Lizenz­ver­trag zur Mar­ken­nut­zung – und die Insol­venz der Mar­ken­in­ha­be­rin

Ein Lizenz­ver­trag ist im Fal­le eines Lizenz­kaufs regel­mä­ßig bei­der­seits voll­stän­dig erfüllt (§ 103 Abs. 1 InsO), wenn die gegen­sei­ti­gen Haupt­leis­tun­gen erbracht sind, also der Lizenz­ge­ber die Lizenz erteilt und der Lizenz­neh­mer den Kauf­preis gezahlt hat.

Lizenz­ver­trag zur Mar­ken­nut­zung – und die Insol­venz der Mar­ken­in­ha­be­rin

Ein Lizenz­ver­trag, mit dem sich eine Kon­zern­ge­sell­schaft gegen­über den übri­gen Kon­zern­ge­sell­schaf­ten ver­pflich­tet, ihnen zur Siche­rung eines gemein­sa­men Mar­ken­auf­tritts ein unent­gelt­li­ches Recht zur Nut­zung einer Mar­ke für die Dau­er des Bestehens des Kon­zerns ein­zu­räu­men und sich die übri­gen Kon­zern­ge­sell­schaf­ten im Gegen­zug zur ent­spre­chen­den Nut­zung der Mar­ke ver­pflich­ten, ist regel­mä­ßig bei­der­seits voll­stän­dig erfüllt (§ 103 Abs. 1 InsO), wenn die eine Kon­zern­ge­sell­schaft die Lizenz ein­ge­räumt hat und die ande­ren Kon­zern­ge­sell­schaf­ten die Lizenz genutzt haben.

Die erteil­te Lizenz zur Nut­zung der Mar­ke ist damit nicht infol­ge der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen der Mar­ken­in­ha­be­rin erlo­schen.

Ein Lizenz­ver­trag wird ent­spre­chend der Rechts­pacht als Dau­er­nut­zungs­ver­trag im Sin­ne der §§ 108, 112 InsO ein­ge­ord­net. Da kein unbe­weg­li­ches Ver­mö­gen betrof­fen ist, eröff­nen der­ar­ti­ge Nut­zungs­ver­trä­ge für den Insol­venz­ver­wal­ter einer jeden Ver­trags­par­tei ein Wahl­recht nach § 103 InsO, falls sie im Zeit­punkt der Insol­venz­eröff­nung bei­der­seits noch nicht voll­stän­dig erfüllt waren1. Der Insol­venz­ver­wal­ter kann anstel­le des Schuld­ners den Ver­trag erfül­len und die Erfül­lung vom ande­ren Teil ver­lan­gen (§ 103 Abs. 1 InsO), oder er kann die Erfül­lung ableh­nen (§ 103 Abs. 2 Satz 1 InsO). Die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens führt bei gegen­sei­ti­gen Ver­trä­gen, die zur Zeit der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens bei­der­seits nicht voll­stän­dig erfüllt sind, zwar nicht zu einem Erlö­schen der Ansprü­che; sie hat aber zur Fol­ge, dass die noch aus­ste­hen­den Ansprü­che des Ver­trags­part­ners, soweit es sich nicht um Ansprü­che auf die Gegen­leis­tung für schon erbrach­te Leis­tun­gen han­delt, gegen die Insol­venz­mas­se nicht mehr durch­setz­bar sind2.

Die Vor­schrift des § 103 InsO ist nicht anwend­bar, wenn der Lizenz­ver­trag vor Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens sowohl von Sei­ten der Schuld­ne­rin und Lizenz­ge­be­rin als auch von Sei­ten der Lizenz­neh­me­rin voll­stän­dig erfüllt war. Die Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens über das Ver­mö­gen der Lizenz­ge­be­rin kann in die­sem Fall nicht zu einem Erlö­schen der auf­grund des Lizenz­ver­trags ein­ge­räum­ten Lizenz füh­ren.

Im Fal­le eines Lizenz­kaufs ist der Lizenz­ver­trag im Sin­ne von § 103 InsO in der Regel bei­der­seits voll­stän­dig erfüllt, wenn die gegen­sei­ti­gen Haupt­leis­tungs­pflich­ten aus­ge­tauscht sind, also der Lizenz­ge­ber die Lizenz erteilt und der Lizenz­neh­mer den Kauf­preis gezahlt hat3.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall wur­de die Lizenz zwar man­gels Ver­ein­ba­rung der Zah­lung eines Ent­gelts nicht auf­grund eines typi­schen Kauf­ver­trags erteilt. Viel­mehr han­del­te es sich um einen Aus­tausch­ver­trag eige­ner Art, nach des­sen Inhalt sich die Lizenz­neh­me­rin und die wei­te­ren Kon­zern­ge­sell­schaf­ten im Inter­es­se eines gemein­sa­men Mar­ken­auf­tritts zur Nut­zung der Mar­ke Eco­soil und die Schuldnerin/​Markeninhaberin im Gegen­zug zur unent­gelt­li­chen Ein­räu­mung eines ent­spre­chen­den Nut­zungs­rechts für die Dau­er des Bestehens des Eco­soil-Kon­zerns ver­pflich­te­ten. Die­ser gegen­sei­ti­ge Ver­trag wur­de aller­dings – und das ist ent­schei­dend – vor Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens bei­der­seits voll­stän­dig erfüllt. Die Schuld­ne­rin hat der Lizenz­neh­me­rin bereits vor Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens eine ent­spre­chen­de Lizenz ein­ge­räumt, die Lizenz­neh­me­rin hat die­se Lizenz dar­auf­hin ver­ein­ba­rungs­ge­mäß genutzt. Es ist nicht ersicht­lich, dass Neben­leis­tungs­pflich­ten der Lizenz­ver­trags­par­tei­en offen sind, die zur Anwen­dung des § 103 InsO füh­ren könn­ten4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Okto­ber 2015 – I ZR 173/​14

  1. BGH, Urteil vom 17.11.2005 – IX ZR 162/​04, GRUR 2006, 435 Rn. 21 mwN
  2. vgl. BGH, GRUR 2006, 435 Rn. 22 mwN
  3. vgl. LG Mün­chen I, GRUR-RR 2012, 142, 143; MünchKomm-.InsO/Huber, 3. Aufl., § 103 Rn. 76; Gottwald/​Huber, Insol­venz­rechts­hand­buch, 5. Aufl., § 37 Rn. 50; Uhlenbruck/​Brinkmann, InsO, 14. Aufl., § 47 Rn. 74; Jaeger/​Jacoby, InsO, Vor §§ 103119 Rn. 127; FK-InsO/­We­ge­ner, 8. Aufl., § 103 Rn. 23; Tin­tel­not in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, Stand 2011, § 103 Rn. 64; Bul­lin­ger in Wandtke/​Bullinger, Urhe­ber­recht, 4. Aufl., § 108 InsO Rn. 7; Weber/​Hötzel, NZI 2011, 432, 434; Bullinger/​Hermes NZI 2012, 492, 493 f.; Brink­mann, NZI 2012, 735, 740; Dahl/​Schmitz, BB 2013, 1032, 1033
  4. vgl. Uhlenbruck/​Brinkmann aaO § 47 Rn. 74; Bul­lin­ger in Wandtke/​Bullinger aaO § 108 InsO Rn. 7; Weber/​Hötzel, NZI 2011, 432, 434; Dahl/​Schmitz, BB 2013, 1032, 1033