Berich­ti­gung eines gericht­li­chen Ein­gangs­stem­pels

Nach § 23 Abs. 1 Satz 1 EGGVG ent­schei­den über die Recht­mä­ßig­keit von Anord­nun­gen, Ver­fü­gun­gen oder sons­ti­gen Maß­nah­men, die von den Jus­tiz­be­hör­den zur Rege­lung ein­zel­ner Ange­le­gen­hei­ten u.a. auf dem Gebiet des Zivil­pro­zes­ses getrof­fen wer­den (Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­te), auf Antrag die ordent­li­chen Gerich­te.

Berich­ti­gung eines gericht­li­chen Ein­gangs­stem­pels

Der gericht­li­che Ein­gangs­stem­pel ist ein Jus­tiz­ver­wal­tungs­akt1. Er hat Rege­lungs­cha­rak­ter, da er eine öffent­li­che Urkun­de im Sin­ne von § 418 Abs. 1 ZPO ist und den Beweis für den Zeit­punkt des Ein­gangs eines Schrift­stücks erbringt2.

Bei einem Ver­pflich­tungs­an­trag gemäß § 23 Abs. 2 EGGVG auf Erlass eines abge­lehn­ten oder unter­las­se­nen Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­tes – hier: auf Ertei­lung eines berich­tig­ten Ein­gangs­stem­pels – setzt die Antrags­be­fug­nis einen mög­li­chen Rechts­an­spruch auf die begehr­te Behör­den­tä­tig­keit vor­aus3. Für einen Anspruch auf Ertei­lung eines inhalt­lich rich­ti­gen Ein­gangs­stem­pels kön­nen sich die Antrag­stel­ler auf § 24 Abs. 3 Satz 1 der Geschäfts­ord­nungs­vor­schrif­ten für die Gerich­te und Staats­an­walt­schaf­ten des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern4 vom 23.02.20065 beru­fen, nach dem die Gerich­te bei der Ent­ge­gen­nah­me eines Schrift­stücks auf ihm den Zeit­punkt des Ein­gangs anzu­ge­ben haben. Man­gels gegen­tei­li­ger Fest­stel­lun­gen ist für das Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren zugrun­de zu legen, dass die­se Ver­wal­tungs­vor­schrift in der Pra­xis der Gerich­te auch befolgt wird. Da Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten kei­ne Rechts­nor­men mit eige­ner Rechts­qua­li­tät sind, bin­den sie die Ver­wal­tung nur unter dem Gesichts­punkt der Gleich­be­hand­lung (Art. 3 Abs. 1 GG) in dem Sin­ne, in dem sie mit Bil­li­gung oder Dul­dung ihres Urhe­bers tat­säch­lich ange­wandt wur­den6. Wenn sich die Behör­de an ihre Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten hält, ist sie daher durch das Gleich­be­hand­lungs­ge­bot ver­pflich­tet, dies auch wei­ter­hin zu tun, sofern nicht sach­li­che Grün­de im Ein­zel­fall eine Abwei­chung recht­fer­ti­gen oder gar gebie­ten7.

Der Antrag auf Ertei­lung eines inhalt­lich rich­ti­gen Ein­gangs­stem­pels ist auch nicht unzu­läs­sig, da ihm das Rechts­schutz­be­dürf­nis feh­len wür­de.

