18 Jah­re Zivil­pro­zess

Das Ober­lan­des­ge­richt Hamm hat das Land Nord­rhein-West­fa­len aus Grün­den der Amts­haf­tung ver­ur­teilt, Scha­dens­er­satz in Höhe von ca. 530.000 € (zuzüg­lich Zin­sen) wegen über­lan­ger Ver­fah­rens­dau­er eines vor­an­ge­gan­ge­nen Rechts­streits zu zah­len.

18 Jah­re Zivil­pro­zess

Der Klä­ger, ein Trans­port­un­ter­neh­mer, hat­te in die­sem Pro­zess ein Stra­ßen­bau­un­ter­neh­men mit im Jah­re 1984 erho­be­ner Kla­ge auf Bezah­lung von ver­trags­ge­mäß erbrach­ten Trans­port­leis­tun­gen in Anspruch genom­men. Die­ser Pro­zess 1 war nach knapp 18-jäh­ri­ger Ver­fah­rens­dau­er noch nicht ent­schie­den, als am 1. Febru­ar 2002 über das Ver­mö­gen des beklag­ten Stra­ßen­bau­un­ter­neh­mens das Insol­venz­ver­fah­ren eröff­net wur­de. Der Klä­ger konn­te sei­ne For­de­rung danach nur noch zum Teil rea­li­sie­ren.

Der Klä­ger hat sei­nen mit ca. 1,6 Mil­lio­nen € berech­ne­ten Aus­fall­scha­den gegen­über dem beklag­ten Land in ers­ter Instanz vor dem Land­ge­richt Dort­mund erfolg­los gel­tend gemacht 2. Das Ober­lan­des­ge­richt Hamm hat auf die Beru­fung des Klä­gers nun das Urteil des Land­ge­richts Dort­mund abge­än­dert und das Bestehen eines Amts­haf­tungs­an­spru­ches bejaht. Die mit der Bear­bei­tung des Vor­pro­zes­ses befass­ten Berufs­rich­ter seien,so das OLG Hamm in sei­ner Urteils­be­grün­dung, ihrer Ver­pflich­tung, sich fort­wäh­rend und mit zuneh­men­der Ver­fah­rens­dau­er um so nach­hal­ti­ger um die För­de­rung, Beschleu­ni­gung und Been­di­gung des Ver­fah­rens zu bemü­hen und damit einen wir­kungs­vol­len Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten, zeit­wei­se nicht in der gebo­te­nen Form nach­ge­kom­men.

Das Rechts­staats­prin­zip (Art. 2 Abs. 1 i.V. mit Art. 20 Abs. 3 GG) garan­tiert den Par­tei­en für bür­ger­lich­recht­li­che Strei­tig­kei­ten nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 3 einen wir­kungs­vol­len Rechts­schutz. Die­ser ver­langt die grund­sätz­lich umfas­sen­de tat­säch­li­che und recht­li­che Prü­fung des Streit­ge­gen­stands sowie eine ver­bind­li­che Ent­schei­dung durch die zustän­di­gen Gerich­te, erfor­dert dar­über hin­aus im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit aber auch, dass strit­ti­ge Rechts­ver­hält­nis­se in ange­mes­se­ner Zeit geklärt wer­den 4. Im Sin­ne einer dritt­be­zo­ge­nen Amts­pflicht ergibt sich hier­aus die Ver­pflich­tung der Gerich­te, anhän­gi­ge Anträ­ge mit der gebo­te­nen Beschleu­ni­gung zu bear­bei­ten und bei Ent­schei­dungs­rei­fe mög­lichst zeit­nah zu beschei­den 5. Glei­ches folgt im Übri­gen aus der Bestim­mung des Art. 6 Abs. 1 EMRK.

Die in der unzu­rei­chen­den Ver­fah­rens­för­de­rung lie­gen­de Amts­pflicht­ver­let­zung der hier­für ver­ant­wort­li­chen Rich­ter geschah bei Anle­gung eines objek­ti­vie­ren­den Maß­stabs schuld­haft, weil fahr­läs­sig i.S.d. § 276 BGB. Die Anle­gung eines stren­ge­ren, auf Vor­satz oder gro­be Fahr­läs­sig­keit beschränk­ten Haf­tungs­maß­sta­bes, der nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 6 bei schuld­haft amts­pflicht­wid­ri­ger Rechts­an­wen­dung und Geset­zes­aus­le­gung durch Berufs­rich­ter maß­geb­lich ist, erscheint dem Ober­lan­des­ge­richt Hamm im Streit­fall nicht gerecht­fer­tigt, da die hier in Rede ste­hen­den Ver­säum­nis­se bei der gebo­te­nen Ver­fah­rens­för­de­rung und ‑beschleu­ni­gung nicht ver­gleich­bar sind mit Feh­lern bei der in wei­ten Berei­chen durch Wer­tun­gen und Sub­sum­tio­nen bestimm­ten Rechts­an­wen­dung oder Geset­zes­aus­le­gung.

