Miß­bräuch­li­che Domain-Regis­trie­run­gen – reifen.eu

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat in einem aktu­el­len Urteil die Kri­te­ri­en prä­zi­siert, die für den Wider­ruf spe­ku­la­ti­ver oder miss­bräuch­li­cher Regis­trie­run­gen von Namen der Domä­ne obers­ter Stu­fe „.eu“ gel­ten. Er hat dabei aber gleich­zei­tig auch betont, dass bei der Beur­tei­lung, ob ein Domä­nen­na­me bös­gläu­big regis­triert wur­de, alle im Ein­zel­fall erheb­li­chen Fak­to­ren zu berück­sich­ti­gen sind.

Miß­bräuch­li­che Domain-Regis­trie­run­gen – reifen.eu

Die „.eu“-Domains

Am 7. Dezem­ber 2005 wur­de mit der Regis­trie­rung von Namen der Domä­ne obers­ter Stu­fe „.eu“ begon­nen. Die­se Regis­trie­rung, mit der die „Euro­pean Regis­try for Inter­net Domains“ (EURid) in Brüs­sel betraut ist, begann gestaf­felt in drei Pha­sen, wobei in jeder die­ser Pha­sen ein frü­her ein­ge­reich­ter Regis­trie­rungs­an­trag Vor­rang vor einem spä­ter ein­ge­reich­ten besitzt. Die ers­ten bei­den Pha­sen bil­de­ten eine Vor­re­gis­trie­rungs­frist („sun­ri­se peri­od“), in der die Regis­trie­rung allein den Inha­bern älte­rer Rech­te und öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen vor­be­hal­ten war; dabei waren in der ers­ten Pha­se u. a. die Inha­ber ein­ge­tra­ge­ner natio­na­ler und Gemein­schafts­mar­ken antrags­be­rech­tigt. Die Regis­trie­rung eines Domä­nen­na­mens, die in spe­ku­la­ti­ver oder miss­bräuch­li­cher Wei­se und ins­be­son­de­re bös­gläu­big erwirkt wur­de, kann im Wege eines Schieds­ver­fah­rens und gege­be­nen­falls eines Gerichts­ver­fah­rens wider­ru­fen wer­den.

Den recht­li­chen Rah­men für die Ver­ga­be der .eu-Domains fin­det sich in der „Ver­ord­nung (EG) Nr. 874/​2004 der Kom­mis­si­on vom 28. April 2004 zur Fest­le­gung von all­ge­mei­nen Regeln für die Durch­füh­rung und die Funk­tio­nen der Domä­ne obers­ter Stu­fe „.eu“ und der all­ge­mei­nen Grund­re­geln für die Regis­trie­rung“ [1].

Der Aus­gangs­fall: reifen.eu

Ein öster­rei­chi­sches Unter­neh­men, die Inter­net­por­tal und Mar­ke­ting GmbH, ließ auf der Grund­la­ge der Mar­ke &R&E&I&F&E&N&, die es vor­her in Schwe­den für „Sicher­heits­gur­te“ hat­te ein­tra­gen las­sen, in der ers­ten Pha­se der Vor­re­gis­trie­rungs­frist den Domä­nen­na­men „www.reifen.eu“ regis­trie­ren. Es hat­te jedoch nicht die Absicht, die Mar­ke &R&E&I&F&E&N& für die Waren, für die sie ein­ge­tra­gen wor­den war, zu benut­zen, son­dern plan­te viel­mehr, unter dem auf die­se Wei­se regis­trier­ten Domä­nen­na­men ein Inter­net­por­tal für den Rei­fen­han­del zu betrei­ben. Um den gewünsch­ten Domä­nen­na­men „www.reifen.eu“ in der ers­ten Pha­se der gestaf­fel­ten Regis­trie­rung regis­trie­ren las­sen zu kön­nen, ließ das Unter­neh­men aus sei­ner schwe­di­schen Mar­ke &R&E&I&F&E&N& alle Son­der­zei­chen „&“ ent­fer­nen, wofür es sich einer der in der Ver­ord­nung (EG) Nr. 874/​2004 vor­ge­se­he­nen Regeln für die Über­tra­gung von Son­der­zei­chen bedien­te. Da näm­lich die­se Son­der­zei­chen aus tech­ni­schen Grün­den nicht in einem Domä­nen­na­men ent­hal­ten sein kön­nen, ist nach die­sen Regeln u. a. ihre Ent­fer­nung aus dem zu regis­trie­ren­den Namen zuläs­sig. Fer­ner ließ die Inter­net­por­tal und Mar­ke­ting GmbH in Schwe­den als Mar­ken 33 Gat­tungs­be­zeich­nun­gen ein­tra­gen, in denen vor und nach jedem Buch­sta­ben das Son­der­zei­chen „&“ ein­ge­fügt war, und stell­te 180 Anträ­ge auf Regis­trie­rung von Domä­nen­na­men, die Gat­tungs­be­zeich­nun­gen ent­spre­chen.

