Beru­fungs­ein­le­gung und PKH-Antrag

Ein Schrift­satz, in dem erklärt wird, dass gegen das näher bezeich­ne­te Urteil des Land­ge­richts namens und kraft Voll­macht der Klä­ge­rin Beru­fung ein­ge­legt wer­de, ent­hält auch dann eine wirk­sam ein­ge­leg­te Beru­fung, wenn dort gleich­zei­tig erklärt wird, die Beru­fung sol­le im Umfang der der Klä­ge­rin bewil­lig­ten Pro­zess­kos­ten­hil­fe durch­ge­führt werden.

Beru­fungs­ein­le­gung und PKH-Antrag

Die Ein­le­gung des Rechts­mit­tels ist zuläs­si­ger­wei­se mit einem Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such ver­bun­den wor­den. Zugleich wird durch die­se Beru­fungs­chrift nicht die Ein­le­gung, son­dern die Durch­füh­rung des Rechts­mit­tels von der Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe abhän­gig gemacht. In dem Fall wird regel­mä­ßig nicht die Ein­le­gung der Beru­fung unter den Vor­be­halt der Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­wil­li­gung gestellt, son­dern der Beru­fungs­klä­ger behält sich für den Fall der Ver­sa­gung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe die Rück­nah­me der Beru­fung vor [1].

Zwar ver­blei­ben Zwei­fel inso­weit, als wei­ter for­mu­liert ist, es wer­de Pro­zess­kos­ten­hil­fe für das „beab­sich­tig­te“ Rechts­mit­tel bean­tragt. Wenn aber – wie hier – die gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen an eine Beru­fungs­schrift erfüllt sind, kommt die Deu­tung, dass der Schrift­satz nicht als unbe­ding­te Beru­fung bestimmt war, nur in Betracht, wenn sich dies aus den Begleit­um­stän­den mit einer jeden ver­nünf­ti­gen Zwei­fel aus­schlie­ßen­den Deut­lich­keit ergibt [2]. Nach die­ser Aus­le­gungs­re­gel erfüllt der mit „Beru­fung“ über­schrie­be­ne Schrift­satz, der die aus­drück­li­che und ein­schrän­kungs­lo­se Erklä­rung ent­hält, es wer­de Beru­fung ein­ge­legt, die Anfor­de­run­gen an eine wirk­sa­me Ein­le­gung des Rechts­mit­tels. Viel­mehr legt der dann fol­gen­de Satz nahe, dass nur die Durch­füh­rung der Beru­fung von der Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­wil­li­gung abhän­gig gemacht wer­den soll­te [3].

Soweit das Ober­lan­des­ge­richt den Antrag der Klä­ge­rin auf Wie­der­ein­set­zung in die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist als unzu­läs­sig ver­wor­fen hat, hält dies einer recht­li­chen Über­prü­fung nicht stand.

Zwar hat die Klä­ge­rin die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­säumt. Die­se beträgt zwei Mona­te (§ 520 Abs. 1 ZPO) und ende­te am Mon­tag, den 29.04.2013. Sie ist nicht gewahrt, weil die Klä­ge­rin bis zu dem Zeit­punkt kei­ne Beru­fungs­be­grün­dung, son­dern ledig­lich den nicht unter­schrie­be­nen Ent­wurf einer sol­chen ein­ge­reicht hat. Der nicht unter­schrie­be­ne Ent­wurf erfüllt nicht die Förm­lich­kei­ten einer Beru­fungs­be­grün­dung und kann die Frist des­halb nicht wahren.

Die bis­he­ri­gen Fest­stel­lun­gen des Ober­lan­des­ge­richts recht­fer­ti­gen jedoch nicht die Annah­me, dass die Klä­ge­rin schuld­haft an der Ein­hal­tung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist gehin­dert war.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung stellt die Mit­tel­lo­sig­keit einer Par­tei einen Wie­der­ein­set­zungs­grund i.S.v. § 233 ZPO dar, wenn sie die Ursa­che für die Frist­ver­säu­mung ist. Das ist dann der Fall, wenn sich der Betei­lig­te infol­ge der Mit­tel­lo­sig­keit außer­stan­de sieht, einen Rechts­an­walt mit der Ein­le­gung oder Begrün­dung sei­nes Rechts­mit­tels zu beauftragen.