Eben­falls für nicht durch­grei­fend erach­te­te das OLG Hamm wei­ter­hin den Ver­weis des beklag­ten Lan­des auf die soge­nann­te Kol­le­gi­al­ge­richts-Richt­li­nie 7 und die dar­aus gezo­ge­ne Schluss­fol­ge­rung, dass es schon des­halb an einem Ver­schul­den der auf Beklag­ten­sei­te tätig gewor­de­nen Amts­trä­ger feh­le, weil das Land­ge­richt eine ihnen anzu­las­ten­de Pflicht­wid­rig­keit ver­neint habe. Die genann­te Richt­li­nie gilt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nur unter der Vor­aus­set­zung, dass die Annah­me des Kol­le­gi­al­ge­richts, die in Rede ste­hen­de Amts­hand­lung sei recht­mä­ßig gewe­sen, auf einer aus­rei­chen­den tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Beur­tei­lungs­grund­la­ge beruht 8, was sich im Streit­fall nach Auf­fas­sung des OLG Hamm trotz des erkenn­ba­ren Bemü­hens des Land­ge­richts um Aus­schöp­fung des Sach­ver­halts und umfas­sen­de Wür­di­gung der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Gesichts­punk­te hin­sicht­lich der auf­ge­führ­ten Ver­zö­ge­rungs­tat­be­stän­de nicht fest­stel­len lässt, die das Land­ge­richt in ihrer Bedeu­tung ersicht­lich ver­kannt hat.

Durch die vom Ober­lan­des­ge­richt Hamm fest­ge­stell­te Ver­fah­rens­ver­zö­ge­rung von 34 Mona­ten (von ins­ge­samt knapp 18 Jah­ren Ver­fah­rens­dau­er) sei ein Scha­den ent­stan­den, der aller­dings erheb­lich hin­ter den Berech­nun­gen des Klä­gers zurück­blei­be.

Ach ja: Das beklag­te Land Nord­rhein-West­fa­len hat sich in dem Amts­haf­tungs­pro­zess unter ande­rem dadurch ver­tei­digt, dass es gegen den Amts­haf­tungs­an­spruch die Ein­re­de der Ver­jäh­rung erhob…
Der Amts­haf­tungs­pro­zess dau­er­te übri­gens (bis auf 18 Tage genau) nur fünf Jah­re.

Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Urteil vom 8. Janu­ar 2010 – 11 U 27/​06

  1. 3 O 31/​84 LG Det­mold, spä­ter fort­ge­führt unter 1 O 199/​92 LG Det­mold = 18 U 126/​96 OLG Hamm[]
  2. Land­ge­richt Dort­mund, Urteil vom 16.12.2005 – 8 O 36/​05[]
  3. vgl. nur BVerfG NJW 1999, 2582 ff, 2583; NJW 2001, 214 f., 215; NJW 2004, 3320 f.[]
  4. vgl. BVerfG aaO. unter Hin­weis auf BVerfGE 85, 337 ff, 345 = NJW 1992, 1673; BVerfGE 88, 118 ff, 124 = NJW 1993, 1635; BVerfG, NJW 1997, 2811 f, 2812[]
  5. vgl. nur RGRK-Kreft, 12. Aufl. BGB, § 839 Rz. 207; Stau­din­ger-Wurm BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2007, § 839 Rz. 130; BGH NJW 2007, 830 ff, 831 m.w.N.[]
  6. BGH, Urteil vom 03.07.2003 – III ZR 326/​02, NJW 2003, 3052 m.w.N.[]
  7. BGH NVwZ 1994, 405 f, 406 f; BGH MDR 2000, 952; BGH MDR 2001 BGH NJW-RR 2005, 1148; BGH NJW-RR 2008, 495 f, 496[]
  8. BGH NJW 1990, 3206; 2005, 3494 ff, 3497; vgl. wei­ter Palandt-Sprau, BGH, 68. Aufl. Rn. 53; Stau­din­ger-Wurm, BGB Neu­be­ar­bei­tung 2007, § 839 Rn. 213[]