Wer­bung vom Wirt­schafts­prü­fer – Berufs­recht vs. Dienst­leis­tungs-Richt­li­nie

Eine natio­na­le Rege­lung darf für Wirt­schafts­prü­fer kein abso­lu­tes Ver­bot von Kun­den­ak­qui­se­hand­lun­gen vor­se­hen. Ein sol­ches durch die Dienst­leis­tungs-Richt­li­nie unter­sag­tes Ver­bot stellt nach einem Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on eine Beschrän­kung des grenz­über­schrei­ten­den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs dar.

Wer­bung vom Wirt­schafts­prü­fer – Berufs­recht vs. Dienst­leis­tungs-Richt­li­nie

Die Dienst­leis­tungs-Richt­li­nie [1], die von den Mit­glied­staa­ten spä­tes­tens bis zum 28. Dezem­ber 2009 umge­setzt wer­den muss­te, dient der Errich­tung eines frei­en und wett­be­werbs­fä­hi­gen Dienst­leis­tungs­markts zur För­de­rung des Wirt­schafts­wachs­tums und zur Schaf­fung von Arbeits­plät­zen in der Euro­päi­schen Uni­on. Sie sieht hier­zu die Besei­ti­gung von Beschrän­kun­gen der Nie­der­las­sungs­frei­heit und des frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs zwi­schen Mit­glied­staa­ten vor, wie abso­lu­ter Ver­bo­te aller For­men von kom­mer­zi­el­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on für regle­men­tier­te Beru­fe, die der unmit­tel­ba­ren oder mit­tel­ba­ren För­de­rung des Absat­zes von Waren und Dienst­leis­tun­gen oder des Erschei­nungs­bil­des eines Unter­neh­mens die­nen. Ein regle­men­tier­ter Beruf im Sin­ne der Dienst­leis­tungs-Richt­li­nie ist „eine beruf­li­che Tätig­keit oder eine Grup­pe beruf­li­cher Tätig­kei­ten, bei der die Auf­nah­me oder Aus­übung oder eine der Arten der Aus­übung direkt oder indi­rekt durch Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten an den Besitz bestimm­ter Berufs­qua­li­fi­ka­tio­nen gebun­den ist.“ Im Übri­gen soll die Richt­li­nie die Inter­es­sen der Ver­brau­cher schüt­zen, indem sie die Qua­li­tät der Dienst­leis­tun­gen der regle­men­tier­ten Beru­fe im Bin­nen­markt ver­bes­sert.

Der fran­zö­si­sche Kodex der Stan­des­pflich­ten der Wirt­schafts­prü­fer unter­sagt den Ange­hö­ri­gen die­ses Berufs Kun­den­ak­qui­se­hand­lun­gen, d. h. jeg­li­che unauf­ge­for­der­te Kon­takt­auf­nah­me mit einem Drit­ten zu dem Zweck, die­sem sei­ne Dienst­leis­tun­gen anzu­bie­ten. Ihre Teil­nah­me an Kol­lo­qui­en, Semi­na­ren oder ande­ren uni­ver­si­tä­ren oder wis­sen­schaft­li­chen Ver­an­stal­tun­gen ist zuläs­sig, soweit sie bei die­ser Gele­gen­heit kei­ne Hand­lun­gen vor­neh­men, die mit Kun­den­ak­qui­se gleich­zu­set­zen sind.

Die Socié­té fidu­ci­ai­re ersuch­te den Con­seil d’E­tat, die­se Rege­lung für nich­tig zu erklä­ren, da sie der Ansicht ist, dass das dar­in ent­hal­te­ne Ver­bot der Dienst­leis­tungs-Richt­li­nie zuwi­der­lau­fe.

Der Con­seil d’E­tat beschloss, den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens um Aus­kunft hin­sicht­lich der Aus­le­gung die­ser Richt­li­nie zu ersu­chen, und leg­te ihm die Fra­ge vor, ob die Mit­glied­staa­ten Ange­hö­ri­gen eines regle­men­tier­ten Berufs – wie des Wirt­schafts­prü­ferbe­rufs – all­ge­mein ver­bie­ten dür­fen, Kun­den­ak­qui­se­hand­lun­gen vor­zu­neh­men.

