Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren

Auch nach der Neu­ge­stal­tung des Beru­fungs­ver­fah­rens durch das Gesetz zur Reform des Zivil­pro­zes­ses vom 27. Juli 2001 (ZPO-RG) 1 ist das Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren wie eine Kla­ge­än­de­rung zu behan­deln und daher nach § 533 ZPO zuläs­sig, wenn die beklag­te Par­tei ein­wil­ligt oder das Gericht dies für sach­dien­lich hält 2. Mit dem zuläs­si­gen Rechts­mit­tel gelangt der gesam­te aus den Akten ersicht­li­che Streit­stoff des ers­ten Rechts­zugs in die Beru­fungs­in­stanz, so dass das Beru­fungs­ge­richt Par­tei­vor­brin­gen, das vom erst­in­stanz­li­chen Gericht für uner­heb­lich erach­tet wor­den ist, auch dann berück­sich­ti­gen darf, wenn es im Urteils­tat­be­stand kei­ne Erwäh­nung gefun­den hat.

Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren

Die von der Klä­ge­rin im Beru­fungs­ver­fah­ren gemäß § 596 ZPO erklär­te Abstand­nah­me vom Urkun­den­pro­zess war ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts nicht grund­sätz­lich unzu­läs­sig. Wie der Bun­des­ge­richts­hof nach Erlass des Beru­fungs­ur­teils ent­schie­den hat, ist auch nach neu­em Recht das Abste­hen vom Urkun­den­pro­zess im Beru­fungs­ver­fah­ren wie eine Kla­ge­än­de­rung zu behan­deln und daher nach § 533 ZPO zuläs­sig, wenn der Beklag­te ein­wil­ligt oder das Gericht dies für sach­dien­lich hält 3.

Soll­te der Beklag­te dar­in nicht ein­wil­li­gen, wird das Beru­fungs­ge­richt die Sach­dien­lich­keit der Abstand­nah­me zu prü­fen haben. Bei die­ser Prü­fung wird es zu berück­sich­ti­gen haben, dass die Sach­dien­lich­keit nicht mit der Begrün­dung ver­neint wer­den kann, dass die Über­füh­rung eines Urkun­den­pro­zes­ses in ein ordent­li­ches Ver­fah­ren in der Beru­fungs­in­stanz regel­mä­ßig dazu führt, dass der gesam­te Streit­stoff und damit auch Tei­le, die ansons­ten der Prü­fung im Nach­ver­fah­ren vor­be­hal­ten blei­ben wür­den, zum Gegen­stand des Beru­fungs­ver­fah­rens gemacht wer­den kön­nen 4. Das Beru­fungs­ge­richt wird dabei wei­ter zu berück­sich­ti­gen haben, dass nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 5 mit dem zuläs­si­gen Rechts­mit­tel (ohne­hin) der gesam­te aus den Akten ersicht­li­che Streit­stoff des ers­ten Rechts­zugs in die Beru­fungs­in­stanz gelangt. Das Beru­fungs­ge­richt darf daher auch schrift­sätz­lich ange­kün­dig­tes, ent­schei­dungs­er­heb­li­ches Par­tei­vor­brin­gen berück­sich­ti­gen, das von dem erst­in­stanz­li­chen Gericht für uner­heb­lich erach­tet wor­den ist, auch wenn es im Urteils­tat­be­stand kei­ne Erwäh­nung gefun­den hat 6.

Die Erklä­rung der Klä­ge­rin, vom Urkun­den­pro­zess Abstand zu neh­men, ist unwi­der­ruf­lich 7. Soll­te das Beru­fungs­ge­richt die Sach­dien­lich­keit gemäß § 533 ZPO beja­hen, ist das Vor­brin­gen des Beklag­ten, das in die­sem Fall den Beschrän­kun­gen der §§ 592, 595 ZPO nicht mehr unter­liegt, ent­schei­dungs­er­heb­lich. Das Beru­fungs­ge­richt wird sich dann mit dem umfäng­li­chen, beweis­be­wehr­ten Vor­trag des Beklag­ten zu der Berech­ti­gung der außer­or­dent­li­chen Kün­di­gung sei­nes Betei­li­gungs­ver­hält­nis­ses zu befas­sen haben. Das Recht zur frist­lo­sen Kün­di­gung der Betei­li­gung, das dem unter Ver­let­zung einer Auf­klä­rungs­pflicht oder sogar unter arg­lis­ti­ger Täu­schung zur Betei­li­gung ver­an­lass­ten Anle­ger zusteht, unter­liegt nur der Ver­wir­kung 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Mai 2012 – II ZR 35/​10

  1. BGBl. I S. 1877[]
  2. Anschluss an BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, BGHZ 189, 182[]
  3. BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, BGHZ 189, 182 Rn. 24 ff.[]
  4. BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, BGHZ 189, 182 Rn. 42 f.[]
  5. BGH, Urteil vom 12.03.2004 – V ZR 257/​03, BGHZ 158, 269, 278; Urteil vom 27.09.2006 – VIII ZR 19/​04, NJW 2007, 2414 Rn. 16[]
  6. BGH, Urteil vom 19.03.2004 – V ZR 104/​03, BGHZ 158, 295, 309; Urteil vom 27.09.2006 – VIII ZR 19/​04, NJW 2007, 2414 Rn. 16[]
  7. BGH, Urteil vom 13.04.2011 – XII ZR 110/​09, BGHZ 189, 182 Rn. 17; Zöller/​Greger, ZPO, 29. Aufl., § 596 Rn. 7; Musielak/​Voit, ZPO, 9. Aufl., § 596 Rn. 3[]
  8. st. Rspr.; sie­he nur BGH, Urteil vom 21.07.2003 – II ZR 387/​02, BGHZ 156, 46, 53[]