Zwar ist die Par­tei nur so lan­ge als schuld­los an der Fris­t­wah­rung gehin­dert anzu­se­hen, wie sie nach den gege­be­nen Umstän­den ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht mit einer die Pro­zess­kos­ten­hil­fe ableh­nen­den Ent­schei­dung rech­nen muss, weil sie sich für bedürf­tig hal­ten darf und aus ihrer Sicht alles Erfor­der­li­che getan hat, damit ohne Ver­zö­ge­rung über ihr Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such ent­schie­den wer­den kann [4]. Das setzt vor­aus, dass dem Antrag auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe zur Durch­füh­rung des Rechts­mit­tel­ver­fah­rens inner­halb der zu wah­ren­den Frist eine aus­ge­füll­te Erklä­rung über die per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se nebst inso­weit not­wen­di­gen Bele­gen bei­gefügt wird. Denn für den Regel­fall schreibt § 117 Abs. 4 ZPO zwin­gend vor, dass sich der Antrag­stel­ler zur Dar­le­gung sei­ner per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se des durch die Ver­ord­nung vom 17.10.1994 [5] ein­ge­führ­ten Vor­drucks bedie­nen muss. Der Antrag­stel­ler kann des­we­gen grund­sätz­lich nur dann davon aus­ge­hen, die wirt­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe dar­ge­legt zu haben, wenn er recht­zei­tig vor Ablauf der Frist einen ord­nungs­ge­mäß aus­ge­füll­ten Vor­druck nebst den erfor­der­li­chen Anla­gen zu den Akten reicht [6].

Ob die Klä­ge­rin die­se Vor­aus­set­zung recht­zei­tig geschaf­fen hat, indem sie auf den rich­ter­li­chen Hin­weis vom 26.03.2013 wei­te­re Anga­ben zu ihren per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen mit einem am 29.04.2013 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz gemacht hat, hat das Ober­lan­des­ge­richt – von sei­nem Stand­punkt aus fol­ge­rich­tig – bis­her nicht geprüft.

Da der Bun­des­ge­richts­hof die inso­weit noch not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen nicht selbst tref­fen kann, ist die Sache an das Ober­lan­des­ge­richt zurückzuverweisen.

Waren die Anga­ben und Bele­ge durch den am 29.04.2013 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz soweit ver­voll­stän­digt, dass die Klä­ge­rin nach den gege­be­nen Umstän­den ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht mit einer die Pro­zess­kos­ten­hil­fe ableh­nen­den Ent­schei­dung rech­nen muss­te, hät­te sie noch inner­halb der lau­fen­den Beru­fungs­be­grün­dungs­frist alles Erfor­der­li­che getan, damit ohne Ver­zö­ge­rung über ihr Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such ent­schie­den wer­den konn­te. Einen gleich­zei­ti­gen Antrag auf Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist muss­te sie nicht stel­len [7]. Auch die Wie­der­ein­set­zungs­frist wäre in die­sem Fall gewahrt. Sie beginnt gemäß § 234 Abs. 2 ZPO mit dem Tag, an dem das Hin­der­nis beho­ben ist. Das ist in Fäl­len der Pro­zess­kos­ten­ar­mut spä­tes­tens der Zeit­punkt der Zustel­lung des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­schlus­ses [8].

Durch Beschluss vom 16.05.2013, der Klä­ge­rin zuge­gan­gen am 27.05.2013, hat das Ober­lan­des­ge­richt ihren Antrag auf Pro­zess­kos­ten­hil­fe zurück­ge­wie­sen. Die zwei­wö­chi­ge Wie­der­ein­set­zungs­frist ist durch den am 7.06.2013 ein­ge­gan­ge­nen Schrift­satz der Klä­ge­rin ein­ge­hal­ten, mit dem die­se Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand bean­tragt und die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dung nach­ge­holt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. August 2014 – XII ZB 394/​13

  1. BGH, Beschluss vom 18.07.2007 – XII ZB 31/​07, FamRZ 2007, 1726[]
  2. BGH, Beschluss vom 20.07.2005 – XII ZB 31/​05 , FamRZ 2005, 1537 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 18.07.2007 – XII ZB 31/​07 , FamRZ 2007, 1726[]
  4. BGH, Beschluss vom 07.11.2012 – XII ZB 325/​12 , FamRZ 2013, 371 Rn. 16 f. mwN[]
  5. BGBl. I 3001, abge­druckt bei Zöller/​Geimer ZPO 30. Aufl. § 117 Rn. 15[]
  6. BGH, Beschluss vom 19.11.2008 – XII ZB 102/​08 , FamRZ 2009, 217 Rn. 5 mwN[]
  7. BGH Beschluss vom 08.05.2007 – VIII ZB 113/​06 , FamRZ 2007, 1319[]
  8. BGH, Beschluss vom 16.01.2014 – XII ZB 571/​12 , FamRZ 2014, 550 Rn. 11; und vom 19.11.2008 – XII ZB 102/​08 , FamRZ 2009, 217 Rn. 10[]

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