Einem Recht­su­chen­den kann nur unter beson­de­ren Umstän­den der Zugang zu einer sach­li­chen Prü­fung durch die Gerich­te ver­wehrt wer­den. Es besteht grund­sätz­lich ein öffent­lich­recht­li­cher Anspruch des Rechts­su­chen­den dar­auf, dass die Gerich­te sein Anlie­gen sach­lich prü­fen und dar­über ent­schei­den8. Daher folgt auch bei einem Antrag nach den §§ 23 ff. EGGVG das Rechts­schutz­be­dürf­nis in der Regel aus der Antrags­be­fug­nis9. Das Rechts­schutz­be­dürf­nis ent­fällt dage­gen gemäß all­ge­mei­nen Grund­sät­zen, wenn ein ande­rer pro­zes­sua­ler Weg gleich sicher, aber ein­fa­cher oder bil­li­ger ist, um das Rechts­schutz­ziel zu errei­chen10. Auf einen ver­fah­rens­mä­ßig unsi­che­ren Weg darf der Recht­su­chen­de nicht ver­wie­sen wer­den. Ein schnel­le­res und bil­li­ge­res Mit­tel des Rechts­schut­zes lässt das berech­tig­te Inter­es­se für einen Rechts­be­helf des­halb nur ent­fal­len, sofern es wenigs­tens ver­gleich­bar sicher oder wir­kungs­voll alle erfor­der­li­chen Rechts­schutz­zie­le her­bei­füh­ren kann11.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind jedoch hier nicht erfüllt. Das Rechts­schutz­ziel der Antrag­stel­ler ist die Ertei­lung eines berich­tig­ten Ein­gangs­stem­pels. Die­ses Ziel kann allein im Ver­fah­ren nach den §§ 23 ff. EGGVG erreicht wer­den. Daher kann den Antrag­stel­lern ein Rechts­schutz­be­dürf­nis nicht des­we­gen abge­spro­chen wer­den, weil die Rich­tig­keit des Ein­gangs­stem­pels auch im zugrun­de­lie­gen­den Rechts­streit gericht­lich über­prüft wer­den könn­te. Zwar kann in die­sem Ver­fah­ren der durch den Ein­gangs­stem­pel als öffent­li­che Urkun­de erbrach­te Beweis für den Zeit­punkt des Ein­gangs gemäß § 418 Abs. 2 ZPO durch den Nach­weis der Unrich­tig­keit des im Ein­gangs­stem­pel aus­ge­wie­se­nen Zeit­punkts ent­kräf­tet wer­den, indem der Klä­ger die Recht­zei­tig­keit des Ein­gangs zur vol­len Über­zeu­gung des Gerichts beweist12. Beim Ein­gangs­da­tum der Kla­ge­schrift han­delt es sich jedoch im zugrun­de­lie­gen­den Rechts­streit nur um eine Vor­fra­ge, aus der das Gericht den Schluss auf das Bestehen oder Nicht­be­stehen der von der Kla­ge­par­tei bean­spruch­ten Rechts­fol­ge zieht; die­se nimmt als blo­ßes Urteilsele­ment nicht an der Rechts­kraft teil13. Das Gericht könn­te daher dort weder in rechts­kraft­fä­hi­ger Wei­se aus­spre­chen, dass der Ein­gangs­stem­pel inhalt­lich falsch ist, noch die Jus­tiz­ver­wal­tung zur Ertei­lung eines zutref­fen­den Ein­gangs­stem­pels anwei­sen, wie dies § 28 Abs. 2 Satz 1 EGGVG vor­sieht. Ent­schei­dun­gen der Ober­lan­des­ge­rich­te im Ver­fah­ren nach den §§ 23 ff. EGGVG sind dage­gen der mate­ri­el­len Rechts­kraft fähig14.

Zu wel­chem wei­te­ren Zweck der berich­tig­te Ein­gangs­stem­pel ver­wen­det wer­den soll, ist für den Rechts­schutz gegen die Ableh­nung der Ertei­lung eines bean­trag­ten Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­tes grund­sätz­lich ohne Bedeu­tung. Die §§ 23 ff. EGGVG sind inhalt­lich der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung nach­ge­bil­det und haben die Auf­ga­be, auf bestimm­ten Rechts­ge­bie­ten den durch Art.19 Abs. 4 GG garan­tier­ten umfas­sen­den Rechts­schutz gegen Ver­wal­tungs­maß­nah­men zu gewäh­ren14. Ob der Antrag­stel­ler die öffent­li­che Urkun­de, auf deren Ertei­lung er einen Anspruch hat, auch tat­säch­lich benö­ti­gen wird, um recht­lich geschütz­te Inter­es­sen wahr­zu­neh­men, ist nicht Gegen­stand des Ver­fah­rens nach den §§ 23 ff. EGGVG. Allen­falls dann, wenn eine Kla­ge oder ein Antrag objek­tiv schlecht­hin sinn­los ist, wenn also der Klä­ger oder Antrag­stel­ler unter kei­nen Umstän­den mit sei­nem pro­zes­sua­len Begeh­ren irgend­ei­nen schutz­wür­di­gen Vor­teil erlan­gen kann, mag es inso­weit an einem Rechts­schutz­be­dürf­nis feh­len8. Das ist hier jedoch nicht der Fall. Das Ein­gangs­da­tum einer Kla­ge­schrift kann für die Ent­schei­dung eines Rechts­streits unter Ver­jäh­rungs­ge­sichts­punk­ten gemäß § 167 ZPO i.V.m. § 204 Abs. 1 Nr. 1 BGB von Bedeu­tung sein. Ob es auch in die­sem Rechts­streit nach Ansicht der zustän­di­gen Gerich­te dar­auf ankom­men wird, wird dort zu ent­schei­den sein, ohne dass den Antrag­stel­lern des­we­gen das Rechts­schutz­be­dürf­nis für ihren Antrag auf Berich­ti­gung des Ein­gangs­stem­pels abzu­spre­chen wäre.

