Über­schrei­ten des Schwel­len­wer­tes bei zahn­ärzt­li­cher Liqui­da­ti­on

Ist zivil­ge­richt­lich fest­ge­stellt, dass ein Arzt ohne Begrün­dung sei­ne Leis­tung mit dem 2,3fachen Gebüh­ren­wert abrech­nen darf, wenn die Behand­lung mit durch­schnitt­li­chen Schwie­rig­kei­ten und durch­schnitt­li­chem Zeit­auf­wand ohne Erschwer­nis­se ver­bun­den war [1], folgt dar­aus, dass der Arzt den Schwel­len­wert des 2,3fachen Gebüh­ren­wer­tes dann über­schrei­ten kann, wenn er über­durch­schnitt­li­che Schwie­rig­kei­ten und einen über­durch­schnitt­li­chen Zeit­auf­wand der Leis­tun­gen und über­durch­schnitt­lich schwie­ri­ge Umstän­de der Aus­füh­rung schrift­lich begrün­det. Die vom Ver­wal­tungs­ge­richt ver­tre­te­ne Auf­fas­sung, Schwie­rig­kei­ten, die bloß über dem Durch­schnitt lägen, recht­fer­tig­ten die vol­le Aus­schöp­fung des Schwel­len­wer­tes von 2,3, nicht aber sei­ne Über­schrei­tung, trifft im Hin­blick auf die oben zitier­te Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht zu. Ent­ge­gen der Ansicht des Ver­wal­tungs­ge­richts und der Beklag­ten sind des­halb für die Ange­mes­sen­heit von den Schwel­len­wert über­schrei­ten­den bei­hil­fe­fä­hi­gen Auf­wen­dun­gen nicht beson­ders außer­ge­wöhn­li­che Schwie­rig­kei­ten zu ver­lan­gen, son­dern es reicht für eine Über­schrei­tung die­ses Schwel­len­wer­tes aus, wenn der Zahn­arzt Schwie­rig­kei­ten, die über dem Durch­schnitt lie­gen, schrift­lich begrün­det dar­legt. Die Beklag­te und das Ver­wal­tungs­ge­richt haben des­halb für die Über­schrei­tung des Schwel­len­wer­tes einen zu stren­gen, nicht den nach Maß­ga­be des Bun­des­ge­richts­hofs anzu­le­gen­den Maß­stab ange­legt.

Über­schrei­ten des Schwel­len­wer­tes bei zahn­ärzt­li­cher Liqui­da­ti­on

Aller­dings muss die Begrün­dung über­durch­schnitt­li­cher Schwie­rig­kei­ten nach Auf­fas­sung des Senats gleich­wohl die in § 5 Abs. 2 Satz 4 letz­ter Halb­satz GOZ genann­ten Beson­der­hei­ten der in Satz 1 genann­ten Bemes­sungs­kri­te­ri­en auf­zei­gen. Die Über­schrei­tung des 2,3fachen Gebüh­ren­sat­zes setzt nach die­ser Vor­schrift vor­aus, dass Beson­der­hei­ten gera­de bei der Behand­lung des betref­fen­den Pati­en­ten, abwei­chend von der gro­ßen Mehr­zahl der Behand­lungs­fäl­le, auf­ge­tre­ten sind. Dem Aus­nah­me­cha­rak­ter des Über­schrei­tens des Schwel­len­wer­tes wider­sprä­che es, wenn schon eine vom Arzt all­ge­mein oder häu­fig, jeden­falls nicht nur bei ein­zel­nen Pati­en­ten wegen in ihrer Per­son lie­gen­der Schwie­rig­kei­ten, ange­wand­te Ver­fah­rens­wei­se bei der Aus­füh­rung einer im Gebüh­ren­ver­zeich­nis beschrie­be­nen Leis­tung als eine das Über­schrei­ten des Schwel­len­wer­tes recht­fer­ti­gen­de Beson­der­heit ange­se­hen wür­de. Die­se Betrach­tungs­wei­se ergibt sich aus der Gegen­über­stel­lung der „in der Regel“ ein­zu­hal­ten­den Span­ne zwi­schen dem ein­fa­chen Gebüh­ren­satz und dem Schwel­len­wert einer­seits mit dem zuläs­si­gen Über­schrei­ten die­ses Wer­tes wegen Beson­der­hei­ten der Bemes­sungs­kri­te­ri­en ande­rer­seits (§ 5 Abs. 2 Satz 4 GOZ) sowie aus der Anord­nung einer schrift­li­chen Begrün­dung des Über­schrei­tens des Schwel­len­wer­tes, die auf Ver­lan­gen näher zu erläu­tern ist (§ 10 Abs. 3 Sät­ze 1 und 2 GOZ). Für eine nähe­re Erläu­te­rung ist sinn­voll nur Raum, wenn Beson­der­hei­ten gera­de des vor­lie­gen­den Ein­zel­fal­les dar­zu­stel­len sind; könn­te schon eine bestimm­te, vom Ein­zel­fall unab­hän­gi­ge Art der Aus­füh­rung der im Gebüh­ren­ver­zeich­nis beschrie­be­nen Leis­tung das Über­schrei­ten des Schwel­len­wer­tes recht­fer­ti­gen, so wäre dies mit einem kur­zen Hin­weis auf die ange­wand­te Aus­füh­rungs­art abschlie­ßend dar­ge­legt [2].

Nach dem Zweck der Pflicht zur schrift­li­chen Begrün­dung, dem Pati­en­ten eine ledig­lich gro­be Hand­ha­be zur Ein­schät­zung der Berech­ti­gung des gel­tend gemach­ten Gebüh­ren­an­spruchs zu geben, sind aller­dings kei­ne über­zo­ge­nen Anfor­de­run­gen an eine aus­rei­chen­de Begrün­dung zu stel­len. Ande­rer­seits muss die Begrün­dung aber geeig­net sein, das Vor­lie­gen sol­cher Umstän­de nach­voll­zieh­bar zu machen, die nach dem mate­ri­el­len Gebüh­ren­recht eine Über­schrei­tung des Schwel­len­wer­tes recht­fer­ti­gen kön­nen [3]. Einer aus­führ­li­chen ärzt­li­chen Stel­lung­nah­me, deren Anfer­ti­gung mög­li­cher­wei­se mehr Zeit in Anspruch nimmt als die abzu­rech­nen­de Behand­lung, bedarf es aller­dings nicht. In der Regel wird es viel­mehr genü­gen, stich­wort­ar­tig das Vor­lie­gen von Umstän­den, die das Über­schrei­ten des Schwel­len­wer­tes recht­fer­ti­gen kön­nen, nach­voll­zieh­bar zu machen [4]

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 5. April 2011 – 5 LB 231/​10
Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Dezem­ber 2011 – 5 LA 237/​10

  1. vgl. auch BVerwG, Beschlüs­se vom 19.01.2011 – 2 B 70.10; und vom 05.01.2011 – 2 B 55.10[]
  2. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 17.02.1994 – 2 C 10.92, BVerw­GE 95, 117; vom 30.05.1996 – 2 C 10.95, DVBl. 1996, 1150; Nds. OVG, Beschluss vom 12.08.2009 – 5 LA 368/​08, DVBl. 2009, 1261[]
  3. vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 12.08.2009, a. a. O. unter Hin­weis auf OVG NRW, Beschluss vom 20.10.2004 – 6 A 215/​02; VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 07.06.1994 – 4 S 1666/​91[]
  4. vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 12.08.2009, a. a. O.; VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 07.06.1994, a. a. O.[]