Im Fall des Domä­nen­na­mens „www.reifen.eu“ wur­de von dem Inha­ber der Bene­lux-Mar­ke Rei­fen, ein­ge­tra­gen u. a. für Fens­ter­rei­ni­gungs­pro­duk­te, das Schieds­ge­richt bei der Wirt­schafts­kam­mer und der Land­wirt­schafts­kam­mer der Tsche­chi­schen Repu­blik ange­ru­fen, das für Schieds­ver­fah­ren im Zusam­men­hang mit der Domä­ne „.eu“ zustän­dig ist. Das Schieds­ge­richt gelang­te zu dem Ergeb­nis, dass die Inter­net­por­tal und Mar­ke­ting GmbH bös­gläu­big gehan­delt habe, ent­zog ihr den frag­li­chen Domä­nen­na­men und über­trug ihn auf den Inha­ber der Mar­ke Rei­fen. Der Obers­te Gerichts­hof der Repu­blik Öster­reich, der über die­sen Rechts­streit in letz­ter Instanz zu ent­schei­den hat, hat in des­sen Rah­men dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on meh­re­re Fra­gen zur Vor­ab­ent­schei­dung vor­ge­legt.

Im Wege eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof ent­schei­det nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

In sei­nem Urteil stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on zunächst klar, dass Bös­gläu­big­keit auch durch ande­re als die in der Gemein­schafts­re­ge­lung aus­drück­lich auf­ge­führ­ten Umstän­de nach­ge­wie­sen wer­den kann, da die dar­in nie­der­ge­leg­te Auf­zäh­lung sol­cher Umstän­de nicht abschlie­ßen­der Art ist. Zwei­tens stellt der Gerichts­hof fest, dass für die Beur­tei­lung der Fra­ge, ob ein bös­gläu­bi­ges Ver­hal­ten vor­liegt, alle im Ein­zel­fall erheb­li­chen Fak­to­ren und ins­be­son­de­re sowohl die Umstän­de zu berück­sich­ti­gen sind, unter denen die Ein­tra­gung der Mar­ke erwirkt wur­de, die als Grund­la­ge für die Regis­trie­rung des frag­li­chen Domä­nen­na­mens in der ers­ten Pha­se des Regis­trie­rungs­ver­fah­rens dien­te, als auch die Umstän­de, unter denen die­ser Name der Domä­ne obers­ter Stu­fe „.eu“ selbst regis­triert wur­de.

Was die Umstän­de betrifft, unter denen die Ein­tra­gung der Mar­ke erwirkt wur­de, sind ins­be­son­de­re zu berück­sich­ti­gen:

  1. die Absicht, die Mar­ke nicht auf dem Markt zu benut­zen, für den ihr Schutz bean­tragt wur­de,
  2. eine seman­tisch und visu­ell unüb­li­che und sprach­lich wider­sin­ni­ge Gestal­tung die­ser Mar­ke,
  3. die Erwir­kung einer gro­ßen Zahl von ande­ren Mar­ken, die Gat­tungs­be­grif­fen ent­spre­chen, und
  4. die Erwir­kung der Ein­tra­gung der Mar­ke kurz vor Beginn der gestaf­fel­ten Regis­trie­rung von Namen der Domä­ne obers­ter Stu­fe „.eu“.

Was die Umstän­de betrifft, unter denen der frag­li­che Name der Domä­ne obers­ter Stu­fe „.eu“ regis­triert wur­de, sind ins­be­son­de­re zu berück­sich­ti­gen:

  1. die miss­bräuch­li­che Ver­wen­dung von Son­der­zei­chen oder Inter­punk­ti­ons­zei­chen zum Zweck der Anwen­dung der in der Gemein­schafts­re­ge­lung vor­ge­se­he­nen Regeln für die Über­tra­gung sol­cher Zei­chen,
  2. die Regis­trie­rung in der ers­ten Pha­se der gestaf­fel­ten Regis­trie­rung auf der Grund­la­ge einer Mar­ke, die unter Umstän­den wie den vor­ste­hend genann­ten erlangt wur­de, und
  3. die Bean­tra­gung der Regis­trie­rung einer gro­ßen Zahl von Domä­nen­na­men, die Gat­tungs­be­grif­fen ent­spre­chen.

Schließ­lich betont der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass die Inter­net­por­tal und Mar­ke­ting GmbH ohne den Kunst­griff einer Mar­ke, die nur zu dem Zweck erson­nen und ein­ge­tra­gen wur­de, den gewünsch­ten Domä­nen­na­men in der ers­ten Pha­se regis­trie­ren las­sen zu kön­nen, die all­ge­mei­ne Regis­trie­rung von Namen der Domä­ne obers­ter Stu­fe „.eu“ hät­te abwar­ten müs­sen und damit wie jeder ande­re an dem frag­li­chen Domä­nen­na­men Inter­es­sier­te dem Risi­ko aus­ge­setzt gewe­sen wäre, dass ihrem Antrag nach dem oben erwähn­ten Grund­satz der durch den Antrags­zeit­punkt bestimm­ten Rang­fol­ge der frü­her ein­ge­reich­te Antrag eines ande­ren Inter­es­sier­ten vor­ge­gan­gen wäre. Ein sol­ches Vor­ge­hen zielt jedoch offen­kun­dig dar­auf ab, das Ver­fah­ren der gestaf­fel­ten Regis­trie­rung zu umge­hen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 3. Juni 2010 – C‑569/​08 [Inter­net­por­tal und Mar­ke­ting GmbH /​Richard Schlicht]

  1. ABl. L 162, S. 40[]