Nach Ansicht des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on erweist sich zunächst, dass der Uni­ons­ge­setz­ge­ber mit dem Erlass die­ser Richt­li­nie zum einen abso­lu­te Ver­bo­te jeg­li­cher Form von kom­mer­zi­el­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on für Ange­hö­ri­ge regle­men­tier­ter Beru­fe besei­ti­gen woll­te. Zum ande­ren beab­sich­tig­te er die Besei­ti­gung von Ver­bo­ten, eine oder meh­re­re For­men der kom­mer­zi­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on, wie ins­be­son­de­re Wer­bung, Direkt­mar­ke­ting und Spon­so­ring, zu ver­wen­den. Als gemäß der Richt­li­nie unter­sag­te abso­lu­te Ver­bo­te sind auch Berufs­re­geln anzu­se­hen, nach denen es unter­sagt ist, in einem Medi­um oder in einer Rei­he von Medi­en Infor­ma­tio­nen über den Dienst­leis­ter oder sei­ne Tätig­keit zu ver­öf­fent­li­chen.

Es steht den Mit­glied­staa­ten jedoch frei, für regle­men­tier­te Beru­fe Ver­bo­te hin­sicht­lich des Inhalts und der Art und Wei­se der kom­mer­zi­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on vor­zu­se­hen, wobei die vor­ge­se­he­nen Rege­lun­gen gerecht­fer­tigt und ver­hält­nis­mä­ßig sein müs­sen, um die Unab­hän­gig­keit, die Wür­de und die Inte­gri­tät des Berufs­stands sowie die Wah­rung des Berufs­ge­heim­nis­ses zu gewähr­leis­ten.

Der Gerichts­hof prüft sodann die Bedeu­tung des Begriffs der „Kun­den­ak­qui­se“, um fest­zu­stel­len, ob die­se als „kom­mer­zi­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on“ anzu­se­hen ist, für die ein Mit­glied­staat gemäß der Richt­li­nie kein all­ge­mei­nes und abso­lu­tes Ver­bot auf­stel­len darf.

Da das Uni­ons­recht kei­ne Legal­de­fi­ni­ti­on des Begriffs der „Kun­den­ak­qui­se“ ent­hält, legt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die­se aus als eine Form der Über­mitt­lung von Infor­ma­tio­nen mit dem Ziel der Gewin­nung neu­er Kun­den, die einen per­so­na­li­sier­ten Kon­takt zwi­schen Dienst­leis­tungs­er­brin­ger und poten­zi­el­lem Kun­den impli­ziert, um die­sem ein Dienst­leis­tungs­an­ge­bot zu unter­brei­ten. Sie lässt sich daher als Direkt­mar­ke­ting qua­li­fi­zie­ren. Die Kun­den­ak­qui­se ist somit kom­mer­zi­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on im Sin­ne der Richt­li­nie.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ant­wor­tet daher, dass das für Wirt­schafts­prü­fer gel­ten­de Ver­bot, Kun­den­ak­qui­se­hand­lun­gen vor­zu­neh­men, als nach der Richt­li­nie unter­sag­tes abso­lu­tes Ver­bot kom­mer­zi­el­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on ange­se­hen wer­den kann.

Das in der fran­zö­si­schen Rege­lung weit gefass­te Ver­bot unter­sagt näm­lich jeg­li­che Kun­den­ak­qui­se­tä­tig­keit unab­hän­gig von ihrer Form, ihrem Inhalt oder den ver­wen­de­ten Mit­teln. Die­ses Ver­bot unter­sagt somit alle Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, die die Durch­füh­rung von Kun­den­ak­qui­se­tä­tig­kei­ten ermög­li­chen.

Ein sol­ches Ver­bot ist daher als abso­lu­tes Ver­bot kom­mer­zi­el­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on anzu­se­hen und stellt somit eine Beschrän­kung des grenz­über­schrei­ten­den frei­en Dienst­leis­tungs­ver­kehrs dar. Die­ses Ver­bot kann näm­lich Berufs­an­ge­hö­ri­ge aus ande­ren Mit­glied­staa­ten stär­ker beein­träch­ti­gen, indem es ihnen ein wirk­sa­mes Mit­tel nimmt, um in den fran­zö­si­schen Markt ein­zu­drin­gen.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 5. April 2011 – C‑119/​09 [Socié­té fidu­ci­ai­re natio­na­le d’ex­per­ti­se comp­ta­ble /​Minist­re du Bud­get, des Comp­tes publics et de la Fonc­tion publi­que]

  1. Richt­li­nie 2006/​123/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 12. Dezem­ber 2006 über Dienst­leis­tun­gen im Bin­nen­markt, ABl. L 376, S. 36[]