Schließ­lich steht der Zuläs­sig­keit des Antrags auch nicht § 23 Abs. 3 EGGVG ent­ge­gen, wonach es inso­weit, als die ordent­li­chen Gerich­te bereits auf Grund ande­rer Vor­schrif­ten ange­ru­fen wer­den kön­nen, bei dem bis­he­ri­gen Rechts­zu­stand ver­bleibt. Die­se Sub­si­dia­ri­täts­re­ge­lung erfasst spe­zi­el­le­re Ver­fah­rens­vor­schrif­ten, nach denen die Gerich­te das Han­deln von Jus­tiz­be­hör­den nach­zu­prü­fen haben. Nur soweit in die­sen Ver­fah­ren Rechts­schutz gegen ein Ver­wal­tungs­han­deln gewährt wird, steht dies einem Rück­griff auf die §§ 23 ff. EGGVG ent­ge­gen. Die Mög­lich­keit, die Recht­mä­ßig­keit eines Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­tes als blo­ße Vor­fra­ge im Rah­men eines Kla­ge­ver­fah­rens zu prü­fen, schließt dage­gen eine unmit­tel­ba­re Anfech­tung des Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­tes im Ver­fah­ren nach den §§ 23 ff. EGGVG nicht aus.

Wor­um es hier ging? Ganz ein­fach: Das Land­ge­richt Stral­sund hat­te auf Sil­ves­ter und Neu­jahr den Brief­kas­ten nicht geleert und alle nach Mit­ter­nacht des 30.12 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­stü­cke, dar­un­ter auch die zur Ver­jäh­rungs­hem­mung ein­ge­reich­te Kla­ge der Antrag­stel­ler, mit einem Ein­gangs­stem­pel vom 02.01.versehen…

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Febru­ar 2016 – IV AR (VZ) 8/​15

  1. eben­so bereits OLG Cel­le NJW 2013, 1971; Bran­den­bur­gi­sches OLG, Beschluss vom 28.05.2001 – 11 VA 14/​01 4
  2. BGH, Urteil vom 30.03.2000 – IX ZR 251/​99, NJW 2000, 1872 unter – II 1 a
  3. Münch­Komm-ZPO/Papst, 4. Aufl. § 24 EGGVG Rn. 4
  4. GOV M‑V
  5. Amts­Bl. M‑V 2006 S. 274, dort nicht voll­stän­dig abge­druckt; zuletzt geän­dert durch Ver­wal­tungs­vor­schrift vom 15.10.2011, Amts­Bl. M‑V 2011 S. 1079
  6. BGH, Urteil vom 08.09.1998 – X ZR 48/​97, BGHZ 139, 259, 267; vgl. auch BGH, Urteil vom 18.03.2014 – VI ZR 10/​13, NJW 2014, 2874 Rn. 14
  7. BVerwG NVwZ 2012, 1262 Rn. 32
  8. BGH, Urteil vom 28.03.1996 – IX ZR 77/​95, NJW 1996, 2035 unter – I 4 b
  9. vgl. Zöller/​Lückemann, ZPO 31. Aufl. § 24 EGGVG Rn. 2
  10. vgl. BGH, Urteil vom 18.04.2013 – III ZR 156/​12, BGHZ 197, 147 Rn. 10; BGH, Urteil vom 24.02.1994 – IX ZR 120/​93, NJW 1994, 1351 unter – I 2 a
  11. BGH, Urteil vom 24.02.1994 – IX ZR 120/​93, NJW 1994, 1351 unter – I 2 b; BGH, Urteil vom 18.04.2013 – III ZR 156/​12, BGHZ 197, 147 Rn. 10
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 30.10.1997 – VII ZB 19/​97, NJW 1998, 461 unter – II 2 a
  13. vgl. BGH, Urteil vom 07.07.1993 – VIII ZR 103/​92, BGHZ 123, 137 unter – II 1
  14. BGH, Urteil vom 17.03.1994 – III ZR 15/​93, NJW 1994, 1950 unter B – I 1 b