Preis­er­hö­hun­gen in der Gas-Grundversorgung

Dem Gericht steht bei der Beur­tei­lung, ob die Preis­er­hö­hun­gen des Ener­gie­ver­sor­gers des­sen (Bezugs)Kostensteigerungen (hin­rei­chend) abbil­den, ein Ermes­sen zu.

Preis­er­hö­hun­gen in der Gas-Grundversorgung

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in sei­ner frü­he­ren stän­di­gen Recht­spre­chung aus § 4 Abs. 1, 2 AVB­GasV bezie­hungs­wei­se aus § 5 Abs. 2 GasGVV [1] ein nach bil­li­gem Ermes­sen (§ 315 BGB) bestehen­des Preis­än­de­rungs­recht des Gas­grund­ver­sor­gers ent­nom­men [2]. Wie der Bun­des­ge­richts­hof im Anschluss an das Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on vom 23.10.2014 [3] ent­schie­den hat, kann aus § 4 Abs. 1 und 2 AVB­GasV bezie­hungs­wei­se aus § 5 Abs. 2 GasGVV aF für die Zeit ab 1.07.2004 – dem Ablauf der Umset­zungs­frist der Gas­richt­li­nie 2003/​55/​EG – ein ein­sei­ti­ges Preis­än­de­rungs­recht des Ver­sor­gers nicht ent­nom­men wer­den, weil eine sol­che Annah­me nicht mit den Trans­pa­renz­an­for­de­run­gen des Art. 3 Abs. 3 Sät­ze 4 bis 6 in Ver­bin­dung mit Anhang A der vor­ge­nann­ten Gas-Richt­li­nie [4] zu ver­ein­ba­ren ist [5].

Wie der Bun­des­ge­richts­hof in den Urtei­len vom 28.10.2015 [6] wei­ter ent­schie­den hat, ergibt sich jedoch aus der gebo­te­nen und an dem objek­tiv zu ermit­teln­den hypo­the­ti­schen Wil­len der Ver­trags­par­tei­en aus­zu­rich­ten­den ergän­zen­den Aus­le­gung (§§ 157, 133 BGB) eines – wie hier – auf unbe­stimm­te Dau­er ange­leg­ten Gas­lie­fe­rungs­ver­trags, dass der Grund­ver­sor­ger berech­tigt ist, Stei­ge­run­gen sei­ner (Bezugs)Kos­ten, soweit die­se nicht durch Kos­ten­sen­kun­gen in ande­ren Berei­chen aus­ge­gli­chen wer­den, wäh­rend der Ver­trags­lauf­zeit an sei­ne Kun­den wei­ter­zu­ge­ben, und er ver­pflich­tet ist, bei einer Tarif­an­pas­sung Kos­ten­sen­kun­gen eben­so zu berück­sich­ti­gen wie Kostenerhöhungen.

Die Beur­tei­lung der Wirk­sam­keit einer ein­sei­ti­gen Preis­be­stim­mung des Grund­ver­sor­gers wäh­rend der Ver­trags­lauf­zeit kon­zen­triert sich mit­hin auf die tat­säch­li­che Fra­ge, ob die vor­ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in den Urtei­len vom 28.10.2015 [7] ent­schie­den, dass dem Tatrich­ter bei der Beur­tei­lung, ob die Preis­er­hö­hun­gen des Ener­gie­ver­sor­gers des­sen (Bezugs)Kostensteigerungen (hin­rei­chend) abbil­den, ein Ermes­sen zusteht. (Bezugs)Kostensteigerungen (hin­rei­chend) abbil­den, ein Ermes­sen zusteht. Des­sen Aus­übung unter­liegt nur einer ein­ge­schränk­ten revi­si­ons­ge­richt­li­chen Über­prü­fung dar­auf, ob sie auf grund­sätz­lich fal­schen oder offen­bar unrich­ti­gen Erwä­gun­gen beruht, erheb­li­ches Vor­brin­gen der Par­tei­en unbe­rück­sich­tigt gelas­sen, Rechts­grund­sät­ze der Bemes­sung ver­kannt, wesent­li­che Bemes­sungs­fak­to­ren außer Betracht gelas­sen oder bei einer etwai­gen Schät­zung unrich­ti­ge Maß­stä­be zu Grun­de gelegt wurden.

So hat der Bun­des­ge­richts­hof die auch im Rah­men der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung zu berück­sich­ti­gen­de tatrich­ter­li­che Erwä­gung gebil­ligt, dass dem Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men bei der Wei­ter­ga­be von (Bezugs)Kostensteigerungen – auch mit Rück­sicht auf die oft­mals nicht sicher vor­aus­seh­ba­re Ent­wick­lung der Bezugs­kos­ten – ein Ermes­sens­spiel­raum zuzu­ge­ste­hen ist. Denn bei einem Mas­sen­ge­schäft wie dem Tarif­kun­den­ver­trag liegt es – auch aus Prak­ti­ka­bi­li­täts­grün­den – im Inter­es­se bei­der Ver­trags­par­tei­en, eine Wei­ter­ga­be von Kos­ten­sen­kun­gen und Kos­ten­er­hö­hun­gen nicht – was regel­mä­ßig mit einem die Ener­gie­ver­sor­gung unnö­ti­ger­wei­se ver­teu­ern­den hohen Auf­wand ver­bun­den wäre – tages­ge­nau vor­zu­neh­men, son­dern auf die Kos­ten­ent­wick­lung in einem gewis­sen Zeit­raum abzu­stel­len. Wie lan­ge der Zeit­raum für die vor­be­zeich­ne­te Gesamt­be­trach­tung sein muss, lässt sich, wenn auch das Gas­wirt­schafts­jahr ein in den meis­ten Fäl­len geeig­ne­ter Prü­fungs­maß­stab sein wird, nicht gene­rell bestim­men, son­dern bedarf der Beur­tei­lung des Tatrich­ters auf der Grund­la­ge der Umstän­de des Ein­zel­falls [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Dezem­ber 2015 – VIII ZR 76/​13

  1. in der bis zum 29.10.2014 gel­ten­den Fas­sung vom 26.10.2006 [BGBl. I S. 2391]; im Fol­gen­den GasGVV aF[]
  2. vgl. nur BGH, Urtei­le vom 13.06.2007 – VIII ZR 36/​06, BGHZ 172, 315 Rn. 14 ff.; vom 19.11.2008 – VIII ZR 138/​07, BGHZ 178, 362 Rn. 26; eben­so BGH, Urteil vom 29.04.2008 – KZR 2/​07, BGHZ 176, 244 Rn. 26, 29[]
  3. EuGH, Urteil vom 23.10.2014 – C359/​11 und C400/​11, NJW 2015, 849 – Schulz und Egbring­hoff[]
  4. auf­ge­ho­ben zum 3.03.2011 durch Art. 53 der Gas-Richt­li­nie 2009/​73/​EG[]
  5. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 33 ff.; und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 35 ff.[]
  6. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 66 ff.; und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 68 ff.[]
  7. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 101, und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 103[]
  8. BGH, Urtei­le vom 28.10.2015 – VIII ZR 158/​11, aaO Rn. 101 ff., und – VIII ZR 13/​12, aaO Rn. 103 ff.[]