine sol­che Ent­schei­dung daher grund­sätz­lich eine aus­führ­li­che Dar­le­gung der Grün­de ent­hal­ten, die die Zure­chen­bar­keit der Zuwi­der­hand­lung die­ser Gesell­schaft recht­fer­ti­gen. Der Gerichts­hof stellt fest, dass die Kom­mis­si­on ins­be­son­de­re in einer Ent­schei­dung, die im Hin­blick auf bestimm­te Adres­sa­ten aus­schließ­lich auf die Ver­mu­tung der tat­säch­li­chen Aus­übung eines bestim­men­den Ein­flus­ses auf das Ver­hal­ten einer Toch­ter­ge­sell­schaft gestützt ist, in jedem Fall – soll die­se Ver­mu­tung nicht fak­tisch unwi­der­leg­lich wer­den – ange­mes­sen die Grün­de dar­le­gen muss, aus denen die tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Gesichts­punk­te nicht aus­ge­reicht haben, um die­se Ver­mu­tung zu wider­le­gen. Die Ver­pflich­tung der Kom­mis­si­on, ihre Ent­schei­dun­gen in die­ser Fra­ge zu begrün­den, ergibt sich vor allem aus der Wider­leg­bar­keit der Ver­mu­tung, zu deren Wider­le­gung die Betrof­fe­nen einen Beweis zu den wirt­schaft­li­chen, orga­ni­sa­to­ri­schen und recht­li­chen Ver­bin­dun­gen zwi­schen den betrof­fe­nen Gesell­schaf­ten erbrin­gen müs­sen.

Nach Auf­fas­sung des Gerichts­hofs war das Gericht in Anbe­tracht der spe­zi­fi­schen Umstän­de des Fal­les ver­pflich­tet, der Fra­ge beson­de­re Beach­tung zu schen­ken, ob die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on eine aus­führ­li­che Dar­le­gung der Grün­de ent­hielt, aus denen die von Elf Aqui­tai­ne vor­ge­leg­ten Beweis­mit­tel nicht aus­rei­chend waren, um die in die­ser Ent­schei­dung ange­wand­te Haf­tungs­ver­mu­tung zu wider­le­gen. Zu den spe­zi­fi­schen Umstän­den des Fal­les gehört u.a. dass die Kom­mis­si­on, was sie nicht bestrei­tet in der strei­ti­gen Ent­schei­dung einen ande­ren Ansatz ver­folgt hat als in einer frü­he­ren Kar­tell­ent­schei­dung 4. In die­ser frü­he­ren Ent­schei­dung war sie, anders als in der strei­ti­gen Ent­schei­dung, nicht davon aus­ge­gan­gen, dass Elf Aqui­tai­ne und Arke­ma zu dem­sel­ben „Unter­neh­men“ im Sin­ne des Wett­be­werbs­rechts der Uni­on gehör­ten.

Der Gerichts­hof stellt fest, dass die Kom­mis­si­on vor­lie­gend nicht aus­rei­chend begrün­det auf ver­schie­de­ne von Elf Aqui­tai­ne vor­ge­tra­ge­ne Argu­men­te ein­ge­gan­gen ist, mit denen dar­ge­tan wer­den soll­te, dass Arke­ma ihr Ver­hal­ten auf dem Markt selb­stän­dig bestimmt hat.
Der Gerichts­hof ist der Auf­fas­sung, dass die Begrün­dung der Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on zu die­sen Argu­men­ten nur eine Rei­he blo­ßer Behaup­tun­gen und Negie­run­gen ent­hält, die sich wie­der­ho­len und nicht aus­ge­führt wer­den. Unter den beson­de­ren Umstän­den des Fal­les und ohne zusätz­li­che Erläu­te­run­gen ver­setzt die­se Rei­he von Behaup­tun­gen und Negie­run­gen Elf Aqui­tai­ne nicht in die Lage, die Grün­de für die erlas­se­ne Maß­nah­me zu erfah­ren, und ermög­licht es dem zustän­di­gen Gericht nicht, sei­ne Kon­trol­le wahr­zu­neh­men. Bei­spiels­wei­se lässt sich der For­mu­lie­rung eines zen­tra­len Punk­tes der Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on kaum oder gar nicht ent­neh­men, ob das Indi­zi­en­bün­del, das Elf Aqui­tai­ne zur Wider­le­gung der von der Kom­mis­si­on auf sie ange­wand­ten Ver­mu­tung vor­ge­tra­gen hat, zurück­ge­wie­sen wur­de, weil es die Kom­mis­si­on nicht über­zeu­gen konn­te oder weil aus deren Sicht der blo­ße Umstand, dass Elf Aqui­tai­ne fast das gesam­te Kapi­tal von Arke­ma hielt, unab­hän­gig von den Indi­zi­en, die Elf Aqui­tai­ne gegen die Beur­tei­lung der Kom­mis­si­on ange­führt hat­te, aus­reich­te, um Elf Aqui­tai­ne für das Ver­hal­ten von Arke­ma haft­bar zu machen.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schei­det dem­zu­fol­ge, das Urteil des Gerichts auf­zu­he­ben sowie die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on für nich­tig zu erklä­ren, soweit dar­in Elf Aqui­tai­ne die frag­li­che Zuwi­der­hand­lung zuge­rech­net und gegen sie eine Geld­bu­ße fest­ge­setzt wird.

Was Arke­ma betrifft, weist der Gerichts­hof ihr gesam­tes Vor­brin­gen zurück. Er befin­det u. a., dass die Kom­mis­si­on bei der Fest­set­zung der Geld­bu­ßen, die sie gegen die­se Gesell­schaft ver­hängt hat, nicht gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ver­sto­ßen hat.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urtei­le vom 29. Sep­tem­ber 2011 – C‑520/​09 P
Arke­ma SA /​Kom­mis­si­on und C‑521/​09 P Elf Aqui­tai­ne /​Kom­mis­si­on

  1. Ent­schei­dung K(2004) 4876 endg. vom 19.01.2005 in einem Ver­fah­ren nach Arti­kel 81, EG und Arti­kel 53 EWR-Abkom­men, Sache COMP/E‑1/37.773 – MCE[]
  2. Ent­schei­dung 94/​599/​EG der Kom­mis­si­on vom 27. Juli 1994 betref­fend ein Ver­fah­ren nach Arti­kel 101 AEUV (IV/​31865 – PVC) (ABl. L 239, S. 14).[]
  3. Urteil des Gerichts vom 30. Sep­tem­ber 2009, T‑168/​05, Arke­ma SA/​Kommission, und Urteil vom 30. Sep­tem­ber 2009, T‑174/​05, Elf Aqui­tai­ne SA/​Kommission[]
  4. vom 10.12.2003 – K(2003)4570 in einem Ver­fah­ren nach Arti­kel 81 EG und Arti­kel 53 EWR-Abkom­men, Sache COMP/E‑2/37.857 — Orga­ni­sche Per­oxi­de, Zusam­men­fas­sung im ABl. 2005, L 110, S. 44[]